Ɗєcιѕυι

von Kyuin
OneshotDrama / P16
Dazai Osamu OC (Own Character)
27.06.2018
27.06.2018
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O ɴ ᴇ ꜱ ʜ ᴏ ᴛ
➸ by KYᙀIᑎ


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Im Internet gibt es die kuriosesten Dinge. Von Streaming Portalen, über Onlinespiele oder –shops bis hin zu diversen Chatseiten. Manche sind glaubwürdig und legal, andere eben nicht. Dies herauszukristallisieren unterliegt einzig und allein dem Nutzer dieser Websites und Apps. In Kooperation mit den Anbietern solcher Dienste sollte man immer vorsichtig im Umgang mit personenbezogenen Daten umgehen und diese nicht leichtfertig herausgeben. Denn wer kann schon genau sagen, wohin diese Daten gelangen oder wer sie für welche Zwecke nutzt? Und woher genau soll man wissen, was vertrauenswürdig ist und was nicht?

Nun, die Antwort darauf wird wohl vorerst ungeklärt bleiben.



Decisui – Chat your Death Match




»Als ich eines Morgens eine seltsame Benachrichtigung auf meinem Handy erhielt, wusste ich noch nicht, dass dies mein ganzes Leben verändern würde. Rückblickend gesehen hätte ich an diesem Tag nicht aus meinem warmen, kuschligen Bett kriechen dürfen. Ich hätte niemals mein Smartphone zur Hand nehmen sollen. Und noch viel wichtiger: Ich hätte mich niemals bei ‚Decisui‘ registrieren dürfen.
Wenn ich gewusst hätte, dass ich dort die Liebe und gleichzeitig die folgenschwerste Entscheidung meines Lebens treffen würde: Ich wäre lieber bei den Tonnen Schokoladeneiscreme geblieben, die in meiner Gefriertruhe lagerten.

Die Benachrichtigung, die mir mein Handy anzeigte bestand aus einem blauen Regenschirm als Symbol der App und dem Wort Decisui, welches silbern in der Schriftart Times New Roman darunter prangte. Woher ich die Schriftart so genau kannte, war mir in diesem Moment selbst nicht ganz klar gewesen. Aber letztendlich war es auch nicht von Relevanz.
Aufgrund des Regenschirms hatte ich es vorerst für eine Wetter-App gehalten, was sich nach dem Öffnen der Benachrichtigung schnell als falsch herausgestellt hatte.

Heute kann ich nicht mehr genau sagen was es gewesen ist, das mich dazu verleitete dieses Programm tatsächlich zu installieren. Vielleicht war es meiner Naivität zu verdanken. Vielleicht aber war es aber auch die Tatsache, dass sie mit dem Spruch ‚Mach dein Leben lebenswerter!‘ warben.

Der Startbildschirm bestand aus dem blauen Regenschirm und einem schwarzen Hintergrund. Ein weißes Feld war unter dem Regenschirm zu sehen, worin in grauen Buchstaben ‚Enter your Username‘ geschrieben stand. Kreativ wie ich nun einmal war, hatte ich einfach meinen Vornamen eingegeben.

Der Bildschirm hatte sich geteilt und auf jeder Seite war nun ein Daumen abgebildet. Auf der linken Seite ein grüner, der nach oben zeigte und auf der rechten ein roter, dieser zeigte nach unten. In der Mitte stand in weißen Buchstaben ein Nutzername. In der linken oberen Ecke öffnete sich ein kleines Fenster. Eine Benachrichtigung die mir erklärte, dass ich, um mit dem Benutzer zu chatten, ein sogenanntes ‚Match‘ ergeben muss. Das hieß, dass wir beide anhand des Nutzernamens den grünen Daumen anklicken mussten. Hätte ich allerdings den roten Daumen gewählt, so hätte ich die Person verworfen und mir somit gleichzeitig die Möglichkeit verbaut, jemals mit ihr zu chatten.

Vielleicht war es Schicksal gewesen, dass ich ausgerechnet bei LoveSuicide196 den grünen Daumen ausgewählt hatte. Und vielleicht war es Schicksal gewesen, dass ich ausgerechnet mit LoveSuicide196 ein Match ergab. Und vielleicht war es nur ein Zufall gewesen, eine Aneinanderreihung ungünstiger Umstände, dass mir diese Person auf Anhieb sympathisch war.

Sie haben eine neue Nachricht von LoveSuicide196!
Ich bin mir sicher, dass du wunderschön bist. Und du kannst mich nicht vom Gegenteil überzeugen.

Seine Worte waren von Anfang an schmeichelhaft und süß gewesen. Sie hatten eine Art verführerische Wirkung auf mich gehabt. Und das, obwohl ich es wusste: Obwohl ich genau gewusst hatte, dass er es niemals ernst meinen könnte. Dass er nicht einmal wusste wie ich aussah, dass er sich nicht einmal sicher sein konnte, dass ich wirklich die Wahrheit schrieb. Er konnte sich ja nicht einmal sicher sein, dass ich eine weibliche Person war. Ich konnte mir ebenfalls nicht sicher sein, dass er der war, der er vorzugeben scheint. Und trotzdem hatte ich ihm vertraut.

Sie haben eine neue Nachricht von LoveSuicide196!
Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht willst.

Er hatte mit seinen Worten das genaue Gegenteil bewirkt, von dem was er sagte. Er hatte mich geradezu ermutigt, meine Sorgen und Probleme loszuwerden. Wie hatte er das nur geschafft? Und warum habe ich nicht früher gemerkt, in was für eine Sache ich hineingerate? Warum habe ich die App nicht einfach deinstalliert? Vielleicht war es, weil er mich ermutigt hatte. Vielleicht war es, weil er mir irgendwie Kraft gegeben hatte und die schlechten Dinge, die ich ihm erzählte, schön redete. Vielleicht war es, weil seine Art irgendwie verständnisvoll war. Weil er mich nicht zu Dinge zwang, die ich nicht tun oder sagen wollte. Vielleicht war es, weil er mein Leben lebenswerter machte. Der Werbespruch der App hatte also nicht gelogen.

Sie haben eine neue Nachricht von LoveSuicide196!
Wie wäre es mit dem Dach des Central Buildings?

Als er nach einem Treffen fragte war ich einfach nur glücklich gewesen. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch und gleichzeitig wusste ich natürlich, wie gefährlich es war. Wie schnell ein Treffen mit einem Unbekannten in die Hose gehen konnte. Er hätte ein Entführer sein können. Vielleicht ein Pädophiler oder ein Vergewaltiger. Wer wusste das schon?
Und spätestens bei diesem Satz hätte ich stutzig werden sollen. Ich hätte ihn Fragen sollen: ‚Warum auf einem Dach?‘

Aber natürlich habe ich das nicht getan, sondern mich mit ihm getroffen.«



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Ihre Haare wehten sachte im kalten Wind der Nacht, während sie die letzten Stufen auf der Metalltreppe auf das Dach emporstieg. Große Schritte geleiteten sie über die Stufen, die bei jedem Auftreten ein leises Geräusch von sich gaben, wenn die Sohlen ihrer Schuhe darauf trafen.

Ihre Augen musterten die Umgebung genau. Sie musterten die grauen Bodenplatten, die im Dunkeln der Nacht kaum zu erkennen waren. Sie musterten die Sterne am Himmel, die man hier oben schon etwas besser hatte ausmachen können. Und sie musterte die Stadt, die von hier oben aussah wie ein buntes und friedliches Lichtermeer, ohne den Trubel und die Hektik, die man dort unten miterlebte.

Sie sah durch das Gitter der Treppe hindurch und stellte sich vor wie es wäre, wenn die kleinen Kästchen plötzlich größer werden würden. So groß, dass sie glatt durch ein eckiges Loch in die Tiefe stürzen würde. Und wie ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoss, gerade als sie die letzte Stufe erreichte, durchfuhr ihren Körper ein Gefühl der Aufregung, welches sich tief in ihrem Magen verankerte. Sie konnte es nicht zuordnen. Es war eine Mischung aus Aufregung, fast so, als würde sie gleich in einer Achterbahn fahren und dabei den entgegenkommenden Wind spüren. Fast so, als würde sie das Adrenalin spüren, das ihre Adern durchfuhr und ihr Herz einen ticken schneller schlagen ließ. Und da war noch ein anderes Gefühl. Angst?
Die Angst vor dem Aufprall, denn wenn der Fall erst einmal vollendet war- Wenn sie sich wie ein Vogel gefühlt hätte- Wenn sie die Freiheit gespürt hätte und nur für einen Moment dem Himmel etwas näher zu sein schien, gleichzeitig aber wieder so weit weg, dann würde sie hart und schmerzvoll auf dem Asphalt aufkommen und vermutlich unter quälenden Schmerzen ihren letzten Atemzug machen, ehe sie in die Dunkelheit sacken würde, nur um nie wieder daraus aufzuwachen.

Als sie die Spitze endlich erreicht hatte, oben auf dem Dach angekommen war erblickten ihre Augen einen Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand und in die Ferne sah. Sein Trenchcoat wehte ebenso wie ihre Haare im sachten Wind und er wirkte in diesem Moment unglaublich elegant für sie. Gerne hätte sie noch länger dort gestanden, einfach seinen Rücken gemustert und sich Gedanken darüber gemacht, um welche Dinge seine Gedanken sich wohl in diesem Moment drehten. Allerdings packte sie auch eine unglaubliche Neugierde. Eine Neugierde und Euphorie, die zu ihr sprach. Die von ihr verlangte, dass sie die ihr so fremd erscheinende Person endlich zu einem Freund machen sollte. Sie nährte sich ihm leise, doch er hatte sie schon bemerkt. Im nächsten Moment drehte er sich zu ihr um. Dunkelbraune Augen trafen auf die ihren und sie hatte das Gefühl, als würde sie ihm in diesem Moment einen Einblick in ihre Seele geben. Einen Einblick, den sie zuvor niemanden gegeben hatte und den er durch die Anonymität Decisuis niemals erhalten hätte.

„Du bist also wirklich gekommen.“ Seine Stimme hatte eine betörende Wirkung auf sie, auch wenn sie nicht anders war als andere Stimmen, die sie in ihrem Leben bisher vernommen hatte. Trotzdem hatte sie einen besonderen Klang in ihren Ohren. Und sie erinnerte sich daran, wie sie sich seine Stimme vorgestellt hatte. Sie war so anders; aber nicht im negativen Sinne. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken und sie hoffte, dass er nicht aufhören würde zu Sprechen. Viel lieber wollte sie noch ein wenig länger seinen Worten lauschen. Wollte hören, was er zu sagen hatte. Und gleichzeitig wollte sie einfach in Stille mit ihm hier verweilen. Wollte den Ausblick auf die Stadt genießen und an seiner Seite sein.

„Du bist wirklich so schön, wie ich dich bezeichnet hatte. Es ist eigentlich zu schade.“

Seine Worte schmeichelten ihr und gleichzeitig war sie so geblendet von ihnen, dass sie im ersten Moment nicht die versteckte Botschaft darin verstand. Fragend sah sie ihn an, ihre Körperhaltung gab zum Ausdruck, dass sie ihm nicht ganz folgen konnte. Ihre Schultern spannten sich etwas an und ihr Blick richtete sich nun auf seinen Hals. Vielleicht würde er ihr gleich eine schlechte Nachricht überbringen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich hier her zu begeben. Auf das Dach eines hohen Gebäudes, um dort einen Fremden zu treffen und ihm blindlinks zu vertrauen. Es war fast schon zu naiv von ihr, um wahr zu sein.

„Weißt du denn nicht, was Decisui für eine Plattform ist?“

Woher hätte sie es denn wissen sollen? Natürlich hätte sie sich darüber informieren können. Und im diesem Moment schien es ihr mehr als nur plausibel, wenn sie dies getan hätte. Aber die App kam ihr wie ein normales Portal vor, um Leute zu treffen oder Freunde zu finden. Vielleicht auch, um sich zu verlieben oder einen Lebenspartner zu ergattern. Die App hätte unzählige Funktionen haben können.
Sie schüttelte mit dem Kopf. Dabei wippten ihre offenen Haare von links nach rechts und es machte auf den jungen Mann einen amüsanten Eindruck, wie sie vor ihm stand: Fast wie ein naives Kind. Die Andeutung eines Schmunzelns legte sich auf seine Lippen, ehe er ihr den Stand der Dinge erläuterte:

„Eine Plattform, um sich zum Selbstmord zu verabreden.“

War es das wirklich? Und wenn dem so wäre, hätte es nicht irgendwo eine Benachrichtigung geben müssen? Hatte sie irgendeinen Hinweis übersehen? Aber letztendlich war es jetzt egal. Es war ohnehin schon zu spät, nun war sie schon hier. Außerdem: Es war ihr egal, was mit ihr passieren würde. Ihr Leben war nicht mehr lebenswert gewesen, erst die Registration bei diesem Portal hatte den Spieß umgedreht. Und er hatte ihr Leben lebenswert gemacht. Wenn es also sein Wunsch war zu sterben, dann würde sie ihm in den Tod folgen. Denn ohne ihn, davon war sie überzeugt, würde sie nicht in dieser Welt verweilen können. Sie würde das einfach nicht wollen.

Ihr erwartungsvoller Blick traf den seinen, ehe sie mit großen, langsamen Schritten auf den Abgrund zuging. Sie hielt kurz vor der Kante inne, blickte nach unten in die Tiefe. Dort, wo sie in diesem Moment nichts als Dunkelheit ausmachen konnte. Dort, wo sie fallen würde, um von der Schwärze verschlungen zu werden. Dort, wo sie das letzte Mal das Gefühl der Freiheit verspüren würde und dort unten, wo ihr Leben ein Ende finden würde.
Ihre Füße machten einen weiteren kleinen Schritt auf den Abgrund zu. Nun stand sie schon so nahe dort, dass ihre Zehen über der Kante abstanden und sie sich einbildete, einen fordernden Windhauch zu spüren der versuchte ihr klar zu machen, endlich den sicheren Boden unter ihren Füßen zurück zu lassen und sich ganz dem Gefühl des Fallens zu widmen.

Und als er neben ihr stand, seine Augen erneut in ihre Seele blickten, sagte sie das Erste und Einzige Mal etwas zu ihm: „Ich werde auf dich warten. Danke, dass es dich gibt.“

Als sie sich vorn über beugte, spürte sie wie ihr Körper kippte und das Gleichgewicht verlor. Sie spürte den verlangenden Luftzug, der ihr entgegenkam und versuchte sie mit aller Kraft nach oben zu drücken. Sie spürte das Adrenalin, wie es durch ihre Adern schoss. Sie spürte alles, was sie sich nur wenige Minuten zuvor vorgestellt hatte. Und dieses Gefühl war sogar noch besser. Und doch spürte sie auch noch ein anderes Gefühl. Ein Gefühl an das sie vorher zu denken gewagt hatte, aber das sie lieber schnellst möglich aus ihrem Geist verbannen wollte. Das Blut welches durch ihre Adern rauschte schien für einen Moment still zu stehen. Ihre Gedanken kreisten sich um die scheinbar immer dunkler werdende Schwärze. Und das Gefühl der Angst, welches sie sich schon in ihrer Vorstellung ausgemalt hatte schien nun viel schlimmer zu sein. Es schien sie die wenigen Sekunden, die wenigen Meter die sie erst gefallen war, wie in Zeitlupe wahrnehmen zu lassen.

Dann ging plötzlich alles wieder ganz schnell: Das beängstigende Gefühl wurde von einer warmen Hand, die sich um ihr Handgelenk schloss vertrieben. Mit einem starken Ruck wurde ihr Körper wieder aus der Tiefe gerissen und landete auf dem kalten Beton. Ihr Kopf brauchte einen Moment um zu realisieren was gerade passiert war, aber ihr Körper kniete sich schon wieder an den Abgrund und sah dem fallenden Körper des Mannes hinterher. Ihre Augen erblicken seine ausgestreckten Arme, als würden sie den Tod umschließen und ihn somit willkommen heißen wollen. Auch wenn sie sich aufgrund der herrschenden Dunkelheit nicht zu einhundert Prozent sicher sein konnte, so bildete sie sich ein dass seine Lippen das Wort ‚Lebe‘ formten.

Seine Augen schlossen sich und ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. In dem letzten Moment, in dem sie ihn sah, sah er so unglaublich friedlich aus. Und doch, auch wenn er glücklich schien, war sie unglaublich traurig über diesen Verlust. Sie schrie und schluchzte, wollte seinen Namen schreien; aber sie kannte ihn nicht. Und dann wurde sein Körper vom endlosen Nichts verschlungen.

Er hatte sie gerettet. Und das obwohl er sie gar nicht gekannt hatte. Und das obwohl er sein eigenes Leben dafür geopfert hatte.



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»Aber diese Geschichte werde ich heute nicht erzählen. Sie wird vorerst in meiner Erinnerung bleiben und ich werde sie mit niemandem teilen.

Und nun sitze ich hier. Heulend in der Armed Detective Agency und erzähle Ihnen einen Teil meines Lebens. Ich hoffe, dass Sie nun glücklich sind. Dass Sie eine Vorstellung davon haben, was passiert ist und dass Sie mir sagen, worum es geht. War dieser Mann einer von Ihnen? War er ein guter Mensch? Glauben Sie es ist meine Schuld?

Nein. Es ist ganz sicher meine Schuld. Ich denke, ich hätte einfach sterben sollen an diesem Tag. Oder ich hätte nicht versuchen sollen zu springen. Aber es schien sein Wunsch zu sein, dass ich weiter lebe. Und deshalb werde ich genau dies nun tun.

Wahrscheinlich habe ich nicht verdient das zu wissen, aber würden Sie mir seinen Namen verraten?«



























»Dazai Osamu.«







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Spin-off


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Forever alone?


Wenn man vom Leben spricht, kann man sich nicht auf eine Definition beschränken. Manche sprechen vom Leben im positiven Sinne. Wenn sie auf Reisen gehen, Abenteuer erleben. Dann ist dies Leben.
Manche sprechen vom Leben im Allgemeinen, wenn man einfach nur atmet. Dann ist dies Leben.
Und manche sprechen vom Leben im negativen Sinne. Wenn alles scheiße ist, man keinen Willen mehr hat weiter zu machen. Dann ist dies kein Leben.

Aber wo genau liegt die Differenzierung? Und welche Definition ist die richtige? Es gibt noch unzählige solcher Bedingungen, die durch subjektive Meinungen an den Begriff Leben geknüpft sind. Und der Grad der Unterscheidung ist schmal. Schmaler als ein Grashalm. Manchmal ist es fast unmöglich, die Unterschiede zu finden. Unmöglich herauszukristallisieren, ob das Leben nun lebenswert ist, oder nicht.

Ich denke, dass ich meine Differenzierung schon gefunden habe. Ich balanciere in der Mitte. Auf dem schmalen Grad der Grauzone, der Zone in der man weder ein lebenswertes, noch kein lebenswertes Leben hat. Ein Leben, das einfach in den Tag hineinläuft. Ohne Freunde, ohne Familie.

Wenn der Vater eine Ausländerin heiratet, die im frühen Kindesalter verstirbt, hat man es nicht leicht. Wenn der Vater ein Alkoholiker ist und zwangsweise in die Entzugsklinik eingewiesen werden muss, hat man es nicht leicht. Wenn die Großeltern nichts mit einem zu tun haben wollen, weil der Vater keine gänzlich japanische Tochter hat, hat man es nicht leicht. Wenn man ein Einzelkind ist, hat man es nicht leicht. Und wenn es einem schwer fällt Kontakte zu knüpfen oder Freundschaften dauerhaft zu halten, hat man es ebenfalls nicht leicht. Im schlimmsten Fall lebt man nur für die Arbeit. Und man arbeitet um zu leben. Man ist ganz allein.

Und deshalb war ich glücklich, dass sich jemand mir gewidmet hat. Dass mir jemand Komplimente machte, obwohl die Möglichkeit bestand, dass sie nicht ernst gemeint waren. Und ich war glücklich, dass mich jemand sah, auch wenn er das nicht wirklich tat. Ich war einfach geblendet von dem, was ich mir unter meinem Chatpartner vorstellte.

Und in diesem Moment auf dem Dach, waren mir so viele Dinge durch den Kopf gegangen. Ich war überrascht gewesen, als ich ihn gesehen hatte. Aber nicht negativ, sondern positiv. Er war so anders gewesen, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Und trotzdem war er nicht schlechter gewesen. Und ich verspürte Glück, weil ich dachte dass jetzt alles besser werden würde.

Und als ich fiel, spürte ich ein Gefühl der Aufregung, das ich nicht mehr definieren kann. Aber es ging so schnell wieder, wie es gekommen war. Als ich ihn fallen sah, verwandelte es sich in Trauer und Angst. Und das, obwohl ich ihn nicht einmal richtig kannte. Obwohl ich nicht einmal seinen Namen gekannt hatte.

Aber das abschließende Gefühl, das ich spürte und das ich auch jetzt noch spüre, ist Dankbarkeit. Danke, dass du mich gerettet hast und Danke, dass du an meiner statt gefallen bist. Ich verdanke dir mein Leben und ich werde leben!

Und auch heute noch, befinde ich mich gerne auf diesem Dach. Es gibt mir das wunderbare Gefühl der Nostalgie. Und auch heute noch, schreibe ich dir gerne Briefe, die du niemals lesen wirst. Und noch immer, erinnere ich mich gerne an unser erstes und gleichzeitig letztes Treffen. Und sicherlich werde ich das, was ich in dieser Nacht von dir erfahren habe, für immer in Erinnerung behalten. Und wann immer ich Zeit habe, lausche ich gerne den Geschichten deiner Kameraden, was du für ein Mensch warst. Und ein ganz besonderes Gefühl gibt mir auch dieser Ort. Hier fühle ich mich mit dir verbunden. Ich fühle mich, als würdest du direkt neben mir stehen und über mich wachen.

Denn auch, wenn ich mein ganzes Leben lang alleine war. Jetzt bin ich es nicht mehr.
Jetzt bist du an meiner Seite.
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