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Weit, weit weg

von Tilajasar
KurzgeschichteDrama, Tragödie / P16 / Gen
Rusty
18.06.2018
23.06.2018
6
6.518
1
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9 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
18.06.2018 1.388
 
Der Titel dieser kurzen Geschichte sagt nicht nur etwas über den Inhalt aus, sondern auch über seine Beziehung zum Musical. Die Geschichte ist sehr weit weg von Starlight Express. Sie ist auch mal wieder (vor einigen Monaten) spontan entstanden und wird recht episodisch erzählt (noch extremer als „Kinder, Kinder“). Zwischen der Handlung der Kapitel liegen längere Zeiträume, zumeist etliche Tage.

Fragt mich nicht, was mich geritten hat sowas zu schreiben. Ich stelle die Texte eigentlich auch nur ein, weil ich es nicht mag, irgendetwas Abgeschlossenes auf meinem Computer versauern zu lassen und außerdem brauchte ich noch eine kurze Zwischengeschichte, bevor es mit dem letzten Teil von „Zwei Welten“ weitergeht. Ich hoffe ihr versteht das so wie es gemeint ist, als Warnung vor dem was jetzt kommt. Es ist eine meiner typischen Geschichten á la „When the night is darkest”. No need for reviews ;-)

***

„Gut, Rusty. Ich nehme an, du weißt, warum du hier bist. Ich möchte gern deine Geschichte hören.“
Die Worte klangen freundlich aber Rusty konnte nicht umhin sich zu fragen, ob der hellblaue Waggon, der ihm gegenüber saß sich wirklich für ihn interessierte. Jetzt schenkte sie ihm ein aufmunterndes Lächeln aber er sah zu Boden und schwieg.
„Wie wäre es, wenn du am Anfang anfängst?“ Sie ließ ihren Blick über den Notizblock gleiten, der auf ihren übergeschlagenen Beinen lag, dann sah sie ihn wieder freundlich an. „Das war die Geburtstagsfeier von Dinah, richtig?“
Rusty sah auf. „Nein. Es war Greaseballs Geburtstag.“ Noch ehe er den Satz beendet hatte, wurde ihm bewusst, dass sie das gewusst haben musste. Sie wollte ihn nur zum Reden bringen.
Offenbar waren ihm seine Gedanken sehr deutlich anzusehen, denn auf das Gesicht des hellblauen Waggons trat ein entschuldigender Ausdruck. „Niemand zwingt dich mit mir zu reden. Es ist in deinem eigenen Interesse.“
Rusty machte ein abfälliges Geräusch. Das hatte er nun schon so oft gehört. „Das bringt doch nichts.“
„Weißt du das genau? Hast du es schon mal versucht?“
Rusty schwieg. Nein, das hatte er natürlich nicht, weil er wusste, dass es nichts bringen würde und weil er es nicht wollte.

„Glaube mir, ich mache diesen Job nicht, weil ich euch bloßstellen will, sondern weil ich helfen will. Und ich weiß, dass ich das kann. Also lass es uns versuchen. Ich nehme an Greaseballs Geburtstagsparty war gut besucht?“
Rusty starrte sie wortlos an. Alles in ihm weigerte sich mit dem Waggon, der ihn immer noch freundlich lächelnd anschaute, zu reden. Aber er spürte auch, dass das vielleicht seine letzte Chance war und noch schlimmer als alles war, konnte es eigentlich wirklich nicht werden.
Er holte tief Luft. „Es waren alle Züge und Waggons von unserem Bahnhof da und… noch ein paar andere.“
„Kanntest du die?“
„Einen oder zwei hatte ich schon mal mit Greaseball zusammen gesehen, die… die anderen kannte ich nur vom Vorbeifahren. Das waren alles Diesel.“
„Und du bist von Anfang bis Ende auf der Party gewesen?“
„Nein! Wenn es nach mir gegangen wäre, wär ich gar nicht hingegangen. Aber Pearl, meine Freundin, hat darauf bestanden, dass ich mitkomme. Dabei hat sie dann fast nur mit Dinah geredet.“
„Und du? Du hast dich nicht amüsiert?“
„Doch, schon. Mein bester Freund war ja auch da. Aber die meisten sind dann, als es auf den Abend zuging, gefahren.“
„Du aber nicht?“
„Ich wollte schon. Aber ich musste ja auf Pearl warten und sie hat kein Ende gefunden. Ich glaube, Dinah hatte sie auch gebeten so lange zu bleiben wie möglich, weil sie nicht mit Greaseball und den Dieseln allein sein wollte.“
„Warum wollte sie das nicht?“
Rusty wandte seinen Blick zu Boden, während er überlegte, wie er das am besten und unverfänglichsten erklären sollte. Schließlich sah er wieder auf. „Greaseball ist nicht sehr wählerisch, was seine Freunde betrifft. Hauptsache sie bewundern ihn, alles andere ist egal.“
Der blaue Waggon schaute ihn noch immer erwartungsvoll an, also sah Rusty sich gezwungen noch etwas genauer zu werden. „Das sind Typen, die man nicht auf dem Gleis neben sich haben will. Und wenn sie dann noch was getrunken haben…“
„…dann möchte ihnen ein Waggon wie Dinah nicht nachts allein begegnen?“
Rusty zog die Luft ein, presste die Lippen zusammen und nickte. Er spürte plötzlich das dringende Bedürfnis den Raum zu verlassen. Aber während er noch nach einer passenden Entschuldigung suchte, fuhr der blaue Waggon mit ruhiger Stimme fort: „Am Ende konntest du Pearl aber doch überreden zu fahren?“

Aus seinen Gedanken gerissen, sah Rusty verwirrt auf. „Ja, es war ja auch schon sehr spät und Pearl konnte keinem mehr vormachen, dass sie nicht todmüde war. Das hat auch Dinah eingesehen und dann sind wir gefahren.“ Rusty richtete sich ein wenig auf, um zu signalisieren, dass seine Geschichte nun zu Ende erzählt war. Aber der Waggon ihm gegenüber blieb unverändert entspannt sitzen und musterte ihn. „Du möchtest nicht weitererzählen?“
Nein, das wollte er nicht. Er wollte fahren und nie mehr wiederkommen. Aber er wusste, dass er das Gelände nicht verlassen durfte.
„Warum willst du nicht weitererzählen?“
Als ob sie das nicht ganz genau wusste. Er betrachtete seine im Schoß fest zusammengepressten Hände und schwieg.
„Ihr seid in euer Depot gefahren und schlafen gegangen.“
Ja, so hätte es sein sollen. Rusty sah nicht auf.
„Und am nächsten Morgen seid ihr gut gelaunt aufgewacht und habt noch mal die lustige Party am Abend Revue passieren lassen.“
Rusty spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, als unwillkürlich Erinnerungen hochkamen, wie er wirklich den Morgen erlebt hatte. Er begann zu blinzeln aber das half nichts. Ein paar Mal versuchte er noch tief ein und auszuatmen, dann stand er auf und verließ fluchtartig das Zimmer.

---

Draußen im Gang wartete Bona aber er fuhr einfach an ihr vorbei hinaus in den Park. Sie rief ihm irgendetwas hinterher, aber er reagierte nicht. Auch auf die anderen Loks und Waggons, deren Weg er kreuzte, achtete er nicht. Die meisten waren ohnehin mit sich selbst beschäftigt aber einige warfen ihm auch verwunderte und zum Teil mitleidige Blicke zu.
Erst als er völlig außer Atem war wurde er langsamer, rollte zur nächsten Bank und ließ sich darauf niedersinken. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis er sich wieder so weit gefasst hatte, dass er seiner Umgebung Aufmerksamkeit schenken konnte. Als er sich umschaute, wo er sich eigentlich befand, sah er Bona neben der Bank stehen.

„Was machst du hier?“, fragte er überrascht und wischte sich noch einmal über die Augen.
„Darf ich mich setzen?“
„Ja, klar.“ Er rutschte ein Stück zur Seite, obwohl auch so noch genügend Platz auf der Bank gewesen wäre. Aber er wollte vermeiden, dass sie ihm zu nahe kam. Schließlich hatte er sie erst vor ein paar Tagen kennengelernt, auch wenn es sich ganz anders anfühlte. Aber hier und jetzt war sowieso alles anders.
„Ich hab dir doch gesagt, dass sie bisher jeden aus der Reserve gelockt hat.“
„Ich habe ihr nichts erzählt.“
„Noch nicht.“ Sie sah ihn nicht an, lächelte aber als sei sie sich ihrer Sache sehr sicher. „Ich wollte ihr am Anfang auch nichts erzählen. Aber letzten Endes habe ich es getan und ich glaube es hat mir geholfen.“
„Aber du bist immer noch hier. Wenn es wirklich geholfen hätte, wärst du wieder auf deinem Bahnhof.“ Er schüttelte den Kopf. Bona war viel zu optimistisch. So einfach war das alles nicht.
„Aber mir geht’s schon besser. Bestimmt kann ich bald wieder nach Hause.“
Rusty schaute sie ernst an. Ihr Lächeln konnte nicht über ihr kränkliches Äußeres hinwegtäuschen. Sie war blass, hatte dunkle Ringe unter den Augen und ihre Lippen zitterten. Wenn es ihr jetzt besser ging, wollte er nicht wissen, wie sie ausgesehen hatte, als es ihr schlecht ging.

„Nun schau mich nicht so traurig an. Sie schicken dich bestimmt auch bald wieder zurück.“
„Ich bin erst vor drei Tagen gekommen. Wie lange bist du schon hier?“ Es war eine rhetorische Frage, denn er wusste es genau. Auch Bona war das bewusst, denn sie antwortete leise: „Fünf Monate. Aber dir geht’s gut.“
„Noch“, murmelte Rusty.
„Ach, komm schon. Kopf hoch! Wir kommen hier beide wieder raus.“ Sie richtete sich auf. „Weißt du was, ich glaube es ist bald Mittag, lass uns zum Essen fahren!“
Wiederwillig nickte Rusty. Er konnte nach wie vor nicht verstehen, warum das Essen für Bona so ein Highlight darstellte. Aber vielleicht würde er es verstehen, wenn er so lange wie sie hier war.
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