Flügel der Freiheit

von Arduinna
OneshotAllgemein / P12
19.06.2018
19.06.2018
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Dieser Text ist mein Beitrag zur vierten Runde von „Mach was draus! Nr. 4

Die Vorgaben:
Abkürzungen: TIE (take it easy)MOF (matter of fact) – KIT (keep in touch)
Wählt zwei Abkürzungen aus!
Zusatzvorgabe: Die Welt eines Protagonisten wird (vielleicht auch buchstäblich) auf den Kopf gestellt.

Wörter laut bluedoc: 1111

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Flügel der Freiheit


Das Mädchen hatte oft vom Fliegen geträumt. Den Boden hinter sich lassen, einfach in die Lüfte verschwinden, zwischen die Wolken tauchen. Immer schon hatte sie die Vögel bewundert, für ihre Eleganz, ihre Freiheit, ihre Lebendigkeit. Sie hatte sie gleichermaßen bewundert und beneidet.
Doch nicht nur die Vögel hatten sie in ihren Bann gezogen. Wenn sie abends am Fenster ihres Zimmers stand und beobachtete, wie der Wind die Blätter der Bäume des nahen Waldes bewegte, hatte sie nicht umhinkönnen, die schnellen Bewegungen der Fledermäuse zu bemerken.
Wie Pfeile schossen sie über den kleinen See hinweg, dessen Wasser sich im sanften Wind kräuselte und das Mädchen fragte sich, was sie dort suchten. Berührten sie doch nie das Wasser, also konnten sie nicht zum Trinken gekommen sein.
Und so schlich sich das fünfjährige Mädchen eines Nachts aus dem Haus, froh darüber, dass ihr Zimmer im Erdgeschoss lag, kletterte aus dem Fenster und huschte über das Gras zum See. Im Licht des Mondes, welcher auf der spiegelglatten Wasseroberfläche reflektierte, waren die Bewegungen deutlich auszumachen, doch wirklich sehen konnte das Mädchen die Tiere nicht. Sie schossen wie Geister aus der Dunkelheit und verschwanden wieder. Doch was suchten sie?
Ein plötzlicher Stich an ihrem Arm ließ sie zusammenzucken und sie schalt sich in dem Moment, nicht früher auf diese Idee gekommen zu sein. Insekten! Die Fledermäuse fraßen diese. Das war die Antwort. Gelsen und Mücken, die wie eine Wolke über dem Wasser schwirrten und dem Mädchen ins Gesicht flogen. Sie wurde mehrmals gestochen und zog sich schließlich, mit einem letzten Blick auf die Fledermäuse, in ihr Zimmer zurück.

****


Das schwarze Kostüm schmiegte sich eng an den Körper der Neunjährigen und die gezackten Flügel, welche an ihrem Rücken, sowie an den Armen befestigt waren, schillerten in tiefer Schwärze. Während sie mit ihren Freunden den Weg entlanghüpfte, breitete sie diese immer wieder aus und tat so, als würde sie fliegen. Fliegen wie eine Fledermaus, wie ein Schatten der Nacht.

****


Der Himmel, den sie durch das dichte Blätterdach nur so erahnen konnte, war blau wie das tropische Meer auf den Postkarten, die sie im Sommer von ihren Freunden bekam. Sie war noch nie in den Tropen gewesen, seit der Scheidung ihrer Eltern konnten sie sich keinen Urlaub leisten, das schmale Gehalt ihrer Mutter reichte nur für die notwendigen Dinge. Und auch vorher war sie nicht groß herumgekommen.
Gedankenverloren ließ sie die Arme hängen, die Hände vergruben sich in ihrem dichten roten Haar, die Rinde des Astes, von dem sie sich herabhängen ließ, stach in ihren Kniekehlen.
So sahen Fledermäuse die Welt, wenn sie von ihrem Schlafplatz herabhingen. Die Bäume wuchsen nach unten, der Himmel war wie eine unendliche Weite unter ihr. Wenn sie die Arme ausbreitete und sich fallen ließ, könnte sie dann einfach wegfliegen?
Sie schloss die Augen und wollte gerade die Arme zur Seite strecken, als ein Ruf die Stille durchbrach: „Miriam, wo bleibst du? Wir müssen los!“
Seufzend zog Miriam sich auf den Ast, bevor sie vom Baum kletterte. Der Umzugswagen stand fertig gepackt in der Zufahrt zum Haus. Mit einem letzten Blick auf den Teich im Garten, wo sie seit so vielen Jahren ihre Fledermäuse beobachtete, zog sie die Autotür hinter sich zu. Als sie das nächste Mal zurückblickte, war das Haus schon außer Sicht. Genauso wie der Teich.

****


Sie fühlte sich gefangen. Die kleine Wohnung war anders als das Haus, in dem sie bisher gewohnt hatten, viel kleiner, viel dunkler. Sie kam sich vor wie ein Vogel in einem zu kleinen Käfig. Wenn sie aus dem Fenster blickte, sah sie nur andere Häuser. Im Hof standen zwei verkümmerte Bäumchen, als wolle man sie daran erinnern, was sie verloren hatte. Es war so ein krasser Gegensatz zu ihrem Wald.
Wenn sie auf dem Balkon stand und ihr der Wind die Haare aus dem Gesicht wehten, sodass sie im Licht der Sonne wie loderndes Feuer wirkten, breitete sie die Arme aus, wie ein Echo der Flügel ihres Halloweenkostüms vor vier Jahren und stellte sich vor, sie könnte davonflattern, zurück in die Freiheit. Doch ihre Träume gingen nie in Erfüllung. Sie war keine Fledermaus. Nur ein Mädchen.

Ein Mädchen ohne Flügel … gefangen in einer Welt aus Beton und Asphalt.

****


Der See war mit Eis bedeckt, eine dicke schimmernde Schicht auf dunklem Wasser. Miriam spazierte am Ufer entlang, die eiskalten Hände in den Taschen vergraben.
Der Park war ein kleiner Flecken Natur inmitten der Stadt, nicht vergleichbar mit ihrem Wald, aber besser als nichts. Hier kam sie oft her, wenn ihr der Lärm der Autos und der Gestank der Abgase zu viel wurde.
Ein Schatten im Eis erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie hockte sich auf den Boden und erkannte, dass es sich bei dem Schatten um eine Fledermaus handelte. Mit ausgebreiteten Flügeln lag sie da, im Eis eingeschlossen, leblos. Es war ein friedlicher und gleichzeitig so unendlich trauriger Anblick. Miriam streckte ihre Hand aus und berührte mit ihren Fingern die kalte Eisfläche. Die Fledermaus musste ertrunken sein und dann war er gekommen.

Der Tod im Eis … er war gekommen, lautlos und endgültig.

Sie riss sich von dem Anblick los und ging davon, das Tier im eisigen Grab hinter sich lassend.
Manchmal kam sie sich in dieser Stadt auch so vor, eingeschlossen in einer kalten Schicht, ohne Hoffnung auf Besserung. Auf den Tod wartend. Ohne Flügel, mit denen sie ihm entfliehen konnte.

****


Der Himmel war strahlend blau. Der Duft von Frühlingsblumen stieg Miriam in die Nase, während sie gedankenverloren die Hände baumeln ließ, während sie kopfüber von dem Ast baumelte und nachdachte. Der Frühling hatte die Welt verwandelt, die Straßen voller Schneematsch waren verschwunden und an ihre Stelle war Sonnenschein und grüne Blätter getreten. Es wirkte wie eine Befreiung.
„Stellst du deine Welt gerne auf den Kopf?“, erklang eine fröhliche Stimme hinter ihr. Erschrocken verlor Miriam den Halt und krachte zu Boden.
„Macht es dir Spaß, Leute zu erschrecken?“, grummelte sie, während sie sich den Kopf rieb. Zum Glück war das Gras weich, sodass ihr beim Sturz nichts passiert war.
Das Mädchen, welches gesprochen hatte, grinste. Ihre langen dunklen Locken lagen zerzaust um ihre Schultern und ihre Augen waren so dunkel wir das Fell einer Fledermaus.
„Nur manchmal“, kam die Antwort. Sie half Miriam auf die Füße und zupfte Grashalme aus deren roten Haaren. „Ich heiße übrigens Laura.“
„Miriam“, antwortete diese.

Und während sie mit Laura den Weg entlangspazierte, lachte und die ersten Ansätze einer Freundschaft entstanden, dachte sie zum ersten Mal nicht an das einengende Gefühl der Stadt. Denn diese war nicht mehr einengend. Und während sie mit ihrer neuen Freundin lachte, wusste sie eines: Sie hatte ihre Flügel zurückbekommen. Nun musste sie nicht mehr hilflos auf das Eis warten, bis es sie einschloss. Sie konnte davonfliegen, wild und frei.
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