Herz aus Eis

GeschichteRomanze / P18
Doctor Strange / Stephen Vincent Strange Kaecilius OC (Own Character) The Ancient One Wong
19.06.2018
15.02.2020
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Dieses Kapitel
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Liebe Mitmenschen :D
Ich möchte euch nur mitteilen, dass ich meine andere Geschichte nun endlich abgeschlossen hab!
Warum ich das hier erwähne? Weil das nämlich bedeutet, dass ich mich jetzt voll und ganz dieser Story widmen kann und es hier regelmäßig Uploads geben wird :))
Vielen Dank auch für die neuen Sternchen! :D
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„Bedauern bringt im Leben nichts. Es gehört zur Vergangenheit.
Alles, was wir haben, ist das Jetzt.“
~ Marlon Brando




Ja, diesen Kater hätte sie kommen sehen müssen. Dass Piper und Catherine nicht nur eine Flasche Sekt geleert hatten, war vermutlich keine gute Idee gewesen, wie Catherine jetzt feststellte. Ihr brummte gehörig der Schädel, als sie in den frühen Morgenstunden zu sich kam. Sie konnte sich nicht mehr an viel erinnern, aber an diesen erotischen Traum, den sie vergangene Nacht gehabt hatte, erinnerte sie sich noch sehr gut. Wenn der Sex mit Stephen nur halb so gut war, wie in ihrem Traum, dann würde sie sein Bett garantiert nicht mehr verlassen.

Sein Bett?

Catherine schlug die Augen auf. Plötzlich überkam sie ein Gedanke, der sie zutiefst beschämte. Sie richtete sich etwas auf und erkannte, dass sie tatsächlich in seinem Bett lag. Dann hatte er sie also wirklich aus dem Kamar-Taj zurück nach New York geholt. Von wegen, es war nur ein Traum! Catherine schluckte den Kloß in ihrem Hals runter. Das hieße ja dann auch, dass... Erschrocken sah sie auf die andere Seite des Bettes, wo Stephen selig schlief. Er hatte sich nicht komplett zugedeckt, sodass Catherine ungeniert seinen Oberkörper anstarren konnte. Jetzt arbeitete ihr Kopf wieder auf Hochtouren, denn das Blut schoss nur so durch ihre Eingeweide. Peinlich berührt stellte sie zudem fest, dass sie außer ihrem leichten Top nichts mehr trug. Sie wagte sich ein Stück nach vorne und fand den kläglichen Rest ihrer Klamotten auf dem Boden liegen. Wieder sah sie kurz zu Stephen, der noch immer schlief, dann streckte sie ein Bein aus dem Bett und angelte nach ihrem Höschen. Wenigstens das musste sie tragen, wenn er zu sich kommen würde!

Allerdings war Catherine eine Meisterin darin, sich in peinliche Situationen zu manövrieren. Während sie versuchte, mit dem Bein an ihr Höschen zu kommen, verlor sie das Gleichgewicht und purzelte komplett aus dem Bett. Mit einem lauten Knall ging sie unsanft zu Boden – jedoch schaffte sie es noch, das Höschen an sich zu ziehen. Von Eleganz konnte man bei dieser Position nicht sprechen.
Aufgeschreckt durch den lauten Rumpler richtete sich nun auch Stephen auf. Er rieb sich müde die Augen und sah nach unten.

„Was machst du da?“, fragte er verschlafen und runzelte irritiert die Stirn.
Herr im Himmel, bitte lass mich auf der Stelle sterben! „Äh, ich hab nur was gesucht“, meinte sie peinlich berührt.
„Und das macht so einen Lärm?“ Langsam schien er wach zu werden. „Dass du was holen wolltest, kann ich mir denken.“
Als sie sein deplatziertes Grinsen erkannte, verschwand die Scham und wich der Wut. „Anstatt mich auszulachen, könntest du mir vielleicht erklären, was letzte Nacht passiert ist“, murrte Catherine, die den Moment ausnutze, als Stephen sich kurz die Augen rieb, um ihr Höschen anzuziehen.
„Du hast mich überfallen. Sag du es mir“, konterte Stephen.
Catherine krabbelte zurück unter die Decke und zog diese bis zum Kinn hoch. „Oh, bitte sag nicht, dass ich…“ Sie zog die Decke nun komplett über ihren Kopf. „Das war gar kein Traum!“
„Nein, es war sehr real“, grinste Stephen, der sich auf den Rücken legte, die Hände ineinander verschränkte und lachte.
„Hör auf zu lachen. Mir ist das echt peinlich!“, hörte er sie unter der Decke sagen.
Stephen grinste noch immer, drehte sich aber jetzt auf die Seite, um sie ansehen zu können. „Jetzt komm da unten raus. Das muss dir nicht peinlich sein“, versicherte er ihr und zog ihr die Decke vom Gesicht.
Catherine runzelte besorgt die Stirn und pustete einige ihrer Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Tut mir leid. Wieso hast du mich nicht aufgehalten?“, fragte sie bedröppelt.
„Nicht einmal eine ganze Herde Nashörner hätte dich aufhalten können. Der Schwebemantel hat auch schon die Biege gemacht“, erklärte Stephen und trug damit nicht dazu bei, dass sich Catherine wohler fühlte.
„Verdammt, Stephen!“, jammerte sie. „Jetzt sag schon, wieso hast du mich nicht aufgehalten?“
„Vielleicht wollte ich das gar nicht“, schmunzelte er und klang jetzt wieder etwas sanfter.
Catherine zog eine Augenbraue nach oben. „Ernsthaft?“
„Ja.“ Stephen hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. „Ich bereue gestern Nacht nicht. Ganz im Gegenteil.“
Stephen rückte noch ein wenig näher, um auf ihrem Hals eine heiße Spur aus Küssen zu hinterlassen. Unterdessen schien es in Catherines Kopf weiter zu rattern. „Haben wir eigentlich verhütet?“, kam es dann über ihre Lippen.
Stephen stoppte, hob den Kopf und sah sie beinahe entgeistert an. „Ich dachte, du nimmst die Pille“, entkam es ihm todernst.
Urplötzlich wurde Catherine schneeweiß. „Nein, ich hasse alles was mit Tabletten zu tun hat. Ach, verdammt…“ Catherine bekam Panik, schloss kurz die Augen und atmete tief durch. „Ich muss einen Test machen.“
Catherine wurde jedoch nur noch zusätzlich verunsichert, da Stephen plötzlich laut lachte. „Das war ein Scherz“, eröffnete er dann.
„Was?!“ Ihre Tonlage war um einige Nuancen höher geworden.
„Ein Scherz. Uns hat ein Stück Gummi davor bewahrt, Windeln zu kaufen“, meinte Stephen und setzte sich etwas auf. „Die lagen übrigens in der Schublade, die du nicht zerstört hast.“
Also doch ein Gummi-Fan! Catherine musterte ihn mit Besorgnis. „Okay, dann glaub ich das mal“, nuschelte sie und erhob sich ebenfalls.
Stephen schüttelte den Kopf, während Catherine ihm den Rücken zudrehte. Er griff nach ihrer Taille und zog sie so nah an sich, dass sie das Gefühl bekam, seine straffen Bauchmuskeln an ihrem Rücken zu spüren. „Denkst du wirklich, ich würde mich nicht um deine Sicherheit kümmern? In jeglicher Hinsicht“, hauchte er ihr zu.
Catherine sog scharf die Luft ein. Seinen heißen Atem an ihrem Nacken zu spüren ließ sofort jegliche Wut auf ihn verfliegen. Zärtlich fuhr sie mit ihren Fingern über seine Hände, die noch immer auf ihrer Taille ruhten. „Dir vertraue ich, das weißt du. Ich hätte diese Nacht nur gerne bewusster erlebt“, antwortete sie ihm leise.
Seine Lippen fanden sich auf ihrer Schulter wieder, wobei sein Bart leicht über ihre Haut kitzelte. „Ich hab dir gestern was versprochen, aber daran wirst du dich wahrscheinlich nicht mehr erinnern“, schmunzelte er. „Ich werde mich für diese Nacht revanchieren und zwar so, dass du voll und ganz auf deine Kosten kommst.“
Augenblicklich schoss bei diesem Versprechen die Röte in ihre Wangen. Catherine biss sich auf die Lippe. „Du machst mich echt nervös“, gab sie ehrlich zu.
Wieder erklang ein raues Lachen seinerseits. „Irgendwie tu ich das immer“, sagte er dabei. „Aber es ist schön zu hören, dass du mir solch ein Vertrauen schenkst.“
„Um ehrlich zu sein, gibt es niemanden, dem ich so vertraue wie dir“, fügte Catherine noch an und schmiegte sich enger in seine Arme.
„Danke“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich verspreche dir, immer auf dich Acht zu geben. Ohne dich wäre es mir mittlerweile ohnehin sehr langweilig.“
Der sarkastische Unterton aus seinem letzten Satz legte sämtliche Romantik in Schutt und Asche. Catherine zog die Augenbrauen zusammen und drehte sich zu ihm um. „Was soll das schon wieder heißen?“, fragte sie misstrauisch.
„Seit du in mein Leben getreten bist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ich dreckig werde und die Tempeleinrichtung zu Bruch geht, sehr hoch“, antwortete Stephen, der aber sofort wieder lachen musste, als er Catherines pikierten Blick auffing.
„Wann bist du dank mir bitte dreckig geworden? Und komm jetzt nicht mit schmutzigen Gedanken“, zischte sie.
Stephen schlang seine Arme jetzt noch fester um sie. „Erinnerst du dich an deinen Kuchen? Der haftete wirklich gut an meinen Klamotten.“
„Torte“, korrigierte Catherine. „Es war eine Torte. Das ist ein Unterschied, Meister Strange.“
„Aha, werden wir jetzt wieder förmlich?“ Er ließ sie los und richtete sich auf. „Wenn wir schon dabei sind – wünschen Sie zu frühstücken, Miss Perkins?“
Catherine stützte sich auf ihrem Ellbogen ab und schenkte ihm jetzt wieder ein Lächeln. „Gerne. Ich bin am verhungern. Vielleicht waren die drei Sektflaschen gestern doch nicht so gut gewesen.“
„Ab sofort herrscht hier striktes Alkoholverbot. Du kannst froh sein, dass ihr keine Strafen bekommt. Alkohol ist im Kamar-Taj strengstens verboten“, erinnerte Stephen sie, bevor er aufstand und im Badezimmer verschwand.
Auf einmal wurde Catherine heiß und kalt zugleich. Daran hatte sie gestern überhaupt nicht gedacht! Mit Stephen verband sie zwar mittlerweile viel mehr, als eine Schwärmerei – und er offenbar mit ihr auch – aber dennoch durfte sie nicht vergessen, dass er als Oberster Zauberer nach wie vor ihr Vorgesetzter war und die Regeln im Kamar-Taj eingehalten werden mussten. Wäre sie ihm nicht so wichtig, dann hätte es garantiert eine böse Strafe nach sich gezogen. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn Meister Finnigan oder Wong sie erwischt hätten.
Wong. Verdammter Mist! Irgendwie schien etwas in der Luft zu liegen, denn Catherine wurde plötzlich wieder speiübel, als sie daran dachte, dass auch Wong noch im Tempel war. Catherine verließ nun ebenfalls das Bett, zog ihre Hose wieder an und ging zur Badezimmertür.
„Stephen? War Wong die letzte Nacht im Tempel?“, fragte sie unsicher.
Durch die geschlossene Tür drang nun wieder ein Lachen. „Ja, er war im Tempel. Aber keine Sorge, der hört nichts. Und wir waren auch nicht sonderlich laut“, antwortete Stephen, der offenbar schon geahnt hatte, was hinter dieser Frage steckte.
„Oh, hoffentlich.“ Sie schlug mit dem Kopf leicht gegen die Türe. Bei ihrem Glück hatte er aber doch noch was gehört.
Plötzlich wurde die Türe aufgerissen und Catherine kippte nach vorne, sodass sie sofort mit der Stirn gegen Stephens Brust donnerte. „Und selbst wenn, geht es ihn nichts an, was oder mit wem ich es hier treibe“, fügte Stephen noch schelmisch an.
„Psst, sag sowas nicht! Ich muss Wong noch öfter über den Weg laufen. Was denkt er denn von mir?“, grummelte sie, lehnte sich aber sofort wieder an ihn. Seine Gegenwart ließ sie sofort kuschelbedürftig werden.
„Er hat eine gute Meinung von dir. Außerdem, wer sagt dir denn, dass er nicht schon längst was ahnt?“, gab Stephen zu bedenken.
Sofort sah Catherine ihn wieder an. „Warte. Willst du damit sagen, dass er weiß, was zwischen uns läuft?“, tippte sie vorsichtig.
Stephen nickte. „Wong ist nicht blöd und er hat Augen im Kopf“, meinte er, rubbelte Catherine dabei über die Arme. „Jetzt zieh dich um und komm runter. Du musst was essen.“



*****



Natürlich hatte Stephen wiedermal Recht. Was hatte sie auch erwartet? Dass Wong ihre verliebten Blicke Stephen gegenüber nicht wahrnehmen würde? Nein, dafür war Catherines Verhalten viel zu auffällig gewesen. Allerdings musste sie Stephen auch noch in einer anderen Sache Recht geben: Sie waren beide erwachsene Menschen und durften lieben, wen sie wollten. Dass sie offiziell Stephens Schülerin war, konnte man jetzt so oder so betrachten. Nach außen hin durfte sich Catherine nur zu nichts hinreißen lassen, denn böse Zungen gab es überall. Sie wollte gar nicht wissen, was hinter ihrem Rücken im Kamar-Taj gesprochen wurde oder wie oft Stephen sich vor Finnigan rechtfertigen musste. Ihre Beziehung – wenn man es so nennen konnte – war intensiver geworden und früher oder später musste Catherine von Stephen wissen, was für eine Art Beziehung sie nun führten. Wenn es nach Catherine ginge, würde die gemeinsame Zeit mit ihm ewig dauern. Noch nie hatte sie so viel für einen Mann empfunden, wie für ihn.

Bei dem Gedanken an Stephen wurde ihr ganz kribbelig in der Magengegend. Ja, sie hatte sich wohl Hals über Kopf in den Mann verliebt. Und es tat gut, diese Gefühle endlich zulassen zu können. Jedoch war der Gedanke, mit ihm geschlafen zu haben, noch ein wenig befremdlich. Natürlich war Catherine keineswegs abgeneigt gewesen von seiner körperlichen Nähe, aber sie hätte sich nur gewünscht, dass es nicht unter Alkoholeinfluss passiert wäre. Ihrem Alkoholkonsum. Am liebsten würde sie sich in den Hintern beißen! Aber wenn sie Stephens Worten Glauben schenken durfte, würde sie bald wieder in den Genuss seiner Nähe kommen. Während sich seine Worte in ihrem Kopf wiederholten, meldete sich auch ihr Körper bettelnd. Da hatte sie ihm – unbewusst – letzte Nacht schon Abhilfe verschafft und schon jammerten ihre Hormone wieder. Offenbar waren Catherines Körper und ihr Geist sich einig, dass diese Nacht unbedingt wiederholt werden musste. Ohne Alkohol.

Nachdenklich kam Catherine schließlich unten in der Küche an. Dort wurden ihre Befürchtungen Wong gegenüber gleich wieder in Keime erstickt, denn er begrüßte sie mit demselben Gesichtsausdruck wie immer. Stephen war ebenfalls schon im Raum und schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Vielleicht bildete Catherine sich das auch nur ein, aber es schien, als würde ihm etwas auf der Zunge liegen.

„Willst du vielleicht mal mit der Sprache rausrücken?“, echauffierte sich Wong, der neben Stephen stand. Offenbar war schon ein Gespräch voraus gegangen.
„Womit?“, mischte sich Catherine ungefragt ein.
Wong und Stephen hoben gleichzeitig den Blick. „Eigentlich ist Ihre Schonzeit vorbei. Wieso sind Sie nicht im Kamar-Taj?“, fragte Wong vorwurfsvoll.
Weil ich mit deinem Chef geschlafen hab, darum. „Äh, nun ja, wie soll ich sagen...“ Tatsächlich wusste Catherine nicht, warum sie noch hier war.
„Weil ich es so will“, kam es dann aus Stephens Richtung. „Wong, sie bleibt hier.“
Wong wechselte einen Blick mit Stephen, sah dann kurz zu Catherine und meinte: „Meinetwegen. Aber wenn es Probleme gibt, regelst du das mit den anderen Meistern.“
„Was sollte es für Probleme geben, außer unsere aktuellen?“, winkte Stephen ab.
„Das ist das richtige Stichwort. Willst du mir jetzt endlich mal sagen, was du in Dänemark herausgefunden hast?“, bohrte Wong weiter nach. Der pfeifende Teekessel auf dem Herd wurde dabei zur Nebensache.
Catherine zog das Teil schließlich vom Herd, ehe sie erwiderte: „Haben Sie etwas herausgefunden?“ Dass sie schon beim Du waren, musste Wong ja nicht direkt vor die Nase gesetzt bekommen.
„Hab ich.“ Stephen setzte sich auf einen der Stühle und atmete tief aus. „Frederic Jacobson, der ehemalige Geschäftspartner von Kaecilius, ist tot. Ermordet von unserer Unbekannten. Und so wie es am Tatort aussah, hat er die meiste Wut abbekommen.“
„Um Himmels Willen. Der arme Mann“, bedauerte Catherine den Tod des Mannes.
„Oh, so arm war er gar nicht. Ich wünsche niemandem den Tod, aber das, was dieser Mann gemacht hat, ist untragbar“, erklärte Stephen und Catherine konnte deutlich heraushören, dass er wütend war.
Wong zog eine Augenbraue nach oben. „Du hast vorhin gesagt, das Büro wäre durchwühlt worden?“, merkte er an. Ja, offenbar hatte es tatsächlich ein Gespräch gegeben, von dem Catherine nichts mitbekommen hatte.
„Sie muss etwas gesucht und auch gefunden haben. In einem privaten Buch von Jacobson fehlten einige Seiten, die ich aber mithilfe des Zeitsteins zurückholen konnte“, offenbarte Stephen, der nun aufstand und nach dem Teekessel griff.
Catherine bemerkte, dass seine Hände heute wieder unaufhörlich zitterten. „Lassen Sie mich das machen“, sagte sie leise und nahm ihm den Teekessel aus der Hand. Stephen bedachte sie dabei mit einem kurzen, liebevollen Blick, ehe er weitersprach.
„Jacobson wollte die Firma an einen reichen Mann im Nahen Osten verkaufen, um mehr Profite rauszuschlagen. Kaecilius aber wollte das nicht. Das gefiel Jacobson natürlich nicht und so überlegte er sich etwas, womit er Kaecilius zum Verkauf bewegen konnte“, erzählte er weiter.
Catherine füllte währenddessen drei Tassen mit heißem Wasser und stellte jedem Meister eine hin. „Das klingt, als wollte dieser Kerl nur an das große Geld“, merkte Catherine an.
„Ja, und wir sprechen hier von Beträgen in Millionenhöhe. Aber offenbar war Kaecilius Geld nicht so viel wert, wie seinem Geschäftspartner“, meinte Stephen nachdenklich. „Jedenfalls stand in Jacobsons Unterlagen detailliert, wie er die Entführung von Ella und Ida geplant und auch durchgeführt hat. Er hat die kleinen Mädchen auf einen Abenteuertrip in die USA mitgenommen.“
Wong runzelte erneut die Stirn. „Wie kann er zwei Kinder in die USA bringen, ohne dass jemand Verdacht schöpft?“
„Und hier zeigt sich mal wieder, das Blut nicht unbedingt Familie ausmacht. Jacobson war nicht nur der Geschäftspartner von Kaecilius, sondern auch der Onkel der beiden Mädchen. Freyas Bruder“, eröffnete Stephen seufzend. „Die Kinder dachten wohl, sie unternehmen einen Ausflug mit ihrem Onkel. Tja, und der gute Herr hat die Kinder dann hier in den Staaten zurückgelassen und ist selbst ganz panisch zurück nach Dänemark, wo er dann die große Show abzog. Er behauptete, die Kinder seien aus dem Auto entführt worden, als er nur kurz an der Tankstelle bezahlt hatte.“
„Und das hat er detailliert festgehalten? Kam die Polizei nicht auf ihn?“, fragte Catherine fassungslos.
„Leider nicht. Er wurde zwar verdächtigt, aber er war clever. Ich weiß nicht wie, aber er hat es geschafft, alle Anschuldigungen in Keime zu ersticken. Nur sein schlaues Buch hat ihn verraten“, erzählte Stephen weiter.
„Und was hat er damit bezweckt?“, bohrte Catherine weiter nach.
„Seine Mädchen gingen Kaecilius über alles. Er hat im Nachhinein seine Anteile an der Firma abgegeben, um sich auf die Suche der Mädchen zu konzentrieren“, seufzte Stephen. „Tja, und offenbar kam Freya bei dieser Suche ums Leben.“
Catherine stützte ihr Kinn auf der Handinnenfläche ab und dachte nach. „Schrecklich“, bedauerte sie. „Nachdem Kaecilius seine Töchter nicht gefunden und Freya bei diesem Autounfall verloren hat, schien er keinen Sinn mehr in seinem Leben zu sehen.“
„Vermutlich.“ Stephen schüttelte mitleidig den Kopf. „Aber ich habe noch etwas gelesen.“
Catherine und Wong wurden hellhörig. „Und was?“, wollte Wong wissen.
„Jacobson hat Buch über dieses Verbrechen geführt. Offenbar hat er die Ermittlungen auch verfolgt“, begann Stephen zu erzählen. „In seinem Buch taucht der Name Oscar Timmons auf. Und ich habe herausgefunden, dass dieser Mann damals die Ermittlungen in dem Entführungsfall geführt hat.“
„Damit hätten wir eine Verbindung zu ihm“, freute sich Catherine. „Haben Sie den Namen Josephine Kaine auch gelesen?“
Bedauerlicherweise schüttelte Stephen den Kopf. „Nein, leider nicht. Aber das muss nichts heißen. Vielleicht gibt es eine andere Verbindung zu ihr.“
„Aber dann muss es noch drei weitere Personen geben. Immerhin haben Sie gesagt, dass unsere Mörderin von sechs Personen gesprochen hat“, warf Wong ein.
„Einen Namen hab ich vielleicht“, merkte Stephen an. „Alma Onofrio. Laut Jacobson muss die Frau früher in der Firma geputzt haben und eine enorm hohe Summe von der Firma ausgezahlt bekommen haben.“
„Das klingt, als sei sie geschmiert worden“, dachte Catherine laut nach. „Für ein falsches Alibi oder eine Falschaussage?“
„Gut möglich, aber jetzt müssen wir die Frau erst mal finden“, gab Stephen zu bedenken. „Ich möchte nicht, dass unsere Mörderin einen weiteren Namen auf ihrer Liste abhaken kann.“
Ein lautes Surren unterbrach das Gespräch schließlich. Stephen runzelte die Stirn und zog sein Handy hervor. Sein Gesichtsausdruck wurde noch ein Stück ernster, als er die Nummer erkannte. „Miss Davis, wie kann ich helfen?“, fragte Stephen höflich, als er abnahm.
Was wollte die Heilerin von ihm? Catherine sah kurz zu Wong, der nur mit stoischer Miene vor sich hinstarrte. „Mich würde ja nur interessieren, wer von den Mädchen die Mörderin ist und wo die andere steckt“, sagte Catherine leise.
Wong zuckte nur mit den Schultern. Offenbar wollte er eher wissen, was Miss Davis von Stephen wollte. Der hatte nun einen schärferen Ton angeschlagen. „Wie bitte?“ Eine kurze Pause folgte. „Ja, ich komme sofort.“
Als er das Gespräch beendet hatte, schien Wong aus seiner Starre zu erwachen. „Ist was passiert?“, fragte er, als sei es das Normalste der Welt.
„Wir müssen ins Kamar-Taj. Sofort.“ Stephen bedachte Catherine mit einem Blick. „Miss Perkins, Sie bleiben bitte hier. Wong, du begleitest mich.“
Wong erhob sich sofort von seinem Stuhl, woraufhin Catherine schneeweiß um die Nase wurde. „Ich kann doch nicht alleine hier bleiben und den Tempel schützen“, warf sie panisch ein.
Stephen kam so nah wie möglich an sie heran. „Lass die Türen verschlossen. Der Tempel ist mit einem Schutzzauber gesichert, der sofort Alarm schlägt, sollte sich eine finstere Macht in der Nähe befinden. Sollte das der Fall sein, bin ich sofort wieder da“, flüsterte er.
„Ja, aber was mach ich dann... Gegen diese Frau komm ich niemals an“, meinte Catherine besorgt.
„Das denkst du nur. Du bist stark, vergiss das nicht. Und außerdem habe ich dir heute Morgen versprochen, dass ich immer auf dich Acht geben werde“, versicherte Stephen ihr eindringlich.
Catherine nickte schließlich hastig. „Okay, ich vertrau dir.“
Stephen lächelte leicht, ehe er gemeinsam mit Wong durch ein Portal nach Kathmandu verschwand.


*****



Im Kamar-Taj waren alle schon in heller Aufregung. Hier in Nepal war mittlerweile wieder Abend und die meisten Bewohner des Kamar-Taj waren auf dem Weg zum Abendessen. Stephen und Wong eilten den langen Gang zum Innenhof entlang, was nicht gerade einfach war, da die meisten Schüler, die zum Abendessen wollten, gerade mitten im Weg standen. Höflich, aber bestimmend hatte Stephen sie zur Seite gebeten. Die meisten Schüler reagierten sofort und machten den beiden Meistern Platz. Einige von ihnen schienen sogar ziemlich erleichtert zu sein, Stephen hier zu sehen.

Im Innenhof angekommen erkannte Stephen, dass bereits einige Schüler auf dem Platz standen und wild diskutierten. Mittendrin waren auch Heilerin Davis, Meister Finnigan, Miss Berwitch und einige andere Meister. Die Lehrer unterhielten sich aufgeregt und vor allem Finnigan schien sich tierisch aufzuregen. Sein Kopf war bereits komplett rot angelaufen und seine sonst so akkurat gekämmten Haare standen ihm wirr vom Kopf ab. Wäre diese Situation nicht so verdammt ernst gewesen, hätte sich Stephen köstlich über ihn amüsiert. Neben Meister Finnigan stand Miss Berwitch, die mit versteinerter Miene ihrem Kollegen mehr oder weniger zuhörte. Heilerin Davis schien dagegen nach jemandem Ausschau zu halten – und zwar nach Stephen. Denn die gute Frau winkte ihn sofort eilig herbei, als er in ihrem Blickwinkel auftauchte. Sofort lag sämtliche Aufmerksamkeit auf seiner Person.

„Meister Strange! Ein Glück sind Sie hier!“, rief die Heilerin schon aufgeregt. Wongs Anwesenheit blieb dabei unerwähnt.
„Was haben wir hier für ein Problem?“, wollte Stephen wissen, der nun im Kreis der Meister stand.
Finnigan wedelte wild mit seiner Hand und meinte: „Problem? Ja, sehen Sie das denn nicht?!“
„Außer Ihrer wilden Frisur sehe ich rein gar nichts“, konterte Stephen sarkastisch und sah dann zu Miss Berwitch. „Vielleicht weihen Sie mich in Ruhe ein.“
„Gerne doch“, antwortete sie und bedachte Finnigan mit einem düsteren Blick. „Sehen Sie mal zu der Wand, am Ende des Ganges.“
Stephen folgte ihrem Wink mit dem Zeigefinger und runzelte die Stirn. In dem Gang, der vom Innenhof zur Bücherei führte, hing etwas. Erst dachte Stephen, es handle sich dabei um einen Menschen, aber dann erkannte er, dass es nur eine Strohpuppe war. Die Puppe hing an einem Seil von der Decke, der Strick fest um den Hals gebunden und eine fiese Grimasse wurde dem Ding aufgemalt. Dahinter stand an der Wand geschrieben: Die Täter werden büßen.
„Das darf doch nicht wahr sein“, grummelte Stephen, der sich nun an die Schüler wandte und laut genug sagte: „Jeder, der nicht im Rang eines Meisters ist, begibt sich jetzt sofort zum Abendessen oder in sein Zimmer. Ich möchte niemanden von Ihnen jetzt in der Nähe der Bücherei sehen.“
Leises Gemauschel entstand, aber dennoch leisteten alle Schüler der Anweisung Folge. Zwar bewegte sich der ein oder andere etwas langsamer, um noch einen Blick in den Gang zu erhaschen, aber ansonsten löste sich die Meute ziemlich schnell auf.
„Wurde jemand dabei gesehen?“, wollte Wong dann wissen. „Es muss ja jemand gewesen sein, der hier im Kamar-Taj lebt.“
Miss Berwitch nickte eifrig, während sie zeitgleich ihre Brille zurechtrückte. „Ja, daran haben wir auch schon gedacht. Aber es wurde kein Schüler gesehen, wie er dieses Ding aufgehangen oder die Wand beschmiert hat. Das hat garantiert wieder mit diesen ganzen Angriffen zu tun. Es wäre ein seltsamer Zufall, wenn es nicht so wäre.“
„Vielleicht war es auch nur ein dummer Schülerstreich und es muss nichts mit diesen seltsamen Vorkommnissen zu tun haben“, mutmaßte Heilerin Davis, die besorgt die Hände auf die Lippen presste.
Stephen musterte die Strohpuppe noch immer mit Besorgnis. „Meisterin Berwitch hat Recht. Es wäre ein merkwürdiger Zufall, wenn das nicht zusammenhängen würde“, merkte er an.
„Selbstverständlich gehört das alles zusammen! Kein Schüler wäre so dämlich und würde sich solch einen Streich erlauben!“, herrschte Finnigan seine Kollegen an.
Fast synchron wandten sich alle Meister Finnigan zu und straften ihn mit teilweise wütenden oder herablassenden Blicken. Wong war allerdings derjenige, der es auf den Punkt brachte, indem er fragte: „Mich würde interessieren, wieso Sie so aus dem Häuschen sind? Bisher hatten Sie sich gut im Griff.“
„Ich muss doch sehr bitten!“, knurrte Finnigan.
„Nein, nein, Meister Wong hat schon Recht“, warf Meister Hamir jetzt ein. „Sie sind doch sonst so kontrolliert.“
Miss Berwitch verschränkte die Arme vor der Brust und zog eine Augenbraue nach oben. „Vielleicht liegt es daran, dass er derjenige war, der in diese Puppe hineingestolpert ist und panisch schreiend durch die Gänge gerannt ist.“
„Sie waren das?“, kam es jetzt ungläubig von Miss Davis, die offenbar direkt danach bei Stephen Alarm geschlagen hatte.
„Ich bin erschrocken, mehr nicht. Tzz, von wegen, ich bin panisch davongerannt“, winkte Finnigan ab und strich seine Haare nun wieder ein wenig zurecht.
Stephen wechselte einen amüsierten Blick mit Meister Hamir, der nur den Kopf schüttelte und anfügte: „Bleiben Sie in der Ruhe, Meister Finnigan.“
„Wir sollten uns doch mal einen anderen Gedanken vornehmen“, begann Finnigan jetzt, vermutlich um abzulenken, und Stephen konnte in seiner Tonlage etwas Beunruhigendes heraushören.
„Und das wäre?“, brummte Wong genervt.
„Mir ist aufgefallen, dass Catherine Perkins, eine unserer Schülerinnen, bei fast jedem Angriff in New York anwesend war und hier im Kamar-Taj ebenfalls“, warf Finnigan in die Runde und bedachte Stephen mit einem giftigen Blick.
In Stephen begann es zu brodeln. Meinte Finnigan das ernst? „Wie ich Ihnen und allen anderen mitgeteilt habe, befindet sich Miss Perkins in meiner Obhut. Sie hat einen Nervenzusammenbruch erlitten, aber das sagte ich bereits“, verteidigte Stephen sie.
„Das mag sein, aber dennoch frage ich mich, warum ausgerechnet sie immer in der Nähe ist, wenn etwas passiert“, gab Finnigan zu bedenken. „Mal ehrlich, hier zeichnet sich doch eindeutig ein Muster ab.“
„Meister Finnigan, das einzige Muster, das sich hier gleich abzeichnet, ist mein Schuhabdruck auf Ihrem Hintern“, konterte Stephen sauer.
Finnigans Augen quollen ihm fast aus dem Kopf heraus. Er öffnete den Mund und hob tadelnd einen Finger, doch er konnte nichts mehr sagen, da Wong wieder das Wort erhob. „Das kann ich bestätigen. Miss Perkins war in keiner Minute ohne einen von uns unterwegs. Entweder hatten Meister Strange oder ich ein Auge auf sie“, log er, denn auch Wong wusste, dass Catherine – mit Erlaubnis – den ein oder anderen Alleingang unternommen hatte.
Stephen sah kurz zu Wong, der ihm nur einen wissenden Blick zuwarf, und auch Stephen hatte so direkt verstanden, dass Wong weiterhin auf seiner Seite stand.
„Diese Anschuldigungen sind haltlos. Es könnte im Grunde jeder Schüler gewesen sein, obwohl ich mich für alle verbürgen würde“, mischte sich nun Meister Hamir wieder ein und erntete dabei ein zustimmendes Nicken von Miss Berwitch.
„Wir sollten die Schüler dennoch im Auge behalten“, gab die Meisterin jedoch zu bedenken. „Wer weiß, was für Magie hier am Werk ist.“
„Der Meinung bin ich auch“, sagte Stephen, dessen Aufmerksamkeit auf einen Schlag nachließ, was allerdings nur Wong bemerkte.
„Dann wäre das geklärt. Danke, für Ihr Erscheinen“, beendete Meister Hamir das Zusammentreffen und ging damit wieder seiner Wege. Auch Finnigan – nun fluchender Weise – und der Rest der Meister verschwanden wieder. Nur Hausmeister Gordon schien sich jetzt an die Arbeit zu machen, um die Puppe und die Schmiererei an der Wand wegzumachen.
Wong nahm währenddessen Stephen zur Seite. „Alles in Ordnung? Du scheinst abgelenkt zu sein“, fragte er besorgt nach.
Stephen schluckte. „Der Tempel schickt mir eine mentale Warnung. Irgendwas stimmt da nicht. Wir sollten sofort wieder zurück.“
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