Schutzengel

von Miwa86
OneshotHumor, Fantasy / P12
27.06.2018
27.06.2018
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Nach dem letzten, doch eher traurigen Inhalt wollte ich dieses Mal etwas schreiben, was einem zum Schmunzeln einlädt. Hoffe, es ist gelungen. ^^
P.S. Der OS ist wieder ungebetat, wer Fehler findet, melde sie bitte an mich weiter. Danke.



Es kam häufig vor, dass Maeve bei ihren Feldstudien die Zeit vergaß. Besonders gerne dann, wenn sie ihre Lieblinge, die Apatosaurier, beobachtete. Die sich übrigens mittlerweile so an ihre Anwesenheit gewöhnt hatten, dass es ihnen nichts ausmachte, wenn sie zwischen ihnen umher lief. Auf jeden Fall wunderte es Maeve nicht wirklich, als sich ihr Funkgerät meldete. „Zentrale ruft Außenteam. Hawkins, hören Sie mich?“
„Verdammt!“ Wahrscheinlich hatte sie mal wieder irgendeinen Termin verpasst. Mit einem Seufzen zog sie das Funkgerät aus ihrem Gürtel. „Hawkins hier, ich höre.“
„Na endlich.“ Der zuständige Funker klang erleichtert. Wahrscheinlich, weil sie überhaupt erreichbar war. „Anordnung von ganz oben: alle Außenteams sollen sofort ihre Einsätze beenden und ins Ressort zurückkehren. Von Süden her nähert sich eine Sturmfront, die uns innerhalb der nächsten Stunde erreichen wird.“ Ach, deswegen waren die Apatosaurier so unruhig, Maeve atmete auf. Insgeheim hatte sie schon befürchtet, dass es einem der Carnivoren gelungen sein könnte, aus seinem Gehege zu entkommen. Bei aller Liebe, die sie für die Dinosaurier empfand, dem T- Rex wollte sie trotzdem nicht in freier Wildbahn begegnen. „Verstanden! Ich packe zusammen, dann breche ich auf. Fünf Minuten.“ Kurze Stille im Funkgerät, dann kam die Antwort. „Fünf Minuten. Keine Sekunde länger! Over and out.“
„Verstanden. Over and out.“ Mehr konnte sie nicht erwarten. Nicht bei ihrem Hang dazu, ihre Zeit fast täglich nicht einzuhalten. Maeve wusste, dass sie Claire Dearing, die Direktorin von Jurassic World, damit regelmässig an den Rand der Verzweiflung brachte. Aber, und hier zog ein kleines, gemeines Lächeln über ihr Gesicht, laut Owen Grady verdiente diese Frau es, zur Verzweiflung gebracht zu werden. Mochten Owen und sie sonst auch keine Freunde sein, in diesem Punkt stimmte Maeve ihm jedoch völlig zu. Jemand wie Claire, mit einem derartigen Stock im Hintern, war ihr noch nie begegnet.
Ein tiefes Brummes lenkte Maeves Aufmerksamkeit wieder auf die Saurier zurück. Fasziniert beobachtete sie, wie alle sechs Saurier- Damen beinahe synchron die langen Hälse reckten und in den Himmel blickten, ehe sie sich wieder mit dem Abfressen der Bäume beschäftigten. Rasch tat Maeve es ihnen gleich und sah nach oben. Doch außer einigen Schäfchenwolken war der Himmel über der Ebene, auf der sie sich gerade aufhielt, noch klar. „So eine Hektik.“ Kopfschüttelnd verstaute sie das Funkgerät in ihrem Rucksack. „Ist doch noch genug Zeit.“ Damit griff sie wieder zu ihrem Notizblock und dem Stift und wandte sich wieder ihren Sauriern zu.

Erst, als eine heftige Windböe sie in den Rücken traf und ihr das Basecap vom Kopf zu reißen drohte, sah Maeve erneut nach oben. „Ups“, stellte sie mit einem Blick auf die sich dunkel und drohend über ihr aufragenden Sturmwolken trocken fest. Die ihr zugebilligten fünf Minuten hatte sie damit wohl einmal mehr überschritten. Der Sturm war angekommen. Wie zur Bestätigung traf sie in diesem Moment der erste Regentropfen auf die Nase, zugleich rollte der erste Donner. „Na ganz toll.“ Ihr Wagen stand auf der anderen Seite der Ebene, sie würde also auf jeden Fall nass werden. Leise in sich hinein schimpfend, weil das Wetter einen Strich durch ihre Pläne gemacht hatte, packte Maeve nun auch den Block und den Stift in ihren kleinen Rucksack, anschließend zog sie das zusammengerollte Regencape hervor. „Tut mir leid, meine Hübschen“, kurz strich sie über das Bein des ihr am nächsten stehenden Apatosauriers. „Morgen wieder, okay?“ Das große Weibchen stieß ein tiefes Brummen aus. Skeptisch zog Maeve eine Augenbraue hoch. Die Saurierdame schien nicht einverstanden zu sein. „Tut mir leid.“ Damit setzte Maeve ihren Rucksack auf und wandte sich ab, um zu ihrem Wagen zu gehen, während sie sich gleichzeitig das Cape überzog. Und nach nur wenigen Schritten gegen etwas stieß.
„Was zum …?“ Zwei Sekunden lang sah sie gar nichts, dann hatte sie das Regencape so zurecht gezogen, dass es ihr nicht mehr die Sicht nahm. Erstaunt erkannte sie, dass das Weibchen ihren langen Hals soweit hinunter gebeugt hatte, dass es ihr damit den Weg versperrte. „Isis? Was soll der Blödsinn?“ Sachte legte Maeve ihre Hände auf den Hals des Tieres. Nur Owen wusste, dass sie den Mitgliedern der Herde, deren Verhalten sie beobachtete, Namen gegeben hatte. Mochten gewisse Leute in den Dinosauriern auch nur Produkte sehen, für Maeve waren sie Lebewesen aus Fleisch und Blut und hatten daher das Recht auf einen eigenständigen Namen. Neben Isis gab es da noch Athene, Artemis, Hera, Freya und Hekate, wobei die Erstgenannte das Alphatier der sechsköpfigen Herde war.
„Isis?“ Erneut stieß das Weibchen ihr Brummen aus, dann drückte es ihren Hals vorsichtig gegen Maeves Oberkörper. Der Zoologin blieb gar nichts anderes übrig, als mehrere Schritte nach hinten zu machen, um zu verhindern, auf den Rücken geworfen zu werden. „Isis, was soll das?“ Noch war Maeve sich unschlüssig, was sie von dem Verhalten des Apatosauriers halten sollte. Das war schon etwas ungewöhnlich für das Tier. Erneut stieß Isis ein Brummen aus, dann schob sie Maeve ein paar weitere Meter rückwärts. „Ist ja schon gut.“ Beruhigend klopfte sie Isis auf den Hals. Anschließend machte sie versuchsweise von sich aus ein paar Schritte nach hinten. Das Brummen, welches Isis daraufhin ausstieß, klang verdächtig nach Zustimmung. Maeve lächelte … und machte nun probeweise einige Schritte vorwärts. Sofort senkte Isis ihren Hals wieder und versperrte ihr erneut den Weg. Dieses Mal schob sie Maeve schon etwas nachdrücklicher in Richtung des Waldes, der hinter ihnen lag. Irritiert stellte die Zoologin fest, dass das Alphaweibchen sie anscheinend unbedingt von der Ebene fernhalten wollte. „Okay ...“, sie beschloss nachzugeben. Blieb ihr ja ohnehin nichts anderes übrig, denn gegen einen Apatosaurier kam sie nun wirklich nicht an. Das wäre ihr vielleicht noch bei einem Pachycephalosaurus gelungen, aber bei der Großen hier? Nein, keine Chance.
Gleich darauf donnerte es ein weiteres Mal, jetzt laut und lang anhaltend, gefolgt von einem grellen Blitz. Wäre sie draußen auf der Ebene gewesen, hätte er sie möglicherweise getroffen. Ein Aufenthalt dort war jetzt also nicht gerade empfehlenswert. Mit einem Seufzen, das würde später sicher noch Ärger geben, wandte Maeve sich um und ging auf den Trampelpfad zu, der tiefer unter die Bäume führte. Gleich darauf vibrierte der Boden, da Isis und die anderen Weibchen sich ihr nun quasi anschlossen. Das Alphaweibchen stieß ein leises Heulen aus. Anscheinend war sie mit Maeves Entscheidung einverstanden. Die Zoologin grinste in sich hinein.

Die Apatosaurier, und mit ihnen Maeve, hatten es kaum allesamt unter das Blätterdach geschafft, als der Sturm auch schon richtig losbrach. Der Himmel öffnete buchstäblich seine Schleusen, es donnerte mehrfach hintereinander und Blitze zerrissen das diffuse Zwielicht, welches mittlerweile unter den Bäumen herrschte. Erschrocken sog Maeve die Luft ein. Nun erst verstand sie wirklich, warum Isis sie nicht mehr auf die Ebene gelassen hatte. Der Weg zu ihrem Wagen wäre zu weit gewesen, auf der freien Fläche wäre sie zum Spielball des Sturms geworden. Das wiederum hätte sie jedoch kaum ohne Verletzungen überstanden.
„Wow!“ Maeve schob ihre, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haare in die Kapuze des Regencapes und zog diese anschließend hoch. „Und da soll Grady noch einmal behaupten, ihr hättet nicht viel im Köpfchen.“ Sie sah zu Isis auf. „Du warst gerade mein Schutzengel, meine Große!“ Lächelnd klopfte sie dem Saurier erneut auf das Bein. Quasi als Reaktion darauf beugte die Apatosaurier- Dame den Kopf und sah auf sie hinunter. Da sie diesen Ausdruck in dem Gesicht des Sauriers noch nie gesehen hatte, konnte sie sich zwar nicht hundertprozentig sicher sein, aber für Maeve sah es so aus, als würde Isis ihr zustimmend zulächeln. Sachte lächelte sie zurück. „Danke sehr.“