Ein Plädoyer für Komplimente

OneshotSchmerz/Trost / P12
18.06.2018
18.06.2018
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Ein Plädoyer für Komplimente


Liebe LeserInnen,

wie im Titel schon zu erkennen ist, möchte ich heute über ein Thema sprechen, das mich seit den frühen Morgenstunden beschäftigt, in denen ich im Zug saß und nichtsahnend von einem jungen Mädchen auf mein Erscheinungsbild angesprochen wurde.

Was hat es mit diesem Erscheinungsbild auf sich? Dafür muss ich ein wenig ausholen: Nun, ich werde häufig im Zug oder an anderen öffentlichen Orten mit Blicken bedacht, die man in fast jede Sparte der emotionalen Wahrnehmung oder manches Mal sogar Vorverurteilung einteilen könnte.

Warum sich aber die meisten Mitmenschen von einem schwarzen Baumwollshirt mit einem Aufdruck derartig angegriffen fühlen, ist mir bis heute ein Rätsel. Genau genommen kümmert es mich mittlerweile gar nicht mehr, aber es ist ein andauerndes Gefühl – wie ein Stein im Schuh oder der sprichwörtliche Dorn im Auge – das nicht vergeht, da man eben weiß, wie es ist, pausenlos herablassend angeschaut zu werden.

So auch andere Menschen, die vorverurteilt werden, weil sie wegen irgendeiner herausragenden Eigenschaft nicht in die Norm passen, an die sich der Großteil unserer Bevölkerung anscheinend aus Bequemlichkeit gewöhnt hat.

Bandshirts, Stiefel oder gar Aufnäher auf dem Rucksack (wie in meinem Fall) gehören nicht zu dieser Norm und fallen auf, das ist richtig. Ich würde lügen, behauptete ich, dass ich mir dessen nicht bewusst wäre und es nicht darauf ankommen ließe. Doch wieso ist die 'Werbung', die ich mit einem T-Shirt für eine unbekannte Band mache verwerflicher als die, die andere mit einem Markenshirt für einen Modekonzern machen?

Interessant ist dabei auch, dass sogar Menschen, die mich näher kennen, jedes Mal ein Fass in Gegenwart meiner Eltern aufmachen, da sie sich meinen Kopf darüber zerbrechen, ob ich denn mit diesem Aufzug überhaupt jemals einen Job finden würde.
→ Ich habe einen Job neben der Uni, arbeite sogar für die Uni. Das wiederholt meine Mutter jedes Mal, wenn dieses leidige Thema aufkommt.

Diese Leute versuchen meine Eltern (und ich bin über 20, das muss man sich gleichzeitig vor Augen halten) damit zu beruhigen, dass das ja nur eine Phase wäre und ich irgendwann wieder 'normal' rumlaufen würde – sie sollen sich also keine Sorgen machen.
→ Meinen Eltern ist das gelinde gesagt scheißegal. Ich bin alt genug.

Wenn meine Mutter es irgendwann die Nase voll hat, sich für jemanden zu rechtfertigen, der gar nicht anwesend ist, erzählt sie, dass ich ja Zukunftspläne habe und dafür arbeite. Der Job an der Uni kommt nämlich nicht von ungefähr, ich möchte nämlich in die Wissenschaft, noch lieber ins Wissenschaftsmanagement, einsteigen und habe sogar schon ein Dissertationsthema, obwohl ich nicht einen einzigen Satz meiner Masterarbeit geschrieben habe.
→ Aber wenn ich promovieren wollte, müsste ich mich auch früher oder später anpassen. Nach diesem erwähnten Dissertationsthema hat noch niemand gefragt. Aber meine Schuhe sind wichtig? Interessanter Standpunkt.

Doch kommen wir zu der Begebenheit, die ich zu Beginn des Textes angedeutet habe: Heute Morgen saß ich wie immer in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit und setzte mich in einen Vierer, in dem schon drei junge Frauen saßen, zwei etwa in meinem Alter, eine etwas jünger. Die Jüngste dürfte um die 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein und sie ließ sich zumindest optisch auf den ersten Blick in das musikalische Sub-Genre einordnen, in dem ich mich teilweise auch bewege. So weit, so unspektakulär.

Dieses Mädchen musterte meinen Rucksack, meine Kleidung, meine Festivalbändchen, die ich am linken Handgelenk trage, und mir fiel der Blick auf – was auch sonst. Doch ordnete ich diesen Blick nicht als negativ ein, sondern interessiert und das nehme ich einfach nur zur Kenntnis, denn wie gesagt: Die Patches, Bändchen, T-Shirts sollen auf unbekannte Bands aufmerksam machen und wenn ich einen damit zu einer Google-Anfrage bewege, dann hat es sich schon gelohnt.

Eben jenes Mädchen beließ es aber nicht bei der Musterung, sondern tippte mich an und deutete auf einen der Patches, da sie auf demselben Festival sogar im selben Jahr gewesen ist und auch, ob ich Band XY gesehen hätte.

Wir sprachen die zwei Stationen, die sie mitgefahren ist, sehr zurückhaltend, da ich völlig mit ihrem Interesse und ihrer Aufgeschlossenheit überfordert war (denn, wir erinnern uns, die meisten hassen einen pro forma ja schon) und sie eben sehr neugierig. Ich habe schon ein wenig mehr Erfahrung gesammelt und sehe heute vermutlich so aus, wie die Leute, die ich in ihrem Alter vermutlich für 'cool' gehalten habe.

Und genau das sagte sie dann zu mir: „Tut mir leid, wenn ich dir auf die Nerven gehe, aber ich feiere dich gerade voll.“ Dann stieg sie aus.

Was aber als Nachgeschmack übrig geblieben ist, ist folgendes: Warum ist mir ein Kompliment von einem Fremden so unangenehm? Wieso hätte ich mit einem abwertenden Blick besser umgehen können, ihn regelrecht ausblenden können?

Ich glaube, ich weiß wieso: Weil wir uns nur noch beschweren können. Wann haben wir denn das letzte Mal eine Mail an einen Verkäufer, eine Notiz an die nette Bedienung im Restaurant, einen Brief an eine Filialleitung geschrieben, um ein Kompliment auszusprechen, ein Lob mitzuteilen? Ich denke, das haben die wenigsten in der letzten Zeit getan.

Warum gehen uns Beschwerden so leicht von der Hand, während wir das Positive gerne einfach als gegeben hinnehmen und so tun, als wäre das der Normalzustand? Ich habe jahrelang neben der Uni als Kellnerin gearbeitet und ich weiß, wie es ist, wenn ständig einer meckert, obwohl es nichts zu meckern gibt. Ich weiß, wie es ist, wenn man zum Tisch zitiert wird und unqualifizierte Kommentare an den Latz geknallt bekommt, weil man in den Augen des Gastes persönlich dafür verantwortlich ist, dass er schlechte Laune hat.

Wegen dieses Jobs habe ich ein dickes Fell und kann einiges ertragen, so auch die abwertenden Blicke am Bahnhof oder die gut gemeinten Ratschläge der Bekannten meiner Eltern, die sich anscheinend lieber über meine Pullover informieren als über meine Zukunftspläne, obwohl sie mich kennen, seit ich das Licht dieser Welt erblickt habe.

Aber wieso zeigt heute niemand mehr, dass ihm etwas gefallen hat, dass er zufrieden war, dass er jemanden 'cool' findet? Ich weiß es nicht. Doch seit ich das junge Mädchen heute Morgen in der Straßenbahn getroffen und mich kurz mit ihr unterhalten habe, denke ich, dass ich mir eine Scheibe von ihrem Mut abschneiden sollte. Sie hat mich einfach angesprochen und die einmalige Chance genutzt. Hätte ich das in ihrem Alter getan? Vermutlich nicht.

Ich weiß auch, dass ich mich danach irgendwie über ihre Worte gefreut habe, denn ich scheine doch kein so verkommenes Gossensubjekt zu sein, für das mich sogar langjährige Bekannte halten mögen, da ihnen mein Schuhwerk nicht in den Kram passt. Das Spannendste ist ja, dass es meine Professoren ebenfalls nicht kümmert – die interessiert nur, dass ich meine Arbeit mache und das pünktlich und zuverlässig. Fall erledigt.

Hiermit spreche ich also ein Plädoyer für Komplimente aus, denn wir sollten uns alle ein wenig mehr auf das Positive im Leben konzentrieren. Wenn euer Kollege eine Farbe trägt, die ihm gut steht – sagt es ihm oder ihr. Wenn jemand etwas gut gemacht hat, dann sagt es ihm oder ihr. Es geht ganz einfach und tut nicht weh.
Ganz im Gegenteil.

Danke für's Lesen.

LG, Erzaehlerstimme
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