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Hölle -was ist das eigentlich?

KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
22.06.2018
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Viele Menschen sprechen in den unterschiedlichsten Situationen von der ‚Hölle auf Erden‘ -einem Sprichwort, welches man im deutschen Sprachgebrauch sowohl ernsthaft nutzen, wie auch ins lächerliche ziehen kann. Der Verwendungszweck dieser Aussage ist also vielseitig einsetzbar… aber was genau ist denn jetzt die ‚Hölle‘?

Nun. Ich persönlich bin mir sehr sicher, dass sie für jeden etwas anderes darstellt. Und ich bin davon überzeugt, dass die ‚Hölle auf Erden‘ nicht selten das widerspiegelt, was das eigene Leben geprägt hat.

Was mich betrifft, so lernte ich meine persönliche Hölle vor etwa 3 Jahren das erste Mal kennen.
Viele von euch werden sich an ihre Kindheit erinnern -wie auch daran, was sie geprägt hat. Denn schließlich ist es nicht unwichtig, wie man als Kind auf die Welt vorbereitet wird, wie man sie sieht und was man in seinem Alltag erfährt, nicht wahr? Lasst mich das ganze etwas präziser beschreiben: Wenn euch als Kind etwas Freude bereitet hat, findet sich etwas ähnliches meist einige Jahre später in euren Hobby‘s wieder. Wenn euch als Kind etwas Angst gemacht hat und negativ geprägt hat, zog sich dies meist auch sehr lange durch euer Leben -vielleicht war es sogar so schlimm, dass es sich bis heute als Trauma in euren Köpfen festgefressen hat! Wie ein Kind aufwächst, prägt in gewisser Weise die Art seines späteren Lebens: Viel Sozialkontakt, wenig Kontakt zu anderen Menschen, viel Freizeit mit Freunden oder man sitzt mehr allein in seinen 4 Wänden. All das sind Faktoren, die unterbewusst einen gewissen Weg für uns ebnen, ohne dass wir es bemerken.

Um meine Kindheit etwas genauer zu beschreiben und euch damit einen Blick ‚hinter die Kulissen‘ zu gewähren, braucht es eigentlich nicht allzu viel: Ich war als einziges Ekelkind der Liebling von Oma und Opa, habe viel Zeit mit meiner Mum verbracht und wenig mit meinem Vater. Zuhause befand ich mich in einer wohl gehüteten Welt, die nur mir und meinen (Wunsch)träumen gehörte… außerhalb und in der Schule stellte ich jedoch fest, dass Kinder extrem grausam sein konnten. Also schottete ich mich immer mehr von anderen Sozialkontakten ab und verbrachte mehr Zeit mit meiner Familie. Mit der Zeit beschränkte sich mein Leben außerhalb meines Zuhauses auf einen kleinen Bereich, denn den Rest nahm meine Freizeit wie auch meine Familie ein.
Kurz und knapp wuchs ich relativ behütet in einem familiären Umfeld auf.

Die folgenden Schuljahre macht es mir nicht leichter. Meine Sozialkontakte inklusive das Interesse andere Menschen um mich zu haben, sank immer weiter. Das Familienband schwand etwas und erst viele Jahre später kann ich mir eingestehen: Viele Sachen waren für mich selbstverständlich, die einfach nicht selbstverständlich waren. Von Opa zugestecktes Geld, mit Oma verbrachte Zeit, mit Mama und Oma zusammen unterwegs… es war alles so selbstverständlich für mich. Nicht zuletzt erkenne ich jetzt auch, dass ihre Anwesenheit für mich selbstverständlich war. Nie habe ich mir damals einen Kopf darüber gemacht, dass meine Familie nicht ewig so bestehen würde -warum auch? Es waren ja alle da, die Zeit war schön und erst ab einem gewissen Alter registrierst du, dass die Zeit nicht stehen bleibt, der Tag nicht endlos ist und Leben vergeht.
Alles was lebt, muss auch irgendwann sterben… das ist der ‚Ewige Kreislauf des Lebens‘, wie man es schon in Filmen wie ‚König der Löwen‘ beigebracht bekommt.

Das war mir klar. Auch in jungen Jahren werden einem bestimmte Sätze mitgeteilt die verdeutlichen, dass Menschen nicht ewig da sind: Auch die eigene geliebte Familie nicht. Doch mit 9 Jahren ist der Tot für dich meist so weit entfernt, wie dein eigener Abschluss -er ist quasi nicht existent, da er kein Thema für dich ist.

Aber je erwachsener du wirst, umso deutlicher vergeht die Zeit. Hatte man als Kind alle Zeit der Welt, wird der Tag mit seinen 24 Stunden im Alter immer kürzer. Dinge werden relevant, die als Kind nie ausschlaggebend sind, doch die Zeit macht keinen Halt… für niemanden. Ich wurde erwachsener, volljährig -und letztlich war die Zeit um, in der meine kleine ‚heile‘ Familienwelt zusammenhalten sollte. In kurzer Zeit fiel meine Welt in der ich mich sicher fühlte, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Sie zerbrach einfach wie ein Spiegel, in den man einen Hammer schleudert.

In wenigen Wochen kehrte ein Familienmitglied uns restlichen den Rücken zu, nahm ein anderes einfach mit sich und ein weiteres konnte seinen Krankheiten und seiner gezählten Zeit nicht weiter stand halten. Plötzlich standen meine Mum, Oma und ich völlig allein da. Fast 2 Jahre vergehen, bis sich jeder einigermaßen von all dem Drama erholt hat -da steht das nächste vor der Tür. Ein erneuter familiärer Todesfall -Omas Bruder ist gestorben. Kaputte Leber, Wasser in der Lunge. Zeitgleich kämpft Oma mit schwerer Atemnot. Sollte eigentlich montags zum Kardiologen. Montagfrüh wird sie vom Krankenwagen abgeholt, weil es nicht mehr geht. Im Krankenhaus stellt sich dann heraus: Wasser in der Lunge, Lungenentzündung, Herzrythmus-Störungen und Blutgerinnsel am Herzen. Sie liegt 2 Wochen im Krankenhaus, verpasst die Beerdigung ihres eigenen Bruders und kommt einen Tag nach eben dieser wieder nach Hause. Dort teilt sie uns mit, dass die Ärzte nicht viel für sie tun können. Das Blutgerinnsel operativ entfernen wäre zu gefährlich und der einzige Versuch besteht darin, es über mehrere Wochen mit einem Blutverdünnenden Medikament aufzulösen. Wenn es nicht hilft kann es platzen, schlimmer werden. Wenn die eigene Oma dann noch mit Tränen in den Augen sagt, Mama und ich sollen zusammenhalten, uns im Zweifel Hilfe bei Bekannten suchen und uns keinen Kopf machen -selbst wenn ihr Bruder sie mit ins Grab nehmen würde… dann steht die Welt erst Mal richtig auf dem Kopf.

Was die Hölle ist?

Ich weiß jetzt jedenfalls sehr gut, welche MEINE ist: Zu wissen, dass meine Familie bald nur noch aus Mama bestehen könnte. Und der noch größere Horror zeigt mir auf, dass ich dann bald komplett allein sein könnte -wenn mein Freund mir nicht zur Seite steht.
‚Die Hölle auf Erden‘ ist für mich, irgendwann keine Familie mehr zu haben!
 
 
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