Beschäftigunstherapie

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark
25.06.2018
25.06.2018
1
1976
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Tony wusste, dass er nicht unbedingt die beste Vergangenheit mit Traumatabewältigung vorzuweisen hatte. Wenn man der Erbe eines Milliardendollarunternehmens ist, dann lächelt man, trinkt und feiert. Wenn man ein Superheld ist, dann hat man keine Angst. Es war nie der richtige Moment präsent gewesen, der Punkt an dem er sich hätte entscheiden können, genau jetzt durch seine Probleme sich zu arbeiten. Und sieh einer an, wo ihn das hingebracht hatte.

Aus irgendeinem Grund hatte er es auf die Exklusive Überlebensliste der Apokalypse geschafft. Allein. (Er war nicht wirklich allein, natürlich nicht, aber das änderte nichts an der Kälte in seiner Brust oder an der Tatsache, dass Peter gestorben war. In seinen Armen. Anthony Edward Stark war verdammt noch mal allein.) Das Universum schien eine verdrehte Art zu haben und das Schicksal hatte eindeutig Probleme, was seine Prioritäten anging. Es gab keine vernünftige Erklärung für die Tatsache, dass er mit Captain America einen Genozid überlebt hatte. Während James Barnes gestorben war. Während Sam Wilson gestorben war. Während T’Challa gestorben war. Während Peter Parker gestorben war.

Es war nicht logisch, es war unsinnig. Die Waagenschalen hatten sich nicht zu Gunsten der Menschheit verlagert, sie waren nicht ins Gleichgewicht gekommen wie Thanos es doch immer ach so schön gepredigt hatte. Sie hatten gute Menschen verloren und hatten Stark behalten. Das war ein mieser Deal. Wäre Tony die Menschheit, er würde sich glatt bei Thanos persönlich beschweren.

Aber darum ging es ja nicht wirklich. Nicht, dass Tony eine Ahnung hatte, worum es im Moment wirklich ging. Sie bereiteten sich vor. Irgendwie. Sie arbeiteten zusammen. Mehr oder wenig. Sie saßen schweigend zusammen in einem Raum, der viel zu groß für so wenige Menschen waren und drehten Däumchen und warteten auf ein Wunder.

Tony beschäftigte sich größtenteils selbst. Das hatte übrigens nichts mit der Tatsache zu tun, dass er Steve aus dem Weg ging, oder Natasha, oder sonst jemandem, der mit ihm reden wollte. Er vermutete, dass nicht gerade viele wirklich mit ihm reden wollten, freiwillig sich in seine Gegenwart begaben, denn Tony war ein Stark und wahrscheinlich traumatisiert und überhaupt, wieso war er noch nicht betrunken?

(Weil er es Pepper versprochen hatte, weil er es sich selbst geschworen hatte, weil er Peter verboten hatte zu trinken und was wäre er für ein Vorbild, wenn er sich selbst nicht daran halten würde? Er wollte einfach nicht noch mehr Leute enttäuschen.)

Das Problem war, dass der Alkohol ihn betäubte. Er nahm seinem Kopf dieses Surren weg, dass Tony immer mal wieder in den Wahnsinn zu treiben drohte, dieses Surren das sich in seine Neuronen einbrannte und unter seinen Fingerspitzen pochte. Tony vergaß immer am besten, wenn er auf etwas draufschlug oder etwas erfand. Eine explosive Mischung die der Welt Raketen und grüne Energie gebracht hatte.

Steve würde wahrscheinlich sagen, dass Tony das ganze völlig falsch anging. Das nichts therapetutisches in dieser Vorgehensweise war. Als ob Steve eine Ahnung von guter Traumatabewältigung hatte.

Mit einem Waschbären Dinge zu erfinden und dessen Exoskellet zu modifizieren war das wohl therapeutischte, was Tony in den letzten 10 Jahren unternommen hatte. Mindestens.

Besagter Waschbär hockte im Moment auf einer Arbeitsplatte und äußerte sich laut fluchend über den katastrophalen Zustand von Tony’s Rüstung. Shuri war so nett gewesen, ihnen ihr Labor zu überlassen, das arme Ding hatte kaum Zeit für Arbeit in dem Berg, jetzt wo sie ein Königreich leiten musste. Ihr Bruder war tot. Tony fühlte sich schuldig, so schuldig, dass er versuchte, so wenig wie möglich Platz oder Ressourcen zu verbrauchen. Unsichtbar sein, vielleicht würde das den Schmerz lindern, den er ihr bereitet hatte.

(Denn es war seine Schuld. Wäre er schneller gewesen, wäre er schlauer gewesen, wäre er besser gewesen, dann wäre das hier alles nicht passiert.)

„Ey Dosenmann“, knurrte der Nager, der laut eigener aussage kein Waschbär war, aber wie einer aussah. „Wie soll ich denn mit diesem Schrott arbeiten?“ Anklagend deutete er auf die ziemlich ramponierte Rüstung, die Tony über einen Dummy ausgebreitet hatte. Die Nanoroboter flackerten, als wären sie unsicher, was ihre eigentliche Funktion war. Als hätten sie vergessen, dass ihre Aufgabe war, das verletzliche Fleisch unter ihnen zu beschützen. Vielleicht war das ja auch ein Wink des Schicksals. Gib auf, wollte es sagen. Gib auf, zieh die Rüstung an und stell dich Thanos. Lass ihn einfach das beenden, was er auf Titan nicht getan hatte.

(Weil Strange um sein Leben gefleht hatte. Nein, gebettelt. Niemand sollte um Tonys Leben betteln.)

Sie waren beide gereizt, beide übernächtigt und beide unausstehlich. Tony klappte stumm ein Vergrößerungsglas in Position um in das Innenleben von Nataschas Stöcken zu blicken. Die Elektrizität spann, und er wollte das Kabeln finden, was das ganze Tamtam verursachte. Er hatte gelernt, dass sie sich anmaulen konnten, sich anbrüllen würden und am Ende doch wieder nebeneinander in diesem gottverdammten Labor sitzen würden. Weil sie mussten. Weil sie nichts anderes hatten. Weil sie alles verloren hatten und ihr Verstand auch noch in den Abgrund springen würde, wenn sie nicht etwas dagegen taten.

Es war wirklich zum kreischen Komisch, dass er seinen Seelenverwandten in Form eines außerirdischen Waschbärs finden würde. Und da dachte er, dass Pepper die Liebe seines Lebens gewesen war!

Sie mussten ihre Hände in Bewegung halten, mussten ihre Gehirne dazu zwingen, nicht stillzustehen. Jeder Stillstand, jeder Atemzug, jedes Zögern, das alles ließ Raum zum Denken, zum Bereuen, zum Trauern. Was sie brauchten waren Waffen, einen Plan und Wut im Bauch.

Was sie nicht brauchten, waren klärende Gespräche und Zeit zum Nachdenken. Tony wusste, dass sein Lebensstil ungesund war und um ehrlich zu sein hätte er nie gedacht, dass er mit ihm so alt werden würde. Aber hier stand er nun mal, leider quicklebendig und sehr präsent in dieser Welt, und er musste arbeiten.

„Gib mir den Bunsenbrenner“, sagte er, und man gab ihn ihm. „Braver Hund“, brummte er und zog seine Hand so schnell wie möglich zurück, denn es gab Erfahrungen, die er nicht machen musste. Von einem Nager gebissen zu werden, der sprechen konnte und normalerweise ein Maschinengewehr über der Schulter trug, gehörte dazu.

„Hätte ich gewusst, dass alle Menschen so bescheuert wie Quill sind, wäre ich niemals dem blonden Idioten gefolgt“.

„Wir machen alle mal Fehler.“ Große Fehler, kleine Fehler. Fehler, in denen man versucht den besten Freund seines eigenen Freundes umzubringen. Fehler, in denen man fast eine Robotorapaokalypse auslöst. Tony kannte sich mit einer Sache besonders gut aus, Fehlern.

„Wenn du es schaffst, sie wieder zum funktionieren zu bekommen“, begann er und machte eine vage Handbewegung in Richtung der schwarzen Puppe mit den roten Flecken „dann seh ich mir noch mal dein Exoskellet an.“ Es waren Kompromisse, mit denen sie hier arbeiten. Sie redeten nicht, sie hörten sich zu, sie tauschten Ideen aus.

Es war fast wie mit Bruce, wenn Bruce ein Arschloch gewesen wäre und nicht die wunderbare Kreatur die er unter seiner grünen Haut versteckte. Es war fast wie mit Peter, wenn Peter unfassbar respektlos und fluchend gesprochen hätte. Es war fast wie mit Harley, wenn Harley jemals die Chance gehabt hätte, sich Tonys Werkstatt von innen anzusehen.

„Sag das nicht Mister-Idol, aber wenn wir Thanos treffen, gehört er mir und ich werde ihm etwas sehr schmerzhaftes zwischen die Rippen rammen. Ich vermute, du verstehst das oder?“ Der Waschbär legte den Kopf schief.

Tony dachte an die Narbe in seiner Seite. Dachte an das Gesicht, dass Strange gemacht hatte, kurz bevor er zerfallen war.

„Er hat seinen besten Freund umgebracht. Steve wird dir wahrscheinlich noch auf die Schulter klopfen.“ Natürlich würde sich Steve schrecklich fühlen, Rache war für die verbitterten, für diejenigen, die es nicht wert waren, Helden genannt zu werden. So jemand wie Tony.

Vielleicht wäre sogar Tony es wert gewesen um diese Wut in Steve zu entfesseln. Das wäre vielleicht ein wenig überheblich, wenn man es sich näher ansah.

Rocket schnaubte, müde und gleichzeitig amüsiert.

Tony lötete mit äußerster Präzision zwei Kabel wieder zusammen und lehnte sich zufrieden zurück. Eine Sache erledigt, es warteten jetzt nur noch ein paar Trillionen Dinge, die es zu erledigen gab. Aber sie kamen dahin. Irgendwie.

„Wenn du nett bist und es hinbekommst, die Brustplatte wieder zum funktionieren zu bekommen, schärfe ich den ominösen Gegenstand, den du dem lilanen Stinkstiefel in die Rippen rammen willst, umsonst.“

Steve räusperte sich, unrasiert und übermüdet. Er passte perfekt hierher, in den verzweifelten Versuch zweier verbitterter Idioten, das Schicksal auszutricksen. Nicht, dass Thanos wirklich das Schicksal war. Es war metaphorisch gemeint.

„Tony, können wir reden?“ Seine Finger ballten sich für einen Sekundenbruchteil um den Stab, mit dem Black Widow Knochen brechen konnte und er wollte ihn Steve gegen die Nase schleudern. Obwohl, Captain America war bis zum Anschlag vollgepumpt mit Steroiden. Eine gebrochene Nase würde vielleicht zwei Sekunden anhalten und dann würde ihn wieder der amerikanische Traum in Person ansehen.

„Natürlich“, antwortete er stattdessen, weil sie alle bessere Dinge zu tun hatten als über verletzte Gefühle zu reden und Tony war nicht nachtragen. Sie konnten sich so einen Luxus nicht leisten, nicht mehr.

Rocket sah ihn aufmerksam an, wie einen Haufen Kabel und Elektroteile.

„Was gibt’s?“, Steve und er würden reden. Das hatten sie schon öfter gemacht, auch wenn sie immer besser darin gewesen waren, sich zu streiten anstatt schöne, geordnete Gespräche zu führen.

Captain America sah nervös aus, aber vielleicht war das einfach die üble Mischung aus zu langen Nächten und dem Gefühl von Schuld, dass sie alle unter sich begrub.

„Hier, das wollte ich dir noch zurückgeben. Bruce sagte, du hast es verloren.“

Nein, wollte Tony schreien, unterdrückte aber sein Zittern und den zu kurzen Atmen und nahm das Klapphandy. Ihre Finger berührten sich und fast hätte Steve was gesagt. Sein Mund öffnete sich und seine Schultern spannten sich so, wie sie es immer taten, wenn Steve Rogers ein unangenehmes Gespräch führen würde.

Wie um alles in der Welt hatte dieses Stück Vergangenheit den Angriff auf New York überlebt? Es war ihm aus der Tasche gefallen weil ein Alien beschlossen hatte, ihn quer durch Straßen zu schleudern und ihn letzten Endes in einem Park fast zu begraben. Seine Rüstung hatte es nicht überlebt, aber dieses Stück Metal aus dem letzten Jahrzehnt hatte alles überlebt. Tony wollte es gegen die Wand schmeißen, denn brauchen tat er nicht mehr. Die Person mit dem es ihn verbinden sollte stand doch direkt vor ihm. Nicht, dass es sich anfühlte als wären sie sich näher als in der Zeit, als ein Haftbefehl sie getrennt hatte.

„Himmel, bin ich froh, dass nicht alles bei euch so schrecklich alt ist wie die Sachen, die Quill immer mit sich herumschleppt“, der Moment war dahin, Tony packte das Handy in seine Hosentasche und er war seinem außerirdischen Partner wirklich außerordentlich Dankbar für diese Schonfrist, die er ihm unbewusst ausgehandelt hatte. Oder bewusst. Es war egal. Alles was zählte war, dass er ein paar Tage mehr hatte, um sich mit dem äußerst therapeutischen Prozedere zu befassen, die er für sich entdeckt hatte.

Er brauchte noch ein wenig, bis er sich entschieden hatte, wie er sich verhalten sollte. Er brauchte mehr Metall, auf das er einhämmern konnte und mehr Ideen, die er auf Papier bringen musste. Sie hatten einen Krieg zu gewinnen.

Der Waschbär tippte äußerst beschäftigt an den Nanorobotern herum und tatsächlich, sie flackerten weniger. Er tat auch so, als hätte er nichts gehört. Vielleicht war die Begegnung mit dem Rest der Guardians of the Galaxy nicht das schlimmste, was ihm in den letzten Jahren passiert war. Und Tony Stark war vieles, aber ein Optimist zu sein war immer Captain Americas Job gewesen.
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