Alles auf Anfang

von Lieyes
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
Abigail Armstrong Christian Reed Katarina "Kat" Karamakov Tara Webster
21.06.2018
21.06.2018
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Kat stand am Seitenrand der Bühne und beobachtete Taras Auftritt von der Requisite aus. Ihr schlanker Körper wiegte sich zur Musik und schwebte über die Bühne wie eine Feder. Kat liebte es, ihr beim Tanzen zuzusehen. Wenn sie Tara ansah, begriff sie die Sache mit dem Fliegen. In ihren Bewegungen fand Kat die Leichtigkeit, die das Ballett ausmachen sollte und die ihr selbst immer schwerer fiel. Seit ihrer Kindheit erzählten die Leute ihr von dem Talent, dass sie angeblich hatte. Für die Tochter der großen Natasha Willis wäre es wohl ziemlich unbequem gewesen, plötzlich eine herausragende Begabung von Biochemie an den Tag zu legen. Am Anfang hatten alle noch erwartet, dass Kat eine ebenso großartige Tänzerin zu werden wie ihre Mutter. Über die Jahre war diese Erwartung zu der verzweifelten Hoffnung geworden, dass Kat überhaupt irgendetwas werden würde.

Kat lehnte sich gegen einen der Stützpfeiler und ließ sich von Taras Tanz in eine Welt entführen, in der niemand etwas vom anderen erwartete und jeder sich so nahm, wie er war. Wie Tara es tat.
Die Musik verklang und Tara kam von der Bühne. Atemlos und mit leuchtenden Augen lief sie auf Kat zu, die Füße nach außen gesetzt wie viele Tänzerinnen es taten. Ihr glückliches Lächeln glühte warm auf ihren Lippen und Kat konnte nicht anders, als sich davon anstecken zu lassen.
„Bist du fertig mit dem Training?“, fragte sie und war erleichtert, als Tara nickte.
„Für heute schon. Der neue Boden auf der Bühne ist fantastisch! Ich bin froh, dass Ray ihn mich hat testen lassen.“
„Wie macht Ray sich denn als neuer Choreograph?“
Tara hob die Schultern. „Er ist kein Wes Cooper. Ray versucht, das Moderne beizubehalten und gleichzeitig die Klassik wieder mehr einzubinden. Es ist wahnsinnig herausfordernd. Und jetzt, wo Abigail nicht mehr da ist …“ Sie verstummte, aber Kat wusste, was Tara meinte. Abigail war neben ihrem Verlobten Wes das einzige bekannte Gesicht an der National Dance Company gewesen, als Tara nach der Rehabilitationszeit aufgenommen worden war. Es hatte sie zwei Jahre harte Arbeit gekostet, zu ihrem früheren Trainingsstand zurückzukehren. In dieser Zeit hatte es so niederschmetternde Momente gegeben, dass selbst Kats Optimismus ins Wanken geraten war, auch wenn sie Tara nichts davon verraten hatte. Ihre Freundin jetzt wieder frei und sicher auf der Bühne zu sehen, erfüllte Kats Herz mit Stolz. Sie beugte sich vor und gab Tara einen schnellen Kuss. „Wenn du dich beeilst, schaffen wir es noch vor Ladenschluss zu diesem Italiener, den Christian aufgetan hat!“
„Gib es zu, du hoffst nur, ihm dort zu begegnen“, entgegnete Tara neckend, bevor sie in der Garderobe verschwand, um sich frischzumachen. Sie sah nicht mehr, wie Kat ihr die Zunge herausstreckte. Gedankenverloren schlenderte Kat zum Ausgang des Theaters und dachte an die vielen Momente, die sie hier verbracht hatte. Als Kind in der Garaderobe ihrer Mutter. Als Zuschauerin mit ihren Klassenkameraden während der Zeit an der Akademie. Als seelische Unterstützung bei Taras Heilungsprozess. In vielen Erinnerungen kam auch Christian vor. Kat lächelte still vor sich hin. Zum Glück war Christian kein Thema mehr zwischen ihr und Tara. Nicht seit …
„Können wir?“ Tara legte die Arme von hinten um Kats Taille und küsste sie auf die Wange.
„Ich warte schon seit Stunden darauf, dass du das sagst!“ Lachend verschränkte Kat ihre Finger mit Taras und sie traten Hand in Hand in die Abendluft hinaus.

„Hast du etwas von Olli gehört?“, fragte Tara beiläufig, während sie die Straße entlang gingen. Über dem Pier ging die Sonne unter und ließ die Ausläufer des Pazifiks in goldenem Licht erstrahlen.
Kat schüttelte den Kopf. „Ein bisschen merkwürdig ist es schon, dass er letztes Jahr einfach so von der Bildfläche verschwunden ist, mitten in der laufenden Saison. Nicht einmal Abigail weiß etwas von ihm. Aber ich bin sicher, dass es ihm gut geht. Olli lässt sich nicht so leicht unterkriegen und wenn wir das nächste Mal von ihm hören, hat er gerade sein erstes Album veröffentlicht oder die Hip-Hop-Weltmeisterschaft gewonnen oder so.“
„Du hast bestimmt Recht“, pflichtete Tara bei. „Und Abigail hat in Paris bestimmt Besseres zu tun, als nach ihm zu suchen.“
„Zum Beispiel eine Hochzeit zu planen!“
Verzückt berichtete Kat über die neuesten Entwicklungen von Abigails Hochzeit. Natürlich musste alles perfekt sein. Abigail Armstrong duldete keine Zweitklassigkeit.
Kat beschrieb gerade die Dekorationspläne und die Probleme mit der Location, als sie in die schmale Straße mit dem berühmt-berüchtigten Italiener einbogen. Das Glimmen des Neonschildes über dem Eingang wurde von Mal zu Mal schwächer, aber das störte weder den Besitzer noch seine Kunden. Von weitem sahen sie, dass jemand vor dem Eingang auf und ab ging, als wüsste er nicht, ob er hineingehen sollte oder nicht. Etwas an seinen Bewegungen kam Kat bekannt vor, doch sie konnte nicht einordnen, was es war. Sie kniff die Augen zusammen. „Ist das Christian?“
Tara schüttelte den Kopf. „Er meinte, er muss heute länger im Studio bleiben.“
Kat blinzelte ein paar Mal und wollte das eigenartige Gefühl schon als merkwürdige Äußerung ihres Hungers abtun, da erreichten sie den Ladeneingang. Die Gestalt drehte sich um und im schwachen Neonlicht erkannte Kat, wer da vor ihr stand. Geschockt verharrte sie mitten in der Bewegung. Augenblicklich wusste sie, weshalb ihr die Bewegungen so bekannt vorgekommen waren. Auch Tara klappte die Kinnlade herunter.
„Was machst du denn hier?“