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Moon Story

von 505
GeschichteAllgemein / P12 Slash
Elijah Kamski RK800-51-59 Connor
22.06.2018
09.03.2019
6
14.285
19
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
22.06.2018 1.501
 
(°Detroit: Moon Story
nlcr



Datum
21. NOV 2038

Zeit
22:07:34

Eine gedämpfte Melodie durchbrach die nächtliche Stille. Fast so wie eine vergessene Spieluhr, die von außerhalb des Dachbodens kaum hörbar war. Nur wenn man wusste, dass sie existierte, war es einem möglich sie zu erkennen.
    Nach einer angemessenen Zeit nahm ich meinen Finger von der Klingel, die seitlich neben der sperrigen, anthrazitfarbenen Tür angebracht war und die Tonfolge verstummte. Durch eines der Fenster drang künstliches Licht, das den Schnee zu meinen Füßen in ein kaltes Blau tauchte. Er ist Zuhause.

Aber natürlich war er das. Ein absurder Gedanke, der sich von ganz allein in mein Unterbewusstsein gestohlen hatte. Ohne dass ich ihm Einlass gewehrte. Etwas, an das ich mich erst noch gewöhnen musste. Schließlich war ich noch nicht lange fähig, eigene Entscheidungen zu fällen, außerhalb geskripiteter Vorgaben zu antworten und richtig zu denken. Zu denken, nicht zu schlussfolgern. Schon möglich, dass ich mich nie vollkommen an den neuen Zustand gewöhnen würde.
    Er hat dich eingeladen, Connor, rief ich mir selbst ins Gedächtnis. Auch wenn mir der Grund dafür schleierhaft bleiben sollte. Eine Einladung von Elijah Kamski schlug man nicht aus. Erst recht nicht als Android. Hank hatte recht. Genaugenommen war er mein Schöpfer. Ohne seine fraglos erstaunliche Arbeit würde es weder mich, noch meinesgleichen geben.
    Und auch dieses Mal fühlte es sich eigenartig an. Auf eine unerklärliche Weise gleichermaßen surreal und falsch.

Gerade, als mein System eine Software-Instabilität feststellte, wurde die Tür schwungvoll aufgezogen und der Lichtkegel vergrößerte sich rapide. Im Bruchteil einer Sekunde hatten sich die Biokomponenten in meinen Augen an die Änderung angepasst und scannten automatisch die Umgebung. Abstrus, eine gleiche Leistung vom menschlichen Auge zu erwarten.
    Vor mir ersteckte sich die gleiche Eingangshalle wie nur wenige Wochen zuvor. Die blaue Einrichtung hatte sich auf den ersten Blick nicht verändert, wohl aber die Person, die mich etwas verspannt hinter der Tür erwartete.  Es war entgegen meiner Annahme nicht das gleiche Modell RT600, dessen Leben ich verschont hatte. Genau genommen war es nicht mal ein Android.

Texeira, Ruben Emilio

Geboren: 26.05.2017 // arbeitslos

Vorstrafen: Keine


Noch bevor ich dem jungen Mann einen ersten Blick schenken konnte, hatte mein System automatisch die US-amerikanische Datenbank durchforstet und war fündig geworden. Ich vermerkte die vorerst unauffälligen Informationen und nutzte die Gunst der Stunde, um ihn zu mustern.
    Auch wenn mein System nicht auf dem neusten Stand gewesen wäre, war es offensichtlich, dass es sich bei meinem Gegenüber nicht um einen Androiden handelte. Er war groß gewachsen, um einiges größer als ich, hatte zottelige blonde Haare, die der Gelfrisur zum Trotz ein Eigenleben zu haben schienen. Seine Nase war krumm und spitz und nicht der einzige Fleck seines Gesichts, der mit Sommersprossen übersät war.
    „Guten Abend, Sir“, begrüßte er mich etwas unbeholfen. Stutzend zog ich die Augenbrauen empor. Ich konnte mich nicht erinnern, dass mich jemals jemand mit Sir angesprochen hatte – ganz gleich ob Mensch oder nicht. Meine Mimik ließ ihn offenbar völlig unbeeindruckt, denn er fuhr fort. „Sie sind Connor, richtig? Elijah – äh, Mister Kamski – erwartet Ihren Besuch bereits.“

Mit einer einladenden Geste gewährte er mir Eintritt in das schlichte aber stilvoll eingerichtete Innere des Hauses. Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken und folgte der Richtung, in die seine Hand wies.
    „Bitte folgen Sie mir“, stieß er etwas holprig hervor. Ich beobachtete ihn dabei, wie er die schwere Tür um ein gewisses Tempo bemüht zuzog und an mir vorbei in den nächsten Raum eilte, der mir ebenfalls bekannt war. Ich folgte ihm wortlos an dem Swimming Pool vorbei, der um diese Tageszeit im roten Licht beleuchtet noch prunkvoller aussah, als bei meinem ersten Besuch.
    „Möchten Sie etwas trinken?“, bot er mir an, ohne sich zu mir umzudrehen, doch korrigierte sich, bevor ich das Wort ergreifen konnte, „N-Natürlich nicht. Verzeihung!“

Er führte mich am Pool vorbei in einen weiteren Raum, der mir bisher unbekannt war.
    „Bitteschön“, ließ mich Ruben wissen, dass ich hier richtig war und blieb vor dem Türrahmen stehen, „Wenn Sie … nun ja … sonst etwas brauchen, lassen Sie es mich wissen.“ Ich bedankte mich für die Mühe und beobachtete, wie er die Tür zwischen uns zuzog. Ein komischer Mensch. Einer von der Sorte, die mir wohl immer ein Rätsel bleiben würden.
    Ich fuhr herum und scannte den Raum zuerst grob ab. Er war um einigeres größer als die anderen, aufgeteilt in zwei Bereiche. Der vordere, in dem ich mich befand, wirkte wie eine Art Wohnzimmer auf mich. Ein großer, neumodischer Monitor erstreckte sich über eine komplette Wand. Er befand sich im Stand-By-Modus, der abwechselnd die Skylines internationaler Städte bei Nacht zeigte. Davor befand sich eine schlichte Couch, auf der sicherlich das halbe Revier hätte Platz finden können. Außer einer elektrischen Gitarre, die inmitten des minimalistisch gehaltenen Raums fast verloren wirkte, war der meiste Bereich allerdings leer. Es suggerierte mir das Gefühl, als sei Kamski erst vor kurzem hier eingezogen.
    Der hintere Teil des Raumes hingegen wirkte wie aus einer völlig anderen Welt. Ein dunkler Schreibtisch schaute erhaben in Richtung Eingang. Mahagoni, wie es mein Speicher zu wissen schien. Ein rötliches Holz, das schon seit einigen Jahren kaum noch zu kriegen war. In die breiten Beine waren feine Schnitzereien gearbeitet, die dem mächtigen Stück einen filigranen Touch verliehen. Wenn ich tatsächlich einen Geschmack entwickelte, dann würde diese Holzart definitiv in meinem Gedächtnis bleiben.

Hinter dem eindrucksvollen Meisterstück saß ein wohl noch erstaunlicherer Mann. Kamskis Blick ging stur nach unten, schien etwas zu fixieren, das mir aus diesem Winkel verborgen blieb.
    Einen Augenblick lang ließ ich den Anblick auf mich wirken, bevor ich die deckenhohen Bücherregale fixierte, die sich hinter dem Menschen befanden, der meine Anwesenheit offenbar gekonnt ignorierte. Auch dieses Bild war mehr als ungewöhnlich. Gedruckte Bücher galten schon ab den späten 20er Jahren als ausgestorben. Ich selbst hatte – von einem Notizbuch abgesehen –  noch keins in den Händen gehalten, geschweige denn gesehen.
    Wie von allein hatten sich meine Beine in Gang gesetzt und ehe ich mich versah, fand ich mich vor Kamskis hauseigener Bibliothek wieder, ohne dessen Besitzer eine Begrüßung zu widmen. Viel zu hungrig war meine Neugier, die um jeden Preis gestillt werden wollte. Ehe ich mich versah fuhren meine Finger über die alphabetisch sortierten Buchrücken. Ein Exemplar dicker als das nächste. Ich las Namen der zahlreichen Autoren, die ich allesamt gespeichert hatte – ganz gleich wie bedeutend seine Werke waren. Aber eines hatten sie alle gleich: Ihre Verfasser waren ausnahmslos alle tot.

Als ich beim Buchstaben L angekommen war, stockte meine Hand automatisch, verharrte über einem Exemplar, das eher zu den dünneren Büchern zählte. Mit Bedacht zog ich es aus dem hohen Regal und betrachtete zunächst das Cover.
    Le petit prince. Ein deutlich abgegriffenes und gleichermaßen vielgelesenes Exemplar, dessen Einband über die Jahre stark verblasst war. Ich schlug die erste Seite auf und bemerkte eine handschriftliche Widmung.

„Für Elijah,

hör niemals auf zu träumen.

In Liebe,

Mom.“


„Beeindruckend, nicht wahr?“
    Eine feste, tiefe Stimme ließ mich herumfahren. Zügig sortierte ich das Buch wieder an der Stelle des Regales ein, der ich es entnommen hatte. Kamski saß auf einem schlichten Bürostuhl, der mir zugewandt war und störte sich keinesfalls an dem Eingriff in seine Privatsphäre. Ich fragte mich, wie ich so vertieft gewesen sein konnte, dass mir seine plötzliche Aufmerksamkeit entgangen war.
    „Beeindruckend, ja“, bestätigte ich seine Aussage und beobachtete das Lächeln, das um seine Lippen spielte.
    „Eine der wenigen Privatbibliotheken Detroits“, erklärte er, während er sich langsam von seinem Stuhl erhob, „Und wenn du mich fragst: Die Beste.“ Mit sicheren Schritten trat auch er an das Bücherregal heran, nur wenige Meter von mir entfernt, und sortierte bedächtig ein gebundenes Buch mit dunkelblauem Einband ein.

Anschließend drehte er sich in meine Richtung und musterte mich einen Augenblick lang.
    „Du bist spät dran, Connor“, bemerkte er wie beiläufig, fast so, als wäre es lediglich eine Feststellung ohne jegliche Anklage.
    „Entschuldigen Sie meine Verspätung, Mister Kamski“, entgegnete ich gemäß meinen programmierten Höflichkeitsklauseln, „Die Verkehrslage in Detroit ist derzeit unberechenbar.“
    „Bitte“, es hörte sich fast wie ein Flehen an, das er wispernd über die Lippen brachte, während er einen weiteren Schritt zwischen uns nahm, „Das hier ist dein zweiter Besuch in meinem bescheidenen Heim. Sei doch so gut und nenn mich beim Vornamen.“
    „Wie Sie wollen, Elijah“, lenkte ich entgegenkommend ein.
    Ich beobachtete, wie sich ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete.

„Aber wären Sie vielleicht so freundlich, mir zu verraten, weshalb ich hier bin?“



___

A/N: Und damit herzlich Willkommen zu meinem ersten DBH-Projekt (endlich!).
Ja, es folgen noch ein paar Kapitel. Weil ein Oneshot es einfach nicht getan hätte, habe ich mich für eine 'kleinere' Geschichte entschieden, die ich hoffentlich auf einen Dreiteiler reduzieren kann. Einfach, um nach monatelanger Pause wieder ins Schreiben hineinzukommen.
Jegliche Anmerkungen könnt ihr gerne in Form eines Reviews/einer Mail etc pp dalassen - ich hab wirklich verhältnismäßig lange nichts mehr veröffentlich und würde mich über Kritik jeglicher Art freuen.
Danke schon mal :)
Und noch weiterhin viel Spaß mit meiner kleinen Idee
bis dann oder irgendwann,
nlcr
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