Herz aus Eis

GeschichteRomanze / P18
Doctor Strange / Stephen Vincent Strange Kaecilius OC (Own Character) The Ancient One Wong
19.06.2018
30.11.2019
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„Dort, wo wir lieben, ist unser Zuhause.
Unsere Füße können es verlassen, aber nicht unsere Herzen.“
~ Oliver Wendell Holmes




Ein leichter Wind fegte wieder über den Hof vom Kamar-Taj hinweg. Der Herbst hielt Einzug und das bunte Laub verteilte sich großzügig im Innenhof. Mittlerweile hatte Stephen auch mit dem Mann gesprochen, der Kaecilius noch gut gekannt haben musste und es war durchaus aufschlussreich gewesen. Jetzt wusste Stephen auch, dass Kaecilius zwei Töchter hatte und offenbar waren diese beiden auch die Antreiber dieser Mordserie, zumindest Stephens Ansicht nach. Auch Kaecilius' beruflicher Werdegang war zur Sprache gekommen. Endlich sah Stephen wieder Licht am Ende des Tunnels. Schließlich hatten sie lange genug im Dunkeln getappt. Jetzt galt es nur noch, die Puzzleteile alle richtig  zusammenzusetzen.

Stephen wollte gerade zurück ins Sanctum Sanctorum, als eine hohe Stimme nach ihm rief. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er diese schon einmal gehört und wusste somit, wer auf ihn zukam.

„Miss Garcia“, erkannte Stephen richtig, allerdings klang er wenig erfreut.
Tatsächlich kam Piper auf ihn zu. „Meister Strange. Gut, dass ich Sie noch erwische“, erklärte sie heiter.
Stephen stieß einen tiefen Seufzer aus. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte er neutral.
Piper, die auf ihren hohen Hacken angewackelt kam, blieb vor ihm stehen und grinste breit. „Erst mal freue ich mich, Sie hier zu sehen“, begann sie förmlich. „Aber ich wollte Sie gerne etwas fragen.“
Oh, Gott, auch das noch!  Wieder entkam Stephen ein Seufzer. Was kam jetzt noch? „Sicher, fragen Sie. Aber bitte, ich hab nicht viel Zeit“, merkte er an.
„Okay, ich beeil mich“, meinte Piper eilig, ehe ein süffisantes Grinsen ihr Gesicht zierte und sie neckisch an ihrer Kette zu spielen begann. „Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie dieser ernste Gesichtsausdruck äußerst attraktiv macht?“
Stephen zog eine Augenbraue nach oben. „Nein, in dem Zusammenhang hab ich das in der Tat noch nie gehört“, gab er zu. Sicherlich, es war nicht selten, dass er von Frauen Komplimente zu hören bekam, aber das hatte er tatsächlich noch nicht gehört.
„Gerne doch, aber Sie sind ohnehin attrakitv, in jeder Art und Weise“, säuselte Piper.
„Wollten Sie nicht noch etwas fragen?“, kam Stephen auf das ursprüngliche Thema zurück.
Piper biss sich ertappt auf die Lippe. „Oh, ja, richtig. Eigentlich wollte ich Sie was wegen Catherine fragen“, eröffnete sie.
Augenblicklich zog sich in Stephen alles zusammen. Ging es um die Annäherung? War ihnen jemand auf die Schliche gekommen? Selbst wenn, daran war nichts Verwerfliches. Außerdem war Piper eine Freundin von Catherine. Die würde da sicher nichts dagegen sagen. Aber vielleicht machte Stephen die Pferde auch unnötig scheu.
„Fragen Sie“, bat Stephen und machte eine auffordernde Handbewegung.
„Also, es geht um Catherines Geburtstag“, eröffnete Piper und von Stephens Herz fiel ein gewaltiger Stein ab. „Sie hat ja jetzt dann ihren runden Geburtstag und wir planen eine kleine Feier, nur wissen wir nicht, ob das hier im Kamar-Taj erlaubt ist.“
„Hm, im Normalfall kann man eine Ausnahme machen, aber da wir gerade in einer sehr kritischen Situation mit diesen ganzen Angriffen sind, ist das vielleicht keine gute Idee“, meinte Stephen nachdenklich. Nie würde er Catherine eine Geburtstagsfeier verwehren, aber in diesem Punkt war er streng. Er konnte nicht im Kamar-Taj sein und sie alle beschützen. Er hatte Verpflichtungen in New York und die gingen vor.
„Das habe ich fast befürchtet. Daher wollte ich gerne nachfragen, ob wir nicht im Sanctum in New York feiern können?“, kam Piper jetzt mit dem wahren Anliegen daher.
Stephen überlegte. Eigentlich war das keine schlechte Idee. Wong würde zwar an die Decke gehen, aber gegen eine kleine gemütliche Runde war sicher nichts einzuwenden.
„Unter einer Bedingung“, sagte Stephen nach gründlicher Überlegung. „Es wird keine ausschweifende Feier mit Alkohl, lauter Musik und wohlmöglich noch einem Stripper. Verstanden?“
Auf Pipers Gesicht erschien ein deplatziertes Grinsen. „Wenn Sie sich dazusetzen, werden wir keinen Stripper brauchen“, grinste sie.
„Miss Garcia, ich meine es ernst“, meinte er eindringlich.
„War nur ein Witz“, winkte Piper ab. „Wir wollen uns nur ein wenig zusammen setzen und Kuchen essen. Vielleicht mit ein bisschen Musik, aber mehr nicht.“
Stephen nickte ergiebig. „In Ordnung, das kann ich durchgehen lassen. Wann hat sie eigentlich Geburtstag?“, fragte er nicht ganz uneigennütz.
„Am achtundzwanzigsten Oktober. Also in zwei Tagen schon“, informierte Piper ihn.
„Meister Wong wird an diesem Tag sowieso in der Bücherei hier sein. Sprechen Sie ihn einfach an, damit er Sie ins Sanctum bringen kann“, schlug Stephen ihr vor.
Piper strahlte und klatschte erfreut in ihre Hände. „Vielen Dank, Meister Strange. Cat wird sich bestimmt darüber freuen! Apropos, wo ist Cat eigentlich?“


*****



Es hatte zwei, drei Versuche benötigt, bis Catherine es geschafft hatte, ein Portal ins Sanctum zu öffnen. Ihre Gedanken schienen sich gegenseitig zu erwürgen, so sehr verschlagen sie ineinander. Catherine war komplett durcheinander. Dieser Aufenthalt in Phoenix war ohnehin schon nevenaufreibend gewesen, aber die seltsame Begegnung mit dieser ominösen Frau hatte dem ganzen Theater noch die Krone aufgesetzt. Woher wusste diese Frau, dass sie sich hier befand? Zuletzt musste sie in New York gewesen sein. Stand Catherine unter Beobachtung? Bei dem Gedanken schüttelte es sie. Vielleicht täuschte sie sich auch und.... nein, sie hatte sich nicht getäuscht! Diese Frau war ihre gesuchte Mörderin. Sie wusste es einfach! Noch nie hatte Catherine solch finstere, hasserfüllte Augen gesehen. Sie hatte gespürt, dass diese Person voller Hass war. Der Tod war praktisch greifbar und das ließ den Alarm in ihrem Kopf lautstark ertönen!

Panisch war sie durch das Portal gestolpert und fand sich im Sanctum Sanctorum wieder. Erst als das Portal wieder geschlossen war, spürte sie eine Welle der Erleichterung. Sie war in Sicherheit, aber dennoch blieb ein unbehagliches Gefühl zurück. Schweratmend saß Catherine auf dem Boden der Eingangshalle. Sie konnte noch immer nicht begreifen, was gerade passiert war. Hinter ihr konnte sie schwere Schritte ausmachen.

Wong kam alarmiert die Treppe runtergelaufen. „Was ist passiert?“
„Es ist... ich hab...“, stammelte Catherine, die noch immer keinen klaren Gedanken fassen konnte.
„Ruhig. Tief einatmen“, wies der Meister an und kniete sich neben sie.
Catherine schloss kurz die Augen, atmete tief ein. „Okay, gut, also schön. Ich war in Phoenix. Ich hab auch eine Akte mitgenommen, aber...“ Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals runter.
„Aber? Ist etwas schief gegangen?“, wollte Wong wissen. Er klang ehrlich besorgt.
„Nicht direkt. Aber als ich aus der Kanzlei raus bin, kam mir eine Frau entgegen. Meister, Sie ist unsere Mörderin“, fasste es Catherine wenig logisch zusammen.
Auch Wong wurde nicht schlau aus diesen Sätzen, denn er zog verwirrt die Augenbrauen zusammen. „Was? Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte er.
„Sie... es war ihre Ausstrahlung. Ich habe noch nie solch böse Augen gesehen“, antwortete Catherine und beim bloßen Gedanken an diese Frau schüttelte es sie. „Sie hat mir gesagt, dass wir es niemals verstehen würden.“
Offensichtlich glaubte jetzt auch Wong ihr. „Das ist in der Tat eine besorgniserregende Begegnung. Also müssen wir damit rechnen, dass sie uns beobachtet.“
„Das denke ich auch!“, stimmte Catherine gleich zu, als sie und Wong im oberen Stock plötzlich Geräusche wahrnahmen. Für einen Augenblick glaubte Catherine, es sei diese Frau, doch den Gedanken verwarf sie schnell wieder, als sie die vertraute Stimme von Stephen hörte, der augenblicklich nach Wong rief.
„Hier unten“, rief der Asiate zurück, ehe er an Catherine gewandt sagte: „Wir sollten es ihm sagen.“
Catherine nickte zustimmend und erhob sich vom Boden. Gerade rechtzeitig, denn am oberen Treppenabsatz erschien Stephen.
„Ich hab etwas rausgefunden“, eröffnete der Tempelmeister direkt, wobei er einen besorgten Blick auf Catherine warf. „Alles in Ordnung?“
Catherine tauschte kurz einen Blick mit Wong, bevor sie Stephen antwortete: „So halbwegs.“
„Was soll das heißen?“, fragte Stephen misstrauisch.
„Ich bin unserer Mörderin begegnet. Ich weiß jetzt, wie sie aussieht“, platzte es aus Catherine raus.
„Bitte, was?!“ Stephen schien alles aus dem Gesicht zu fallen. „Wieso haben Sie nicht um Hilfe gerufen?!“
„Weil die Frau so schnell wieder weg war, dass ich gar nicht reagieren konnte“, antwortete Catherine und das war durchaus die Wahrheit.
Stephen sah gleichermaßen wütend und besorgt aus. Bevor jedoch wieder eine Standpauke vom Obersten Zauberer kam, fuhr Wong dazwischen. „Setzen wir uns doch in die Küche, da können wir in Ruhe reden“, schlug er vor.
Stephen schien einverstanden zu sein, denn er kehrte den beiden den Rücken zu und verschwand im Gang. Wong schob Catherine die Treppe nach oben, da die offenbar unter Stephens Blick kurzzeitig erstarrt war.
In der Küche angekommen ließ sich Catherine auf einen Stuhl nieder. Wong tat es ihr gleich. Nur Stephen stand an der Küchenzeile, verschränkte provokativ seine Arme vor der Brust und durchbohrte sie förmlich mit seinem Blick. Wieder einmal musste Catherine feststellen, was dieser Mann für eine Autorität ausstrahlte.
„Also“, begann er in einem bedrohlich, ruhigen Tonfall. „Sie sind dieser Frau begegnet?“
„Na ja, sie stand plötzlich vor mir und sagte, dass wir es niemals verstehen würden“, wiederholte Catherine wahreitsgemäß. Sie fühlte sich, als hätte sie etwas verbrochen und nicht diese Frau.
„Was würden wir niemals verstehen?“, bohrte Stephen weiter nach.
„Keine Ahnung! Ich hatte weder die Gelegenheit noch die Lust dazu, sie danach zu fragen. Nach diesem Satz war sie wie vom Erdboden verschluckt. Ich weiß nicht, wo sie hin ist oder wer sie ist. Ich weiß nur....“ Catherine unterbrach sich selbst mitten im Satz, als sie an das Gesicht der Frau zurückdachte.
Stephen wurde misstrauisch und beugte sich ein Stück weit nach vorne. „Was wissen Sie?“
„Ich weiß nur, dass mich ihr Gesicht an Izzy erinnert hat“, sagte sie leise, schob aber schnell hinterher: „Aber es war nicht Izzy!“
„Wie können Sie sich da so sicher sein?“, hielt Stephens Fragerei weiter an.
Hastig stand Catherine von ihrem Stuhl auf, um zu protestieren. Sie kam sich vor, als säße sie vor Staatsanwalt Strange auf der Anklagebank. „Ich bin mir sicher, weil ich Izzy schon seit Jahren kenne, verdammt nochmal!“, fuhr sie ihn an.
Stephen sah jedoch nicht so aus, als würde er sich davon einschüchtern lassen. Im Gegenteil. Er holte zum Gegenschlag aus. „Aber Sie haben gesagt, diese Frau sah Ihrer Freundin verdächtig ähnlich“, merkte er an.
„Ist Ihnen das noch nie passiert, dass Ihnen ein fremder Mensch bekannt vorkommt?“, murrte Catherine. „Wieso reiten Sie weiter darauf rum? Die Frau ist so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Wieso erzählen Sie nicht, was Sie so bahnbrechendes herausgefunden haben?“
Nun erwachte auch Wong wieder zu Leben. „Ja, Stephen, Sie sagten doch, Sie hätten etwas herausgefunden“, lenkte er ein. Offenbar war ihm die Diskussion zwischen seinem Chef und seiner Schülerin auch auf die Nerven gegangen.
Stephens Blick wanderte nun zu Wong. „Ich hab mit dem Mann gesprochen. Er hat mir berichtet, dass Kaecilius tatsächlich zwei Töchter hat. Laut Aussage unseres Magieres hören die Mädchen auf die Namen Ella und Ida. Familienname Ibsen“, eröffnete er, als wäre nie etwas gewesen.
Catherine war zwar noch immer stinkig, wegen des Verhörs, holte jedoch die kopierten Akten aus ihrer Tasche und suchte die Blätter über Kaecilius raus. Ibsen. Den Namen hatte sie schon mal gelesen. „Freja Ibsen“, las Catherine vor.
„Was?“ Da Catherine in Gedanken vertieft war, wusste sie nicht, wer gerade gefragt hatte.
„Freja Ibsen. Der Name steht hier in Dads Akte. Sie war Kaecilius' Frau“, informierte sie die beiden Meister.
„Ihr Vater hatte eine Akte über Kaecilius?“, fragte Stephen nach.
Ohne ihn anzusehen antwortete Catherine: „Ja, aber nur dürftig. Er hatte sich nur Rat bei meinem Vater geholt. Laut Akte ist Freja vor Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall in Arizona ums Leben gekommen. Kinder sind hier nicht vermerkt. Im Autowrack wurde lediglich Freja gefunden.“
„Wenn Kaecilius und Freja tatsächlich in den Staaten unterwegs gewesen waren, kommt die Frage auf, warum?“, überlegte Wong, während Catherine ihm die Akte reichte.
„Und wo waren die Kinder?“, fügte Stephen nachdenklich an.
„Für mich ergibt das alles keinen Sinn“, meinte Catherine, wobei sie schon froh war, dass keines von Kaecilius' Kindern Izzy hieß. Außerdem passte der Nachname nicht.
Stephen zog sich einen Stuhl heran, sodass er direkt vor Catherine saß. „Woher haben Sie die Akten eigentlich?“, wollte er wissen.
„Wenn ich Ihnen das erzähle, wollen Sie mir doch bloß wieder einen Strick daraus drehen“, war sich Catherine sicher.
Unbeeindruckt von der erneut aufkommenden Diskussion der beiden, blätterte Wong durch die Akte und sagte: „Dann müssen Sie entweder Ella oder Ida begegnet sein.“
„Diese Namen klingen viel zu süß für eine Mörderin“, nuschelte Catherine.
„Sicherlich fanden viele Menschen früher auch den Namen Charles süß, bis Charles Manson kam“, kam ein unpassendes Gegenargument von Stephen.
Catherines Augen verzogen sich zu Schlitzen. Dass Stephen heute wieder so auf Provokation aus war, nervte sie tierisch. Wieso konnte er sich nicht einmal dafür bedanken, dass auch sie ein paar Informationen zusammengetragen hatte?
„Ich werde mich hinlegen. Ich bin kaputt“, eröffnete Catherine nun und erhob sich. „Ab morgen bin ich wieder für ein paar Trainingseinheiten im Kamar-Taj, wenn es recht ist.“
Obwohl Stephen nicht begeistert zu sein schien, seufzte er ergiebig. „Sicher. Immerhin bin ich morgen auch im Kamar-Taj, da kann ich ein Auge auf Sie werfen“, meinte er.
Ein angesäuerter Blick ereilte ihn, doch Catherine ließ es unkommentiert und verschwand in den oberen Stockwerken. Stephen sah ihr noch kurz nach und seufzte theatralisch.
„Mal unter uns, Stephen“, begann Wong. „Was siehst du in ihr? Und ja, ich lasse das Formelle weg. Immerhin kennen wir uns jetzt schon jahrelang.“
Stephen warf ihm einen offenen Blick zu. „Soll mir nur recht sein“, stimmte er zu. „Und was Catherine betrifft – was sollte ich in ihr sehen? Sie ist eine kluge Frau, die uns in diesen Fällen mittlerweile sehr dienlich ist.“
„Das meinte ich nicht. Ein Meister sollte allen Schüler dieselbe Aufmerksamkeit schenken. Sie alle stehen unter deinem Schutz, nicht nur Catherine“, erklärte Wong offen.
„Was willst du von mir hören?“ Stephen lachte humorlos. „Dass ich meine Objektivität verliere, wenn sie bei mir ist? Dass ich besorgter um sie bin, als um andere?“
„Stephen, ich verurteile dich nicht, weil du offenbar Zuneigung für sie empfindest. Du solltest nur im Blick behalten, dass auch andere deinen Schutz benötigen. Außerdem kannst du sie nicht auf ewig hier im Tempel einsperren. Sie hat das gut gemacht in Phoenix“, hielt Wong eine ehrliche Ansprache und erhob sich. „Ich werde mich jetzt an die dänischen Behörden wenden. Vielleicht bekommen wir mit dem Nachnamen etwas raus. Irgendwas muss zu finden sein.“

Stephen nickte nur. Er hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, einen Arm auf der Lehne und mit der anderen Hand trippelte er nervös auf der Tischplatte. Wong hatte natürlich Recht. Es war unfair und extrem gefährlich die anderen Schüler zu vernachlässigen, nur weil sich seine Gefühle für Catherine so stark verändert hatten. Sicher, jeder würde den Menschen, den er liebt, allen anderen vorziehen und versuchen, ihn zu schützen, doch er war in der Position des Obersten Zauberers. Seine Aufgabe war es, alle Schüler zu schützen, nicht nur Catherine. Auch wenn es ihm unendlich schwer fiel, die Zügel lockerer zu lassen.


*****



Catherine hatte den restlichen Tag über nur noch in ihrem Zimmer verbracht und über die letzten Ereignisse nachgedacht. Die neusten Erkenntnisse hatten nicht dazu beigetragen, dass sich der unendlich dicke Knoten in ihrem Kopf löste. Es gab jetzt so viele Namen und Möglichkeiten, wie dieser Fall ausgehen konnte, doch keiner ergab Sinn davon. Catherine war nur froh, dass Izzy nichts damit zu tun hatte. Zumindest kam ihr Namen nirgends in Verbindung mit Kaecilius vor. Wenigstens ein Lichtblick.

Am nächsten Morgen hatte Catherine Wort gehalten und war ins Kamar-Taj zurückgekehrt. Auch wenn sie nur wenige Tage weggewesen war, kam es ihr vor, als hätte sich hier alles verändert. Der Tagesablauf war unruhiger geworden, die Lehrer strenger und die Schüler misstrauischer. Natürlich hatten die beunruhigenden Vorfälle der letzten Wochen auch hier ihre Spuren gezogen. Solange die Identität dieser Frau nicht geklärt war, würden sich die Schüler gegenseitig verdächtigen und da war es nur noch eine Frage der Zeit bis sich einige gegenseitig an die Gurgel gingen.
Wenigstens zeigte Stephen Präsenz, sodass sich die meisten Schüler benahmen und auch sicherer fühlten. Es war erstaunlich, was er für eine Sicherheit ausstrahlte. Zwar übernahm er heute keine Unterrichtsfächer, aber allein die Tatsache, dass der Chef durch die Gänge lief oder die öffentlichen Bereiche aufsuchte, brachte eine ungemeine Ruhe in die Gemeinschaft. Vielleicht war es doch nicht so verkehrt, dass er hier war, auch wenn sich Catherine hin und wieder ziemlich beobachtet fühlte. Aber Catherine war froh, wieder hier zu sein. Sie hatte das Kamar-Taj vermisst und natürlich auch seine Bewohner. Von Beck war sie überschwänglich begrüßt worden und von ihm hatte sie auch erfahren, dass sich die Gerüchte um sie und Stephen gelegt hatten. Schließlich gäbe es gerade interessantere Themen, wie diese Angriffe. Catherine konnte das nur recht sein. Selbstverständlich hatte sie von Piper dieselbe Geschichte gehört, aber die war ja weiter in die Beziehung zwischen Catherine und Stephen eingeweiht, als andere Schüler. Von ihr hatte Catherine auch gesagt bekommen, dass sich Izzy nur noch mit Unterrichtsfächern ihre Freizeit vollstopfte. Laut Piper war die junge Frau mehr in sich gekehrt, als noch vor ein paar Tagen. Catherine wollte unbedingt das Gespräch mit Izzy suchen.

Doch auch die nächsten zwei Tage vergingen ohne, dass Catherine Izzy zu Gesicht bekam. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hatte Catherine vor ihrer Türe gestanden, doch Izzy war nicht da gewesen. Nur ein einziges Mal hatte sie Izzys Stimme nachts unter ihrem Fenster vernommen. Doch Izzy hatte nicht mit Catherine gesprochen. Da Catherine sich zu diesem Zeitpunkt noch im Halbschlaf befunden hatte, war Izzy natürlich verschwunden, bevor Catherine komplett Herrin ihrer Sinne war. Ernüchternd, aber ändern konnte es Catherine nicht.
Am Nachmittag des achtundzwanzigsten Oktobers hatte Stephen darum gebeten, dass sie wieder ins Sanctum zurückkommen sollte. Anscheinend hatte er weitere Informationen über Kaecilius. Neugierig war Catherine also ins Sanctum Sanctorum zurückgekehrt. Doch auf ihre Euphorie folgte Ernüchterung. Stephen hatte ihr lediglich mitgeteilt, dass Kaecilius in Dänemark offenbar mit einem Geschäftspartner eine Firma geleitet hatte. Eine Information, die laut Catherine nicht unbedingt hilfreich bei dem Fall war.

„Sie holen mich aus dem Kamar-Taj, nur um mir zu sagen, dass Kaecilius erfolgreich in der Metallbranche zu tun hatte?“, zischte Catherine, während sie Stephen in den Artefaktenraum folgte.
„Immerhin wissen wir jetzt, was er vorher gemacht hat“, verteidigte Stephen seine Information.
„Toll, damit ist uns wirklich geholfen. Vielleicht war ja ein unzufriedener Kunde der Auftraggeber für diese Verbrechen? Und Ella oder Ida waren die Auftragsmörder“, meinte Catherine ironisch. „Wenn Sie sonst nichts zu sagen haben, dann möchte ich gerne wieder zurück ins Kamar-Taj.“
Stephen blieb vor einer der Glasvitrinen mit dem Rücken zu ihr stehen. „Man würde fast meinen, dir gefällt es hier nicht“, entkam es ihm trotzig.
„Nein, ich...“ Catherine stuzte. „Warten Sie. Als Sie mich das letzte Mal geduzt haben, stand ich am Ende heulend vor Ihrer Türe.“
Langsam wandte er sich zu ihr um. In seinen Augen konnte sie das gleiche Verlangen sehen, wie einst, als er unter ihrer Türe gestanden hatte. „Ich hab nicht vor, dich nochmal zum weinen zu bringen“, erklärte er ehrlich. „Das hatte ich niemals vor.“
„Was haben Sie denn dann vor?“ Catherine war noch immer misstrauisch. Toller Geburtstag! Sie durfte nicht zurück ins Kamar-Taj, um mit ihren Freunden zu feiern und Stephen sprach mal wieder in Rätseln. Vermutlich würde er gleich mit einer absurden Bitte um die Ecke kommen.
Seine Mundwinkel zuckten verräterisch und eine Augenbraue wanderte nach oben. „Du willst wirklich wissen, was ich vor habe?“, gab er eine Gegenfrage, die Catherine noch zusätzlich aufregte. Nur der Unterton in dieser Frage klang ziemlich erregend.
„Sonst würde ich nicht fragen“, knurrte sie. Unterdessen war er einen Schritt auf sie zugekommen.
„Als du mich letztens in der Küche angetroffen hast, da hatte ich für einen Moment die Angst, du könntest mich als schwach erachten oder es sogar deinen Freunden erzählen. Die Schwachstelle des Obersten Zauberers. Aber das hast du nicht“, sprach Stephen den Moment an, über den sie niemals wieder ein Wort verloren hatten.
„Wieso hätte ich das tun sollen? Was hätte ich denn davon?“, antwortete Catherine, die jetzt automatisch eine Hand auf seine Brust legte, und liebevoll hinzufügte: „Ich würde Ihnen niemals schaden, Meister Strange.“
Stephens Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, während seine Hände nach ihrem Gesicht tasteten. „Stephen“, bat er leise.
Catherine zog die Augenbrauen zusammen. Zwar hatte sie verstanden, was er meinte, fragte aber dennoch nach. „Stephen?“
„Ja“, lachte er leise. „Bitte nenn mich ab jetzt Stephen. Zumindest, wenn wir unter uns sind.“
Irgendwie schien sich dieser Geburtstag doch noch zum Guten zu wenden. Catherine konnte es kaum fassen. Dass Meister Strange ihr das Du anbot, kam einem Geschenk des Himmels gleich. Es hob ihre Beziehung nochmal auf ein privateres Level.
Stephen wollte gerade die Hände von ihren Wangen nehmen, als Catherine sie gierig an sich presste. „Nein, lass sie genau da“, flüsterte sie und schmiegte sich in seine Handfläche. „Ich liebe deine Berührungen.“
„Selbst mit diesen Händen?“ Auch wenn die Frage ernst gemeint war, überzog sein attraktives Gesicht ein sanftes Lächeln.
Catherine hauchte ihm einen Kuss auf die Handinnenfläche und erwiderte: „Ganz besonders mit diesen Händen.“

Catherine erkannte noch, dass Stephen erneut lächeln musste, ehe er sie an sich heranzog und ihre Lippen mit den seinen verschloss. Endlich! Jeden Tag hatte Catherine schon darauf gewartet, dass Stephen ihr erneut näher kam und endlich tat er es. Seine Lippen waren so herrlich weich. Sie genoss diesen Kuss, obwohl sein Bart hin und wieder auf ihrer Haut kitzelte, aber das störte sie nicht im geringsten. An diese Berührungen konnte sie sich auf jeden Fall gewöhnen. Dieses Mal ging er jedoch einen Schritt weiter und ließ seine Zunge über ihre Lippen streichen. Nur allzu gerne kam sie ihm entgegen und öffnete ihren Mund. Ihr Körper hatte schon allzu oft signalisiert, dass sie mehr von Stephen wollte, aber so mächtig wie jetzt hatte ihr Körper noch nie danach verlangt. Dieser Zungenkuss, der sich anfühlte wie eine heiße Samba, hinterließ in ihrer Körpermitte ein Ziehen, das unerträglich wurde. Hätte ihr vor Wochen jemand gesagt, dass sie einmal mit Stephen Strange wild knutschend im Artefaktenraum des New Yorker Tempels stehen würde, hätte sie ihn für verrückt erklärt.

Energisch drückte Stephen sie ein Stück zurück und Catherine keuchte laut auf, als sie die kalte Wand im Rücken spürte. Sie fühlte sich Stephen komplett ausgeliefert, aber was noch schlimmer war – es gefiel ihr. Sie grinste diebisch, als Stephen den Kuss kurz unterbrach, ihr aber doch noch so nahe war, dass sie seinen Atem auf ihrer Gesichtshaut spüren konnte. Selbstsicher schlang Catherine ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn zu einem weiteren Kuss an sich heran. Mittlerweile hatten seine Hände auch ihre Wangen verlassen und waren auf Wanderschaft gegangen. Catherine keuchte erneut erschrocken auf, als sie seine Finger auf ihrer erhitzten Haut unter dem Shirt spürte. Langsam tänzelten seine Finger an ihren Seiten nach oben und wieder nach unten. Catherines Haut schien in Flammen zu stehen und das erregte Ziehen ging mittlerweile durch ihren ganzen Körper, bat dabei um Erlösung.
Als seine Hände wieder nach unten wanderten, tastete Stephen an ihrem Hosenbund entlang, bis sich seine Hände auf ihrem Po wiederfanden. Catherine registrierte diese Berührung und drückte sich enger an ihn. Sie liebte es, seinen Herzschlag so dicht an ihrem zu spüren. Und offenbar genoss auch Stephen diese Nähe. Erneut unterbrach er ihren leidenschaftlichen Kuss und fuhr mit seinen Lippen ihren Hals entlang. Jetzt hatte er genau die Stelle gefunden, die Catherine sofort dahinschmelzen ließ. Ein leichtes Stöhnen entkam ihr, was Stephen sofort bemerkte und seine süße Folter fortsetzte. Dieser Mann macht mich wahnsinnig!

„Stephen, hör jetzt bitte nicht auf“, keuchte sie hilflos, doch Stephen kam dieser Bitte nicht nach und stoppte tatsächlich. Draußen im Gang war ein Stimmengewirr zu vernehmen, wobei man vor allem Pipers Stimme ganz klar raushörte. Was Catherine nicht geahnt hatte, hatte Stephen komplett vergessen: Heute stand die Geburtstagsfeier an.
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