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Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

von Katana
OneshotFreundschaft / P12
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
21.06.2018
21.06.2018
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»Hank!«

Diesmal hatte es der Lieutenant übertrieben. Der Alkohol setzte ihm so zu, dass Connor nun nicht mehr länger um seine Gesundheit besorgt war, sondern um sein Leben.

Nach vielen Worten, die er nicht richtig wahrgenommen hatte, geschweige begriff, drang die energische Stimme des RK800 nun zu ihm durch und sorgte mit seiner Ansage doch tatsächlich dafür, dass er, nach all der Zeit mit Connor, wirklich von ihm überrascht war.

Er wollte etwas erwidern, aber mehr als ein unverständliches Brummen kam dabei nicht raus, während ein Speichelfaden sich in seinen grauen Bart zog. Er konnte einfach nicht mehr. Großartig. Er hatte es geschafft, er hatte das nächste Level erreicht. Erbärmlich.

Connors Versuch ihm zu helfen scheiterte in dem Moment, als Hank sich mehr denn je davor gesträubt hatte, mit dem Androiden mitzugehen und letztlich vor seiner eigenen Haustür zu Boden gefallen war. Dabei war Connor schon so nah dran gewesen, hatte ihn zumindest schon mal nach draußen zerren können.

»Ich muss dich in ein Krankenhaus bringen. Komm bitte mit mir zum Auto, ich fahre dich hin. Du benötigst ärztliche Hilfe, meine Analyse zeigt, mir, dass-«, fing Connor an, wurde aber mit barschem Tonfall vom Lieutenant unterbrochen.

»Du soolls doch auffhörn, midd dem verfluchtn gscann!« Er ruderte dabei wild mit den Armen herum, um seinem Trotz Ausdruck zu verleihen.

Hank mochte es nicht sonderlich, wenn er von dem System seines Androiden-Partners gescannt und analysiert wurde. Genau genommen, mochte er es generell nicht sonderlich, wenn Connor Dinge mit bloßen Blick bis ins kleinste Detail bestimmen konnte. Auch wenn er es einerseits praktisch fand – es war gruselig. Und oft genug ekelig.

Hank dachte daran, wie Connor sich irgendwelche Proben in den Mund steckte und stellte sich vor, wie ulkig es wäre, wenn der Android ihn zur Analyse ablecken würde. Bei diesem Gedanken brach er in schallendes Gelächter aus.

»Iigiitt, Conna, lass den Sscheiß!«

Irritiert und so gar nicht amüsiert zog Connor die Augenbrauen zusammen. Er kniete, um mit dem Lieutenant auf einer Höhe zu sein und brachte ihn wieder in die Aufrechte, als er zur Seite schwankte.

»Irgendwann wird es dich umbringen.« Sein strenger und zugleich besorgter Blick spiegelte sich in den roten, wässrigen Augen von Hank, als er ihn fest an den Schultern hielt.  

»Du biss nich mein Kindermädchn!«, pustete er ihm schwer zu verstehen entgegen.

Der Android wusste nicht weiter, ließ seinen Partner los, der dabei kurz nach hinten zu taumeln drohte.

In seinem Programm stand vieles in Bezug auf den Umgang mit Abweichlern. Er brauchte die Informationen und Vorschläge zur optimalen Vorgehensweise heutzutage zwar nicht mehr, aber trotzdem waren sie manchmal noch recht nützlich für die irrationalen Emotionsausbrüche von Menschen, da sich beide Parteien im Endeffekt ziemlich ähneln.

Aber diesmal war es etwas anderes. Diesmal waren Gefühle dabei. Connor konnte Verständnis für Hanks Labilität aufbringen. Vielleicht nicht für sein selbstzerstörerisches Handeln, aber dennoch Mitgefühl angesichts der Situation. Wie man jemanden aber damit noch helfen konnte und wie er selbst damit fertig werden sollte, das konnte ihn keine Ziffer in seinem Programm erläutern.

Wäre Hank nicht vollkommen neben der Spur, würde er Connors Überforderung in seinem Gesicht erkennen. Doch das war er. Schwankte leicht hin und her, während er auf der obersten Stufe vor seinem kleinen Haus saß und sich alles für ihn drehte.  

»Oh fuck«, sagte Hank und beugte sich zu seiner Linken. Es folgte keine weitere Warnung, bevor er sich übergab. Connor konnte noch gerade so ausweichen.

Hanks Kotze rann über die weiße Treppe. Der Android stieg kurzerhand über sie hinweg, hinüber zu seinem Partner. Hank war jetzt zu schwach, um seinen Körper weiter zu halten und er sackte in sich zusammen, lehnte sich gegen den Pfeiler der Überdachung.

Erbärmlicher Idiot. Sein Blick schweifte zu Connor und sein Zustand war ihm plötzlich auf vielen Ebenen unangenehm. Er wollte gern was trinken, damit es ihm egal werden konnte.

Die Zeit, in der niemand etwas sagte, kam ihnen beide ewig lang vor und der heftige Zug des Windes dieser kühlen Nacht stellte gegenwärtig das einzige Geräusch dar, wie er ab und zu schrill pfeifend um die Hausfassade peitschte.

Auch ohne die Temperatur zu messen, merkte Connor anhand der Sensoren, welche die Außenreizinformationen an sein taktiles Verarbeitungssystem weiterleitete, dass es bitterkalt war und wie die Audioprozessoren hinter seinen Ohren allmählich empfindlicher wurden. Hank dagegen spürte die Kälte kaum. Taub vom Whisky störte er sich nicht wirklich daran und fror auch nicht. Ausnahmsweise schienen die Rollen hier vertauscht worden zu sein.

Der Lieutenant fühlte sich mittlerweile ein bisschen besser. Wenigstens war ihm nicht mehr so schlecht.

»Er wär jetzt zehn Jahre alt«, sagte Hank nun leise und durchbrach die Stille.

Es war weniger die Tatsache, das meiste seines Mageninhalts losgeworden zu sein, als der Gedanke an seinen Sohn, der ihn augenblicklich etwas ausnüchtern ließ.

Er wollte sich mit einem Arm hochziehen, plumpste aber wieder zurück. Der RK stützte ihn so gut es ihm möglich war, aber Hank ließ schwer an sich herankommen.  

Unsanft ließ er seinen Kopf gegen das Holz des Pfeilers schlagen. Und noch einmal.

»Vier Jahre... Kommt mir gar nich so vor.«

Hanks Worte waren hauchdünn gesprochen. Sie klangen so zerbrechlich für Connor. Er konnte sich nicht daran erinnern, seinen menschlichen Partner und Freund, seinen einzigen Freund, vorher schon mal so gesehen zu haben.

»Wieso er und nicht ich?!«, lallte Hank plötzlich lautstark und machte erneut Anstalten aufzustehen.

»Hank...«

Connor griff nach Hanks Arm und half ihm hoch.

»Diese Frage kann ich dir nicht beantworten.«

Noch in dem Moment, als die Worte seinen Mund verließen, ahnte Connor, wie ausgesprochen unhilfreich sie doch gewesen sind. Er wollte gerade einen neuen Versuch wagen, da kam Hank ihm zuvor.

»Das macht doch alles keien Sinn mehr«, murmelte der Lieutenant. »Ob ich lebe oder sterbe, is doch scheißegal. Hab doch eh nix mehr«

Connor schluckte –  Hank meinte das, was er sagte, bitterernst. Der Android dachte nicht nach, ob es die richtigen Worte waren, sondern sagte jetzt das, was ihn als erstes in den Sinn kam.

»Unsinn«, kam es ihm trocken über die Lippen. »Das ist plump ausgedrückt die größte Scheiße, die ich mir jemals von dir anhören musste, Hank.«

Vielleicht begriff sein Partner es auf diese Weise; Connors Stimme klang fester. Nicht so besonnen, wie sonst, gar zornig. Tatsächlich war er das auch, auch wenn es ihm äußerlich kaum anzumerken war. Nur seine dunklen Augen funkelten wütend.

»Dein Tod wird das, was passiert ist, nicht gerecht machen. Und es wird Cole nicht zurückbringen. Aber es ist egoistisch zu denken, dass du einfach gehen kannst und es niemanden interessiert.«  

Hank stand nur wenige Schritte vor dem aufgebrachten Connor und schaute ihm mit verdutzter Miene entgegen. Huh? Dieser machte eine kurze Pause, stieß die angesammelte Luft kräftig aus den synthetischen Lungen, ehe er erneut ansetzte. Er war bemüht, ruhig mit dem Lieutenant zu sprechen, doch schlich sich ein leicht verzweifelter Unterton in seine Worte.

»Du zeigst mir... wie man lebt. In einer Welt, die ich noch nicht richtig verstehe. Du bist mein Freund, Hank. Und es ist schwer mit anzusehen...«

Ab und zu verschwamm die Umgebung um Hank herum. Oder Connor. Oder das ein oder andere Wort. Torkelnd hielt er sich auf den Beinen und hörte seinem Partner zu.

»Und ich werde es auch nicht mit ansehen. Also lass dir bitte helfen, wenn ich für dich auch ein Freund bin.«

Hank kicherte auf.

Connors zog die Augenbrauen irritiert nach oben.

»Du has ja Scheiße gesagt, Conna! So was.. sowas sagsdu doch sons nicht«, sagte Hank und beendete seinen Satz mit einem Rülpsen.

Menschliche Gehirne verarbeiten Informationen bekanntlich langsamer, als die KI von Androiden. Kein Vergleich, wenn eine bestimmte Promillegrenze überschritten ist... So wurden auch Connors Worte von Hank etwas später erfasst. Scheiße... Das passte gar nicht zu Connor, fiel ihm auf und konnte kaum aufhören zu lachen. Doch sein Partner fand das Ganze in diesem Moment wohl nicht annähernd so amüsant...

Es wurde augenblicklich dunkel für Hank, als ein unmittelbarer Schlag ins Gesicht ihn ausknockte. Erschrocken über seine Reaktion stand Connor da und schaute auf die Schnapsleiche zu seinen Füßen. Tut mir leid, Hank.. aber das war zu viel des Guten.

Der Lieutenant bekam den restlichen Verlauf dieser Nacht nur noch wage mit... Er fand sich kurzerhand im Flur wieder, dann fielen ihm die Augen wieder zu. Anschließend war er plötzlich in seinem Schlafzimmer. Dass Connor ihn über die Schultern stützend dorthin trug, realisierte er in dem Moment gar nicht.

Sumo stand mit wedelndem Schweif neben seinem Bett und an seiner Seite erkannte er jetzt den RK. Bevor seine Gedanken dieser Handlung folgen konnten, streckt er mit einer grobmotorischen Bewegung die Hand nach ihm aus und fasste Connor dabei mitten ins Gesicht.

Der Android war wütend gewesen, das erkannte sogar ein stark alkoholisierter Hank. Er glaubte nicht, seinen Freund schon mal vorher so gesehen zu haben. Irgendetwas musste ihm ziemlich zur Weißglut gebracht haben. Oder irgendjemand. Ach ja... Allmählich dämmerte es ihm. Da war ja was... Hank nuschelte vor sich hin und brachte letztlich doch noch ein paar erkennbar Worte heraus.

»Ach Conna, ich hab dichdoch lieb.«

Connor schüttelte den Kopf und ließ Hank in sein Bett fallen. Er schlief auf der Stelle ein.

Ein traumlose Nacht folgte, bis Hank um die Mittagszeit aus seinem komatösen Schlaf erwachte. Kein besonders angenehmes oder entspanntes Aufwachen. Ein Augen-auf-Zack-Licht-Aufwachen mit einem üblen Beigeschmack. Sein Kopf war doppelt so groß und er hatte das Gefühl, ganz schnell ins Bad zu müssen. Doch noch bevor sich der Gedanke verfestigte, musste er brechen und er griff intuitiv nach dem Eimer, der neben ihm bereit stand.

Zitternd saß er auf der Bettkante und wartete ab, bis sich sein Magen wieder einigermaßen beruhigt hatte, starrte dabei auf den Eimer auf seinem Schoß. Den hatte er aber nicht hingestellt gehabt... Oder? Er musste vorausschauender sein, als er von sich selber dachte.

Schließlich stand er auf, um sich ins Badezimmer zu schleifen. Murmelnde Selbstgespräche führend auf dem Flur angekommen, bemerkte er Connor. Der Android saß neben dem großen Hund auf der Couch und sah in diesem Moment zu ihm hoch.

»Hallo Hank«, grüßte er. Er klang so, wie er immer klang. Freundlich, wenn auch leicht distanziert, Haltung bewahrend – connermäßig halt. Hank nickte ihm zu und hatte sich selber für eine Sekunde gefragt, was der RK schon wieder in seinem Haus machte und wie er überhaupt reingekommen war. Nicht schon wieder, erinnerte er sich, immer noch.

Die Szenen der vergangenen Nacht spielten sich in seinem Kopf ab. Statt einer gut gescripteten, in Sepiatönen gehaltenen Flashbackszene, bekam er allerdings nur flimmernde Erinnerungsfetzen, die sich erst langsam sortieren und abspielen ließen.

Kommentarlos ging er ins Badezimmer und die Minuten verstrichen.

Er wusste, dass er sich anlässlich des gestrigen Tages halb tot gesoffen hatte. Gut, das war eine Sache, harkte er ab. Das andere war, dass Connor vorbeikam. Hier setzte die Erinnerung wieder teilweise aus.Vollständig sollte das Gedächtnislücken-Puzzle wohl auch nicht werden... Aber die Worte des Androiden-Detectives waren noch fest genug in ihm verankert gewesen, um sich mies zu fühlen. Connor war ein guter Freund und er ein Arschloch. Anders konnte er das nicht sagen.

Nach einer erfrischenden Dusche nahm er sich Klamotten von dem Kurz-Getragen-Stapel neben dem Wäschekorb. Anschließend ging er zum Waschbecken, wo sein erschöpfter Blick sich selbst im Spiegel traf.

»Wieso hab' ich 'n Veilchen am Auge?« Seine Frage hallte im Bad und schaffte den Weg problemlos durch die Tür hindurch zum Wohnzimmer, wo sie von Connor gehört wurde.

»Kann sein, dass du gegen den Türrahmen gelaufen bist«, kam es nach einigen Sekunden zurück.

»Hmhm ach so«, entgegnete Hank. Das glaubst du doch selbst nicht...  

Als Hank in nahezu alter Frische ins Wohnzimmer kam, zog sich Connors rechter Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben.

»Wird wohl so passiert sein«, fügte Hank mit leicht beschämten Schmunzeln hinzu. Sein Partner jedoch, war schon längst einen Schritt weiter, stand von seinem Platz auf und ging rüber in die Küche zum Esstisch, wo er auf eine braune Tüte und einen Coffee-To-Go-Becher deutete, aus welchem warmer Dampf aufstieg.

»Ich habe Frühstück geholt«, sagte Connor. »Wahrscheinlich ist dir nicht danach. Aber ich dachte mir, etwas zu Essen kann dir nicht schaden.«

»Wird wohl stimmen, wenn du das sagst.« Hank kratzte sich nachdenklich am Kopf. Er folgte dem Androiden in seine Küche.

»Connor«, fing er zögerlich an und richtete die Aufmerksamkeit auf sich. »Ähm...«

Die Worte blieben ihm im Halse stecken, als der RK ihn so erwartungsvoll anschaute und sein Mund verzog sich wie von allein zu seinem seltsamen Ausdruck, als würde sich die Natur seiner Gesichtsmimik dagegen sträuben, Dankbarkeit auszudrücken.

Er entschied sich dazu, nichts zu sagen. Stattdessen klopfte er Connor auf die Schulter. Sein Freund und Partner verstand ihn schon ohne Worte, dachte er sich.

Connor antwortete ihm mit einem Kopfnicken, während sich ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen bildete.
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