Der Prinz von Atlantis - Teil 1: Meeresleuchten

von Nellodee
GeschichteRomanze, Fantasy / P16
22.06.2018
06.06.2019
40
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Meine Lieben! Einige von euch kennen diese Geschichte bereits in voller Länge - nicht wundern, dass sie jetzt noch einmal "neu" auftaucht. Ich bin nämlich dabei, sie komplett zu überarbeiten. Das wird in den ersten Kapiteln meist eher subtil sein, aber es gibt auch ein paar wichtige Ergänzungen, einiges wird ausführlicher geschildert - und später kommt dann auch umfangreicher, komplett neuer Plot.
An alle, die sich an die erste Version erinnern und noch interessiert sind - ich bin sehr gespannt, was ihr zu den Veränderungen sagt und hoffe, sie gefallen euch.
An alle, die die Story zum ersten Mal lesen: Herzlich willkommen, macht es euch bequem und gebt mir sehr gern Feedback zu allem, was euch auffällt. Mir helfen alle Kommentare - negative und positive.
Und jetzt viel Spaß! :-)







Jetzt

Ich stehe am Rand der Klippen und sehe auf das aufgewühlte Meer. Der Himmel ist blassgrau, der Wind zerrt an meinen Haaren. Die Luft schmeckt nach Salz. Ein Sturm kommt auf. Der erste richtige Sturm überhaupt seit Juni. Seit dem Tag, an dem Aris fast gestorben wäre und meine Welt eine andere geworden ist. Ich fasse die goldgestreifte Muschel in meiner Hand so fest, dass mir die harten Kanten fast in die Haut schneiden. In Gedanken wiederhole ich seine Botschaft, sein Versprechen: Wir werden uns wiedersehen.




Am Anfang des Sommers

Kapitel 1

Cornwall, auf dich kann man sich echt verlassen. Hat jemand den Wunsch nach eiskaltem Wind und Starkregen an einem Tag, der zumindest in Berlin als sonniger Frühsommermorgen begonnen hatte? Kein Problem: Fliegen Sie einfach nach Gatwick, steigen Sie ein paar Mal um in Züge und Busse und ta-daa! Nässe und Kälte. Aber immerhin auch eine umwerfende Aussicht auf den schiefergrauen, von weißer Gischt durchzogenen Atlantik, der sich, aufgewühlt durch den Sturm, wieder und wieder krachend an Strand und felsige Klippen warf.
Ich zog meinen 50-Pence-Regenponcho etwas fester um mich und meinen Wanderrucksack und versuchte, noch ein bisschen schneller die lange, unregelmäßig gepflasterte Hauptstraße von Greycove hinauf zu gehen. Hier und da warfen mir einige Ladenbesitzer mitleidige Blicke aus ihren kleinen Schaufenstern zu. Einige der Gesichter erkannte ich und winkte ihnen grinsend zu. Jawohl, die kleine Ella Keane aus Deutschland war wieder da, wenigstens daran erkannte man, dass der Sommer kam.
Ein weiterer Windstoß traf mich schräg von vorn und drückte mich gegen eine der malerischen grauen Steinfronten der ehemaligen Fischerhäuser, denen Greycove seinen Namen verdankt. Von der Fischerei lebte hier allerdings seit Jahren kaum noch jemand… Wobei meine Granny gern gesagt hatte, dass die Einwohner dieses Dörfchens schon immer mehr Strandräuber und Schmuggler waren als alles andere.
Beim Gedanken an Granny Rose wurde mein Grinsen mehr zu einem traurigen Lächeln. Sie hatte hier ihr ganzes Leben verbracht und ich hatte sie fast jeden Sommer mit meiner Mutter besucht. Vor zwei Jahren war sie gestorben, und statt ihres ansteckenden Lachens und ihrer großartigen Rosinenscones wartete nur noch ihr kleines Cottage mit dem winzigen verwilderten Garten auf mich. Ich seufzte, fuhr mir dann kurz mit der Hand durchs Gesicht und wischte neben Regentropfen auch ein paar Strähnen meines blonden Haars aus der Stirn. Nicht zum ersten Mal gratulierte ich mir innerlich zu meinem praktischen Kurzhaarschnitt. Wo kein Styling ist, kann auch keins durch Wind und Regen ruiniert werden.
Ich stieß mich von der rauen Hauswand ab und marschierte weiter. Und nach ein paar Mal abbiegen stand ich endlich vor dem kleinen geduckten Häuschen mit der weißen Tür, von der die Farbe abblätterte. Einer meiner Jobs diesen Sommer, eindeutig.
Ich wühlte gerade nach dem Schlüssel, da klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer. Ich ging trotzdem ran, und bevor ich ein Wort sagen konnte, überfiel mich die Stimme meiner Mutter mit einem ganzen Wortschwall.
„Ella? Leg nicht auf, ich bin es! Das ist das Handy von Lars, kannst gleich die Nummer speichern. Auf meins hab ich versehentlich den Defi gestellt und jetzt macht es keinen Mucks mehr, aber ich hab eh nur Empfang, wenn wir zwei Hügel weiterfahren…“
„Ganz langsam, Mama!“, versuchte ich sie zu bremsen und gleichzeitig die Tür aufzuschließen. Sie klemmte, wie immer bei Feuchtigkeit. „Bist du etwa immer noch in Afghanistan? Wer ist Lars?“
„Es tut mir so Leid, aber ich kann erst nächste Woche nach Greycove kommen, die machen uns hier Ärger wegen der Sicherheitslage. Aber keine Sorge, es ist wirklich alles ruhig und Lars fährt mich dann mit dem Jeep nach Kandahar…“
„Nett von ihm. Wer ist Lars?“ Okay, das Schloss war offen. Die Tür nicht. Ich versuchte, den rutschigen Knauf in den Griff zu bekommen und gleichzeitig gegen die Tür zu drücken, wobei mir die Kapuze herunterrutschte. Der Regen hatte sich zu einem feinen Nieseln verändert und nutzte die günstige Gelegenheit, mir über meinen Nacken den Rücken hinunter zu laufen.
„Du bist nicht böse, oder? Ich schaffe es bestimmt nächste Woche, spätestens übernächste, und dann feiern wir dein Abi nach, ja?“
„Ich bin nicht böse. Wer ist Lars?“
„Ich muss Schluss machen, die brauchen mich gleich wieder im OP! Hab dich lieb!“
„Mama?!“
Und weg war sie. Ich starrte auf mein Handy. Das leuchtete noch einmal auf und wurde dann schwarz. Akku alle, schon wieder. Ich brauchte echt ein neues. Egal.
„Wer ist Lars?!“ fragte ich die weiße, geschlossene Tür vor mir.

Das war mal wieder typisch meine Mutter. Mit der einen Hand die Welt retten und mit der anderen Chaos verbreiten. So war sie, seit ich mich erinnern konnte. Mein Vater musste ein sehr entspannter Mann gewesen sein. Leider konnte ich mich nicht an ihn erinnern, er starb, als ich noch ganz klein war. Krebs, natürlich. Stirbt überhaupt noch jemand an etwas anderem? Okay, dazu hatte meine Mutter sicher eine andere Meinung. Denn sie nahm sich seit Jahren regelmäßig ein paar Wochen im Jahr frei, um statt ihrer stressigen aber berechenbaren Stelle als Chirurgin im Berliner Westend-Krankenhaus für ‚Ärzte ohne Grenzen’ durch die Weltgeschichte zu hüpfen. So hatte das Kreuzberger Urgestein Sophie Herrmann auch den Briten Scott Keane kennengelernt. Und so war es ziemlich schnell zu der kleinen Ella Keane gekommen, die zwar in Deutschland wohnte und gerade Abitur gemacht hatte, aber einen Sommer nach dem nächsten in Cornwall aufgewachsen war. Und die besagtes Abi mit einem schönen exklusiven Mutter-Tochter-Urlaub feiern wollte, wobei Cornwall nur die erste Station sein sollte. Nur gut, dass wir noch nichts sonst gebucht hatten... Dass sie mal wieder nicht pünktlich sein würde, hatte ich ehrlich gesagt schon in meine Planung eingerechnet. Aber dass die Verspätung eventuell mit einem Männernamen zu tun hatte, den ich bisher nicht von ihr gehört hatte, machte mich schon etwas stutzig.
Komm wieder runter, vermutlich ist es bloß ein Kollege, redete mir meine innere Stimme gut zu. Und selbst wenn’s was anderes ist, die Frau hat sich seit Dads Tod nur um dich und ihre Arbeit gekümmert. Da hat sie doch wohl das Recht auf ein bisschen Spaß, oder?
Sicher wären noch ein paar andere gute Argumente gekommen.
Aber plötzlich raste ein grauhaariges, riesiges Ungetüm um die Ecke und stürzte sich auf mich. Ich ging zu Boden, mitten hinein in eine matschige Pfütze.
„Snowflake! Kommst du her! Ach, du bist das, Ella…“
Hinter dem Monster, das halb auf mir drauflag und mir verrückt vor Freude seine riesigen, dreckigen Pfoten in Brust und Bauch drückte, erkannte ich das rosige Gesicht von Mrs. Kemp, der Nachbarin. Sie war gut mit meiner Oma befreundet gewesen und kümmerte sich seit ihrem Tod um das Cottage, wenn wir nicht da waren. Worum sie sich noch kümmerte, war Snowflake: ein riesiger, spindeldürrer irischer Wolfshund mit zottigem grauen Fell, der Oma gehört hatte, aber eigentlich so etwas wie das Dorfmaskottchen war. Snowflake wirkte auf manche Leute einschüchternd, aber er war eine Seele von Hund, und mich konnte er schon immer besonders gut riechen.
Durch das Gewicht meines Rucksacks unter mir und einem enthusiastisch hechelnden Riesenhund über mir konnte ich mich zwar kaum bewegen, doch ich presste mir einen höflichen Gruß und ein hilfesuchendes Winken ab. Mrs. Kemp hatte aber bereits entschieden, dass alles seine Ordnung hatte. Die kleine Ella war da, somit waren sowohl Snowflake als auch das Cottage meiner Oma nicht mehr ihre Verantwortung – zumindest für die nächsten Wochen. Und es war wirklich unangenehm nass und windig hier draußen. Sie winkte also fröhlich zurück, rief noch etwas von Trockenfutter und Auflauf und eilte dann zurück in ihr warmes und trockenes Häuschen.
Ich kämpfte mich von Snowflake frei, kam auf die Beine und verpasste der Eingangstür einen beherzten Tritt. Noch mehr Farbe platzte ab, aber sie sprang auf.
Na bitte, geht doch.

Eine Stunde später war meine Welt wieder in Ordnung. Oder soweit in Ordnung, wie sie sein kann, wenn man wie ich eigentlich eher mit der Unordnung vertraut ist.
Aber ich hatte heiß geduscht, trockene Sachen aus meinem Rucksack gewühlt und mir Mrs. Kemps Auflauf im Backofen heiß gemacht. Snowflake hatte gefühlt den halben Sack Trockenfutter verputzt, lag zu meinen Füßen und verbreitete den unverkennbar strengen Geruch von nassem Hundefell.
Draußen riss der Himmel auf und ein unglaublich heller Sonnenstrahl fiel durch das kleine Küchenfenster herein. Eine Möwe schrie. Snowflake hob den Kopf und sah mich aus seinen dunklen Augen erwartungsvoll an.
Ich zwinkerte ihm zu. „Geht gleich los.“
Er verstand natürlich genau, sprang auf und rannte glücklich bellend in Richtung Gartentür.
Ich schnappte mir mein Handy und meinen guten Anorak - den, den ich ganz unten in meinen Rucksack gepackt hatte, in der irrigen Annahme, ihn vorerst nicht zu brauchen, weshalb ich mir am Busbahnhof von Pensance den wunderbaren 50-Pence-Regenponcho besorgen musste. Los ging´s. Es war Zeit für mein Greycove-Ritual: Eine schön lange Wanderung entlang der Steilküste bis zu meinem Lieblingsstrand, gemeinsam mit meinem großen, dummen Lieblingshund.

Draußen hinter dem Cottage empfing mich eine neue Welt: Der Wind hatte den Regen vertrieben und jagte jetzt nur noch verspielt ein paar weiße Wolkenfetzen über den strahlend blauen Himmel. Die Sonne leuchtete auf der sturmzerzausten weiten Graslandschaft, die sich vor mir bis zum Rand der Steilküste ausbreitete. Sie wärmte mir das Gesicht – die Luft jedoch war immer noch empfindlich kühl. Definitiv zu kühl für Cornwall Anfang Juni. Gut gelaunt stapfte ich voran, auf einem kleinen Trampelpfad, der wahrscheinlich sonst mehr von den Kaninchen genutzt wurde. Snowflake rannte in weiten Kreisen um mich herum und versuchte ab und an vergeblich, Möwen zu schnappen. Die sahen ihn natürlich lange vorher kommen, stießen sich lässig vom Boden ab und segelten dann mühelos auf der nächsten Windböe davon. Ich atmete tief ein. Zwar wohnten wir seit Jahren in Berlin, der Heimatstadt meiner Mutter, und dort hatte ich auch den größten Teil meiner Schulzeit zugebracht – aber richtig zuhause fühlte ich mich eigentlich nur hier. Ich kreuzte einen halbherzig asphaltierten Feldweg, der am Rand der Klippen entlangführte und an einer Stelle sogar gefährlich nah am Rand des Abgrunds lag. Tatsächlich hatte man in Greycove in den letzten Jahren immer mal wieder darüber geredet, den Weg zu verlegen, wegen der Absturzgefahr. Aber da er eigentlich nur genutzt wurde, wenn die Dorfjugend zum Surfen oder Grillen in die darunterliegende Bucht wollte, war nie etwas daraus geworden. Die Leute von hier wussten schließlich genau, an welchen Stellen man besser Abstand hielt.
Umso besser, dachte ich, so kommen nicht mehr Besucher in mein Revier als unbedingt nötig.
Ich trat vorsichtig an die Kante und warf einen kurzen Blick hinab: Hier und da abgesackte Erde, aber nichts, was besonders dramatisch wirkte oder vor Kurzem geschehen war. Alles cool. Die Bucht lag unter mir. Von hier aus konnte man kaum den Strand erkennen, so eng war sie. Aber ich hörte das Rauschen der Brandung und sah, wie das Wasser weiter draußen an eine Reihe Felsen schlug, die hier als die ‚King´s Steps’ – die Schritte des Königs – oder, weniger poetisch, als ‚Trade Bridge’ – so viel wie Schmugglerbrücke – bekannt war. Auf der anderen Seite der Bucht, aber von hier aus nicht zu sehen, lag ein einsames Cottage, das zwei alten Damen gehörte, den Schwestern Bernhardt. Sie galten im Dorf als etwas versponnen, aber jedes Kind, das nach dem Spielen am Strand bei ihnen hereinschneite, hatte die sichere Aussicht auf ein Glas Limonade, irgendeine Süßigkeit und manchmal auch eine merkwürdige, aber spannende Geschichte. Vielleicht würde ich dort nachher mal wieder vorbeischauen, überlegte ich.
Erst einmal aber zog es mich hinunter zum Strand. Wer weiß, vielleicht hatte der Sturm interessantes Treibgut angespült? ‚Strandräuber’ war immer das liebste Spiel von meinen Greycove-Sandkastenfreunden Lisa und Kenneth gewesen, und daher natürlich auch meins.

Plötzlich machte es ‚Ping’ und in meinem totgeglaubten Handy poppte eine WhatsApp auf: ‚Hey Baby, alles klar? Wie wär's mal wieder mit 'nem Drink oder so? Diesen Sa? *Zwinker-Emoji*’
Ich starrte ungläubig auf das Display.
Echt jetzt?
Die Nachricht war von Christoph - oder vielmehr von ‚Christoph, dem Mistkerl’, wie er bei meinen Berliner Freundinnen nur noch hieß, seit er mich letztes Jahr kurz vor Weihnachten abserviert hatte. Weil er sich noch nicht ‚reif genug für eine Beziehung’ gefühlt hatte. Er war aber reif genug gewesen, schon am nächsten Tag mit der hohlen Céline aus der Parallelklasse rumzumachen. Vermutlich hatte sich das schon länger angebahnt, aber ich war einfach zu verknallt gewesen, irgendwas zu checken. Naja, ein Gutes hatte es gehabt: Denn als ich die Story erfuhr, war ich so sauer geworden, dass mein Liebeskummer mit einem Schlag verschwunden war. Im Nachhinein ärgerte ich mich nur, dass ich ausgerechnet an diesen Kerl mein erstes Mal verschwendet hatte.
Tja. Was lernen wir daraus? Manche Traumprinzen sind eben einfach nur Frösche.
Oder vielleicht küssen manche Prinzessinnen doch nicht so gut, wie sie denken, kicherte es frech in meinem Kopf.
Ich steckte mir selbst die Zunge heraus. Manchmal fragte ich mich, auf wessen Seite meine innere Stimme eigentlich stand.  
Dann warf ich noch einen Blick auf die WhatsApp. Erst wollte ich eine schön fiese Nachricht zurückschreiben... leider fiel mir nichts Richtiges ein. Aber dann merkte ich, dass mir das Ganze - und auch Christoph - mittlerweile echt egal war. In diesem Moment schnaufte mein Handy den letzten Funken Energie aus und schaltete ab.
Thema erledigt. Ich grinste zufrieden.

Dann pfiff ich nach Snowflake, der begeistert zurückbellte und ansonsten kein bisschen gehorchte. Dem Echo nach war er ohnehin schon fast unten. Ich lachte und rannte hinterher, den steilen, gewundenen Pfad hinab, immer auf der Hut vor losen Steinen und heimtückischen Wurzeln.
Endlich stand ich in der kleinen Bucht. Der gelbliche Sand leuchtete fast weiß in der Sonne und war bedeckt von Algenfetzen, Treibholz und auch, leider, einer ganzen Menge Müll wie Dosen, Flaschen und zerfetzten Plastiktüten. Das weniger romantische Strandgut. Ich sah keine Fußspuren außer den mächtigen Pfotenabdrücken von Snowflake, der immer noch hoffnungslos begeistert den Möwen nachjagte. Am Fuß der Steilwand duckte sich ein kleiner, grob gezimmerter Verschlag. Stewarts Bootsschuppen. Er wirkte nicht beschädigt – bis dahin waren die Wellen letzte Nacht also nicht gekommen.
Vor mir allerdings krachten sie immer noch mit Wucht ans Ufer. Wo sie statt flachem Sand auf Felsen trafen, spritzte schaumige Gischt hoch und wurde vom Wind durch die Luft gewirbelt. Das Wasser, welches bei ruhigem Wetter fast türkisblau wirken konnte, war jetzt von dunklen, undurchdringlichen Graugrün. Meine Augen folgten abwesend einer Möwe, die Snowflake aufgescheucht hatte. Sie schwebte dicht über den Wellen, als ob sie in dem aufgewühlten Wasser einen Landeplatz suchte.
Und dann sah ich ihn.

Es war ein Surfer, der die dämliche Idee gehabt hatte, an so einem Tag mit seinem Brett hinaus zu paddeln, um nach der richtigen Welle zu suchen. Stattdessen hatte er mehr als genug von den falschen gefunden.
Ich sprang auf einen Felsen, um die Situation besser beurteilen zu können. War er in Schwierigkeiten? Verdammt, es sah ganz so aus. Die Wellen rissen das Brett unkontrolliert hin und her, und der Körper darauf schien sich kaum zu bewegen.
„Hey!“, brüllte ich gegen den Wind an. „Alles in Ordnung bei dir?“
Snowflake kam bellend heran und sprang an dem Felsen hoch. Ich ignorierte seine Aufregung. Hatte der Kerl auf dem Brett reagiert? Ich konnte es nicht erkennen. Panik bohrte sich in meinen Magen und meine Gedanken stürzten durcheinander. Jeder, der hier baden wollte, kannte die Warnung vor den gefährlichen Strömungen, die schon an ruhigen Tagen zur tödlichen Gefahr werden konnten. Und trotzdem musste die Küstenwache immer mal wieder Unvorsichtige, meist Touristen, aus dem Wasser ziehen. Manchmal war es zu spät – sie waren ertrunken, oder tödlich unterkühlt.
Das Brett verschwand unter einem gewaltigen Brecher und tauchte dann wieder auf, leer, nein, mit der Unterseite nach oben. Dann, Gott sei Dank, drehte es sich und der Surfer war wieder über der Wasseroberfläche. Doch jetzt war ich mir sicher: Er regte sich nicht mehr.
Ich zerrte mein Handy aus der Jackentasche, verdammt, kein Lebenszeichen, die letzte WhatsApp hatte es erledigt.
Mach doch was, Ella! schrie ich mir innerlich zu. Bei der nächsten Welle kommt er vielleicht nicht wieder hoch!
Ich tat das Dümmste, was ich tun konnte.
Ich tat das Einzige, was ich tun konnte.
Ich riss mir Anorak und Schuhe herunter und rannte ins Wasser.
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