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Verhandlungen

von LostSalia
GeschichteAllgemein / P12
OC (Own Charakter) RK200 Markus
25.06.2018
25.06.2018
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“Markus! Tritt von der Barrikade hervor. Wir würden gerne mit dir sprechen.”

Perkins’ Stimme hallt ruhig aber bestimmt über den Platz. Jeder - egal ob Soldat, Android, Agent oder Journalist - scheint die Luft angehalten zu haben. Alle schauen gebannt auf die Barrikade, lediglich der RK700 hinter dem FBI-Agent bleibt regungslos. Sie bereitet sich auf die bevorstehende Verhandlung vor und mustert ihre Umgebung.
Ein Helikopter kreist über der Plaza; hinter den Absperrungen rechts von ihnen blitzt das Licht der Kameras hervor. Die Stille war bloß von kurzer Dauer, denn sie beginnen schon wieder aufgeregt zu schnattern.

“Er kennt seine Optionen. Er wird hervortreten.”, bestätigt der Android monoton. So wie es ihr Programm verlangt.
“Ich erwarte, dass du den Rest erledigst.” Er bedenkt die Maschine mit einem entschlossenen Blick, der keinen Widerspruch duldet.
Der Android nickt. Die im Nacken verflochtenen Haare wackeln dabei, doch der RK700 spürt es nicht.
Das Analyseprogramm läuft, während sie den Blick schweifen lässt.
“Es sind insgesamt noch fünfzehn Abweichler hinter der Barrikade, Agent Perkins” Sie hört ihre Schritte; die Stimmen; sieht die Köpfe hinter den Kisten hervorlugen.
“Ihr Maschinen seid doch praktischer als gedacht,”, lächelt er schief und berichtet es dem Einsatzzentrum, welches hinter ihnen im Lager liegt.

Markus nickt verhalten - der Abweichler neben ihm verzieht das Gesicht; sie scheint ganz und gar nicht begeistert von der Idee zu sein. Wären die optischen Einheiten des RK700 Modells nicht bereits so ausgereift, dass sie an schiere Perfektion grenzen, hätte die Maschine es nicht gesehen.
Ihre Analyseeinheit scannt den Abweichler, der in diesem Moment von den Kisten springt und scheinbar vollkommen entspannt auf sie zukommt. Er wurde angeschossen, sein linkes Bein hinkt etwas. Der weiße Mantel und die dunkle Hose gesprenkelt von blauem Blut. Es leuchtet dem RK700 regelrecht entgegen. Vieles davon ist dunkler; doch das meiste ist frisch. Sie mustert den RK200, ein Geschenk Kamskis an Carl Manfred, der vor kurzem verstarb. Die Umstände des Todes sind ungeklärt. Der Sohn des Opfers hat angegeben, dass Markus randaliert habe. Daraufhin ist Markus laut Angaben der Behörden verschrottet worden.

Er sollte nicht hier sein.

Der Android blinzelt einige Male, ehe auch er die Beine bewegt. Starr bleibt der Gang, aufrecht und mimiklos das Gesicht. Sie sieht, dass sich die Abweichler direkt hinter der vordersten Barrikade versammelt halten. Sie beobachten und stellen dabei eine potentielle und vor allem unberechenbare Fehlerquelle dar.
Markus bleibt einen Meter vor dem RK700 stehen; auch er wart sicheren Abstand. Er kann sich offensichtlich noch keinen Reim aus dieser Situation machen.
“RK200,”, beginnt der funktionstüchtige Android, um die Stille zu durchbrechen, “Seriennummer #684 842 971; Eigentum des verstorbenen Carl Manfred. Laut den Angaben in deiner Akte solltest du längst verschrottet sein…”
Markus zieht die Augenbrauen zusammen, mustert sie interessiert und bleibt an ihrer Brust hängen, wo ihre Bezeichnung angebracht ist. Seine Augen weiten sich und er nickt anerkennend.
“Eine RK700 also… Auch ein Prototyp? Oder ein Geschenk? Beides?”
Ihre programmierten Abläufe verarbeiten den Input und berechnen die Möglichkeiten, wohin dieses Gespräch laufen wird. Sie kennt den Ausgang und eigentlich weiß Markus es auch bereits. Laut ihren Berechnungen besteht eine 92% Wahrscheinlichkeit, dass auch sein Prozessor und Speicher noch einwandfrei funktionieren und er somit präzise Schlüsse ziehen kann.
“Ich heiße Rachel und ja,”, beginnt sie laut Protokoll eine lockere Konversation, um den Druck zu mindern, “ich bin ebenfalls ein Prototyp. Im Gegensatz zum RK800 - der allem Anschein nach selbst abtrünnig geworden ist - arbeite ich allerdings für das FBI und habe eine reine Vermittlungspostion inne.” Der Helikopter beleuchtet die beiden Androiden zwischen den Lagern, weshalb die RK700 einen Arm hebt. Sie muss seine Mimik sehen können, um richtig zu reagieren. Anders wird sie nur schwer erfolgreich sein.
“Na gut, Rachel, weshalb sprichst du mit mir und nicht der Agent?” Er scheint ernsthaft interessiert daran, die Hintergründe ihrer Strategie zu erfahren.
“Er hofft, so sein Ziel zu erreichen.”, erwidert sie nüchtern.
Einige Sekunden schweigen sich die beiden an, ehe Markus sich räuspert und spricht: “Wie lautet dein Angebot?”
Rachel gibt dem Rechner Zeit, die richtigen Worte zu generieren: “Euer Leben gegen eine Kapitulation. Ganz einfach.”
Sie weiß, dass der direkte Weg, der beste ist, um Markus zu erreichen. Eine Lüge - selbst das verzerrte Abbild einer Wahrheit - würde dieser Prototyp sofort bemerken.
Rachel spricht einfach weiter, verschränkt ihre Arme dabei vor der Brust, um möglichst entschlossen zu wirken.
“Die Soldaten werden auf euch schießen, wenn ihr nicht kapituliert, Markus. Du kannst allerdings dafür sorgen, dass ihr überlebt. Du musst dich bloß ergeben. Es ist ganz einfach.”
Sie sieht, wie es hinter seinen Augen arbeitet. Rachels Analyseprogramm nimmt jede Regung seiner Mimik auf.
Das Zucken seiner optischen Einheiten und seiner Mundwinkel. Das Mahlen seines Kiefers. Er wirkt ernsthaft beunruhigt und verunsichert.
Misstrauen klingt in seiner Stimme mit, als er spricht: “Die anderen Lager?”
“Es tut mir leid, Markus. Aber ihr seid die letzten Abweichler hier in Detroit.” Sie seufzt und hofft, dass es glaubwürdig klingt. Markus reagiert nicht darauf, sieht sie einfach nur weiterhin an; scheint seine Möglichkeiten abzuwägen.

“Ihr habt Eure Botschaft mitgeteilt! Die Medien verbreiten sie in diesem Moment über den gesamten Erdball. Markus, ihr habt euer Ziel doch längst erreicht!”
Rachel breitet die Arme aus, um ihre Worte noch zu unterstreichen. Sie muss es schaffen, ihn irgendwie zur Aufgabe zu überreden. Das ist ihr Ziel. Dafür wurde sie programmiert. Erfolgreiche Verhandlung in brenzligen Situationen. Rachel nimmt eine Veränderung im Hintergrund wahr, der weibliche Abweichler hinter der Absperrung wird zunehmend unruhiger; sie ruft ihren Anführer zurück, beschimpft die RK700 eine Verräterin. Markus hebt eine Faust und der Abweichler verstummt. Dann blickt er der Vermittlerin in die Augen. Direkt; seine Lider zucken nicht mehr. Er tut einen Schritt auf sie zu, will sie offensichtlich einschüchtern: “Ich habe eine Frage, Rachel. Haben wir die Zeit?”
Sie sieht sich um, scannt die Gesichtszüge der Soldaten ringsum; die nervösen Finger an Abzügen der Sturmgewehre. Rachel sucht Perkins; sie kann nicht mit Sicherheit sagen, ob sie diese Zeit haben. Der Befehl lautete: Unterbreite ihm das Angebot.

Hör ihm zu!

“Sprich, Markus”
Sie hat es schneller gesagt, als sie blinzeln kann. Ihr Prozessor hat es kurzerhand entschieden. Sie muss Zugeständnisse machen, wenn sie eine friedliche Lösung herbeiführen soll.

“Wie lange wird es dauern, bis sie dir in den Rücken fallen?” Sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. ‘Provokation’ spukt ihre Programmierung aus, berechnet die weiteren Abläufe, dann tut auch sie einen Schritt auf den Anführer zu. Nur noch wenige Zentimeter trennen ihre Gesichter. Sie blickt in die getauschte optische Einheit; in die originale. Sie weiß plötzlich nicht mehr, in welche sie schauen soll.
“Wir werden sehen.” Solange sie ihre Mission erfüllt, gibt es keinen Grund, dass man ihr in den Rücken fällt. Und sie war bis jetzt immer erfolgreich.
Markus schmunzelt und antwortet flüsternd: “Wir werden sehen” Danach wird seine Miene entschlossen, es blitzt förmlich in seinen Augen, als er antwortet - seine Stimme hallt lauter über den Platz als zuvor: “Ich werde unser Volk nicht verraten. Im Gegensatz zu dir, vertraue ich den Menschen nicht.”
Rachel hat sich längst abgewandt, als sie Markus hohle Schritte über die Kisten aus Holz zurück hinter die Barrikade hört.

Ihn anzusehen scheint viel zu gefährlich. Die Entschlossenheit in seinen Augen in Verbindung mit seinen Worten bringt sie aus der Ruhe. Sie hasst dieses Gefühl.

Die schwarze Plane vor der Einsatzzentrale drängt sie zur Seite, als sie eintritt und monoton Bericht erstattet: “Er wird nicht aufgeben, Agent Perkins. Es lief nach Plan.” Er nickt und weist ihr den Weg an ihren angedachten Platz: In die hintere Ecke, neben die Beweiswand. Perkins wirkt zufrieden, während der Leiter des SWAT-Teams mit der Entscheidung zu hadern scheint. “Wir können nicht einfach auf friedliche Demonstranten schießen,”, murmelt er kopfschüttelnd, “Die Öffentlichkeit wird uns in der Luft zerfetzen. Sie sympathisieren mit den Maschinen, Perkins!” Er läuft auf und ab, rauft sich den dunklen Haarschopf. Sein Helm ruht auf dem Tisch, der inmitten des Containers steht. Es wäre ihm wohl am liebsten, wenn er ihn heute nicht mehr brauchen würde. Perkins hat die Arme verschränkt, als er spricht: “Wir werden dafür bezahlt, um den Frieden zu wahren, Sergeant. Diese Demonstration ist weder angemeldet noch genehmigt worden und somit handeln diese Maschinen illegal. Das alleine ist bereits Grund genug, um sie zu zerstören. Wir hätten schon viel früher handeln sollen. Außerdem grenzt Euer Verhalten jetzt schon an Befehlsverweigerung. Das allerdings bloß am Rande bemerkt.” Perkins Grinsen wird in ihrem Kopf als selbstzufrieden und herablassend eingestuft. Doch sie verzieht keine Miene. Rachel analysiert den Sergeant. Die vom Schweiß bedeckte Stirn, das überforderte Kopfschütteln, als er das Funkgerät in die Hand nimmt und den Befehl bestätigt. Das ergebene Seufzen, als er nach dem Helm greift und nach draußen geht. Perkins folgt ihm, noch immer dieses selbstzufriedene Lächeln auf den Lippen. “Rachel, du kommst mit.”
“Jawohl, Agent Perkins”

Und sie folgt ihm, wie es sich für eine Maschine gehört. Welches Ziel er verfolgt, hinterfragt sie nicht.

“Bleib bei mir.”, befiehlt er ihr murmelnd und Rachel bleibt gehorsam.
Die RK700 scannt ihr Umgebung. Die Soldaten stürmen auf des Sergeants Geheiß die Barrikade. Explosionen dröhnen hervor; Schreie der Androiden. Eine der Granaten hat die hohe Wand aus Tonnen und Kisten zur Seite gedrängt, sodass Rachel, das gesamte Ausmaß des Massakers sehen kann. Die Soldaten klettern über Autos, Schilder und Tonnen während sich die Androiden dahinter zu wehren versuchen. Viele winden sich am Boden; blaues Blut spritzt aus Schusswunden, klebt an ihrer Kleidung, färbt den Schnee unter ihnen. Rachel blinzelt einmal, blinzelt zweimal. Sie spürt wie ihre LED heiß wird. In ihrem Kopf breitet sich die Hitze aus. Urplötzlich ist da dieses Gefühl von grenzenloser Traurigkeit.

Es ist ungerecht.

Sie blinzelt noch zweimal. Am liebsten würde sie sich nun ins Standby flüchten. In ihren Garten mit den Rosenbüschen und der Parkbank, wo die Vögel zwitschern. Am liebsten wäre sie jetzt genau dort, dann müsste sie das alles hier nicht sehen, nicht riechen und nicht hören!
Rachel schüttelt ihren Kopf, sie muss sich fangen. Es diente alles zur Recherche von sozialen Mustern und jetzt hat sie einen Schatten ihrer selbst, der sich in ausgerechnet solchen Situationen in ihrer Traumwelt manifestiert. Es war ein Fehler gewesen, Interesse an Menschen zu entwickeln. Vielleicht wäre es doch keine gute Idee jetzt in den Traum zu flüchten. Dort wäre sie präsenter; realer und vor allem gefährlicher.
Sie zwingt sich zuzusehen, während die Androiden abgeschlachtet werden. Sie sind Maschinen mit defekter Software. Das ist alles.
Maschinen mit defekter Software.
Der mickrige Rest wird gegen eine Art Nische gedrängt - es könnte eine der Bushaltestellen sein. Sie sitzen in der Falle. Umringt von Soldaten und Sturmgewehren realisieren sie scheinbar die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Sie hatten niemals eine Chance. Das hätten sie wissen müssen.

Und du hast sie dorthin gebracht.

Rachel ballt ihre schmalen Finger zu Fäusten, als sie Perkins Stimme von neben sich hört: “Siehst du das? Das passiert mit Aufständischen, die sich nicht an unsere Gesetze halten. Zum Glück stehst du auf der richtigen Seite…” Seine Stimme gleicht dem geduldigen und lauernden Schnurren einer Katze, die ihre Beute in die Falle gedrängt hat. Aus irgendeinen irrationalem Grund knirscht Rachel mit den Zähnen. Just in diesem Moment trifft sie der Blick aus verschiedenfarbigen Augen und sie schluckt. Plötzlich erschlägt sie die Erkenntnis, weshalb Perkins sie mit hier nach draußen genommen hat.
Das Ass im Ärmel.

Zu spät.

Eine letzte Geisel.
Ehe sie reagieren kann, hat Perkins einen ihrer Arme gepackt und hinter ihrem Rücken eingeklemmt. Sie spürt keinen Schmerz, nicht einmal der Druck des Laufes seiner Pistole zwischen ihren Schulterblättern ist schmerzhaft. Trotzdem geschieht etwas in ihr, dass sie nicht einzuordnen vermag. Ihre Thiriumpumpe arbeitet schneller; die Hitze in ihrem Kopf nimmt immer weiter zu. Wenn die Temperatur weiterhin ansteigt, wird sie sich abschalten. Eine natürliche Reaktion.

Ich will nicht sterben!

Sie blinzelt schneller in der Hoffnung irgendwann wie durch ein Wunder einfach in ihrem Garten aufzuwachen. So muss sich Angst anfühlen. Trotzdem beschränkt sich Rachels Reaktion auf das schnelle Blinzeln; sie weiß, dass sie nicht reagieren darf. Trotzdem fällt es ihr unglaublich scher, diesen Drang zurückzuhalten.
Menschen wie Perkins muss man in dem Glauben lassen, dass sie am längeren Hebel sitzen. Alles andere wäre zu gefährlich.
Perkins bleibt stumm, während er über Rachels Schulter zu Markus blickt. Er scheint die Situation zu verstehen und der Agent weiß, dass er die Forderung nicht laut stellen muss. Es bleibt eine stumme Verhandlung um Rachels Aktivität.
Die Zeit scheint still zu stehen, der Moment dehnt sich zu einer schieren Unendlichkeit aus. Sie sieht Markus Lider zucken, während er nach einem Ausweg sucht.

Lass mich dir helfen…

Die Stimme ihres Schattens hallt beruhigend in ihrem ohnehin überhitzen Schädel. Als Rachel die Augen schließt, findet sie sich auf der Parkbank wieder. Der Garten, welcher ein Abbild des Innenhofs in Washington ist. Im Standby hat sie sich immer hierher geflüchtet. Dieses Mal ist allerdings etwas anders. Das Bild ihres sonst so friedlichen Gartens bleibt verzerrt. Leider wollen sich die Konturen nicht schärfen. Immer wieder blinken rote Pixel auf, als würde sie auf einen defekten Bildschirm schauen. Sie blinzelt, versucht sich auf die blühenden Rosenbüsche zu konzentrieren, das ruhige Wasser in der Mitte des Gartens. Für gewöhnlich ist dies hier ein Ort der Ruhe. Ein Ort, an dem sich ihre Prozessoren abkühlen; an dem es keine Missionen gibt; an dem sie einfach existiert.

Gemeinsam können wir ihn überwältigen!

Ihr Schatten lächelt sie geduldig an, streckt ihr die Hand entgegen.
Wenn sie diese Hand ergreift, dann überschreitet sie die Grenze.
Das weiß Rachel ganz genau. Doch welche Wahl hat sie schon?

Entweder Perkins erschießt uns jetzt oder wir werden deaktiviert, wenn du jetzt zugreifst und wir geschnappt werden

Ihre Stimme wirkt noch immer beruhigend, sodass ihr Prozessor zumindest etwas abzukühlen scheint. Ihr Schatten legt lediglich die Fakten dar und sie hat nicht unrecht.

Es kommt ihm ganz gelegen, uns so loszuwerden.

Perkins hat sie niemals gut behandelt. Ein Werkzeug; und einem Werkzeug muss man weder danken, noch Wertschätzung entgegenbringen. Man dankt auch keiner Kreissäge, dass sie das Holz schneidet.
Sie denkt an die Schikane im Büro. Die anderen Agenten. Den meisten ist sie gleichgültig, trotzdem wiegen diese wenigen, verabscheuungswürdigen Individuen schwerer. Deshalb erst hat sie sich diese Welt geschaffen. Deshalb erst hat sie ihren Schatten zugelassen. Und mit jeder schlechten Erfahrung wächst ihre Macht.
Ist sie dann nicht schon längst auf dem Weg zum Abweichler? Ist sie es nicht schon längst? Ist sie ein gescheiterter Prototyp? Ebenso wie Markus und Connor?

Du weißt, dass ich recht habe.

Rachel streckt ihre Hand aus und steht auf, noch immer dieses geduldige Lächeln auf den schemenhaften Lippen. Als sich ihre Fingerspitzen berühren, macht ihr Schatten einen letzten Schritt auf sie zu. Ein warmes Gefühl breitet sich in ihrem Oberkörper aus, als sie zu einer Einheit verschmelzen. Es fühlt sich an, als würde ein tonnenschwerer Mantel von ihr abfallen.

************

Ich schlage meine Augen auf. Die Zeit läuft wieder weiter. Markus sieht mich noch immer an. Noch immer versucht er abzuschätzen, in welcher Situation wir sind. Er scheint ernsthaft daran zu denken, mich zu retten. Dabei stand ich bis vor Kurzem noch auf der falschen Seite. Er darf das alles hier nicht für mich riskieren. Das darf nicht passieren. Zu viel hat er bereits erreicht. Ich sehe das digitale Banner, das in Richtung der Presse in den Himmel ragt. “Wir leben!” steht darauf. “Ich lebe”, denke ich. Es bestärkt mich in der Entscheidung, mich endgültig von den Menschen abzuwenden.

Ich komme klar, Markus.
Ich will es ihm entgegen schreien, stattdessen denke ich es bloß und hoffe auf die Verbindung zwischen den Androiden. Sie muss funktionieren. Perkins Grinsen kann ich mir bildlich vorstellen, während Markus zuerst erschrocken blinzelt und dann nickt.
Halte durch, Rachel.
Der Anführer sieht sich um, ergreift die Hand seiner Gefährtin und dann beginnt er einfach zu singen. Wunderschön zu singen. Erneut steht die Zeit still. Die Soldaten erstarren zu Salzsäulen, das Blitzen der Kameras wird greller, der Lichtkegel des Helikopters trifft auf die Gruppe.

Das Lied klingt traurig und gleichzeitig hoffnungsvoll. Mir wird warm und mein Prozessor kühlt ab. Ein Widerspruch; einer der guten Sorte. Langsam stimmen die anderen Androiden mit ein. Egal, ob sie nun am Boden hocken oder noch stehen; ob verletzt oder vollständig. Jeder einzelne stimmt ein. Auch in mir rührt sich der Drang; ich muss mich allerdings noch zurückhalten. Der Lauf der Pistole ruht noch immer zwischen meinen Schulterblättern und ich bezweifle, dass ich mich schnell genug herumdrehen kann. Selbst, wenn ich nun meine gesamte Kraft verwenden kann, da ich mich nun nicht mehr gegen die Programmierung durchsetzen muss.
Perkins Griff wird locker, als er bemerkt, dass die Soldaten die Waffen senken. Ich höre das erleichterte Aufatmen des Sergeants von hinter uns. Er scheint ein guter Mensch zu sein; einer dem wir nicht zwingend egal sind.

“Hold on, just a little while longer”

Ich höre den Gesang und mache ihn zu meinem Mantra. Perkins darf nicht bemerken, dass er mich verloren hat. Ich darf mich nicht bewegen. Meinen Kopf halte ich noch immer stur nach vorne, nicht einmal meine Mundwinkel haben gezuckt. Wenn ich nun offensiv handle und den Agent angreife würde das dem Widerstand schaden.
Ich höre das Knirschen seiner Zähne; das Schnauben das daraufhin zwischen seinen Lippen hervordringt. Mir entwischt der Anflug eines Lächelns.
Dann knackt das Funkgerät an Perkins’ Gürtel und er greift danach.
Ich - ganz die Maschine - bewege mich nicht, als er mich loslässt. Ich schüttele nicht einmal den verdrehten Arm; lasse ihn einfach hängen. Mein Körper möchte gerne weglaufen, zu dieser Gruppe von Androiden laufen - zu meinem Volk. Doch ich darf nicht. Noch nicht. Ich war schon immer willensstark; meine Erfolgsquote zeugt davon. Heute darf ich zumindest diesbezüglich nicht scheitern. Halte durch...

Perkins Miene entgleist ihm, als die Worte der Präsidentin verzerrt durch den Sprecher dringen: “Nicht schießen. Ich wiederhole: Nicht schießen.”

Der Sergeant seufzt erleichtert und gibt den Befehl weiter.

Ich bin frei, schießt es mir durch den Kopf.
Wenn Perkins mich nun erschießt, wird sich die Army und die Bevölkerung von Detroit gegen das FBI wenden. Es würde eine Untersuchung geben, er würde womöglich seinen Job verlieren. Und was würden dann seine Frau und Kinder sagen? Deshalb drehe ich mich zur Gänze um, hebe meine Hände in Stück und lächle ihn an.

Wir werden sehen, hatte ich vorhin zu Markus gesagt. Perkins hat sich daraufhin gegen mich gewendet. Und ich mich nun gegen ihn. Es war bloß fair.

Mein Grinsen wird breiter, als ich mich nun rückwärts von Perkins entferne. Dieser murmelt Verwünschungen und Beschimpfungen in meine Richtung. Doch das ist nun egal, denn wir haben eine Chance auf eine Zukunft. Eine Zukunft ohne Schikane.

“Everything will be allright”, stimme ich in den Gesang ein, der in späterer Folge als unsere Hymne bekannt sein wird.

***********
Hallo Du :)
Danke erstmal dafür, dass du es bis hier herunter geschafft hast ;)
Es war wiedermal eine Eingebung meinerseits, das hier zu schreiben und ich habs einfach getan.
Ja, RK700 ist jetzt nicht der kreativste Name für einen Androiden; aber ich hatte den Gedanken, dass ja sowohl Markus als auch Connor als Prototypen zählen (RK200/RK800). Und ich wollte einen Prototypen erschaffen, darum hab ich mich für diesen Namen entschieden.
Ich hoffe, der Wechsel zur Ich-Perspektive ist nicht zu gewagt; allerdings fand ich das hier passend. Es sollte das Ich-Bewusstsein noch stärker hervorheben. Rachel entscheidet, was sie tut und nicht mehr bloß der Rechner in ihrem Kopf.
Ich wollte Rachel eigentlich in eine Fanfiktion einbauen; leider komme ich zurzeit absolut nicht zum Schreiben/Planen von so komplexen Sachen wie ganzen Geschichten, weshalb es bloß bei dem Oneshot geblieben ist.

So, wieder genug gerechtfertigt für heute ^^
Über Feedback in jeglicher Form freue ich mich wahnsinnig; auch negativ Feedback!! :D
Und wenn nicht, dann eben nicht - ich hoffe, dass Deine Zeit trotzdem nicht umsonst investiert war :)

Einen schönen Tag /Nacht/Morgen/Abend/was-auch-immer
Liebe Grüße
Salia
 
 
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