Herz aus Eis

GeschichteRomanze / P18
Doctor Strange / Stephen Vincent Strange Kaecilius OC (Own Character) The Ancient One Wong
19.06.2018
13.11.2019
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„Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das was übrig bleibt,
wie unwahrscheinlich es auch wirken mag, die Wahrheit sein.“
~ Sherlock Holmes




„Hör bitte nicht auf.“

Catherine hörte ihre eigene Stimme zwar, aber sie fühlte sich immer noch, als wäre sie in Watte gehüllt. So unendlich geborgen fühlte sie sich in Stephens Armen, dass sie nichts mehr wirklich wahrnahm. Zwar wurde sie von seinem Körpergewicht noch immer etwas unsanft gegen die Wand gedrückt, aber damit konnte Catherine gut leben. Ihr Hirn hatte noch längst nicht verarbeitet, was gerade passiert war, und falls es sich um einen Traum handeln sollte, dann wollte sie niemals wieder daraus aufwachen.

Allerdings war die rosa Blase schnell geplatzt, als Stephen den Kuss abrupt unterbrochen hatte. Zuerst komplett irritiert, dann hatte es auch Catherine bemerkt. Auf dem Gang waren eindeutig Stimmen zu vernehmen und eine davon gehörte Piper. Aber wie kam sie hierher? In Catherines hormongeschwängerten Gedanken war kein Platz für die Logik, dass ihr Geburtstag auch Gäste beinhalten könnte. Nichts davon hatte sie in Verbindung gebracht. Im realen Leben war sie erst wieder angekommen, als sie draußen auf dem Gang Wongs unverkennbare Stimme ausmachen konnte, der wieder darauf aufmerksam machte, dass sie sich in einem heiligen Tempel befanden und hier Regeln galten. Natürlich, was sollte er auch sonst sagen?

„Verdammt“, kam es entsetzt über Stephens Lippen.
Catherine runzelte die Stirn und musterte ihren attraktiven Meister. „Wie, verdammt? Ist das Piper da draußen? Was will sie hier?“ Ja, so sehr Catherine ihre Freundin liebte, aber im Moment wäre ihr die Zweisamkeit mit Stephen lieber gewesen.
Stephen seufzte tief. „Deine Geburtstagsgäste“, ließ er dann verlauten.
„Was?“, fragte sie, wobei sie eine Spur zu entsetzt klang.
„Deine Gäste. Piper hat mich im Kamar-Taj abgefangen und gefragt, ob sie hier eine kleine Party für dich feiern darf“, eröffnete Stephen ihr. Kam es ihr nur so vor oder klang auch er geknickt? Vermutlich bereute er es bereits dieser Feier zugestimmt zu haben.
„Und das hast du erlaubt?“, bohrte Catherine nach.
„Ja, und total vergessen“, murrte Stephen, der noch einmal seufzte, ihr über die Wange strich und anfügte: „Geh du nur zu ihnen. Ich mach mich während der Feier einfach unsichtbar.“
Catherine schenkte ihm ein kurzes Lächeln. „Ehrlich gesagt würde ich jetzt gerne etwas anderes machen“, schnurrte sie und hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
Nun musste auch Stephen wieder lachen. „Ich auch, das kannst du mir glauben. Aber auf die Gefahr hin, dass deine Freundin den ganzen Tempel nach dir absuchen und jede Türe aufreißen wird…“ Er ließ den Satz in der Luft hängen.
„Äh, ja, das könnte unangenehm werden“, stimmte Catherine zu. Wobei der Gedanke, dass Wong sie erwischen könnte, bedeutend gruseliger wäre.
„Und hätte uns in Erklärungsnot gebracht“, schmunzelte er. „Warum hab ich der Feier überhaupt zugestimmt?“
„Das frag ich mich auch. Pipers Partys neigen dazu, auszuarten“, wisperte Catherine, die jedoch wieder lachen musste, als Wong draußen auf dem Gang eine erneute Ansage fallen ließ.
„Den Zahn hab ich ihr schon gezogen. Eine kleine Feier, mehr nicht. Das hier ist immer noch ein heiliger Tempel“, meinte Stephen und versuchte dabei ernst zu klingen, ehe ihm ein schelmisches Grinsen entkam.
Catherine zwängte sich schließlich an ihm vorbei, strich ihre Klamotten zurecht und meinte: „Na schön, dann werde ich Meister Wong zur Hilfe eilen. Ich pass auf, dass sie nicht zu laut sind.“
„Tu das“, nickte Stephen, bevor Catherine den Raum verließ.
Mittlerweile war die Meute gewandert und Catherine konnte die Damen im Küchenabteil ausfindig machen. Dort wurde sie schon von einem mürrischen Wong empfangen. Der hatte es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, als Türsteher zu fungieren.
„Cath!“, rief auch schon Piper von weitem, wobei Wong – ungeachtet der anderen Damen – die Augen verdrehte.
„Passen Sie bitte auf, dass sich die Damen an meine Regeln halten“, merkte er dabei streng an.
„Selbstverständlich, Meister“, entgegnete Catherine und sie meinte es durchaus ernst.
Als Wong verschwunden war, verdrehte nun Piper die Augen. „Wong und seine Regeln. Das ist in der Tat die einzige Beziehung, die funktioniert“, meinte sie belustigt.
„Lass ihn. Er hat doch Recht. Hier im Tempel muss man sich an Regeln halten“, nahm Catherine den Meister in Schutz. „Wobei er mir gerade eher wie ein Türsteher vorgekommen ist“, fügte Catherine grinsend an.
„Fehlt nur noch die Lederjacke und die Sonnenbrille und schon könnte er problemlos Gangnam Style performen“, witzelte Piper.
Bei der Vorstellung musste Catherine lachen. „Hör auf, sonst kann ich ihn nicht mehr ernst nehmen“, grinste sie.
„Okay.“ Piper hob kapitulierend die Hände. „Wie läuft’s eigentlich mit unserem knackigen Oberboss? Hast du ihn schon rumgekriegt?“
„Piper! Nicht hier!“, zischte Catherine erschrocken und blickte über ihre Schulter.
Piper lachte schallend. „Ach, Cath, ich will doch nur wissen, wie es so bei euch läuft?“, meinte sie jetzt eine Spur entspannter.
„Können wir das Thema verschieben?“, knurrte Catherine, die langsam aber sicher einen hochroten Kopf bekam. „Erzähl mir mal lieber, was ihr hier wollt.“
„Eine Überraschung nur für dich! Wir wollten deinen Geburtstag feiern und Meister Strange war so nett und hat uns das erlaubt“, freute sich Piper.
Catherine schenkte ihr ein aufrichtiges Lächeln, wobei ihr Blick in die Küche fiel. Dort tummelten sich am Tisch bereits einige Damen: die ruhige, schlaksige Tilda, Pipers flippige Seelenschwester Kelly, die gebürtige Kanadierin Sidney, sowie die junge Schwedin Theresa und ihre Landsmännin Runa. Mit allen Frauen kam Catherine hervorragend aus und sie freute sich, dass alle hier waren. Vor allem über ein Gesicht freute sie sich: Izzy. Die wirkte zwar etwas fehl am Platz zwischen all den gackernden Hühnern, aber sie schien deutlich entspannter zu sein, als die letzten Tage. Vielleicht hatte Catherine heute noch die Gelegenheit, um mit ihr ein paar Worte zu wechseln.
„Hey, da ist ja unser Geburtstagskind!“, rief Theresa laut, als Catherine in die Küche eintrat. Untermalt wurde das Ganze noch von einem jubelnden Pfeifkonzert, das die dunkelhäutige Sidney veranstaltete. Daraufhin erschien schon Wong im Türrahmen, der misstrauisch in die Küche schielte. Sidney unterbrach zwar ihr Pfeifkonzert, aber sofort stimmten die Frauen in einen Geburtstagsgesang ein. Zwar hatte es Catherine schon als Kind gehasst, wenn man an ihrem Geburtstag gesungen hatte, doch heute sah sie lächelnd darüber hinweg. Die Frauen hatten sich so viel Mühe gegeben und den Tisch mit Kuchen eingedeckt, da wollte sie nicht den Spielverderber geben.
Nachdem begeistert applaudiert und Catherine von allen einzeln gedrückt worden war, rief Piper etwas lauter: „Meister Strange, gesellen Sie sich doch zu uns!“
Sofort wurde es innerhalb der Mädelsrunde etwas ruhiger und alle grüßten höflich ihren Chef. Catherine wagte es kaum, sich umzudrehen. Sie hatte viel zu sehr Angst davor, dass irgendjemand ihre verliebten Blicke richtig interpretieren könnte. Kurz sah sie über ihre Schulter hinweg und erkannte, dass er mit verschränkten Armen im Türrahmen neben Wong stand.
„Nein, aber danke für das Angebot. Es soll ja eine schöne Feier werden“, entgegnete er sarkastisch. „Aber halten Sie sich daran, was Ihnen Meister Wong gesagt hat.“
Irrte sich Catherine oder wurde Wong gerade etwas größer, als wolle er das Gesagte mit einer beeindruckenden Haltung unterstreichen?
„Natürlich doch, Meister. Wir werden nur ein klein wenig Musik laufen lassen“, erklärte Sidney und deutete das kleine Bisschen mit Daumen und Zeigefinger an.
Stephens Gesicht ließ zwar keine eindeutige Antwort zu, aber mittlerweile konnte Catherine sagen, dass er nicht ganz so verbohrt war, wie manche behaupteten. Er war durchaus ein lockerer Typ, der hin und wieder auch gerne über Regeln hinweg sah. Dementsprechend locker kam auch seine Antwort.
„Solange das kleine Bisschen nicht die Nachbarn aufschreckt, ist es in Ordnung. Aber Wong wird ein Auge auf Sie haben“, antwortete er.
„Heißt das, Sie werden nicht hier bleiben?“, fragte überraschenderweise Izzy am Tischende.
Stephen schenkte ihr nur einen kurzen Blick, aber dieser war so durchdringend, dass Catherine an Izzys Stelle vermutlich zu Eis erstarrt wäre. „Ich habe noch ein paar Verpflichtungen“, wich er neutral aus.
Die Raumtemperatur musste in den Minusbereich gewandert sein, denn urplötzlich fröstelte es Catherine. Sie wusste nicht, ob es an Stephens Tonfall oder an Izzys merkwürdigem Blick lag. Was es auch war – es gefiel ihr nicht.

„Cat, jetzt steh nicht wie angewurzelt da. Wir haben da was für dich!“, holte Piper sie aus ihrer Starre. Allerdings blieb ein fader Beigeschmack zurück, als sie Stephens Blick auffing. Ihm gefiel es offenbar gar nicht, dass sich Izzy hier aufhielt.



*****




Zu Catherines Überraschung hielten sich die Mädels an Stephens Warnung. Die Musik hatte eine angenehme Lautstärke, auch wenn hin und wieder bei einem beliebten Song der Pegel ein wenig stieg. Aber so laut, dass die Wände wackelten, war es dennoch nicht. Catherine genoss die Stimmung. Sie hatte von jeder ihrer Freundinnen ein Geschenk bekommen, was sie sehr gefreut hatte. Von Theresa hatte sie ein Backbuch mit schwedischen Spezialitäten bekommen. Natürlich hatte sich Catherine da schon fest vorgenommen, einiges daraus auszuprobieren. Piper hatte neben ihrem eigentlichen Geschenk – einer kuscheligen Wolldecke mit passenden Hausschuhen – auch noch eine recht zweideutige Sache hinzugefügt: Handschellen. Natürlich mit rosa Plüsch umhüllt. Auf die Frage hin, was sie damit aussagen wollte, hatte Piper nur süffisant gelächelt und anschließend ihr Glas Sekt gelehrt. Catherine hielt sich derweil beim Alkohol lieber etwas zurück. Sie kannte ihre Damen und wusste, dass mindestens einer unter ihnen nüchtern bleiben musste. Zwar hatte auch Tilda kaum was getrunken, aber die rosa Wangen der Frau zeigten Catherine wieder einmal, dass Tilda nichts vertrug. Somit musste sie selbst in den sauren Apfel beißen.

Ab und zu ließ sich auch Wong kurz blicken, um nach dem Rechten zu sehen – wobei es kurzzeitig zu einer kleine Diskussion zwischen ihm und Piper gekommen war, als sie verlauten hat lassen, er sei fast wie ihr Vater –, aber ansonsten hielt sich der Meister meistens in der Bibliothek auf. Niemals hätte Catherine damit gerechnet, dass Wong so locker damit umgehen würde. Das freute sie jedoch ungemein. Während gerade eine Diskussion über die heißesten Schauspieler entflammte, suchte Catherine kurzzeitig das Weite. Sie schnitt von den drei verschiedenen Kuchen – welche noch übrig waren – jeweils ein Stück ab, um es Wong zu bringen. Schließlich sollte der nicht am Hungertuch nagen.

Außer der Musik und dem Gequatsche der Mädels war im gesamten Tempel nicht ein Mucks zu hören. Es war beinahe gespenstisch still. Catherine ignorierte das flaue Gefühl im Magen und machte sich auf den Weg in die Bücherei. Dort traf sie tatsächlich Wong an. Der Asiate steckte seine Nase wieder in ein Buch und schien keine Notiz von ihr zu nehmen. Zumindest dachte Catherine das. Als sie jedoch näher trat, sah er sofort auf und runzelte die Stirn.

„Miss Perkins, müssen wir schon die erste Alkoholleiche ins Kamar-Taj zurückbringen?“, machte er sogar einen Witz.
„Nein, ganz so schlimm ist es noch nicht. Bisher halten sich alle brav an die Regeln“, antwortete Catherine lächelnd. „Ich wollte Ihnen nur was vorbeibringen. Sozusagen, als Dankeschön, dass Sie das hier erlauben.“
Wong musterte den Kuchen, den Catherine ihm vor die Nase gestellt hat. „Eigentlich war das mehr Stephens Verdienst. Er hat es erlaubt“, wich Wong aus, grinste aber leicht.
„Schon, aber Sie müssen ja auch Ihr Einverständnis geben. Also, von daher – danke!“, entgegnete Catherine ehrlich.
„Gern geschehen“, meinte er dann im freundlichen Tonfall und griff sofort nach der Gabel auf dem Teller. „Ach, falls ich es vergessen haben sollte – Meinen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag.“
„Danke.“ Catherine nickte ihm kurz zu, ehe sie die Bücherei wieder verließ und Wong mit dem Kuchen zurückließ.
Sie schloss die Türe hinter sich und auf einmal befand sie diesen Gang, den sie schon so oft entlang geschritten war, als bedrohlich an. Woran das lag konnte sie nicht einmal sagen. Wurde diese Angst von dem Wissen, dass Stephen nicht im Haus war, ausgelöst? Oder gab es tatsächlich einen triftigen Grund für ihre beängstigenden Gefühle? Urplötzlich fiel Catherine ein, dass sie Izzy seit einigen Minuten nicht mehr gesehen hatte. Doch wo war die junge Frau? Catherine beschlich ein seltsames Gefühl. Die Atmosphäre hatte sich nicht ohne Grund geändert. War es das Haus selbst, das sie warnte? Spürte es etwas?
Ganz langsam setzte Catherine einen Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt knarzte der alte Boden unter ihr und sie zuckte jedes Mal erneut zusammen. Was, wenn Stephen tatsächlich Recht behielt und Izzy etwas mit diesen Verbrechen zu tun hatte? Catherine musste äußerst vorsichtig sein. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass Wong zur Not auch noch da war. Ihn durfte man keinesfalls unterschätzen. Nachdem sie einige Räume bereits hinter sich gelassen hatte, bemerkte Catherine, dass die Tür vom Artefaktenraum ein Stück weit offen stand.
„Seltsam“, nuschelte sie. Eigentlich war sie sich zu hundert Prozent sicher, dass Stephen sie geschlossen hatte. Das tat er immer.
Catherines inneres Warnsystem schlug Alarm und die Hitzeschübe, die ihren Körper hoch- und runterpreschten, machten deutlich, dass hier etwas nicht stimmte. Trotz aller Warnungen griff sie mutig nach dem Türknauf und öffnete die Türe komplett. Der Raum war eisig kalt, und dieses Mal war sich Catherine sicher, sich nicht zu irren. Auf einigen Glasvitrinen bildeten sich schon Eiskristalle und automatisch schlang Catherine die Arme um ihren Körper. Langsam ging sie durch den Raum, blieb erst wieder vor der Vitrine des Schwebemantels stehen. Da der Mantel vermutlich wieder auf Stephens Schultern hing, war die Vitrine natürlich leer, doch eine Bewegung ließ Catherine innehalten. Als sie näher trat, erkannte sie tatsächlich ein Gesicht in der Glasscheibe und erst als sie misstrauisch die Augen zusammenkniff, erkannte sie, dass es sich dabei tatsächlich um einen Menschen handelte.
„Faszinierend, oder nicht?“, erklang Izzys Stimme. „Wir haben so oft über diese magischen Artefakte gesprochen und jetzt sind sie nur einen Handgriff von dir entfernt.“
„Izzy! Was machst du hier drin?“ Catherine schluckte schwer. Sie war immer noch ein extremes Nervenbündel. Izzys Anwesenheit beunruhigte sie auf irgendeine Art und Weise.
Izzy lachte leise, wobei das in Catherines Ohren äußerst surreal wirkte. Normalerweise war Izzy für ihr schräges, fast tierisches Lachen bekannt, aber jetzt klang es komplett anders. „Ich wollte das alles hier auch nur mal aus der Nähe sehen. Du weißt, wie sehr ich mich dafür interessiere“, sie sah sich beeindruckt um, „und gerade ich spüre so viel alte Energie. Es ist fast so, als würden die Geister der alten Meister dadurch mit mir sprechen.“
„Ja, das weiß ich, aber wieso hast du mich nicht danach gefragt? Ich hätte dir den Raum doch gezeigt“, fragte Catherine nach. Sie stand noch immer wie angewurzelt an Ort und Stelle.
Izzys Blick richtete sich wieder auf ihre Freundin. Es war seltsam, sie so durch die Glasscheibe zu betrachten. „Nein, hättest du nicht“, antwortete sie. „Meister Strange würde das nicht wollen, und wenn er das nicht will, dann willst du es auch nicht.“
Catherine runzelte besorgt die Stirn. „Izzy, was redest du denn da? Ich erkenn dich kaum mehr wieder“, erklärte sie unsicher.
„Ich hab mich nicht verändert. Ich habe nur ein wenig nachgeforscht.“ Langsam kam die dunkelhaarige Frau hinter der Vitrine hervor.
Automatisch verkrampfte sich Catherines Haltung. „Hat es was mit dem Mann zu tun, mit dem du die letzten Tage gesprochen hast?“, wollte sie wissen.
Izzy legte ihren Kopf schief und grinste. „Dacht ich es mir doch, dass du das gehört hast. Er hat schon gesagt, dass ich dich nicht unterschätzen darf. Aber was soll ich von jemandem erwarten, der mit dem Obersten Zauberer anbandelt?“ Sie zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.
„Wer ist ER?“, bohrte Catherine nach und ignorierte die Spitze gegen sie.
„Er hat mir gesagt, wonach ich suchen muss. Nach meiner Vergangenheit und wo ich diese finden kann. Sie liegt nicht hier in den Staaten, sondern in Europa“, umging Izzy ihre Frage mit einer rätselhaften Aussage.
„Verdammt, Izzy, wer ist ER?!“, knurrte Catherine, deren Geduldsfaden langsam riss.
Izzy hatte ihren Blick längst wieder abgewandt und starrte ins Leere. Für Catherine sah es so aus, als sei sie gedanklich nicht mehr anwesend. „Kaecilius“, sagte sie dennoch leise.
In Catherine schien alles still zu stehen. Ihr Herz. Ihre Atmung. Einfach alles. Das hatte sie nicht ausgesprochen!? Catherine schluckte, obwohl der Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, dies kaum zuließ. „Das meinst du nicht ernst“, meinte Catherine ungläubig.
„Sicher, wieso sollte ich lügen?“, wisperte Izzy, ehe sie anfing zu lachen und sich zu Catherine umdrehte. „Ich hab nur meditiert, habe etwas über diese Angriffe recherchiert und plötzlich ist er mir im Traum erschienen. Es war so real. Er hat so liebevoll zu mir gesprochen. Er hat sogar gesagt, dass ich aussehe, wie meine Mutter Freya und wir einst so eine glückliche Familie waren.“
Nun wurde Catherine endgültig schlecht. Freya. Kaecilius‘ Frau. Das konnte doch nicht wahr sein. „Izzy, hör mir zu“, begann Catherine einfühlsam. „Egal, was er dir erzählt, er lügt dich an. Bitte, nimm Abstand davon. Kaecilius ist ein böser Mensch gewesen. Er war es, der das Buch von Cagliostro gestohlen und einen Meister des Kamar-Taj umgebracht hat. Er hat Dormammu hierher gebracht.“
„Er ist kein schlechter Mensch. Seine Absichten waren edel. Er wollte die Zeit aufhalten. Die Zeit rückgängig machen, um seine Familie wiederzubekommen. Wie kannst du ihm diesen Wunsch zum Vorwurf machen?“, zischte Izzy wütend und die Raumtemperatur senkte sich nochmal.
„Er war bereit dafür die ganze Erde zu opfern! Ich nenne das egoistisch und böse, mehr nicht.“ Nun war Catherine richtig sauer. „Es tut mir leid, dass er seine Familie verloren hat, aber dafür kann niemand etwas.“
Izzy begann erneut zu lachen. Sie legte den Kopf in den Nacken, ließ ein paar Wirbel knacksen und seufzte. „Ach, Cath. Niemand kann etwas dafür? Oh, doch. Einige Menschen haben Schuld daran, dass diese Familie zerbrochen ist.“
Automatisch ging Catherine jetzt ein paar Schritte zurück. Sie musste diese Frage einfach loswerden. „Hast du etwas mit diesen Angriffen zu tun? Bist du daran schuld?“, fragte sie leise.
„Schuld trifft hier nur die sogenannten Opfer. Sie alle waren Täter“, wich Izzy erneut aus. Für Catherine war klar, dass das nicht Izzy war, die mit ihr sprach. Stand ihre Freundin unter dem Einfluss von Kaecilius?
„Was meinst du damit, dass sie alle Täter waren? Willst du damit sagen, dass sie es verdient haben, zu sterben?“, knurrte Catherine. Nein, das war nicht Izzy, die da sprach.
„Natürlich“, antwortete sie lapidar. „Sie alle haben eine Familie zerstört. Sie müssen büßen. Alle sechs.“
Catherine wurde hellhörig. Ihr Puls raste. „Alle sechs? Wer noch, Izzy? Zählst du da Stephen etwa auch mit?“ Unterdessen schritt sie langsam in die Nähe der Türe, für den Fall, flüchten zu müssen.
„Oh, dann sind es doch sieben.“ Izzy klatschte begeistert in die Hände. „Einmal hätte sie ihn ja fast erwischt.“
Sie? Natürlich, diese unbekannte Frau, die auch vor dem Gerichtsgebäude aufgetaucht war. „Nur hat sie nicht damit gerechnet, dass er um einiges stärker ist als sie“, hielt Catherine beinahe schon triumphierend dagegen.
„Ich kann nicht zulassen…“ Es war, als hätte ihr jemand einen Knüppel überzogen, so abrupt brach Izzy in sich zusammen. Auch die Kälte im Raum hatte nachgelassen.
„Oh, Gott!“ Trotz aller Vorsicht überbrückte Catherine die Distanz zu Izzy und kniete sich neben sie. „Izzy, wach auf.“ Sie klatschte ihrer Freundin gegen die Wange und es zeigte schnell Wirkung.
Izzy riss die Augen auf und sah sich begeistert um. „Geil, der Artefaktenraum.“
Catherines Augenbrauen wanderten bis zum Haaransatz hoch. Spielte ihre Freundin ihr hier was vor oder war sie tatsächlich nicht ganz bei Sinnen gewesen? Mittlerweile wusste Catherine nicht mehr, was sie glauben sollte und was nicht. „Alles in Ordnung?“, fragte sie sicherheitshalber nach.
„Klar doch.“ Izzy berappelte sich wieder auf die Beine. „Danke, dass du mir den Raum auch mal zeigst. Aber irgendwie bekomm ich hier drin Schädelbrummen. Vermutlich zu viel alte Magie auf einmal.“ Sie rieb sich den Kopf.
„Ja, daran wird es wahrscheinlich liegen“, nuschelte Catherine, die ihre Freundin noch immer misstrauisch musterte.
Izzy grinste schief. „Bist du mir böse, wenn ich mich verabschiede? Mein Schädel bringt mich echt um.“
„Nein, alles gut. Leg dich hin. Aber vielleicht können wir die Tage mal miteinander reden, okay?“, meinte Catherine führsorglich und führte Izzy wieder aus dem Raum raus.
„Von mir aus gerne. Wir haben ja schon ewig nicht mehr gequatscht“, nahm sie das Angebot freundlich an, ehe sie Catherine herzlich drückte. „Leg dich auch bald hin. Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen oder nur zu viel Alkohol getrunken.“

Mehr als ein Nicken hatte Catherine nicht mehr zustande gebracht. Sie sah Izzy misstrauisch nach, bis diese hinter der nächsten Ecke verschwunden war. Erst als sie außer Sichtweite war, konnte Catherine durchatmen, doch in ihr blieb ein merkwürdiges Gefühl zurück. Heute waren einfach wieder zu viele Informationen in ihr Hirn eingedrungen. Zwar war sie meist relativ gut darin, sich alles Mögliche zu merken, aber die Tatsache, dass ihre Freundin an diesen seltsamen Vorkommnissen beteiligt sein sollte, drehte Catherine den Magen um und ließ sie keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Izzy war sehr begabt, was Empathie anging, was hieß, dass sie für alles, was im Jenseits lag, eine empfindliche Antenne hatte. War es Kaecilius dadurch möglich, mit ihr in Kontakt zu treten? Waren er und Freya tatsächlich Izzys richtige Eltern oder gaukelte der abtrünnige Magier ihr nur etwas vor? Catherine ahnte nicht, wie mächtig Kaecilius gewesen sein mochte, aber konnte er wirklich bewirken, auf eine fremde Person so einen Einfluss zu haben? Eigentlich konnte das nicht sein, außer, Izzy wäre wirklich seine Tochter. Dann wäre da bereits ein Band in der Vergangenheit geknüpft worden und eine solch starke Bindung aus dem Jenseits erklären.
Catherine bemerkte, dass die Kopfschmerzen offenbar ansteckend waren. Ihr Hirn explodierte bei all den Fragen fast. Am liebsten würde sie die Party mit ihren Freundinnen direkt auflösen. Sie würde sich ohnehin nicht mehr wohlfühlen oder gar konzentrieren können. Vielleicht war es besser, die Frauen zurück ins Kamar-Taj zu schicken. Sicherlich ließe sich ein Weg finden, die Party irgendwann nachzuholen. Irgendwann, wenn ihr Leben wieder in normalen Bahnen lief.

Aber eine Sache musste Catherine noch hinter sich bringen: Sie musste mit Stephen sprechen.



*****




„Wie hat es Piper aufgefasst, als du die Party so frühzeitig beendet hast?“, fragte Stephen, während sie nebeneinander im Gang herliefen. Stephen war fast so pünktlich zurück gewesen, wie ihre Freundinnen gegangen waren. Aber Catherine war unendlich froh, dass er wieder zurück war. Sie fühlte sich einfach sicherer, wenn er in der Nähe war.
„Sie hat es eigentlich verstanden. Ich hab ihr erklärt, dass es mir heute nicht so gut geht und ich mich gerne hinlegen möchte“, antwortete Catherine, die jetzt vor ihrem Zimmer stehen blieb. Sie hatte sich inzwischen in gemütlichere Klamotten geworfen, was ihr mittlerweile vor Stephen nicht mehr unangenehm war. Der trug nämlich ebenfalls einen einfachen Pullover und eine legere Hose.
Stephen zog in gewohnter Manier eine Augenbraue nach oben und winkte sie den Gang entlang. „Komm mal mit. Du kannst mir gern in Ruhe erklären, was der wirkliche Grund für das Ende der Party war. Außerdem hab ich noch was für dich“, ließ er verlauten.
Ein aufgeregtes Kribbeln durchfuhr ihre Glieder. Was würde das wohl sein? Sie folgte ihm brav, wobei sie sich fragte, wo sie jetzt hin wollten. Erst als er in den zweiten Stock schritt, ahnte Catherine schon, wohin sie gingen. Dort oben gab es nichts anders, als seine Räumlichkeiten.
Er öffnete eine schwere Holztür und ließ ihr galant den Vortritt. Catherine hatte Recht behalten. Er hatte sie doch tatsächlich in sein Schlafzimmer geführt. Wobei das Wort „Schlafzimmer“ untertrieben war. Hier könnte man gut und gerne eine Fußballmannschaft unterbringen. Aber gut, als Tempelmeister wohnte es sich schließlich anders. Staunend betrachtete sie den großen Raum, der durch und durch rustikal gehalten war. Viel Holz und Stein gaben dem ganzen Zimmer einen Wohlfühlfaktor. Große Fenster und ein Balkon rundeten das Bild ab.
„Wow, hier fehlt nur noch der Kamin und ein Bärenfell“, witzelte Catherine, obwohl es in ihrem Inneren mittlerweile nicht mehr nur kribbelte, sondern ihr ganzer Körper taub zu sein schien.
„Lässt sich alles einrichten“, hörte sie Stephen sagen. Der hing mittlerweile bis zur Hüfte in einem unscheinbaren kleinen Schrank. „Ich konnte ihn vorher noch abholen und ich hoffe, er schmeckt nur annähernd so gut, wie deine Werke.“
„Was?“ Die Unwissenheit stand ihr so offen ins Gesicht geschrieben, dass Stephen laut lachen musste.
„Ein Kuchen“, klärte er sie auf und öffnete die Box, die er soeben aus dem Schrank gezogen hatte. „Ein kleiner Geburtstagskuchen. Für eine Eigenkreation reichen meine künstlerischen Fähigkeiten leider nicht.“
Catherine blickte in die Box und entdeckte einen kleinen Schokoladenkuchen mit bunten Blüten darauf. „Du bist extra zur Bäckerei und hast mir einen Kuchen besorgt?“, fragte sie, wobei es immer noch seltsam in ihren Ohren klang, ihn zu duzen.
„Ich wusste nicht, was ich dir sonst schenken soll“, entgegnete Stephen ehrlich. „Willst du ein Stück?“
„Na ja, eigentlich hab ich heute genug Kuchen gegessen, aber ein Anstandsstück kann ich schon probieren. Aber nur, wenn du mit mir isst“, schmunzelte sie. Um ihr Herz wurde es noch ein Stück wärmer, als sie Stephens Lächeln erkannte. Ohne Widerworte schnitt er zwei Stücke von der Kalorienbombe ab.
„Was hat dir eigentlich die Laune verdorben? Also, in Bezug auf deine Party“, wollte Stephen wissen. Unterdessen hatte er zwei Stücke auf einen Teller geladen und setzte sich auf die große Fensterbank neben seinem Bett.
Catherine hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ging aber artig ums Bett herum und setzte sich neben ihn. „Ich hab mit Izzy gesprochen“, eröffnete sie ihm dann.
„Verstehe“, seufzte er. „Hat sich irgendwas von unserem Verdacht bestätigt?“
„Nicht direkt. Sie hat zugegeben, mit Kaecilius in Kontakt zu stehen, aber ich glaube, es passiert eher unbewusst“, meinte Catherine, die aus Frust ein riesiges Stück vom Kuchen in ihren Mund schob.
„Du meinst, sie wird von ihm manipuliert?“, hakte Stephen nach.
Catherine nickte, wobei sie jetzt merkte, dass das Stück doch etwas zu groß war. „Ja.“ Sie schluckte den Brocken Schokolade schmerzhaft runter und fügte hinzu: „Sie wäre zu so etwas nie fähig. Ich kenne sie schon so lange. Vielleicht nutzt Kaecilius ihre Einsamkeit nur aus und setzt ihr Flausen ins Hirn.“
„Das dürfen wir natürlich nicht ausschließen, aber vielleicht können wir an die Unterlagen von Ida und Ella rankommen. Vielleicht kannst du mit Stark nochmal sprechen. Eine DNA-Analyse würde uns da schon weiterhelfen“, meinte Stephen nachdenklich, während er sich erhob und eine Liste aus seiner Nachttischschublade zog.
Catherine zog die Augenbraue nach oben. „Ein Liebesbrief?“ Hoffentlich nicht!
„Nein, oder hast du mir einen geschrieben?“ Er grinste keck.
Aha, Dr. Strange hatte heute wohl seine Gute-Laune-Pille geschluckt. Mal sehen, wie lange die Laune anhält, wenn ich ihm die nächste Hiobsbotschaft überbringe.
„Ach, wenn du Briefe haben willst, dann schreib ich dir gerne welche. Aber vorher muss ich dir noch etwas sagen, was Izzy fallen hat lassen“, unterbrach sie ihren kleinen Flirt.
Stephen sah von seiner mysteriösen Liste auf. „Was kann denn noch schlimmer sein, als Kaecilius, der selbst aus dem Jenseits noch Einfluss auf die Lebenden hat?“
„Izzy sagte, dass alle es verdient hatten, zu sterben. Josephine. Oscar Timmons. Und laut ihrer Aussage sind es insgesamt sechs Personen, die auf der Todesliste dieser unbekannten Frau stehen. Also noch vier weitere“, informierte Catherine ihn.
„Sechs Opfer?!“, wiederholte Stephen. Seine Gesichtszüge hatten sich verhärtet.
„Sieben, wenn man dich miteinberechnet. Izzy meinte, dass sie alle Schuld am Zusammenbruch dieser Familie hatten. An Kaecilius‘ Familie.“ Catherine seufzte nachdenklich. „Irgendwas verbindet all diese Menschen also doch. Aber wie können all diese Menschen Schuld an diesem Zusammenbruch haben?“
„Das sollten wir herausfinden, bevor unser mörderisches Duo diese Personen ausfindig macht“, zischte Stephen, während er seine Liste in der Hand zusammendrückte.
„Ich hoffe so sehr, dass Izzy damit nichts zu tun hat. Sie hat zwar gesagt, ihre Mutter hieß Freya, also, genauso, wie Kaecilius‘ Frau, aber ich wünsche mir, dass das nicht stimmt“, flüsterte Catherine. Sie stellte das Teller beiseite und zog ihre Beine an, sodass sie ihr Kinn bequem auf ihre Knie legen konnte.
Aus Stephens Richtung war nur ein Seufzen zu vernehmen. Er packte die Liste zurück in die Schublade und setzte sich wieder zu Catherine. „Wir werden morgen sofort mit dem Mann sprechen, der mit Kaecilius zusammengearbeitet hat. Wenn jemand näheres über die Familie weiß, dann er“, sagte Stephen, der sanft über Catherines Wange fuhr.
„Kann ich mitkommen? Mir fällt sonst die Decke auf den Kopf“, fragte sie leise nach, während sie sich jetzt an Stephen anlehnte.
„Nein, bitte bleib hier oder im Kamar-Taj. Ich werde alleine gehen. Ich möchte dich, so gut es geht, da raus halten.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Catherine grinste, streckte ihre Beine aus und sah ihn an. Sie wusste seine Sorge durchaus zu schätzen. „Ist der Kuchen eigentlich mein einziges Geburtstagsgeschenk oder darf ich mir noch was wünschen?“, lenkte sie nun vom Thema ab.
„Hm, meinetwegen hast du noch einen Wunsch frei“, entgegnete er und schmunzelte dabei schelmisch.
„Wie Sie wünschen, Meister“, zog sie ihn auf.
Stephen blickte gespielt streng auf sie herab, doch in seinen blauen Augen konnte sie durchaus etwas verspieltes herauslesen. „Und was wäre das für ein Wunsch?“, raunte er ihr zu.
Beim Klang seiner Stimme bekam sie erneut eine Gänsehaut. An dieses Gefühl könnte sie sich gewöhnen. „Ich will nur dich“, flüsterte sie mutig.

Catherine spürte, dass sich ihr ganzer Körper nach ihm verzehrte. Sie hatte es auch genauso gemeint, wie sie es gesagt hatte. Dass ihr Körper und ihr Herz sich einig waren, ihn komplett für sich einzunehmen, war unbestreitbar. Selbstbewusst kletterte sie schließlich auf seinen Schoß, um ihren Wunsch einzulösen. In Stephens Gesicht konnte sie durchaus eine gewisse Überraschung erkennen. Offenbar hatte er mit solch einer Annäherung nicht gerechnet. Doch er hielt sie auch nicht von ihrem Tun ab. Ihre Finger tänzelten über seine Wangen, fuhren seinen Bart entlang, ehe sie ihre Lippen gierig auf seine presste. Zwar war ihr letzter Kuss nur wenige Stunden Vergangenheit, doch Catherine fühlte sich, als würde sie verdursten und er wäre ihr Glas Wasser. Stephen schien ebenfalls zu spüren, wie dringend sie seine Nähe suchte und automatisch glitten seine Hände ihre Hüften entlang. Dabei drängte sie sich noch näher an ihn, sodass kein Blatt mehr zwischen sie gepasst hätte. Sie lachte leise, unterbrach so den Kuss, um seine Wärme eindringlich genießen zu können. Ihre Hände fuhren sachte durch sein dichtes Haar und allein dieses Gefühl hinterließ nicht nur in ihren Händen ein Kribbeln. Wie oft hatte sich Catherine schon ausgemalt, durch seine Haare zu fahren, ihn zu berühren, ihn…
Catherine entkam ein leises Stöhnen, als Stephen sie ruckartig noch enger an sich drückte. Das hatte zur Folge, dass sie nun deutlich spüren konnte, wie auch seine Erregung zunahm. Ihr Herzschlag hatte sich nun ebenfalls in die untere Region verabschiedet. Sie wollte schon etwas erwidern, als sie seine Lippen plötzlich an ihrem Hals spürte. Er schien genau da weitermachen zu wollen, wo sie im Artefaktenraum aufgehört hatten. Ganz langsam und quälend fuhr er über ihren Hals, hinunter zur Schulter, was Catherine zunehmend um den Verstand brachte. Noch immer vergruben sich ihre Hände in seinen Haaren, als würde sie nach Halt suchen. Stephens Hände hatten sich unterdessen ihren Weg unter ihr Shirt gebahnt und sofort reagierte Catherines Körper mit einer erneuten Gänsehaut. Dieser Mann brachte sie komplett aus der Fassung! Doch Catherine war nicht gewillt, einfach nur dazusitzen, und sich um den Verstand bringen zu lassen. Sie löste ihren Griff aus seinen Haaren, fuhr mit ihren Händen langsam über seinen Oberkörper und ließ sie unter seinem Pulli verschwinden. Es war das erste Mal, dass sie eine andere Stelle seines Körpers so intensiv unter ihren Fingern spürte und es berauschte sie zunehmend. Ihre Fingerkuppen schienen in Flammen zu stehen, so sehr genoss sie seine warme Haut. Als sie ihre Finger an seinem Hosenbund entlang gleiten ließ, unterbrach Stephen die süße Folter an ihrem Hals und lachte leise.

„Willst du tatsächlich heute schon mit deinem Meister in die Kiste springen?“, entkam es ihm lachend. Seine Haare waren dank Catherine nicht mehr so akkurat frisiert wie sonst, aber irgendwie sah er selbst da noch attraktiv aus.
Sie schmunzelte, wobei sie noch immer ihren Atem drosseln musste. „Mein Verstand sagt nein, aber mein Körper ist da irgendwie anderer Meinung“, schnurrte Catherine, wobei sie ihm einen leichten Kuss auf die Lippen hauchte.
„Meiner auch“, meinte Stephen, der sich kurz durch die Haare fuhr, sie dabei aber immer noch durchdringend ansah.
Catherine zog eine Augenbraue nach oben. „Ich spür es deutlich“, erwiderte sie und drückte sich provokativ gegen ihn.
Stephen kniff kurz die Augen zusammen und sog scharf die Luft ein. Ja, diesem Mann wäre es jetzt nach etwas anderem als reden. „Du musstest mich ja so überfallen“, murmelte er fast schon vorwurfsvoll.
„Du hast mir einen Wunsch erlaubt“, hielt sie dagegen.
Seine Hände zitterten wieder extrem, aber dieses Mal konnte Catherine nicht sagen, woher das kam. Er strich ihr liebevoll über die Wangen und lächelte. „Der Wunsch verfällt nicht. Und wäre ich noch dasselbe arrogante Arschloch wie vor ein paar Jahren, dann hätte ich diese Situation jetzt schamlos ausgenutzt“, gab Stephen ehrlich zu.
„Heißt das, ich muss mich heute mit erotischen Träumen trösten?“, fragte Catherine, wobei ihr eigentlich ein zweideutiger Arzt-Witz auf den Lippen gelegen hatte.
„Ja, aber ich bitte dich darum, hierzubleiben“, verlangte Stephen, der sie jetzt wieder enger an sich drückte, sodass ihre Gesichter nur noch Millimeter voneinander entfernt waren.
Catherine schluckte schwer. „Ich werde sowieso hier im Tempel bleiben“, antwortete sie ihm.
„Das meinte ich nicht“, sprach er leise aus. „Ich möchte, dass du hier bei mir bleibst. In diesem Zimmer. In diesem Bett.“
Seine Augen hatten wieder diesen warmen Ausdruck angenommen, den Catherine so liebte. Sie konnte nicht Nein zu diesem Mann sagen. Egal, in welcher Hinsicht. „Du weißt doch, wie sehr ich deine Nähe genieße“, sagte sie sanft und strich ihm über die Wange. „Ich würde gerne hier bei dir bleiben.“

Stephen lächelte und drückte seine Stirn sanft gegen ihre. Seine Hände hatten mittlerweile wieder die Position gewechselt. Dieses Mal jedoch, um sie in eine zärtliche Umarmung zu ziehen. Catherine erwiderte es und legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab. Erneut genoss sie seine Wärme und die Sicherheit, die er ausstrahlte. Und sie freute sich, dass er sie bei sich haben wollte, denn ihn zu verlassen, wäre ihr heute nicht in den Sinn gekommen.
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