Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ribanna - Schatten der Vergangenheit

von Anizo
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16
Old Shatterhand Ribanna Winnetou
29.06.2018
22.07.2018
3
6.696
1
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
29.06.2018 2.090
 
Vorwort


Da Karl May mit seiner ersten Frau Emma Pollmer nicht wirklich glücklich war, spielen Frauen in seinen Geschichten entweder so gut wie keine Rolle oder zumindest keine besonders positive. Seine beiden Helden Winnetou und Old Shatterhand haben mit der Liebe wenig Glück. Winnetous Schwester Nscho-tschi, die sich in Old Shatterhand verliebt hat, wird erschossen, nachdem sie sich dazu entschlossen hat, seinetwegen eine Schule der Weißen zu besuchen.
Winnetou ist ebenso wenig eine erfüllte Beziehung beschieden. Seine große Liebe Ribanna heiratet den viel älteren Old Firehand und wird einige Jahre später von Tim Finnetey alias Parranoh zusammen mit ihrer kleinen Tochter vor Winnetous Augen erschossen.
Auch in den neuen RTL-Filmen „Winnetou – Der Mythos lebt“ berichtet der Apache seinen beiden Freunden Old Shatterhand und Sam Hawkens auf deren Drängen hin nur kurz über seine tragische Liebe zu der jungen Assiniboin.
Diese Thematik habe ich mit meiner zweiten Geschichte zu „Winnetou – Der Mythos lebt“ aufgegriffen und mit einigen Fakten aus Karl Mays Roman „Winnetou II“ und dessen Verfilmung von 1964 verknüpft. Mit dem halbblütigen Parranoh hat May neben Santer einen zweiten Gegner erschaffen, der den beiden Blutsbrüdern das Leben schwermacht.

-------------

Ein arbeitsreicher, anstrengender Tag lag hinter den beiden Männern, die es sich am abendlichen Lagerfeuer bequem gemacht hatten. Bereits auf den ersten Blick hätte ein zufälliger Beobachter bemerkt, dass sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der eine von ihnen war zweifellos ein Weißer, obwohl er sein lockiges, blondes Haar nach Indianersitte inzwischen fast schulterlang trug. Das von der Sonne gebräunte Gesicht war von einem dunkelblonden Dreitagebart bedeckt und die tiefblauen Augen blickten ein wenig verträumt in die Glut und dann auf sein Gegenüber, einen jungen Apachen. Das schwarze Haar fiel diesem bis auf die muskulösen Schultern und wurde von drei Adlerfedern geschmückt. Da es mitten im Hochsommer war, war er nur mit ledernen, an den Nähten mit Pferdehaaren verzierten Leggins und einem Lendenschurz bekleidet. Die Füße steckten in Schuhen aus weichem Leder. Sein schlanker, sehniger Oberkörper war nackt und offenbarte einige, wenn auch gut verheilte Narben. Der einzige Schmuck dieses jungen Kriegers war ein ledernes Band, welches er sich um den linken Oberarm gebunden hatte und das mit einem Talisman aus Federn versehen war.
Unter der hohen Stirn blitzten zwei rabenschwarze Augen mit ebenso dunklen, leicht geschwungenen Brauen. Die Wangenknochen seines markanten Gesichtes traten kaum merklich hervor und seine vollen, sinnlichen Lippen waren dazu angetan, nahezu jedes weibliche Herz höher schlagen zu lassen. Der Name dieses Kriegers war Winnetou und er war trotz seiner Jugend - er mochte kaum 25 Jahre zählen - bereits der Häuptling seines Stammes.

Sein weißer Freund war um einige Jahre älter und trug einen kunstvoll gearbeiteten Wildlederanzug, der an den Nähten ebenfalls mit Pferdehaar verziert war.
Nscho-tschi schläft schon?, wandte sich Winnetou an seinen Freund, dem die Apachen vor über einem Jahr den Namen Old Shatterhand gegeben hatten, da er den jungen Krieger bei ihrer ersten Begegnung aus der Not heraus mit einem Fausthieb niedergestreckt hatte und die Kinder ihn aufgrund seines hellen Haares anfangs für einen alten Mann gehalten hatten.
Ja, sie war heute den ganzen Tag über im Dorf, hat mehrere Kranke behandelt und gleich zwei Babys auf die Welt gebracht. Du hast ja selbst gesehen, wie erschöpft sie war.

Winnetou nickte bestätigend und kaute nachdenklich an einem langen Grashalm.
Sie hat viel Arbeit, aber sie ist glücklich. Ich sehe das Leuchten in ihren Augen, wenn sie dich anblickt.
Ich liebe sie auch über alle Maßen und frage mich immer noch, wie ich sie damals habe zurückweisen können.“
Dein Kopf hat nicht verstanden, was dein Herz wirklich wollte, erinnerte ihn Winnetou. Aber du hast es erkannt, bevor es zu spät war.

Ja, als sich Nscho-tschi in den Klauen dieses wahnsinnigen El Más Loco befand, begriff ich, dass ich nicht mehr ohne sie leben wollte. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich sie verloren hätte.
Du wärst dann nur noch ein halber Mann ohne Liebe im Herzen gewesen, antwortete der Apache leise und senkte traurig den Blick.
Hast du dich damals so gefühlt, als du Ribanna und deinen Sohn verloren hast?, erkundigte sich Old Shatterhand mitfühlend.
Ja, für eine lange Zeit. Keine Frau wird je Ribannas Platz in Winnetous Herzen einnehmen. Das Tipi des Apachen wird für immer leer und einsam bleiben.

Old Shatterhand wollte zunächst widersprechen und auf Winnetous Jugend hinweisen, doch er besann sich und schwieg. In den letzten Monaten hatte er den Apachen gut genug kennen gelernt, um zu wissen, dass dieser jedes Wort, was er sagte, auch so meinte. Durch Ribannas tragischen Tod hatte er seine Lebensfreude zwar nicht ganz verloren, denn er scherzte noch immer gern - mit Vorliebe zusammen mit Neke Bah, seinem Freund aus Kindertagen, auf Shatterhands Kosten -, aber es gab Momente, in denen er völlig in sich gekehrt war und die Einsamkeit suchte.
Die Liebe ist wie ein Speer. Wenn er dich trifft, dann spürst du es sofort. Dann weißt du es, ohne jeden Zweifel. Es gibt kein Zögern. Du bist absolut sicher, hatte er Old Shatterhand einst gesagt, als sie mit Sam Hawkens zusammen der Spur der entführten Nscho-tschi gefolgt waren. „Mein Freund, wenn du die Liebe findest, musst du sie fest packen und darfst sie nie mehr loslassen, verstanden?“

Als Shatterhand erleben musste, wie Loco Nscho-tschi umwarb und sie sogar berührte und küsste, hatte ihn das fast um den Verstand gebracht. Er hatte begriffen, wie sehr er die junge Frau liebte. In der Schatzhöhle war er sogar bereit gewesen, sich selbst zu opfern, um Winnetou und seiner Schwester die Flucht zu ermöglichen. Beide hatten ihn unter den eingestürzten Geröllmassen hervorgezogen und wieder zu Bewusstsein gebracht. Der erschrockene, angstvolle Blick in den beiden dunklen Augenpaaren erschien ihm immer noch manchmal im Traum.

Kaum waren sie nach ihrer Befreiung, an der Sam Hawkens, den sie von den Banditen erschossen glaubten, einen großen Anteil hatte, ins Dorf zurückgekehrt, hatte Old Shatterhand alle Apachen zusammengerufen, Nscho-tschis Hand ergriffen und war vor ihr auf die Knie gegangen.
Möchten Sie, Fräulein Nscho-tschi, meine Frau werden?, hatte er laut und in feierlichem Ton gefragt. Der ganze Stamm sollte hören, dass er diese wunderschöne Frau nicht zurückstieß, wie alle bisher geglaubt hatten, sondern von ganzem Herzen liebte und begehrte.
Auf Nscho-tschis bis dahin verwirrte Züge hatte sich ein strahlendes Lächeln gelegt, als sie begriffen hatte, was da gerade geschehen war und ihr Ja! kam ohne Zögern. Old Shatterhand hatte sich rasch erhoben, sie überglücklich in seine Arme geschlossen und zärtlich geküsst.

Hinterher hatte ihm Neke Bah unter vier Augen anvertraut, dass Winnetous Augen sich beim Anblick der endlich vereinten Liebenden mit Tränen gefüllt hatten und er sich völlig ergriffen über diese gewischt hatte. Auf Neke Bahs fragenden Blick hin hatte er jedoch rasch die Schultern gestrafft, sich geräuspert und ein verlegenes "Der Wind!" hervorgestoßen.
Sein langjähriger Freund hatte mit einem wissenden Lächeln und einem lapidaren: "Sicher!" reagiert und sich grinsend abgewandt.

Noch am selben Abend hatte ihnen Winnetou offiziell seinen Segen gegeben und Old Shatterhand in den Stamm der Apachen aufgenommen.
Wer eine Tochter der Apache heiratet, versteht die Seele der Apache, hatte er gesagt und seinen Freund fest in die Arme geschlossen. „Wenn Nscho-tschi glücklich ist, dann ist auch Winnetou froh.“
Old Shatterhand erinnerte sich noch gern an diesen besonderen Tag und vor allem an die folgende Nacht…


Kaum hatte Winnetou seinen Freund losgelassen, als er mehrere junge Mädchen heranwinkte, unter ihnen auch Ochina, die seinen Freund Neke Bah gewählt hatte. Diese fassten Nscho-tschi bei den Händen und nahmen sie mit in ihr Tipi. Als Old Shatterhand seinen Freund verwundert anblickte, sagte dieser: „Unser Ritt war lang und die Kleider sind staubig. Sie werden Nscho-tschi für dich schön machen.“

„Sie ist bereits die schönste Frau, die ich kenne“, erwiderte Shatterhand schwärmerisch.
„Du musst dich jetzt auch vorbereiten“, wandte Winnetou ein, nahm ihn am Arm und führte ihn in sein eigenes Tipi. „Du solltest dich waschen, denn auch du bist schmutzig.“
Seufzend zog Shatterhand sein Hemd aus und reinigte Gesicht und Oberkörper. Winnetou blieb bei ihm, reichte ihm ein Tuch zum Abtrocknen und dann eine kleine Dose mit duftender Kräutersalbe. Gehorsam verteilte der Deutsche etwas davon auf seiner Haut und griff nach seinem Hemd.
„Das wirst du nicht brauchen!“, erklärte Winnetou bestimmt und nahm es ihm einfach aus den Händen. „Es stört nur beim Liebe machen. – Und nun geh! Nscho-tschi wartet sicher schon voller Ungeduld  auf dich.“
Old Shatterhand versuchte gar nicht erst, dem Apachen zu widersprechen. Er wusste, es war sinnlos. Diesem schien es großen Spaß zu machen, seinen Freund und seine Schwester zusammenzubringen.

Als er aus dem Tipi trat, war die Dämmerung bereits hereingebrochen. Mit klopfendem Herzen ging er hinüber zum Zelt der Schamanin. Im selben Augenblick traten die jungen Mädchen heraus. Als sie ihn erblickten, kicherten sie und riefen etwas ins Innere des Zeltes, was Old Shatterhand nicht verstand.
„Du gehen hinein. Nscho-tschi warten“, sagte Ochina und schob ihn ins Zelt hinein.

Der Anblick, der sich ihm dort bot, ließ sein Herz noch schneller schlagen. Anstelle des langen Kleides und der Leggins darunter trug die junge Frau nur ein eng anliegendes Oberteil, das sich an ihren schlanken Leib schmiegte und Taille und Schultern unbedeckt ließ. Der kurze Rock reichte noch nicht einmal bis zu den Knien. Ihr dunkles Haar war sorgfältig ausgebürstet und fiel ihr in sanften Wellen auf die schmalen Schultern. Old Shatterhand trat auf die junge Frau zu, umfing sie mit beiden Armen und zog sie an sich.
„Nscho-tschi, du bist wunderschön!“, hauchte er nicht gerade geistreich.
Die Schamanin lächelte ihr geheimnisvolles Lächeln, legte ihre zarten Hände sanft auf seine Brust und schmiegte sich an ihn. Ihre körperliche Nähe weckte Old Shatterhands Begehren und er konnte es kaum erwarten, sie ganz zu besitzen. Er drückte sie daher noch fester an sich, streichelte ihren Körper und begann sie leidenschaftlich zu küssen. Dabei fuhren seine Lippen über ihr Gesicht, ihren schlanken Hals und schließlich bis zu den sanften Rundungen ihrer Brüste. Mit zitternden Händen streifte er ihr die Kleidungsstücke vom Leib, sodass sie wenig später in ihrer ganzen Schönheit vor ihm stand.

Nun gab es für ihn kein Zurück mehr. Er umfasste Nscho-tschis Schultern und drückte sie sanft in die weichen Felle, die ihr Lager darstellten. Dann entledigte er sich rasch seiner eigenen Hosen und legte sich zu ihr.
Erneut küsste er sie voller Hingabe. Als er spürte, dass sich Nscho-tschis Körper gegen ihn drängte, schob er sich auf sie. So behutsam wie möglich drang er in sie ein, während er ihr Gesicht fest umschlossen hielt und küsste. Nscho-tschi schrie leise auf und klammerte sich an ihn. Als sich ihr Körper voller Leidenschaft aufbäumte, gab Old Shatterhand jede Zurückhaltung auf und liebte sie mit einer Intensität, die er selbst nie für möglich gehalten hatte. Die junge Frau genoss seine Zärtlichkeiten und gab sich ihm bedingungslos hin.
Als sie schließlich erschöpft in seinen Armen einschlief, küsste Old Shatterhand sie liebevoll, bettete ihren Kopf auf seine Brust und ergab sich ebenfalls dem Schlaf…


Woran denkt Old Shatterhand?, holte ihn Winnetous Stimme in die Gegenwart zurück. Der Deutsche war froh, dass die Sonne bereits untergegangen war. So konnte sein Freund nicht sehen, dass er vor Verlegenheit heftig errötete.
Daran, dass ich Nscho-tschi nie wieder hergeben möchte, erwiderte er schließlich. Ich bin sehr froh, dass du auf den Einfall mit dem Blockhaus gekommen bist. Das Leben in einem Tipi wäre nichts für mich gewesen, aber ich wollte auch nicht, dass Nscho-tschi euch verlässt. Die Apachen brauchen sie und … ich brauche meinen Freund.“
Old Shatterhand ist immer ein Teil von Winnetou, antwortete dieser treuherzig und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast das Herz und die Seele eines Apachen!
Lass uns jetzt lieber schlafen. Es war ein harter Tag, schlug Old Shatterhand vor, bevor er zu rührselig wurde, und wickelte sich in seine Decke.
Du kannst schlafen, Winnetou wird noch am Feuer sitzen. Zu viele Gedanken bewegen seine Seele.“

Old Shatterhand, der spürte, dass sein Freund jetzt nicht darüber reden wollte, was ihn bewegte, nickte nur und legte sich nieder. Die Nacht war angenehm kühl und er zog es vor, im Freien zu schlafen.
Es dauerte auch nur wenige Minuten, bis Old Shatterhands gleichmäßige Atemzüge verrieten, dass er fest eingeschlafen war.
Winnetou betrachtete ihn eine Zeitlang versonnen und gab sich dann seinen eigenen Gedanken hin. Sie schweiften einige Jahre zurück, zu der Frau, die sein Leben gewesen war und deren Tod ihm das Herz gebrochen hatte…
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast