Ein ganz persönlicher Fall

GeschichteKrimi, Tragödie / P16 Slash
André Matthäus Ben Decker Martin Fuchs
23.06.2018
12.01.2020
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Müde gähnte Martin hinter vorgehaltener Hand und lehnte sich im Beifahrersitz ihres Dienstwagens zurück. Ben neben ihm schmunzelte bloß.

„Wir sind ja gleich durch!“, erklärte er mitfühlend und tätschelte ihm die Schulter.

„Diese Jugend!“, grummelte Martin.

Wobei er Ben wahrscheinlich wirklich dankbar sein sollte. Schließlich war es nicht selbstverständlich, dass sein Kollege seinen ‚Zustand‘ einfach so hinnahm. Klar, er hätte eigentlich heute frei gehabt und war nur deswegen am gestrigen Abend überhaupt aus gewesen. Da aber Not am Mann gewesen war hatte er kurzfristig die Tagschicht übernehmen müssen. Im Moment half ihm das aber trotzdem nicht weiter. Übermüdet und ein wenig verkatert war er trotzdem.

„War‘s wenigstens schön?“

„Ja! War richtig toll die Jungs alle mal wieder auf einem Haufen zu haben. Kommt ja leider eher selten vor. Und manchmal vermiss ich das einfach. Da war das eine Gelegenheit die ich nicht verpassen wollte. Wobei man nicht glauben sollte wie sehr drei Anwälte, ein Arzt, ein Musiker, zwei Sozialarbeiter und ein Polizist auch heute noch Party machen können… “

„Yo! Vorsicht Kölle! Die Gang ist wieder in der Stadt!“, Ben lachte.

„Na na! Dir Jungspund ist dein neuer Stern ganz schön zu Kopf gestiegen, hm? Bist ziemlich frech geworden.“

Martin lächelte nur, denn diese Art der verbalen Kabbelei war ein Hauptgrund warum er gerne mit Ben Streife fuhr. Sie hatten einfach denselben Humor und konnten gemeinsam lachen, was die Schichten sehr kurzweilig machte. Mit anderen Kollegen klappte das nicht immer so reibungslos.

Wobei es immer noch ein wenig merkwürdig war, dass Ben nun der ranghöhere Beamte war obwohl er selbst der Ältere von ihnen war. Aber er gönnte ihm diese Beförderung aus tiefstem Herzen. Ben war ein wirklich guter Polizist und hatte hart dafür gearbeitet.

„Natürlich! Ich darf jetzt sogar ganz offiziell frech sein!“, mit einer dramatischen Geste strich Ben über die Schulterklappe mit den drei Sternen darauf. „Als Polizeihauptkommissar bin ich Autoritätsfigur!“

Bevor er sich stoppen konnte lachte Martin gut gelaunt auf, auch Ben ließ sich davon anstecken.

„Was hältst du davon, wenn die Autoritätsfigur dich zu einem Katerabendessen einlädt?“

„Du bist meine Rettung!“

„Tja, wenn schon das letzte Bier schlecht war dann ist es ja quasi meine Pflicht dir beim Kontern zu helfen…“, erklärte Ben gespielt ernst.

Sie hatten schließlich das Glück, dass sie die letzten Minuten ihrer Schicht in Ruhe verbringen konnten. Mit Routine fuhr Ben den Streifenwagen durch die Straßen. Martin rutschte währenddessen noch ein Stück weiter in den Sitz. Er schlief dabei zwar nicht ein, komplett wach war er aber auch nicht mehr.

„Hey du Partylöwe! Aufwachen, wir sind da.“

„Hm?“, Martin blinzelte träge und rieb sich dann die Augen.

Verschämt realisierte er, dass sie vor der Wache standen und Ben bereits geparkt hatte.

„Tschuldigung…“, murmelte er.

„Meine Güte das muss eine echt krasse Party gewesen sein…“, Ben lachte bloß warm. „Da find ich es fast schon schade, dass ich nicht dabei war.“

„So junges Gemüse wie du würde ja auch nicht in unsere Altherrenriege passen! Zudem sind wir eine alteingesessene Clique, Leute die nicht dazu gehören haben da eh nichts dabei zu suchen! Selbst Lebenspartner sind nicht eingeladen…“, meinte Martin triumphierend.

„Hattest du mir nicht selbst erst vor ein paar Tagen erklärt, dass Alter nur zwei blöde Zahlen sind?“

„Wäre möglich…“, brummte Martin und kratzte sich am Kopf.

„Also ich glaub eine Tasse Ingwertee und ein Haferbrei wären für dich heute besser.“

Deutlich sichtbar schauderte Marti n auf diesen Vorschlag hin, empört sah er Ben daraufhin an.

„Für wie alt hältst du mich gleich?“

„Solange du nicht mit dem Rollator zum Tatort kommst halte ich dich für noch jung genug!“

„Gute Antwort!“

Schließlich stiegen sie aus ihrem Streifenwagen, Martin streckte sich daraufhin. Er zog eine Grimasse als seine Wirbelsäule leise knackte. Auf jeden Fall tat die frische Luft gut, tief atmete er durch.

„Kommst du?“, wollte Ben dann wissen.

„Ja, ja! Bin schon auf dem Weg. Ein alter Mann ist kein D-Zug…“

Ben schnaubte nur und schüttelte grinsend den Kopf. Eine andere Antwort gab er nicht mehr. Gemeinsam betraten sie dann die Wache. Mit einem Winken grüßten sie Klaus, dieser saß am Empfang und drückte dann den Türöffner um sie in die Räumlichkeiten zu lassen.

„Wohin willst du eigentlich zum Abendessen?“

Für einen Moment schien Ben zu überlegen, dann lächelte er mit allen Zähnen.

„Da die Leber nach exzessivem Alkoholgenuss mit dessen Abbau beschäftigt ist sollte man nicht zu deftig essen. Und eher auf Suppen, Eintöpfe, Obst und Gemüse zurückgreifen. Vor allem ist es wichtig die Mineralstoffdefizite wieder auszugleichen…“

Martin schwante bei dieser Aufzählung bereits schlimmes. Denn er wusste, dass Ben sehr von gesundem Essen überzeugt war und auch die Restaurants danach auswählte.

„Was hältst du vom ‚Kölschen Bistro‘?“

Auf diese, wohl rhetorische, Frage stöhnte Martin gequält auf. Denn in der Zwischenzeit kannte er das Bistro das Ben meinte ebenfalls. Dieses verwendete ausschließlich Bio-Zutaten und servierte vor allem vegetarische und vegane Gerichte.

„Warum hab ich das nur erwartet?“

„Weil wir beide das Musterbild für eine ideale Polizeipartnerschaft sind?“, wollte Ben zuckersüß wissen und zwinkerte ihm zu.

Da er deshalb aber nicht darauf achtete wohin er lief stieß er prompt mit jemandem zusammen. Erschrocken schlug er sich die Hand vor den Mund.

„Entschuldigung! Das tut mir so leid! Ist Ihnen was passiert?“

Im ersten Moment verbiss sich Martin das Auflachen nur mit Mühe. Dieses erstarb aber sofort als er feststellte wen Ben da gerade umgerannt hatte.

„Bernd?“, fragte er alarmiert. „Was machst du denn hier? Wolltest du zu mir?“

Perplex sah Ben zwischen ihnen hin und her.

„Ähm… Ihr kennt euch?“

„Erklär ich dir später.“, meinte Martin kurz angebunden.

Gerade lag sein kompletter Fokus auf Bernd. Denn dieser war einer seiner ältesten Freunde und gehörte ebenso zu seiner Altherrenriege. Jetzt erkannte er den Juristen aber kaum mehr wieder. Er trug Kleidung die aussah als ob er lediglich nach dem ersten gegriffen hatte das ihm in die Hände gefallen war. Seine Bewegungen wirkten fahrig und unruhig, zudem war er unheimlich blass. Verwundert zog Martin die Augenbrauen nach oben, denn er wusste, dass Bernd am Vorabend keinen Alkohol getrunken hatte. Tat er schon aus Prinzip nie. Soweit er wusste war das eine Angewohnheit die noch auf seine Zeit als Staatsanwalt zurück ging. Bernd hatte diese Rolle immer ernst genommen und sich gerade in der Öffentlichkeit entsprechend verhalten.

„Hey!“, vorsichtig nahm er ihn an den Schultern. „Was ist passiert? Red mit mir!“

Denn davon, dass etwas vorgefallen war ging er gerade wirklich aus, es gab wenig was Bernd so aus der Bahn werfen konnte. Tief atmete er durch und sah Martin fest in die Augen.

„Alex ist mit dem Auto verunglückt.“

Für ein paar Sekunden starrte er Bernd nur verständnislos an. Als die Bedeutung seiner Worte in seinem Gehirn registrierte zog er erschrocken die Luft ein. Seine gute Laune verschwand damit ebenfalls.

„Ach du Scheiße…“, ohne zu wissen was er sagen sollte fuhr er mit den Händen durch die Haare. „Wie geht’s ihm? Er ist doch nicht… Oder?“

Irgendwie war es merkwürdig, er kannte Alexander erst seit ein paar Jahren. Im Vergleich zu den anderen Freundschaften innerhalb ihrer Clique eigentlich eine lächerlich kurze Zeit. Trotzdem war er ihm sehr schnell sehr wichtig geworden. Und das nicht nur, weil er Stephans Kanzleipartner war. Vielleicht war es deshalb, dass er das Wort ‚tot‘ nicht über die Lippen bringen konnte.

Bernd schüttelte nur den Kopf, ein deutlicher Schatten lag in seinen Augen.

„Nein, aber die Ärzte sind wohl eher pessimistisch was die Zukunft angeht…“

Für einen Moment presste er stumm die Lippen zusammen. Unfähig dazu einen Satz zu bilden der außerhalb seines Kopfes Sinn ergab. Was hätte er auch sagen sollen? Solche Situationen waren beruflich schon schwierig zu händeln. Aber jetzt? Wenn es um jemanden ging den er als Freund sah? Explosionsartig atmete er aus und verschränkte die Hände am Hinterkopf. Was das mit Stephan machte wollte er sich gar nicht vorstellen.

„Was ist eigentlich mit Stephan? Der weiß Bescheid, oder?“

Perplex hörte Martin wie Ben bei seinen Worten ein erschrockenes Geräusch machte. Länger als er es zugeben wollte überlegte er sich woran das liegen konnte. Erst dann wurde ihm klar was los war. Er hatte nur den Namen Stephan aufgeschnappt und daraus seine Schlüsse gezogen. Unwirsch schüttelte er kurz den Kopf.

„Das ist nicht unser Kollege Stephan, Ben. Mach dir keine Gedanken.“

Betreten nickte Ben kurz. Scheinbar fühlte er sich, als Zuschauer, in dieser doch eher privaten Situation sowieso  nicht wohl.

„Um kurz das offensichtliche zu klären. Bernd, das ist Ben Decker mein Kollege. Ben das ist Bernd Römer, einer meiner besten und ältesten Freunde.“

„Freut mich sehr!“, erklärte Ben daraufhin freundlich und reichte ihm die Hand.

Formal nahm Bernd diese, drückte kurz und nickte. Doch Martin kannte ihn lange genug um zu wissen, dass er gar nicht komplett bei der Sache war. Wahrscheinlich war er ihnen allen wieder zwei Schritte voraus.

Bernd rieb sich müde über die kurzen Haare und seufzte tief.

„Stephan weiß was passiert ist. Deine Kollegen Westerhoven und Winter waren bei ihm in der Kanzlei, um ihn zu informieren und kurz mit ihm zu reden. Von ihnen wurde ich dann angerufen, weil sie es für besser gehalten haben, dass er nicht alleine ist.“, erklärte er mitgenommen.

Sprachlos sah Martin ihn für einen Augenblick nur an. Stephan und Alexander waren, nach allem was er wusste, Kanzleipartner aber auch nicht mehr. Seiner Meinung nach waren sie nicht einmal wirkliche Freunde, die berufliche Partnerschaft eher ein Zweckbündnis. An den besten Tagen ignorierten sie sich soweit es möglich war. An den schlechtesten Tagen reichte ein falsches Wort und der Streit war vorprogrammiert.

Sicher, Stephan war oftmals sehr Verstand orientiert, aber er war kein gefühlskalter Eisklotz. Dass er, von den Geschehnissen, aber so umgehauen worden war wunderte ihn trotzdem. Warum also hatte ihn die Nachricht über Alexanders Unfall so betroffen gemacht? Und das sogar so sehr, dass Marc und Florian es für angebracht gehalten hatten jemanden zu kontaktiert der ihm beistand?

„Haben die beiden sonst irgendetwas gesagt? Weiß man schon was genau passiert ist?“

„Bisher sieht es nach einem ganz normalen Verkehrsunfall aus.“, erklärte Bernd frustriert. „Bei der Unfallaufnahme wurde eine größere Ölspur auf der Straße gefunden. Es sieht wohl so aus, dass Alex darüber gefahren ist und deshalb die Kontrolle über das Auto verloren hat.“

„Meine Güte!“, flüsterte Martin.

Irgendwie konnte er kaum glauben, dass Alexander wegen so einer Bagatelle nun im Krankenhaus lag. Direkt überlegte er sich auch ob er selbst wohl etwas tun konnte, kam jedoch zu keinem Ergebnis.

„Warum bist du eigentlich hier? Wenn die Kollegen doch bei Stephan in der Kanzlei waren, war es doch gar nicht nötig auf die Wache zu kommen.“

Zu seiner Überraschung seufzte Bernd bei dieser Frage nur frustriert.

„Weil Stephan die Situation nicht auf sich beruhen lassen will. Er versucht herauszubekommen was der VUD in Erfahrung gebracht hat.“, Bernd schnitt eine Grimasse. „Manchmal ist es wirklich erschreckend wie er sich in gewisse Dinge verbeißt. Irgendwie erinnert mich das an einen Rotweiler mit einem Knochen…“

Für einen Sekundenbruchteil tauschte Martin einen verwirrten Blick mit Ben.

„Marc und Flo haben den VUD hinzugezogen? Warum das?“

Denn nach allem was Bernd zum Unfallhergang gesagt hatte handelte es sich um einen Alleinunfall den die Kollegen aufnehmen konnten. Ben schien dabei aber etwas bewusst zu werden, denn er ließ kurz die Augen zufallen und schluckte schwer.

„Die Grundzuständigkeit des Verkehrsunfalldienstes ergibt sich bei Unfällen mit Schwerverletzten, bei denen nach erster Einschätzung vor Ort mit dem Ableben gerechnet werden muss.“, presste er mit deutlichem Bedauern in der Stimme hervor.

Erschrocken fuhr Martin zu seinem Kollegen herum. Sicher, Bernd hatte angedeutet, dass es Alexander nicht gut ging. Trotzdem konnte es doch nicht sein, dass sie einfach so davon ausgingen, dass dieser den Unfall nicht überleben würde.

„Ach, komm jetzt!“, versuchte er zu relativieren.

Als er aber sah wie Bernd bestätigend nickte wurde ihm übel. Wie eine große Welle brach die Realität über ihm zusammen. Ein wirklich guter Freund war mit dem Auto verunglückt. Dabei war er so schwer verletzt worden, dass man davon ausgehen musste, dass er versterben würde.

Rau rieb er sich die Hände über das Gesicht. Dass er gerade noch voller guter Laune ein Abendessen mit Ben geplant hatte konnte er sich nun gar nicht mehr vorstellen. Mit einem Mal fühlte sich das an wie eine Erinnerung aus einem vorherigen Leben…
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