Rock'n Roll Rod

von Rockbar
GeschichteAllgemein / P12
Jan "Farin Urlaub" Vetter OC (Own Character) Rodrigo "Rod" Gonzalez
25.06.2018
16.11.2019
5
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Wie immer die Handlung frei erfunden.

Die Idee zur Geschichte basiert auf einem meiner nächtlichen Träume, in denen Rod kurzfristig als Musiklehrer engagiert wurde.
Zwar bin ich bereits einige Jahre aus der Schule, aber ich fand die Idee so abwechslungsreich, dass ich sie hier posten möchte.
Über den Realismus in der Handlung lässt sich natürlich streiten, aber das sei komplett dahin gestellt.

Ich wünsche euch viel Spaß und würde mich freuen von euch zu hören!


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-Rod's POV-


„Schatz, du wirst sehen. Ab der zweiten Woche wird alles besser“, versicherte mir meine Frau, während mein Blick zu meiner Tochter glitt, die ihren gesamten Teller mit Nutella beschmiert hatte und mich trotz der Sauerei anhimmelte.
Normalerweise hätte ich sie ins Bad geschickt, aber an diesem Tag hatte ich keine Nerven dafür.

„Was mache ich denn heute mit der 7b?“, jammerte ich und sah meine Partnerin völlig überfordert an.  Seit über einer Woche hatte ich den vorübergehenden Job als Quereinsteiger übernommen und schien immer noch sichtlich überfordert.

Die 7b war einer der schlimmsten Klassen der gesamten Schule. Mitten in der Pubertät, zu nichts Bock und  dann kam da ein Aushilfspauker, der im gleichen Alter rebelliert hatte wo er nur konnte und wollte ihnen erzählen wie das Leben funktionierte. Möglicherweise suchte das Schulamt aus gutem Grund Quereinsteiger in diesem Bereich, denn das taten sich vermutlich nicht viele an.

Leider stand ich bei meinem Bekannten in der Kreide und später in der Presse zu lesen, dass Rod Gonzalez nach einer Woche das Handtuch geworfen hatte, sprach auch nicht gerade für mich. Kurz und knapp, mir waren die Hände gebunden.

„Vielleicht solltest du die Methodenauswahl überdenken. Mal was spannendes einbauen. Nicht nur Händel und Bach. Das ist sowieso total überholt“, schmierte sie sich Honig aufs Toast.

Da hatte sie Recht, denn welchen 13 bis 14 Jährigen interessierte es in dem Alter wie irgendein Freak im 18. Jahrhundert auf seinem Instrument musiziert hatte? Klar, indirekt gehörte das zur Musikgeschichte, aber ich fand den Lehrplan trotzdem komplett überholungsbedürftig.

„Dann sag mir mal, wie ich das dem Schulleiter erkläre?“, brummte ich und schob meinen Teller bei Seite. Der Appetit war mir mittlerweile  vergangen.

„Die Zielgruppe mit der du deine workshop machst, ist immerhin schon erwachsen.“
Meine Frau warf mir mitleidige Blicke entgegen.

„Papa, bist du traurig?“, fragte meine 5 Jährige, ehe ich eine Kinderhand auf meinem Gesicht spürte und überrascht zu ihr sah.

„Nein, Süße. Papa muss nur nachdenken, wie er seine Probleme regelt.“
Ich seufzte, sah bereits vor meinem inneren Auge die 30 Kinder vor mir.

„Vielleicht solltest du es wirklich riskieren den Lehrplan etwas umzubauen. Eine Woche Händel, eine Woche aktuelle Musikgeschichte zum Vergleich? Das kriegst du vor jeder Kommission durch und mit der 5. Klasse schaust du einfach einen Film über die Musikgeschichte in Deutschland und schlägst einen Ausflug ins  klingende Museum vor. Und für die 6. Klasse bringst du einige Instrumente mit, die sie ausprobieren können. Dann ziehst du die Stoffeinheit im Lehrplan eben vor.“

„Schon in der zweiten Woche? Ich weiß nicht.“
Sie seufzte.

„Rod weißt du, man kann dir auch nichts recht machen.“
Ehe sie weiter schimpfen konnte, drückte ich ihr einen Kuss auf den Mund.

„Ich liebe euch. Ich bin einfach nur überfordert. Verzeih mir das“, flüsterte ich ihr ins Ohr, ehe ich kleine Arme spürte, die sich vorsichtig  um meine Taille schlangen.

„Papa, ich will auch mitkuscheln“, piepste es leise, ehe mein Blick zur Uhr fiel.

Verdammt, schon 20 vor 8! Ich musste los!


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Zu meiner Verzweiflung konnte ich schnell feststellen, dass ich neben meinem Job als Aushilfslehrer gleich noch den Posten eines Sozialarbeiters übernommen hatte.
Gerade die kleinen Klassen erzählten mir nach den Unterrichtsstunden jeden Mist. Vom toten Meerschwein bis zur im Krankenhaus liegenden Oma, über die Ferienpläne und von den miesen Zuständen, die zu Hause herrschten. Die Gesamtschule lag nicht in der besten Gegend und deshalb hatte ich die Sozialfälle ebenfalls abgefasst. Und einige gingen mir wirklich unter die Haut, auch wenn ich das zu Hause nicht zugeben wollte.

Ich begriff schnell: Ums unterrichten ging es hier eigentlich gar nicht. Zumindest nicht vordergründig. Ich war eher der Kummerkasten für die harten Fälle und fing das auf, was höhere Stellen verpennt hatten.

In der zweiten Stunde stand die  7. Klasse auf dem Stundenplan. Aufgedreht von den letzten zwei freien Tagen, die die Hälfte vor dem heimischen Computer verbracht hatte, statt sich wie zu unserer Zeit draußen zu treffen, redeten alle durcheinander, bis ich mir Gehör verschafft hatte.

„Und? Herr Gonzalez, was haben Sie so gemacht am Wochenende?“, lachte der Klassenälteste, dem man unschwer ansehen konnte, dass er total breit war. Zugegeben, er war überaltert, aber bei den Pupillen ergab sich die Frage was er gemacht hatte definitiv nicht mehr.

„Leo, du bleibst am Ende der Stunde mal da. Wir zwei müssen uns unterhalten“, stellte ich sofort klar und erklärte meinen Unmut, nicht näher auf seine Proteste eingehend.  

„Was habt ihr denn gemacht?“, fragte ich interessehalber, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, weshalb sich Eric, der permanent mit dem Stuhl kippelte zu Wort meldete. Noch ehe ich ihn dran nehmen konnte, eskalierte die Situation, denn der hinter ihm sitzende zog die Bank weg, sodass sich der Junge erschreckte und beinahe zu Boden fiel.

„Man, ey. Du Vollidiot“, schrie er seinen Mitschüler an und gab ihm eine heftige Ohrfeige, ehe die Lage kippte und sich Geschlagener ebenfalls zur Wehr setzte. Es begann ein Gerangel der besonderen Art und ich mittendrin, umgeben von 13 Jährigen Zuschauern, die die Situation ordentlich feierten.

„Hey!  Sofort auseinander“, versuchte ich die Streithähne so behutsam wie möglich zu trennen, die sich Blicke austauschten, als ob sie sich am Ende des Unterrichts ermorden würden. Zu meiner Erleichterung gingen sie aber nicht mehr aufeinander los.

„ Warte ab, bis du heute nach Hause gehst. Dann kannst du dich warm ziehen“, flüsterte Elias zu, was ich mit vorwurfsvollen Blicken taxierte.

„Der wartet überhaupt nicht ab, denn es wird nichts passieren, weil du nach dem Unterricht hier bleibst“, mischte ich mich ein und sah auf den Angegriffenen, der fast flennte und sich den Kopf hielt.
Großartig, Herr Gonzalez. Wenn das so weiter ging, hatte ich nach der Stunde eine Gruppe von Kindern neben dem Lehrertisch und kam überhaupt nicht mehr zum Unterricht, weil ich nur noch Problemfälle löste.

„Das dürfen Sie gar nicht. Nachsitzen ist verboten.“

„Du gehst mal zu Frau Schindhelm ins Sekretariat und holst dir ein Pflaster“, reagierte ich nicht auf Elias und schickte den sichtlich angegriffenen Jungen nach draußen. Um gefühlte 20 Nerven ärmer hatte ich die Situation deeskalierend gelöst. Oder besser gesagt: Ich bildete es mir ein.

„Ich hab ne neue Playstation bekommen.  Vom neuen Arbeitslosengeld meines Vaters“, flüsterte Damian, was  ich mit einem gezwungenen Lächeln kommentierte. Super, dann konnten wir ja gleich lernen wie man Hartz 4 Anträge ausfüllt.

Zu einer Reaktion kam es aber nicht, denn Beatrice in der ersten Reihe fiel ihre Kippenschachtel aus dem Rucksack. Sie sah mich erschrocken an. Mein Gesichtsausdruck war dementsprechend.

„Bea, rauch nicht so viel, das gibt Pickel und Krebs“, tönte es aus der letzten Reihe. Den Satz „Bleib nach der Stunde da“,
verkniff ich mir.

„Madame, du bist 13 Jahre alt“, lies ich als einzigen Kommentar verlauten und bekam sofort eine dementsprechende Reaktion.

„Haben Sie früher nicht auch geraucht und gekifft? Steht alles in der Ärzte Biographie.“

„Ja, aber nicht mit 13.“
Oh, oh. Böser Fehler. Aber es war eher draußen, als ich darüber nachdenken konnte. Die Klasse johlte.

„Was ist eigentlich mit eurem Schulsozialarbeiter? Hatte der nicht dieses Suchtprojekt geplant?“
Ratloses Schulterzucken.

„Der ist schon wieder krank. Ne Vertretung gibt’s nicht. Ist ja kein Geld da.“

„Leute, so geht das nicht. Dann können wir eben nur noch Frontalunterricht machen und müssen uns den Smalltalk sparen, wenn das hier jedes Mal in Schlägereien ausartet.“

„Herr Gonzalez, ich muss mal. Darf ich gehen?“

„Es war doch eben Pause.“

„Ich muss aber trotzdem.“

„Dann los, aber avanti.“
Er schlenderte zur Tür. Ich stöhnte genervt.

„Klappt eure Bücher auf. Seite 24. Die Biographie von Händel.“

„Ich hab mein Buch nicht mit. Das ist zu Hause“, kam es von Leonie, die ich vorwurfsvoll ansah.

„Da liegts gut. Setz dich zu Fiona, aber wehe ihr quatscht.“

Wow, was war eigentlich los mit mir? So autoritär war ich doch früher nicht.

„Und ich will jetzt, dass ihr arbeitet und zwar konzentriert. Wenn ihr das hin bekommt, singen wir am Ende der Stunde let it be von den Beatles und schauen uns beim nächsten Mal ein Video an. Das geht aber nur, wenn die Klappe zu ist“, deutete ich auf den Mund, weshalb sie alarmierend nach oben sahen.

Doch der Frieden hielt nicht lange. Ich schlenderte durch die Reihen, sah auf meine Schützlinge und stellte dann gleich die nächste Katastrophe fest. Meine Blicke trafen auf Samanthas Arme. Eine eher unscheinbare Schülerin, deren Haut von Kratzern übersät war, die sie sich sicher nicht auf normalem Weg aufgefangen hatte. Als sie meine Blicke sah, schob sie ihre Sweatshirtjacke schnell nach unten und nestelte nervös an ihrem Schweißband, das sie ums Handgelenk trug. Ich sagte nichts, wandte meinen Blick ab, beschloss es aber nach der Stunde anzusprechen.

Eigentlich waren die Kinder ein Haufen gestrandeter Seelen. Ich ersparte mir das Lesen der Akten, aber der Eindruck, den sie von sich gaben sprach für sich.

„Linnea, deine Trinkflasche läuft gerade aus“, deutete ich auf die kleine Pfütze, die meine schwarzen Schuhe bewässerte.
Das Mädchen schaute erschrocken nach oben auf, schnappte nach ihrem Rucksack.

„Geh aufs Mädchenklo, okay?“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie war sehr zurückhaltend und eine ausgelaufene Trinkflasche war für sie wie für uns Erwachsene ein Autounfall oder ein Blitzeinschlag.

„Keine Panik, es ist noch nichts passiert“, versuchte ich sie zu beruhigen, aber ein dementsprechender Kommentar von hinten blieb nicht aus.

„Oh, oh. Das gibt Ärger mit Mutti.“

„Pascal dich hat niemand gefragt oder bist du Linneas Mutter?“
Die Kids kicherten.

„Herr Gonzalez, Sie sind so nett. Es ist kaum steigerungsfähig.“

Ich lächelte ihn aufgesetzt an.

Nach 20 weiteren konfliktreichen Minuten erklärte ich die Schreibarbeit für beendet und wies sie an, die Aufgabe zu Hause zu vervollständigen, um die Fakten für die nächste Leistungskontrolle parat zu haben. Anschließend wies ich Samantha darauf hin, dass ich auch mit ihr noch einmal sprechen wollte.
Endlich, der angenehmere Teil des Tages. Ich setzte mich hinters Klavier und begann zu spielen. Nach 2 Sekunden stellten sich mir sämtliche Nackenhaare nach oben, denn der Flügel klang wie aus einem schlechten Horrorfilm. Der war die Katastrophe sondergleichen.
Was waren das denn für Arbeitsgeräte? Hilfe.

Ich bemühte mich gute Miene zu bösem Spiel zu machen. Anderes blieb mir auch nicht übrig und versuchte die Kids auf dem Piano zu begleiten, stimmte die ersten Takte an und sang mit ihnen.

„Moritz, ich will auch deine Stimme hören, los mitsingen“, ermahnte ich angesprochenen, während Linnea und Eric in den Raum geschlendert kamen, aber ich sang unbeirrt weiter und übertönte die Klingel. Auch als alle einpackten und auch, als die Hälfte der Kids nicht mehr da war. Ich stoppte erst, als nur noch die angesprochenen Schüler im Raum standen. Wie war das nochmal? Der Lehrer beendet den Unterricht?

Hektisch leistete ich Krisenintervention.

„Elias, du kommst nach der 4. Stunde nochmal zu mir. Bist du nicht da, rufe ich deine Mutter an. Samantha, du wartest noch kurz draußen, während ich mit Leo rede.“

Sie schloss die Tür, dann waren wir allein.

Ich sah den Teenager mit dem Freiwild T Shirt vorwurfsvoll an.
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