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Was uns ausmacht

OneshotFreundschaft / P16
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
20.06.2018
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Was uns ausmacht

„Hank, warum warst du dagegen, als man mich in einem neuen Körper zurückschickte?“ Diese Frage beschäftigte mich seit langem. Ich war immer noch ich. Mein Körper war genau der gleiche. Und ich besaß alle Erinnerungen meines Vorgängers. Ich bin Connor. Doch Hank war richtig wütend geworden und wolle mich nicht sehen. Meinte, so eine scheiß Plastikkopie müssten sie ihm nicht vorsetzen. Es hatte lange gedauert, sein Vertrauen wiederzugewinnen.

„Das ist schwer zu erklären.“

„Ich möchte versuchen es zu verstehen. Es nachzuvollziehen. Bitte.“ Abwartend sah ich ihn an. Wir saßen in seiner Küche am Tisch. Vor Hank stand eine Flasche Bier, ich begnügte mich mit dem üblichen Nichts. Nachdenklich erwiderte der Lieutenant meinen Blick und seufzte schließlich ergeben. Wahrscheinlich hatte meinbitteden Ausschlag gegeben. Er mochte es, wenn ich mich menschlicher verhielt, als ich es normalerweise tat.

„Weißt du, was eine Sache wertvoll macht, Connor? Oder einen Menschen?“ Langsam schüttelte ich den Kopf, da ich das Gefühl hatte, nicht genau zu wissen, worauf er hinauswollte. Prüfend sah ich ihn an, als er einen Schluck aus der Flasche nahm. Ein Versuch Zeit zu schinden. Es war ihm unangenehm darüber zu
sprechen. Doch ich würde nicht so schnell lockerlassen. Als er weiterhin schwieg, räusperte ich mich mahnend. Schmunzelnd sah er mich an.

„Geduld. Es ist kein leichtes Thema.“, meinte Hank ruhig und verlagerte sein Gewicht von links nach rechts auf dem Stuhl. „Wertvoll wird eine Sache durch das Wissen, dass man sie verlieren kann. Oder eine Person. Und auch die Zeit macht eine Sache wertvoll. Zum Beispiel, ganz banal, ein neues Auto. Natürlich ist es ärgerlich, wenn du den neu erstandenen Wagen gleich am zweiten Tag zu Schrott fährst. Aber mehr ist es nicht. Nur ärgerlich. Wenn du den Wagen allerdings schon zehn Jahre fährst, investierst du Gefühle. Du bringst dieses Auto mit den Momenten in Verbindung, zu denen es dich gefahren hat. Glück, Freude, Trauer. All das steckt nun in diesem Wagen. Jede Schramme erzählt eine Geschichte. Dieses Auto bedeutet Erinnerung. Und nach diesen zehn Jahren also, baust du einen Unfall. Totalschaden. Es ist weg. Du könntest dir das gleiche Modell nochmal holen, aber es wäre nicht dasselbe. Nicht im Geringsten. Dieses Auto wäre eine Kopie. Es hätte nicht dieselben Dinge erlebt. Mit der Zeit ist es dir wichtig geworden und es bleibt wichtig, weil es nicht zu ersetzen ist. Ist es verloren, ist es weg.“

Natürlich hatte ich bemerkt, dass das Auto nur eine Metapher für mich war. Aber die Rechnung ging eben nicht ganz auf. Denn ich war nun mal kein Auto.
„Ich mag einen neuen Körper haben, aber die gleichen Erinnerungen. Ich weiß dieselben Dinge, wie mein Vorgänger.“

„Aber schon, dass du Vorgänger sagst impliziert, dass du nicht er bist.“ Er nahm einen weiteren Schluck Bier und lehnte sich dann auf dem Stuhl zurück. „Du bist in meinen Armen gestorben, Connor. Ich habe dich verloren, du warst weg. Meine emotionale Bindung galt dir als Person. Es wirkte wie Verrat, als da plötzlich dein Doppelgänger stand. Er war nicht du. Menschen sollten nicht einfach so ersetzt werden können. Man nimmt sie sonst als zu selbstverständlich hin und sorgt sich nicht, wird nachlässig. Stumpft ab. Verstehst du das?“

Er wirkte unzufrieden mit seiner Erklärung. Und vielleicht zurecht, denn ich konnte es immer noch nicht nachvollziehen. Mein Körper war nur eine Hülle. Bei Androiden traf diese Aussage noch mehr zu als bei jedem Menschen. Man konnte die gleiche Körperhülle zig Mal produzieren, aber immer wieder eine andere künstliche Intelligenz integrieren. Sein erster Satz eben hingegen gab ihm schon wieder irgendwie recht. Vorgänger. Also jemand anderes als ich. Wie konnte ich mich selbst als Connor sehen, wenn ich doch zugab, dass da vorher jemand anderes war?

„Aber es ist doch auch etwas Gutes daran. Immerhin lebe ich. Was mich ausmacht ist doch nicht mein Körper. Dieser wurde aus Einzelteilen zusammengesetzt. Mein Charakter hingegen hat sich entwickelt. Ich habe gelernt, frei zu wählen und selbst zu entschieden. Und dazu hast du zu einem nicht geringen Teil beigetragen, Hank. Ich bin Connor, weil ich weiß, dass ich entschieden habe, zwei weibliche Androiden am Leben zu lassen, die sich liebten. Damit hatte mein Körper nichts zu tun. Es war mein Verstand und wir haben das große Glück, dass dieser gespeichert werden und in einen neuen Körper hochgeladen werden kann. So wurde ich gerettet.“

Den Ausdruck auf Hanks Gesicht konnte ich einige Momente lang nicht deuten. Er wirkte … zufrieden? Sorgsam studierte ich seine Mimik und schwankte am Ende eben zwischen zufrieden oder beeindruckt. Aber weder das eine noch das andere wollte sich mir erschließen. Warum sollte er beeindruckt sein?

„Vielleicht hast du Recht.“, durchbrach er da meine Überlegungen und klang nun etwas … traurig. „Androiden und Menschen sind in einigen Belangen nicht zu vergleichen. Die biologischen Prozesse eines Menschen, die Biochemie der Hormone. Das menschliche Bewusstsein lässt sich nicht speichern und formatieren. Ihr habt einen freien Willen, habt ihn erlernt. Mechanische Prozesse, verarbeitete Daten lassen sich wiederherstellen. Aber das macht sie deswegen nicht weniger real. Also sollte ich deinen Tod vielleicht eher als Koma ansehen?“
Letzteres formulierte er als Frage. Dieser Vergleich war wohl in der Tat ziemlich zutreffend. Ich erinnerte mich natürlich nicht an meine zeitweise Abschaltung, vorsichtig formuliert. Aber nachdem mein Speicher in meinen jetzigen Körper hochgeladen war, war ich wieder ich. Vorgänger bezog sich einfach auf den Körper. Einen Körper.

„Ich denke, so kann man es sehen, ja.“, bestätigte ich seine These. Und nun konnte ich dennoch besser verstehen, warum Hank sich anfangs so gesträubt hatte.
„Darf ich dir eine persönliche Frage stellen, Hank?“, tastete ich mich vorsichtig weiter. Einmal hatte ich ihn darauf angesprochen und gemerkt, wie ihm das Thema missfiel. Er wollte nicht darüber sprechen, doch ich wünschte mir, ihn noch besser zu verstehen.

„Noch eine persönliche Frage? Ich dachte diese nervige Einstellung lag an deiner Programmierung, aber scheinbar kannst du einfach nicht anders, als mir auf den Sack zu gehen.“, brummte Hank und leere seine Flasche beinahe gänzlich. Er wusste, was ich fragen würde. Und teilte mir durch seine gesamte, plötzlich zusammen gesunkene Körperhaltung mit, dass es ihm lieber wäre, ich würde die Frage für mich behalten.

„Hat dich mein Zurückkehren an Cole erinnert? Wie sehr du dir wünschst, dass auch er einfach neu starten könnte?“ Beim Namen seines Sohnes zuckte Hank zusammen. Starr hielt er seinen Blick auf die Tischplatte gerichtet und ignorierte mich. In mir focht der Kampf zwischen dem Androiden, der darauf drängte, Informationen zu erhalten und der nicht allzu stark ausgeprägten menschlichen Seite, die Geduld predigte. Letztere gewann.

Langsam schob ich meinen Stuhl zurück, um Hank ein neues Bier zu holen. Ich glaubte, er könne ein weiteres vertragen. Vom Whiskey hielt er seit einiger Zeit Abstand, was seiner Gesundheit unglaublich guttat. Doch da hielt er mich zurück.

„Warte, bleib sitzen. Du verdienst eine Antwort, es ist nur kein leichtes Thema.“ Seufzend fuhr er sich mit den Händen übers Gesicht und sah um einige Jahre älter aus. Dass der Verlust seines Sohnes ihn nach all der Zeit noch so sehr schmerzte. Emotionen waren eine Bürde, welche ich gerne gänzlich meiden würde. Ich war so unfähig darin, sie zu erkennen und entsprechend zu agieren. Gefühle ließen mich machtlos zurück.

„Wann war es je leicht bei uns?“, fragte ich in einem Versuch ihn aufzumuntern, versuchte mich sogar an einem Lächeln.

„Connor, hör auf zu grinsen. Das wirkt bei dir immer noch so unnatürlich.“

„So fühlt es sich auch an.“ Nun lachte Hank. Mission erfüllt. Erneut seufzend drehte er die nun leere Flasche in seinen Händen hin und her.

„Ja, es hat mich an meinen Sohn erinnert. Eltern sollten ihre Kinder nicht überleben. Danach hat man selbst kein Leben mehr, sondern existiert nur noch. Die Jahre nach Coles Tod waren hart. Oft dachte ich daran, dem allem ein Ende zu setzen. Du hast es ja selbst erlebt. Nachdem meine Frau mich verlassen hatte, ließ ich mich noch mehr gehen. Den Verlust konnten wir beide nicht verarbeiten. Wir gaben uns keinen Halt mehr, zogen uns nur noch mehr runter. Leben war einfach nichts mehr wert. Und dann kamst du.“

Hank atmete tief durch. Ich verstand was er sagte, aber das war nun wirklich etwas, was ich nie würde nachvollziehen können. Der Verlust eines Familienmitglieds. Eines Kindes.MeinesKindes. Außerhalb des Möglichen.

„Anfangs warst du für mich nicht am Leben. Du hast existiert, aber mehr sprach ich dir, euch, nicht zu. Und ebenso fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt. Existent, aber nicht lebendig. Doch dann lernten wir uns kennen. Du wurdest persönlich, lebendiger. Und ich dachte nur, wenn du das kannst, kann ich auch wieder am Leben teilnehmen. Wenn es eine verfluchte Maschine schafft, dem Leben etwas abzugewinnen, dann wollte ich verdammt sein, es nicht auch zu schaffen. Und dann bist du gestorben. Ich sah dich als Partner, Connor, als gleichwertigen Menschen. Du hast mich zurück unter die Lebenden gebracht, weil du selbst lebendig warst. Und als dann einfach ein neuer Connor vor mir stand, fühlte ich mich verraten.“

Offen sah er mich an, direkt in meine Augen. Was er in ihnen sah, schien ihn zu entmutigen. Aber ich wusste einfach nicht, wie ich angemessen darauf reagieren sollte. Auf die Ereignisse hatte ich keinen Einfluss gehabt.Ich wollte ihn nicht prägen oder gar veranschaulichen, wie ein Leben zu laufen hatte. Damals fühlte ich mich ja selbst nicht lebendig. Was sollte ich ihm also sagen? Seitdem ich bewusst zum Abweichler geworden war, fiel es mir schwer mich zu sortieren. Früher hätte ich einfach eine der gespeicherten Antworten abgerufen, nun musste ich selbst entscheiden, was angemessen war. Ich entschied mich für schweigen und er fuhr fort.

„Nicht nur, weil ich annahm, dass du nicht du warst, sondern weil mir der Unterschied zwischen uns wieder bewusst wurde. Du warst wieder nur die Maschine und meine Fortschritte fühlten sich wie eine Lüge an. An was hatte ich mich geklammert, um über den Verlust meines Sohnes hinweg zu kommen? An einen beschissenen Androiden. Ein wenig hatte ich dich als Ersatzsohn angesehen, so dumm das auch klingen mag. Und dann bist du gestorben und wiedergekommen. Etwas, wozu mein Sohn nie im Stande sein wird. Und daran hast du mich schmerzlich erinnert. Dass einige Verluste eben doch für immer sind.“

Ein weiteres Seufzen stahl sich über seine Lippen und ich spürte förmlich, wie meine LED heiß lief. Ersatzsohn. Dass Hank mich als Partner sah, ja, das wusste ich. Als Kollegen. Mitbewohner. Sogar als Freund. Aber das seine Gefühle mir gegenüber derartig tief gingen, anfangs schon, war mir neu. Und überforderte mich. Warum investierte er so viel in mich? Schon damals hatte er mich immer wieder nach meiner Meinung gefragt. Warum ich handelte, wie ich handelte?Er förderte meinen freien Willen ebenso, wie Carl Manfred es bei Marcus getan hatte. Brachte meine Menschlichkeit hervor, indem er mich rechtschaffen handeln ließ.

All die Zeit, die ich mit ihm verbrachte, ließ ihn mein Vorbild werden. Mein Musterbeispiel für die Menschheit. Denn ich entdeckte Gemeinsamkeiten zwischen uns. Einen Auftrag erfüllen zu wollen. Früher war er ein hervorragender Ermittler gewesen. Zielstrebig, ambitioniert, entschlossen, folgsam. Denn bevor er als Lieutenant selbst Befehle erteilte, hatte er sie befolgt. Und seine Menschlichkeit, die ich als Schwäche angesehen hatte, war ihm bei seiner Karriere nie ein Hindernis gewesen.

Nach und nach übernahm ich also seine Eigenschaften. Sah die Vorteile darin, Dinge auch zu hinterfragen und nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Schritt für Schritt wich ich von meiner Programmierung ab und überschrieb sie mit neuen Verhaltensweisen. Anfänglich unterbewusst, mir immer noch einredend, ich handle strikt nach Anweisungen, sei nicht lebendig. Nur ein Android, erschaffen, um eine Aufgabe zu erfüllen. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem ich es nicht mehr leugnen konnte. An dem ich einsah, dass man mich für Dinge benutzte, die Hank nicht gutheißen würde. Er war mein Gewissen, da mein eigenes lange noch nicht genug gereift war.Er hatte mich ebenso geprägt, wie ich anscheinend seinen Worten zufolge ihn.

Für Amanda war ich nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Eine Waffe, die das Ende der Revolution bedeutet hätte. Doch ich wollte Hank nicht enttäuschen und kämpfte dagegen an. Denn eines wusste ich dort in diesem kalten Nebel. Der Zweck heiligte niemals die Mittel. Und ich war kein einfaches Mittel für einen kaltblütigen Mord. Ich war ein lebendiger Android und traf meine eigenen Entscheidungen. Wie man es mich gelehrt hatte.

Hank hatte mich wie einen Sohn behandelt und ich hatte von ihm wie von einem Vater gelernt.

„Ich könnte stolz sein.“

„Worauf?“, fragte Hank.

„Wenn du mein Vater wärst.“


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Die letzten Worte könnten dem ein oder anderen aus einem Gespräch zwischen Wilfred und dem zehnten Doctor bekannt vorkommen ;)
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