Herz aus Eis

GeschichteRomanze / P18
Doctor Strange / Stephen Vincent Strange Kaecilius OC (Own Character) The Ancient One Wong
19.06.2018
15.02.2020
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I'm back! :D
Ja, ich bin wieder aus dem Urlaub zurück. Ich muss auch zugeben, dass ich in der Zeit, als ich außer Landes war, keine Zeile geschrieben hab.
Aber jetzt kann ich wieder mit voller Elan loslegen! ;D Und nein, es ist keine leere Floskel, aber ich werde jetzt schneller Uploads bringen.
Natürlich hoffe ich weiter auf euer Interesse und würde mich freuen, wenn ich wieder was von euch lese ;**
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„Nichts ist leichter, als den Übeltäter zu verurteilen, nichts schwieriger, als ihn zu verstehen.“
~ Michailowitsch Dostojewski




Benommen. Entsetzt. Fassungslos. Ein wenig verstört.

Genau so konnte Catherine ihren Zustand am besten beschreiben. Sie fühlte sich leer, fast so, als hätte jemand die Lebensfreude aus ihr herausgesaugt. Eine leere Hülle, die nun den Gang entlang schritt, der ihr zunemend länger vorkam, um endlich zu erfahren, warum Izzy sie so hintergangen hatte. Catherine ahnte, dass Stephen und Wong ihre abtrünnige Freundin in Stephens Arbeitszimmer gebracht haben müssen, dennoch nahm sich die junge Frau die Zeit, um hinter drei weitere Türen zu sehen. Um Zeit zu schinden und vor der Wahrheit, die Izzy offenbaren könnte, zu fliehen? Vermutlich. Denn so gerne Catherine endlich alles erfahren würde, so sehr fürchtete sie sich auch davor, zu hören, was Izzy zu diesem Verrat bewegt hatte.

Energisch und gleichzeitig verzweifelt fuhr sich Catherine durch ihre Haare. Am liebsten würde sie jetzt in ihr Schlafzimmer flüchten und sich die Decke über den Kopf ziehen. Aber das konnte sie nicht tun, nicht in dieser Situation. Sie holte tief Luft und fuhr mit den Händen einmal quer durch ihr Gesicht. Catherine war kurz davor, ihren Verstand zu verlieren. Sie musste sich verdammt nochmal zusammenreißen!

Ein Geräusch, das klang, als würde eine Tür geöffnet werden, beruhigte sie für einen Moment. „Catherine?“, hörte sie Stephens Stimme.
Sie nahm ihre Hände vom Gesicht und erkannte tatsächlich Stephen, der auf den Gang hinausgetreten war. Er sah besorgt aus. „Ja, was gibt’s?“ Angesichts ihrer Lage eine äußerst dumme Frage.
„Ich dachte, du möchtest vielleicht dabei sein“, bemerkte Stephen und kam ein Stück näher.
„Eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob ich alles hören will“, gab Catherine ehrlich zu.
Stephen bewahrte eine unübliche Distanz und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nun ja, es könnte aber von Nutzen sein“, erklärte er ernst.
Catherine runzelte besorgt die Stirn. „Wie meinst du das?“, fragte sie misstrauisch.
„Ich bin der Meinung, dass sie vielleicht etwas offener sein wird, wenn du dabei bist“, antwortete Stephen und bedachte sie mit einem tiefen Blick. „Vielleicht reagiert sie emotionaler und wird dadurch gesprächiger. Aktuell schweigt sie nämlich wie ein Grab.“
Normalerweise schaffte Stephen es immer, sie zu beruhigen, doch mit dieser Aussage verursachte er das genaue Gegenteil. Ihre innere Zerrissenheit wurde jetzt nur noch verstärkt. Ausgerechnet sie sollte Izzy bei diesem Gespräch gegenüberstehen.
Stephen schien ihre Zweifel zu spüren, denn plötzlich wich die Härte in seinem Gesicht und er eröffnete leise: „Das ist schwer, ich weiß. Aber Wong und ich werden die Fragen stellen. Deine Anwesenheit soll sie lediglich aus dem Konzept bringen.“
Catherine holte tief Luft. Die Zweifel in ihr schrien, zerteilten sich in mehrere Stimmen, doch die einzige Stimme, die sie hörte, war die von Stephen. Und ihm hörte sie zu. „In Ordnung. Ich komme mit“, hörte sie sich selbst sagen.
In ihrem Zustand, der einer Trance gleichkam, registrierte Catherine noch, wie Stephen ihr eine Hand auf den Rücken legte und sie in das Arbeitszimmer führte. Dort herrschte eine merkwürdige Atmosphäre. Das Licht war spärlich und draußen herrschte bereits eine herbstliche Stimmung, da der Wind durch alle Ritzen zu pfeifen schien. Catherine rubbelte sich über die Arme, als ihr Blick auf Izzy fiel. Sie saß mitten im Raum auf einem knarzigen Holzstuhl, den Kopf gesenkt und die Haltung demütig. Nichts mehr war von ihrer selbstbewussten Art übrig geblieben. Was immer Ava ihr erzählt hatte, hatte aus der sonst so schlagfertigen Izzy ein Häufchen Elend gemacht. Neben ihr stand Wong, der offenbar als Wachhund fungierte. Sollte Izzy irgendeine falsche Bewegung machen, würde sie das garantiert bereuen.
Als Empathin spürte Izzy natürlich, was um sie herum geschah und sobald Catherine den Raum komplett betreten hatte, hob sie ihren Kopf. „Du bist auch hier?“, fragte sie, als erstaune sie die Tatsache. Izzys Stimme klang dünn, aber ein wenig alte Stärke war noch da.
„Wundert dich das?“ Catherines Stimme war nicht weniger dünn, doch im Gegensatz zu Izzy war sie wütend.
Izzy gab ihr keine Antwort, sondern sagte stattdessen: „Ich bin verwirrt, einsam und desorientiert.“
„Einsam?“, echotete Catherine entrüstet. „Du hast immer gesagt, dass du zwar oft alleine warst, aber niemals einsam. Du hattest Freunde. War das alles nichts wert für dich?“
„Ich verlange nicht, dass du mich verstehst. Du hast deine Familie immerhin gekannt, ich nicht“, konterte Izzy und auf einmal wirkte sie nicht mehr so schwach.
Wie sehr es Catherine doch hasste, wenn Izzy ihre Familie ins Spiel brachte! Als würde das alles erklären und rechtfertigen. Catherine wollte darauf nicht antworten. Stattdessen wandte sie sich an Stephen, der das Gespräch offenbar laufen hat lassen, um zu sehen, was passiert.
„Sie sprechen es schon an. Ihre Familie“, griff Stephen den losen Faden also wieder auf. „Wir haben schon einige Dinge herausgefunden, doch so ganz können wir das Puzzle noch nicht zusammenfügen.“
„Tatsächlich?“ Izzy schien sich zu freuen. Das kleine sadistische Lächeln passte nicht zu ihr.
Stephen legte den Kopf schief. Er schien abzuwegen, wie er sie nun aus der Reserve locken konnte. Catherine wusste nicht wie, aber er würde es garantiert schaffen. Diesen Blick kannte sie. Er wusste bereits, wie er sie brechen konnte.
„Stehen Sie wieder unter einem mentalen Einfluss?“, schoss er scharf zurück.
Izzys Lächeln verschwand. Augenblicklich war sie wieder das kleine, schwache Häufchen Elend. Nur Stephens Mundwinkel zuckten jetzt, was Wong zum Antworten animierte. „Sie und Ihre Schwester sind Empathen“, stellte er fest.
„Nicht nur das. Als Sie beide sich zum ersten Mal begegnet sind, hat Ava die Verbundenheit gespürt. Sie hat sofort gewusst, wer Sie sind. Sie jedoch nicht, warum?“ Trotz seiner Frage ahnte Catherine, dass Stephen die Antwort bereits kannte.
„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen“, wich Izzy aus. Ja, auch sie wusste, was er wissen wollte.
Stephen schnaubte hörbar, und es war dieses bestimmte Schnauben, das allen verriet, dass er jetzt zum Gegenschlag ausholen würde. „Sie konnten es nicht wissen, weil es Avas eigener Bann war, den sie erkannt hat“, eröffnete er.
Irritiert sah Catherine zu ihm auf. „Was soll das heißen?“ Tatsächlich wusste sie nicht, was er damit andeuten wollte.
„Der Grund, warum Sie keine Erinnerungen an Ihre Eltern oder gar diese Entführung haben, liegt an Ava“, sprach Stephen weiter, den Blick immer auf Izzy gerichtet. „Sie hatte schon als Kind das Talent, andere zu manipulieren. Dasselbe hat sie auch mit Ihnen gemacht, als Sie und Ava noch Kinder waren, richtig?“
Izzy presste die Lippen aufeinander, den Kopf wieder gesenkt. „Sie wollte nicht, dass ich mich an das alles erinnere. Sie wollte mich damals schützen“, wisperte sie kaum hörbar.
„Durchaus verständlich, aber dennoch hat sie den Zauber niemals rückgängig machen können, oder?“, ging Stephens Verhör weiter. Inzwischen stand er hinter ihr, fest entschlossen, sie auszuschalten, sollte sie eine falsche Bewegung machen.
„Nein, wir wurden getrennt, bevor sie ihn wieder aufheben konnte. Sie hat es erst vor wenigen Tagen getan und jetzt erinnere ich mich wieder an alles“, antwortete Izzy fast abwesend.
Catherine stieß sich von der Wand ab, an der sie bisher gelehnt hatte. Sie konnte nicht glauben, was sie da zu hören bekam. „Soll das heißen, Ava hat dich damals einer Magie ausgesetzt, um deine ganze Kindheit vergessen zu lassen? Und jetzt ist alles wieder da?“, wiederholte sie ungläubig.
Ein schwaches Nicken. „Ich sagte doch schon, du würdest es nicht verstehen“, winkte Izzy ab. „Sie wollte mich vor den schlimmen Erinnerungen schützen, doch dann wurden wir praktisch über Nacht getrennt. Ich kam ins Waisenhaus und Ella... Nun ja, sie blieb noch eine Zeit lang bei den Menschen, zu denen uns Onkel Freddy gebracht hatte.“
Ein Räuspern erklang. „Ella heißt nun Ava Maddox. Ich konnte sie durch einige Kontakte ausfindig machen. Sie existiert erst wieder seit ein paar Jahren. Vermutlich hat sie ihre Identitäten ständig gewechselt“, kam es jetzt aus Wongs Richtung.
„Sie musste sich versteckt halten, um mich und alle, die unsere Familie zerstört haben, zu finden“, fügte Izzy an.
Catherine stand nun direkt vor ihr. Am liebsten hätte sie geweint, geschrien und auf sie eingeschlagen, doch sie zwang sich zur Ruhe. „Wann?“, brachte sie unter Mühe und Not hervor. „Wann bist du ihr wieder begegnet?“
Izzys Blick durchbohrte sie förmlich. Anscheinend spürte sie, dass sie Catherine eine Antwort schuldig war. „Gleich nach dem Angriff auf Meister Strange. Als wir zurück nach Kathmandu sind, wollte ich nachts trainieren. Ich habe das Kamar-Taj verlassen und dort auf dem Markt hat mich eine Frau angesprochen“, gab sie freiwillig Auskunft.
Catherine klappte der Mund auf. Dann verheimlichte Izzy ihr also schon länger die Wahrheit. Catherine war fassungslos. „Du hast mich angelogen und das über so lange Zeit. Mein Alptraum über Kaecilius. Ging das auch auf euer Konto?“
„Es war ein Versuch, mit mir in Kontakt zu treten. Dabei ist wohl etwas schief gelaufen“, sagte Izzy und zuckte mit den Schultern.
„Lüg mich nicht wieder an! Das hat einen Grund. Sag ihn mir!“, verlangte Catherine und ihre Stimme triefte nur so vor Wut.
Stephen warf Catherine einen besorgten Blick zu, sagte aber nichts. Dagegen hatte Izzy ihren Blick wieder abgewandt und knetete nervös ihre Hände. „Ella steht in Verbindung mit unserem Vater. Mit seinem Geist wohl eher. Genau wie sie kann auch ich ihn irgendwie spüren. Ich habe deinen Traum gesehen, weil es eigentlich mein Traum war, und da wusste ich, dass ich eine Familie habe und alles dafür tun muss, um ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen. Ella war bereits in meiner Nähe und auch mein Vater versuchte in Verbindung mit mir zu treten. Vermutlich hast du den Traum nur gesehen, weil du emotional mit mir in Verbindung stehst. Immerhin warst du meine einzige echte Freundin“, erklärte Izzy ausführlich.
Dass Izzy von Catherine als Freundin bereits in der Vergangenheit sprach, schnitt ihr direkt ins Herz. Izzy hatte mit ihr abgeschlossen und es tat weh. Schrecklich weh. „Verstehe“, sagte Catherine und sah zu Stephen. „Ich habe nichts mehr zu sagen.“
Sie kehrte der Szenerie den Rücken und presste die Hände erneut auf ihr Gesicht. Was auch immer Izzy jetzt noch zu sagen hatte, es war nichts im Vergleich zu dem, was Catherine schon gehört hatte.
„Diese Menschen, die Ava schon auf dem Gewissen hat, wieso mussten sie sterben?“, übernahm Stephen wieder das Wort, obwohl seine Aufmerksamkeit noch immer Catherine galt, die ihre Stirn gegen die Türe gelehnt hatte.
Izzy bewegte den Kopf leicht, um Stephen wenigstens ein Stück im Blick zu haben. Ihr schien es nicht zu gefallen, den Meister im Rücken zu haben. „Sie haben unsere Familie zerstört, das sagte ich bereits“, knurrte Izzy.
„Falsche Antwort“, unterbrach Stephen sie scharf. „Ich hab nach dem Warum gefragt. Dass diese Menschen Ihre Familie zerstört haben, ist nur eine scheinheilige Aussage mit der Ihre Schwester diese Morde rechtfertigen will.“
Bedrohlich, wie ein lauerndes Raubtier, lief der Meister hinter Izzy auf und ab. Er wollte eine Antwort hören und er würde sie nicht gehen lassen, ehe er nicht alles wusste. Fraglich war, ob Izzy in alles eingeweiht war, was Ava noch vorhatte.
„Sie wollen hören, warum sie das alles getan hat?“ Es war durchaus keine Frage, das wusste Izzy. Deswegen antwortete sie direkt: „Alle drei haben die Zusammenführung unserer Familie zerstört. Schwester Josi, indem sie mir einen neuen Namen gegeben hat, sodass mich Ava nicht mehr ausfindig machen konnte. Oscar Timmons, der leitende Ermittler, der uns damals gesucht hat. Er hat den Fall vor Jahren einfach zu den Akten gelegt und die Suche nach uns eingestellt. Und Onkel Freddy? Nun ja, was ihn für eine Schuld trifft, dürften Sie sich ja denken können.“
Stephens Blick nahm an Härte zu. So eiskalt, wie sie das alles hier erklärte, passte nicht zu der fröhlichen Izzy, die er als Schülerin wahrgenommen hatte. Doch Stephen konnte nicht den Hauch eines mentalen Zaubers spüren. Sie stand also nicht unter dem Bann ihrer Schwester.
„Ich habe große Stücke auf Sie gehalten, aber damit haben Sie mich maßlos enttäuscht“, warf ihr Stephen nun an den Kopf.
Jetzt reagierte auch Catherine. Allerdings schluchzte sie nur und verließ so schnell wie möglich den Raum. Izzy hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt und ihr nachgesehen. Jedoch hatte Stephens Aussage nicht ganz ihre Wirkung verfehlt, denn in Izzys Kopf begann es zu arbeiten.
„Ich kann meine Familie nicht ignorieren. Ella hat so viel auf sich genommen, um mich zu finden. Genauso wie meine Eltern. Beide haben mit dem Tod bezahlt. Ich bin ihnen etwas schuldig“, beichtete Izzy. Ihrer Stimme entkam ein Hauch des Bedauerns.
Stephen stand nun neben ihr und bückte sich, sodass ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. „Sie sind den Menschen etwas schuldig, die Sie nur ein paar Jahre gekannt haben? Was ist mit Ihren Freunden? Was ist mit Catherine? Wissen Sie, was Sie ihnen damit antun?“, flüsterte er bedrohlich. „In Catherines Augen sind Sie nun nichts mehr, außer eine Verräterin.“
Izzy sah Stephen nun direkt ins Gesicht. In seinen Augen konnte sie mehr als nur Wut erkennen. Er war zutiefst enttäuscht von ihr. „Ich sagte schon, es tut mir leid“, war ihre einzige Antwort.
„Ein 'es tut mir leid' von Ihnen reicht mir nicht, und schon gar nicht Catherine“, knurrte er wütend.
Sie schluckte beklommen. „Was verlangen Sie von mir, Meister Strange?“
„Sagen Sie mir, was Ihre Schwester noch vor hat? Sie sagte, sie hätte sechs Menschen auf ihrer Liste. Wer ist da noch? Alma Onofrio? Wissen Sie, wo Sie ist?“ Langsam riss Stephens Geduldsfaden.
„Keine Ahnung, aber selbst wenn ich es wüsste, würde ich Ella nicht verraten“, blieb Izzy stur bei ihrer Ansicht.
Stephen presste wütend die Lippen aufeinander. Er nickte unzufrieden. „Na, schön. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass es Ava egal ist, was mit Ihnen passiert“, holte er seinen letzten Trumpf heraus.
„Das ist nicht wahr“, zischte Izzy erbost.
„Sicher doch, oder sehen Sie hier irgendwo? Sie hat sich keine Mühe gemacht, Ihnen zu helfen. Sie ist ohne Sie geflüchtet. Ava hat Sie im Stich gelassen. Sie ist und war eine Einzelkämpferin. Niemals wird sie dazu fähig sein, jemand anderen an ihrer Seite zu akzeptieren“, fügte Stephen an. Seine Worte trafen anscheinend genau ins Schwarze, denn Izzy ging unter dem Druck seiner Aussage ein. Sie sagte nichts mehr.
Stephen seufzte säuerlich und wandte sich an Wong. „Von ihr kann man nichts mehr erwarten. Würdest du sie bitte ins Kamar-Taj bringen? Sie wird dort unter Arrest gestellt.“
„Natürlich doch. Wirst du...“ Wong stoppte in seinem Satz, nickte, da er wusste, dass Stephen nach Catherine sehen wollte. Wong wusste, dass sie nun einander brauchen würden. Vielleicht war es gut, dass Catherine und Stephen jetzt nicht alleine waren, sondern einander hatten.


*****



Eigentlich konnte sich Catherine nicht daran erinnern, wann sie sich zuletzt so mies gefühlt hatte. Sicherlich, Stephens Abfuhr vor einiger Zeit war auch nicht sonderlich förderlich für sie gewesen, aber so einen Verrat hatte sie noch nie erlebt. Catherine hatte Izzy so viel anvertraut, so viele intime Gedanken mit ihr geteilt, ihr eigenes Leben hätte Catherine in Izzys Hände gegeben! Und jetzt? All dieses Vertrauen wurde in einer Sekunde zerstört. Catherine fühlte sich unendlich leer und gleichzeitig unglaublich dumm. Wie hatte sie sich so in ihr täuschen können?

Vor knapp einer Stunde hatte Stephen an ihrer Türe geklopft und sie gefragt, ob alles in Ordnung sei. Eine dumme Frage, natürlich war nichts in Ordnung. Sie hatte ihn kurz darum gebeten, später wieder nach ihr zu sehen und ihr erst einmal einen Moment der Ruhe zu lassen. So verständnisvoll wie Stephen war, hatte er natürlich versichert, sie in Frieden zu lassen und später nochmal nach ihr zu sehen. Sie hatte enorm viel Kraft aufbringen müssen, um ihrer Stimme Stärke zu verleihen, da sie kurz zuvor noch von Heulkrämpfen geschüttelt worden war. Nachdem er wieder verschwunden war hatte sie sich auf ihrem Bett zusammengerollt und ihr Gesicht im Kissen vergraben. Augenblicklich hatten sich die Schleusen wieder geöffnet und die Tränen flossen wie ein reißender Bach über ihre Wangen hinweg. Ihr Kopf war leer. Um ihr Herz hatte sich eine eiskalte Klaue gelegt, wodurch sich Catherine erneut fragen musste, ob Izzy wirklich so eiskalt war.

Stephen war vor knapp zwei Stunden verschwunden und so langsam kehrte in Catherine die Einsamkeit zurück. Izzys Offenbarungen hatten in ihr einiges ausgelöst, unter anderem, dass ihr jetzt bewusst wurde, wie einsam ein Mensch ohne Familie sein konnte. Im Grunde tat ihr Izzy sogar ein Stück weit leid, doch noch überwog der Zorn, sodass Catherine ihr kein Verständnis entgegenbringen konnte. Sie wollte Izzy einfach nicht mehr verstehen. Stephen hatte von Anfang an mit seinem Misstrauen, Izzy gegenüber, Recht gehabt. Er stand der Sache natürlich neutral gegenüber, während Catherine emotional ständig auf Izzys Seite gewesen war. Sie war blind gewesen und jetzt hatte sie den Salat.

Catherine wollte jetzt jedoch nicht mehr alleine sein. Sie wollte zu Stephen, seine Nähe spüren und von ihm hören, dass alles wieder gut werden würde. Zitternd zog sie ihr Schlafoberteil über und verließ ihr Zimmer. Mittlerweile hatte sie durch ein lauteres Gespräch auf dem Gang mitbekommen, dass Wong auch wieder zurück war und Izzy offenbar der Obhut der anderen Meister überlassen hatte, was jedoch keineswegs Mitleid in Catherine auslöste. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper und lief zügigen Schrittes nach oben zu Stephens Schlafzimmer. Mittlerweile machte sie sich auch keine Gedanken mehr darüber, ob Wong sie vielleicht sehen könnte. Sollte er es doch wissen.

Zögerlich klopfte sie an Stephens Tür und einen kurzen Moment fragte sie sich, ob er überhaupt in seinem Schlafzimmer war. Jedoch ging ziemlich zügig die Türe auf. Stephen sah kurzzeitig verwirrt aus, jedoch wurde sein Blick sofort weich.

„Ich kann jetzt nicht alleine sein“, brachte Catherine nur mühsam über die Lippen.
Stephen nickte wissend. „Das ist verständlich“, erwiderte er und Catherine ahnte, dass er genau wusste, wie sie sich fühlte. Er trat zur Seite und deutete ihr an, einzutreten.
Obwohl sie jetzt doch schon ein paar Mal hier gewesen war, nestelte sie nervös an ihren Händen. „Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte sie, während Stephen die Türe hinter ihr schloss.
Er lachte leicht. „Ich bitte dich. Als ob du stören könntest“,  meinte er und kam ein Stück näher.
Catherine rang sich ein Lächeln ab. Sie warf einen Blick zum Bett und erkannte, dass nur die Lampe auf dem Nachtkästchen brannte. Auch die Bettdecke war schon zurückgeschlagen. Und beim näheren Hinsehen bemerkte Catherine jetzt auch, dass er längst nicht mehr seine Robe trug, sondern nur noch ein einfaches Shirt und eine lockere Jogginghose.
„Du wolltest schlafen gehen“, stellte sie fest. „Dann lass ich dich lieber in Ruhe.“
Gerade als Catherine an ihm vorbei zur Türe gehen wollte, griff er nach ihrem Oberarm und zwang sie zum anhalten. Seine Geste untermalte er noch mit einem theatralischen Seufzer. „Manchmal kannst du ganz schön anstrengend sein“, merkte er an und nickte in Richtung des Bettes. „Bleib doch einfach hier.“
Sie schenkte Stephen einen tiefen Blick, wobei augenblicklich ein warmes Gefühl durch ihren Brustkorb schoss und die eiskalte Kralle um ihr Herz in Luft auflöste. „Danke“, sagte sie leise. Mehr Worte waren nicht notwendig.
„Geht es dir etwas besser?“, fragte Stephen, wobei er eine Tonlage annahm, als würde er einen Patienten gerade nach seinem Gesundheitszustand fragen.
„Nein“, gab sie ehrlich zu und setzte sich auf die andere Seite des Bettes.
Stephen stand noch neben dem Bett und sah von oben auf sie herab. „Es tut mir leid, dass ich dich zu diesem Gespräch dazu geholt habe. Du hättest das alles nicht hören dürfen“, erwiderte er besorgt.
„Das ist es nicht. Es ist gut, dass ich jetzt die Wahrheit weiß. Früher oder später hätte ich es erfahren müssen“, versicherte Catherine traurig. „Die Wahrheit kann schon mal weh tun.“
Endlich ließ sich auch Stephen auf das Bett nieder. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich gefühlt habe, als Mordo uns den Rücken gekehrt hat. Ich hab mich verraten gefühlt“, erzählte er ihr. „Natürlich kann ich nur erahnen, wie du dich fühlst. Immerhin seid ihr gute Freunde gewesen.“
Müde nickte Catherine. So gerne sie auch hier bei Stephen war, sie wollte jetzt nicht darüber sprechen und hier vor ihm im Licht sitzen, während sie wahrscheinlich wieder mit den Tränen kämpfen musste. Sie wollte einfach nicht, dass er ihre Tränen sah. „Kann ich mich schlafen legen?“, fragte sie wie ein kleines Kind.
Stephen musterte sie. Er ahnte, dass sie gedanklich gerade ganz weit weg war, so nahm er ihre kindliche Frage auch nicht übel. „Ja, vielleicht ist es besser, wenn du dich mal richtig ausschläfst“, war er sich sicher und klang erneut, wie der Arzt, der seiner Patientin einen Rat gab.
Eigentlich wollte sie sich bei ihm bedanken, doch wofür? Er hatte lediglich ausgesprochen, was sie auch gedacht hatte. Sie musste zur Ruhe kommen. Liebevoll strich er ihr ein paar Haare aus dem Gesicht und allein die Berührung reichte aus, um ihr aufgewühltes Inneres wieder zu beruhigen. Während Catherine ihre Jogginghose auszog und sich unter die Decke kuschelte, griff Stephen zum Schalter der Nachtischlampe und löschte das Licht. Eine friedliche Stille kehrte ein. Stephens ruhige Atmung und die Wärme, die von ihm ausging, trug dazu bei, dass sich Catherine zunehmend wohler fühlte. Dennoch waren die Zweifel noch nicht ganz beiseite geschoben und das musste sie aussprechen.
„Ich begreif es einfach nicht“, durchbrach Catherine schließlich die Stille.
Stephen drehte sich auf den Rücken. Durch das schwache Licht der Stadt, das von draußen durch die Vorhänge drang, konnte sie sein Gesicht leicht erkennen. „Niemand tut das“, bemerkte er. „Deine Freundin hat sich emotional komplett auf Ava eingelassen.“
„Langsam zweifle ich an meinem Verstand“, schnaubte Catherine, die näher an Stephen rückte und sich an seine Seite kuschelte. „Wieso hab ich nie bemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimmt?“
Automatisch legte Stephen einen Arm um sie. „Du hättest das nicht wissen können. Im Grunde ist sie auch eine gute Person, aber ihr wurde einfach brühwarm aufgetischt, was sich in ihrer Vergangenheit abgespielt hat. Ihr hätte es wesentlich besser getan, wenn jemand ihr Schritt für Schritt behutsam erklärt hätte, was vorgefallen war. So hat sie praktisch einen emotionalen Hammer übergezogen bekommen“, erklärte er ihr ruhig.
„Das verstehe ich ja durchaus, aber wie kann sie nur ihre Freunde so fallen lassen? Für Ava. Eine Person, die sie niemals gekannt hat.“ Catherine seufzte tief. Dabei fuhr sie nachdenklich mit ihrem Zeigefinger Stephens Oberkörper auf und ab.
„Die Frage kann ich dir leider auch nicht beantworten. Ich könnte lediglich mutmaßen, dass sie einfach komplett verwirrt ist und manipuliert wird. Wir geben ihr ein paar Tage im Arrest und vielleicht kommt sie da wieder zur Besinnung“, fand Stephen doch eine Antwort, die nur halbwegs befriedigend für Catherine war.
Catherine hielt in ihrer Bewegung inne, legte nur ihre Hand auf seiner Brust ab. Kräftig und gleichzeitig doch beruhigend spürte sie seinen Herzschlag. „Du hattest von Anfang an recht gehabt“, flüsterte sie. Es war der erste Gedanke, der ihr nach Izzys Offenbarung in den Sinn gekommen war.
In der Dunkelheit spürte sie eine leicht zittrige Hand, die sich auf ihre legte. Darunter noch immer der kräftige Herzschlag, der sich verschnellert zu haben schien. Stephen bewegte seinen Kopf und drehte ihn in ihre Richtung.
„Womit hatte ich recht?“, stellte er beinahe zögernd die Frage.
„Ein kluger Kopf wie du weiß, was ich meine“, versicherte Cahterine ernst.
Ein Schnauben war zu hören. „Sie war immer eine gute Schülerin, stets fleißig und übereifrig. Aber seit diesen merkwürdigen Vorfällen hatte sie sich verändernt“, fand Stephen langsam eine Antwort.
„Du hast es gespürt?“ Catherine richtete ihren Kopf ein wenig auf, um ihn ansehen zu können. Zumindest soweit das hier in dem spärlichen Licht möglich war.
„Es war mehr eine Vermutung. Da war ein Magiestrom, den ich nicht zuordnen konnte“, offenbarte er ihr. Er nahm seine Hand von ihrer und führte sie zu Catherines Gesicht. Behutsam strich er über ihre Wange und das Kinn. „Tut mir leid. Ich weiß, wie schwer diese ganze Situation für dich sein muss“, fügte er flüsternd an.
Leicht lächelnd schmiegte sie sich an seine Hand, drückte sie verlangend an sich. „Ich komm schon klar“, versicherte sie ihm. „Immerhin habe ich ja dich und das bedeutet mir sehr viel.“
Stephen  zog seinen anderen Arm hinter Catherines Schultern hervor und legte nun beide Hände an ihre Wangen. Sanft zog er ihren Kopf an sich, um ihr einen sanften, aber ausdrucksstarken Kuss zu geben. „Ich werde dich nicht im Stich lassen und immer auf dich Acht geben“, versprach er ihr.

Es war eine surreale Situation. Auf der einen Seite wog der Verlust von Izzy als Freundin und Wegbegleiterin extrem schwer, aber auf der anderen Seite erfüllte Stephens Anwesenheit und die Aussicht auf eine Zukunft mit ihm sie mit Hoffnung und einem unglaublichen Glücksgefühl. Catherine war in einem seltsamen Gefühlsstrudel gefangen. Doch innerlich rief sie sich zur Besinnung und überlegte, ob es für Izzy noch Hoffnung gab. Vielleicht behielt Stephen auch in diesem Punkt recht und ihre Freundin würde wieder zur Vernunft kommen, wenn sie erkannte, was sie da getan hatte. Catherine musste einfach daran glauben. Sie kannte Izzy immerhin so gut, um sagen zu können, dass sie Stephen als Meister extrem schätzte und ein Stück weit für seine Magie auch bewunderte. Vielleicht gelang es ihm, Izzy wieder vom Guten zu überzeugen.

Catherine schmiegte ihren Kopf nun an seine Brust, da er sich so gedreht hatte, um sie mit beiden Armen an sich zu ziehen. Seine Hände berührten leicht ihre freiliegenden Schultern und verursachten ein Kribbeln, das Catherine nur allzu gut gefiel.
Inzwischen waren keine weiteren Worte mehr nötig. Catherine benötigte jetzt dringend Schlaf, das wusste sie und auch Stephen. Dennoch wollte sie auf seine Nähe nicht verzichten. Ihre Hände ließ sie unter sein T-Shirt gleiten. Die warme Haut unter ihren Fingerkuppen hinterließ ein beruhigendes Gefühl und Catherine seufzte entspannt. Sie drückte sich noch enger an ihn, legte ein Bein über seine und ließ die Ruhe, die von ihm ausging, auf sich wirken.

Catherine wusste nicht, was der morgige Tag mit sich bringen würde, doch sie ahnte, dass Stephen sich mit Ava und ihrer schwarzen Magie beschäftigen würde. Izzy wollte er noch schmoren lassen, was vermutlich gar nicht verkehrt war.
Und Catherine? Auch sie hatte sich ein Ziel gesetzt. Sie wollte unbedingt nochmal mit Stark sprechen. Sie musste wissen, wer ihre Eltern getötet hat. Solange sie die Sache mit Izzy nicht abschließen konnte, wollte sie es wenigstens mit dem Fall tun, der ihr seit fast zwanzig Jahren auf der Seele brannte und ihr Alpträume bescherte. Wenigstens ein Alptraum sollte morgen enden.
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