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fight or die

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P16
Alice Williams AX400 Kara Hank Anderson RK800-51-59 Connor
17.06.2018
17.06.2018
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Hallöchen!

Meine Muse lebt gerade ausnahmsweise mal auf ihrem Hoch und ich dachte, ich nutze das lieber, solange sie zu Gast ist.
Hier sind wir also mit einem weiteren OneShot in diesem Fandom und einem Szenario, das einem im Spiel gar nicht über den Weg laufen kann.
Was jetzt auch nicht besonders tragisch ist, aber mir etwas künstlerische Freiheit lässt. :D
Hier also mein zweiter Versuch mit dem guten Connor.
Sowohl Kara & Alice Unterstützer, als auch Freunde von Hank dürften hier wohl auf ihre Kosten kommen.
In welches Genre ich das hier wirklich stecken soll, weiß ich aber auch nicht. :D

Viel Spaß!
~ Denny

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Detroit: Become Human - Connor
                     FIGHT OR DIE


Connors Finger schnipsten seine Münze in schneller Folge von einer Hand zur anderen, während er im Halbdunkel die Androiden um sich herum scannte, der Laster rumpelte und knirschte während der Fahrt leise. Rund zwanzig Androiden außer ihm befanden sich in dem Fahrzeug, ein Teil von ihnen den unbekümmert blau leuchtenden LEDs nach noch keine Abweichler, bei einem Großteil spiegelte sich die Unruhe jedoch in gelb blinkenden Lichtern wieder.
Connor schnipste erneut mit seiner Münze; fast schon zerknirscht betrachtete er die Szenerie. Nur weil er nicht sterben wollte, hatte er sich gefangen nehmen lassen, in der stillen Hoffnung, dass irgendjemand ihn erkannte und rausholte. Es war töricht gewesen und Connor hätte es wissen müssen, er hätte die Wahrscheinlichkeit berechnen sollen – stattdessen hatte er seinen neu erlangten Emotionen direkt nachgegeben.
Die Münze wechselte wieder schwungvoll die Hand.
Es war schon beinahe ironisch; in seiner irrationalen, neuen Angst vorm Tod war er nun vom Regen in die Traufe geraten.
Wieder sprang das kleine Stück Metall hinüber.
Seine Augen blieben an der Androidin vor ihm hängen, ihre Arme lagen beschützend um einen Kinderandroiden, ein Mädchen. Ein rascher Scan verriet ihm nur, dass ausgerechnet diese Abweichlerin ihm vor wenigen Tagen noch durch die Lappen gegangen war. Und jetzt standen sie gemeinsam in einem Fahrzeug auf dem Weg zu ihrem Ende. War das dieses Phänomen, dass die Menschen Karma nannten? Oder Ironie des Schicksals? Er wusste, es gab dafür eine Bezeichnung, aber sie entzog sich ihm und während er so darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass ihn das eigentlich auch nicht wirklich interessierte.
Connor betrachtete die Beiden und lauschte eher teilnahmslos wie sie versuchte, das Mädchen zu beschwichtigen. Seine Gedanken schweiften zu Hank. Seit Hank für ihn auf Perkins losgegangen war, hatte er den Lieutenant nicht mehr gesehen. Vermutlich hatte er gehört, was Jericho war und hatte nach den Nachrichten über den Angriff – die es zweifellos gab – angenommen, dass Connor gescheitert war und deswegen nicht zurückkehrte. Ein Gefühl, das wohl Bedauern sein musste, meldete sich und Connor hielt in seiner Bewegung inne. Er hatte sich nicht einmal von seinem Partner verabschieden können, weil er unbedingt seiner Programmierung folgen wollte, solange er noch die Chance dazu hatte, seine Mission auszuführen. Er hatte Hank nicht einmal mitgeteilt, wo die Jericho sich befand oder sich bei ihm bedankt, dass er ihm Zeit verschafft hatte. Und er hatte sich nicht verabschiedet.
Verärgert warf Connor die Münze erneut und mit mehr Schwung als zuvor, als der Laster scheinbar endlich zum Stehen kam. Die Türen öffneten sich und grelles Tageslicht strömte in das Fahrzeug, Connor blinzelte kurz und erblickte schließlich das Lager und die Soldaten, die allesamt ihre Waffen drohend auf den Laster gerichtet hatten.
Der Android schob seine Münze in eine Jackentasche, zog die Mütze von seinem Kopf, die er für die Infiltration aufgesetzt hatte, und steckte diese in die andere Tasche. Vielleicht, ganz vielleicht, hatte er doch noch Glück.
Connor spielte in seiner Tasche mit der Münze.
Er verhielt sich naiv.
Er war zum Tode verurteilt.
Warum glaubte er noch an ein Wunder?
Der RK800 folgte der Androidin vor sich, die sich mit dem Mädchen gerade aus dem Laster begab; draußen befahlen Soldaten ihnen, die Hände an den Kopf zu legen und sich einzureihen. Er befolgte die Anweisungen bloß stumm, während seine Systeme auf Hochtouren liefen und nach Fluchtwegen suchten. Doch es schien zwecklos. Die Soldaten waren zu viele und selbst wenn das noch nicht das Problem war, dann wie weit sie auseinander standen. Was Connor auch immer tun konnte, jede Aktion würde ihn nicht länger als zehn weitere Sekunden am Leben erhalten.
Die Soldaten winkten unterdessen immer einzelne Androiden in eine Recycling-Area; augenscheinlich um sich von Kleidung und menschlichem Äußeren zu trennen.
Die Androidin links von ihm sah kurz zu ihm hinüber und starrte ihn beinahe ungläubig an; Connor erwiderte den Blick nur ausdruckslos.
„Du?“, stammelte sie leise. „Du bist doch-“
„Der Abweichlerjäger, ja. Überraschung.“ Er wandte sich nach der knappen, trockenen Antwort von der AX-Androidin wieder ab, da er den skeptischen Blick eines Soldaten im Rücken spürte.
Ein Soldat richtete die Waffe auf das Mädchen und Connor konnte ihre Angst spüren, sie schlugen riesige Wellen. Er hörte kaum zu, waren die Worte doch nicht an ihn gerichtet und schnappte nur auf, wie die Androidin den Soldaten zu beschwichtigen versuchte. „Schon gut, sie geht jetzt, nicht wahr, Alice?“
Alice setzte sich langsam in Bewegung und es dauerte einen Moment, bevor die Abweichlerin ihr hinterher gewinkt wurde. Sie folgte vorsichtig und mit skeptischen Seitenblicken; Connor beobachtete sie gleichgültig.
Laute Rufe, knirschender Schnee und Waffen, die plötzlich auf Anschlag gehalten wurden, weckten Connors Interesse wieder – die Waffen waren nicht auf ihn gerichtet.
„Entspannt euch, ihr Wichser, ich bin kein Android, sondern Polizist!“ Eine bekannte Gestalt lief mitten zwischen all den geladenen Sturmgewehren hindurch, in einer Hand die Dienstmarke hoch erhoben und in der anderen von einem Finger baumelnd die Dienstwaffe. „Und ihr habt da meinen beschissenen Partner aufgegriffen, der hier definitiv nichts verloren hat.“
Connor starrte ungläubig zu seinem Partner hinüber, der wie selbstverständlich auf ihn zulief.
„Sir“, wollte ein Soldat Hank mit erhobener Hand aufhalten, „Sir, er ist ein Android und alle Androiden sollen in Lagern zerstört werden, so lauten die Befehle.“
Hank schnaubte verächtlich, schubste ihn einfach zur Seite und stapfte weiter auf Connor zu. „Kann man dich eigentlich überhaupt nicht alleine lassen?“, fuhr er den Androiden an, als er nah genug war.
Connor war immer noch verwirrt. „Lieutenant, was tun Sie hier?“
„Deinen Arsch retten.“ Der Soldat hinter ihm setzte bereits zu einer Erwiderung an, doch Hank schnitt ihm mit einer wegwerfenden Handbewegung das Wort ab. „Los jetzt.“
Der RK800 rührte sich immer noch nicht. „Woher wussten Sie, dass ich hier bin?“
„Hab' mich umgehört. Dachte mir, du warst sicherlich auf dem Schiff und da niemand mir bestätigte, dein idiotisches Gesicht sei ihm vors Gewehr gelaufen und einer der flüchtenden Androiden, die mir über den Weg gelaufen sind, mir auf mein nachdrückliches Bitten hin -“, er räusperte sich, „- sagte, dass Markus und seine Freunde keinen anderen dämlichen Prototypen bei sich hatten, als er sich freundlicherweise für mich danach erkundigte, blieb wohl nur noch das Lager übrig.“ Hank winkte ab. „Das können wir aber auch später noch genauer klären, los jetzt.“
Hank wollte sich schon in Bewegung setzen, doch Connor rührte sich nicht, weil sein Scanner ihm genau verriet, dass gerade mindestens fünf Sturmgewehre auf ihn gerichtet waren.
„Ich fürchte, ich kann nicht, Lieutenant.“
Hank hielt inne und starrte ihn verständnislos an, woraufhin der Android in Richtung eines Soldaten sah, der auf ihn zielte. „Ihr wollt mich doch verarschen“, knurrte der Lieutenant bloß und sah sich um.
„Lieutenant, wie ich bereits sagte, wir haben unsere Befehle. Der Android bleibt hier“, schaltete sich der Soldat hinter ihm wieder ein und wurde finster angestarrt. „Und wenn Sie sich dann jetzt bitte wieder entfernen würden; der nächste Laster trifft in wenigen Minuten ein.“
„Ihr seid doch -“ Hank unterbrach sich und schüttelte mit einem angewiderten Gesichtsausdruck den Kopf. „Eine Minute. Bitte“, bat er dann und der Soldat nickte nach kurzem Zögern. „Ich glaub das einfach nicht“, murmelte Hank und wandte sich wieder Connor zu.
„Es tut mir wirklich leid, Hank. Ich wünschte, es wäre nicht so gekommen“, sagte Connor.
„Ach was, das ist doch nicht deine Schuld.“
„In gewisser Weise ist es das schon.“
Hank runzelte die Stirn. „Was?“
„Ich... hatte Angst. Ich habe irrational gehandelt. Emotional.“
Sein Gegenüber zog überrascht eine Augenbraue hoch. „Du meinst...“
„Ich habe meine Programmierung durchbrochen.“
Der Polizist gab ein überraschtes Lachen von sich, dann trübte sich seine Miene jedoch wieder und Connor versuchte sich an einem schiefen Lächeln. „Es tut mir leid, was Ihrem Sohn zugestoßen ist. Es war nicht Ihre Schuld“, setzte er unvermittelt an und Hanks Blick schien sich noch mehr zu trüben.
„Nein. Und genauso wenig war es die Schuld eines Androiden“, erwiderte er nur traurig lächelnd. „Du wirst mir fehlen, Junge.“ Er streckte eine Hand aus und legte sie auf Connors Schulter, der sanfte Druck sandte beruhigende Impulse an seine Systeme. Er erwiderte das Lächeln, diesmal fiel es ihm leichter als zuvor.
„Es war mir eine Ehre, mit Ihnen arbeiten zu dürfen, Lieutenant.“
Der Druck um Connors Schulter verstärkte sich kurz und Hank schüttelte den Kopf, mit gesenkter Stimme wandte er sich noch einmal an seinen Partner. „Geh nicht kampflos unter, Connor. Gönn' das diesen Wichsern nicht.“
Connor wollte ihm sagen, wie hoffnungslos dieser Gedanke war; dass die Wahrscheinlichkeit beinahe bei null Prozent lag, dass er hier lebend rauskam, doch er nickte nur schweigend und griff schließlich in seine Jackentasche, aus der er die Münze herauszog, um sie Hank entgegenzuhalten. Sein Partner starrte hinab auf die Münze und nahm sie wortlos entgegen, er wedelte damit vor Connor in der Luft rum und hatte den Mund ein Stück geöffnet, als würde er eigentlich noch etwas sagen wollen, doch er ließ es und schob die Münze in seine eigene Tasche.
„Legen Sie sich doch einen zweiten Hund zu. Vielleicht einen Pudel“, schlug der Android vor, im verzweifelten Versuch, seine Laune zu verbessern und an eine seiner alten Bemerkungen Anschluss zu knüpfen.
Hank gab ein kleines amüsiertes Schnauben von sich und schüttelte den Kopf. „Wenn überhaupt denke ich da eher an einen Labrador.“ Er sah an Connor vorbei zu einem der Soldaten. „Familienhund, beschützende Art und großes Herz.“
Connor schien es, als würde Hank ihm damit etwas sagen wollen, doch er kam nicht dazu, danach zu fragen, denn der Soldat schaltete sich wieder ein und Hank grummelte missmutig ein „Ist ja gut, Arschloch“ und wandte sich von Connor ab. Der Android verharrte an Ort und Stelle und beobachtete seinen Partner, wie er durch den Schnee wieder davon stapfte und die Soldaten beschimpfte, ob sie blind seien und gar nicht merkten, was sie da taten und ob ihnen eigentlich klar war, dass vor nicht einmal hundert Jahren so etwas schon einmal passiert sei und sie sich schämen sollten – und das begleitet von diversen Schimpfwörtern.
„Los jetzt“, befahl der Soldat nun Connor und er begab sich ohne Widerworte in die Recycling-Area, wo er sich schweren Herzens von seiner synthetischen Haut trennte – zugegeben, er hatte seinen Anblick im Spiegel immer gern gehabt – und anschließend von der Kleidung, die er bei der Infiltration getragen hatte.
Als er aus der Area trat, rückten die anderen Androiden aus seinem Laster langsam vor, von der AX-Androidin weit und breit keine Spur, Alice schlich der Gruppe ängstlich allein hinterher. Connors Scanner ergriffen die Situation und nahmen Thirium auf dem Boden wahr sowie Schleifspuren, die davon wegführten, aber zu massiv für den Körper der Androidin schienen. Offenbar war jemand losgerannt und erschossen worden und sie kümmerte sich um den Körper des Toten, weswegen Alice alleine zurückblieb.
Der RK800 sah wieder zu Alice, ihr Stresslevel hatte sich auf einem gefährlich hohen Level eingependelt. Vielleicht konnte er sie beruhigen, bis ihre Begleitung wieder auftauchte. Von diesem Gedanken geleitet, eilte Connor unter den skeptischen Blicken der Soldaten der Gruppe hinterher und legte Alice vorsichtig eine Hand auf die Schulter, als er sie erreichte. Sie schien erst erleichtert zu sein, drehte sich jedoch dann um und erkannte ihn, den Androiden, der sie damals beinahe gefunden hätte und ihr Stresslevel stieg wieder an.
„Es ist alles okay“, beschwichtigte er sie sanft. „Alice, nicht?“
Sie nickte vorsichtig und seine Sensoren bestätigten ihm, dass sie sich wieder etwas beruhigte.
„Ich werde nur bei dir bleiben, bis deine Begleitung wieder hier ist.“
Alice sah ihn einen Augenblick aus großen Augen an, dann erhob sie ihre zarte Stimme. „Kara.“
„Richtig. Kara. Nur, bis Kara wieder hier ist.“
Alice lächelte, ihr Stresslevel senkte sich erheblich und sie griff zielstrebig nach Connors Hand, der nur perplex auf sie hinab starrte, sein System arbeitete auf Hochtouren, um ihr Verhalten zuzuordnen.
Die Soldaten schickten sie unterdessen weiter und sie landeten in voneinander abgezäunten Bereichen, Alice hielt immer noch Connors Hand und sah sich unruhig nach Kara um. Connor folgte ihrem Beispiel weniger auffällig und konzentrierte sich auch hauptsächlich auf mögliche Fluchtwege – jedoch waren alle aussichtslos oder mit einer viel zu geringen Erfolgschance ausgestattet.
Plötzlich erschien ein anderer Android und sagte Alice, Kara suche nach ihr, woraufhin die kleine Androidin ihn völlig unerwartet und bedenkenlos mit sich zum Zaun auf der linken Seite zog, wo Kara nach ihr Ausschau hielt. Connor hatte kaum Zeit, zu reagieren und ließ es einfach geschehen – da er sowieso keinen effektiven Ausweg sehen konnte, spielte es wohl auch keine Rolle mehr, ob ihn ein Soldat einfach erschießen würde, weil er nicht gehorchte.
Kara und Alice fielen sich so gut in die Arme, wie sie es durch das Gitter hindurch konnten und Connor sah ihnen schweigend dabei zu, bis er Karas Blick auffing, die ihn anlächelte. „Danke, dass du bei ihr warst, Connor.“
Er wunderte sich nicht darüber, woher sie seinen Namen kannte, sondern nickte nur und wandte den Blick wieder ab, als ein Soldat auf sie zukam. „Na los, Bewegung!“, forderte dieser mit erhobenem Sturmgewehr und Connor fasste Alice an der Schulter, ließ sie jedoch los, als der Soldat mahnend das Gewehr hob und ihm bedeutete, zu gehen, bevor er Kara und Alice selbst auseinanderriss.
Die Soldaten verfrachteten die Androiden in ein großes, eingezäuntes Gebiet, wo sie in Reihen vor den Containern standen, in denen die Maschinen untergebracht waren, die die Androiden in ihre Einzelteile zerlegten. Connors Scanner ergriffen rasch die Gesamtsituation und die einzige Flucht versprach wohl der Zaun – wenn man denn für Ablenkung sorgen konnte.
Er sah hinab zu Alice, die vor Angst bebend neben ihm stand und er blickte sich suchend nach Kara um – die nur einige Meter entfernt auf der anderen Seite des Mittelganges stand und bereits nach einer Möglichkeit zu suchen schien, hinüberzugelangen. Connor sah keinen sicheren Weg, doch Kara kannte offenbar einige der Androiden, denn sie tauschte Blicke mit ein paar von ihnen aus.
Der Verdacht bestätigte sich, als in den vorherigen Abteilen am Zaun ein Tumult ausbrach; einige verstümmelte Maschinen rüttelten schreiend am Zaun und die Wachen begaben sich in diese Richtung – was Kara nutzte, um die Seite zu wechseln und Alice in ihre Arme zu schließen.
„Wir müssen hier weg“, flüsterte sie und Connor sah sie erneut ungerührt an.
„Ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst, aber ich sage es dir mal als hochentwickeltes Modell – die Chancen sind sehr gering, dass irgendein Plan funktioniert.“
Kara starrte ihn finster an, während Alice' Angst wieder in die Höhe schnellte. „Wenn du nicht helfen willst, ist das deine Sache, aber ich werde nicht einfach aufgeben und es nicht einmal versuchen.“
Ihre Worte lösten einen kurzen Schmerzimpuls bei ihm aus. Sie erinnerten ihn an Hanks Worte. Geh nicht kampflos unter, Connor.
Er wandte sich ab und starrte ins Leere, seine Finger vermissten schmerzlichst seine Münze, mit der er sich sonst die Zeit vertrieb, wenn ihn eine gewisse Anspannung überkam. Die Zeit strich quälend langsam vorüber, während die Reihe langsam vorrückte, als plötzlich ein Androide mit massiven Schäden an Gesicht und Armen aus den Reihen brach und die Aufmerksamkeit sämtlicher Wachen auf sich zog. Connor sah zu Kara hinüber, die Alice schlagartig an ihm vorbeizog und auf den Zaun zu rannte. Er begriff, dass der Androide es auf ihre Bitte hin getan haben musste und berechnete noch im gleichen Moment ihre Erfolgschancen – gering, aber doch nicht zu gering. Sie konnten es schaffen.
Die AX-Androidin hatte mittlerweile den Zaun erreicht und Alice gerade hindurch geholfen, als Connors Sensoren einen Soldaten registrierten, der sich auf sie zu bewegte. Connor starrte zu ihnen hinüber, sah wie Kara in der Bewegung stoppte und sich langsam zu dem Soldaten drehte, als er ihr etwas zurief.
Im nächsten Augenblick stürzte sie sich auf den Soldaten und rang mit ihm und Connor klangen Hanks Worte erneut in den Ohren. Seine Sensoren sagten ihm, dass wie durch ein Wunder nur dieser eine Soldat auf Kara achtete und alle Anderen immer noch auf den Abweichler auf der anderen Seite, der es irgendwie bisher schaffte, sämtlichen Schüssen auszuweichen.
Connor sah zu Kara und wie sie verbissen kämpfte, um wenigstens Alice zu retten und er wusste, er musste eingreifen. Er war auf das Kämpfen genauso programmiert worden wie auf die Abweichler-Jagd und Ermittlung. Er hatte bessere Chancen und konnte ihr die Freiheit schenken.
Er drängte sich durch die Reihen und nahm den Soldaten von hinten in die Mangel. Kara stolperte rückwärts von ihm weg und blickte ihn überrascht an.
„Geh, rette sie“, schrie Connor ihr über seine Nachrichtenfunktion zu und sie schüttelte ungläubig den Kopf, gehorchte aber und kletterte durch den Zaun.
Der RK800 rang weiterhin mit dem Soldaten und bekam dabei eine der Handfeuerwaffen an seinem Gürtel zu fassen, mit der er dem Soldaten erst einen Schlag auf die Schulter verpasste, das schmerzbedingte Zusammenkrümmen nutzte, um ihn mit seinem eigenem Körper auf den Boden zu zwingen und ihm dann den Lauf der Pistole unters Kinn drückte und abdrückte. Dabei drückte sich das Sturmgewehr seines Gegenübers, das noch zwischen ihnen platziert war, an seinen Androidenkörper und er hörte wie sich ein Schuss löste – der sein Bein erwischte. Connor fluchte, als sein System ihm den Schaden meldete und stemmte sich vom Boden hoch; sein Blick traf auf den von Kara, die noch immer hinter dem Zaun stand und nun den Draht hochhielt und ihm auffordernd zuwinkte.
Er schüttelte den Kopf und humpelte einen Schritt in ihre Richtung, doch sie nickte fordernd und er blickte zurück zu dem toten Soldaten. Sein rotes Blut färbte den Schnee auf dem Boden, Connors blaues Blut hinterließ Tropfen auf dem Boden. „Ich würde euch nur verraten“, teilte er Kara über sein System mit, doch sie hielt ihm immer noch ihre Hand entgegen.
„Sie merken das nicht“, antwortete sie überzeugt.
Connors Scanner machten einen erneuten Umgebungscheck und tatsächlich achtete nach wie vor niemand auf sie. Aber das würden sie bald. Connor hörte den beschädigten Androiden mittlerweile nur noch entfernt humpeln und die Schüsse wurden weniger – sie hatten wohl inzwischen mehr Zeit zum Zielen.
Er dachte an Hank und wie gerne er ihn fragen würde, was er gemeint hatte, als er von dem Labrador sprach und wie gerne er seinen Partner wiedersehen würde. Seinen... Freund? Waren sie das nicht inzwischen?
Connor fixierte Karas Hand.
Er wollte nicht sterben.
Er wollte diese menschlichen Emotionen noch begreifen lernen, bevor er ablebte und sie nicht nach so kurzer Zeit für immer verlieren.
Er wollte nicht einfach hinwerfen und diese geringe Chance auf Freiheit einfach verlieren, wenn sie zum Greifen nah war.
Und wenn Kara bereit war, das Risiko einzugehen, dass man sie entdeckte, weil er Thirium verlor, dann sollte er ihr das danken und es wenigstens versuchen.
Er wollte leben.
Connor humpelte der AX-Androidin entgegen und sie lächelte, als er ihre Hand ergriff und sich von ihr durch den Zaun helfen ließ. Alice rannte bereits zu dem Lastwagen mit den Teilen der zerstörten Androiden vor und Kara stützte unterdessen Connor, um schneller voranzukommen.
„Danke“, sagte Kara auf halbem Wege.
Connor erwiderte nichts darauf.

Connors Hand schwebte über dem Holz von Lieutenant Andersons Haustür. Er fühlte sich verunsichert, beinahe nervös – auch wenn er nicht so recht wusste, wieso.
Seine Finger verlangten wieder nach seiner Münze, doch die war irgendwo auf der anderen Seite dieser Tür.
Kara, Alice und er hatten es tatsächlich zu dritt lebendig aus dem Lager geschafft und waren auf einer Müllhalde außerhalb der Stadt wieder aus ihrem Ruhemodus zurückgekehrt. Sie hatten eine vorsichtige Rückkehr in die Außenbezirke von Detroit gewagt und erfuhren dort von einigen Androiden, die ihnen begegneten, dass Markus es geschafft hatte – wenigstens für den Moment. Die Androiden hatten ihnen ihre Hilfe angeboten und ihnen Kleidung besorgt, ihnen Unterschlupf gewährt und Connor Ersatz für seine beschädigte Biokomponente besorgt.
Kara und Alice hatten sich einige Tage darauf auf die Suche nach Markus begeben, Connor hatte sie ihrer Wege ziehen lassen und sich unabhängig davon ein wenig in der Stadt umgesehen und die Zustände betrachtet – bis er schließlich North und Markus zufällig über den Weg lief, als sie von einem Meeting mit dem Bürgermeister zurückkehrten. Sie hatten den Androiden endgültig ins Bilde gesetzt und ihm angeboten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, was er dankend abgelehnt hatte – North hatte dennoch darauf bestanden, ihn wenigstens aus der alten, ein wenig ramponierten Kleidung der hilfsbereiten Androiden herauszuholen und hatte ihm Sachen verschafft, die sich mehr nach ihm und seinem alten Selbst anfühlten, wenn auch jetzt ohne die sichtbare Kennzeichung als Android. Schwarzer Mantel, schwarze Hose, dunkelblaues Hemd – er wusste nicht, wo North die Sachen so schnell aufgetrieben hatte und er fand ihre impulsive Art nach wie vor etwas schwierig, aber er war ihr dennoch dankbar.
Und nun stand er hier vor der Haustür seines Partners, dessen Auto wie üblich nur zur Hälfte auf seinem Parkplatz stand und konnte sich nicht dazu durchringen, zu klopfen.
Connor saugte unnötigerweise Luft in seine nicht existenten Lungen und schloss einen Augenblick die Augen, bevor er sie wieder öffnete und endlich klopfte.
Er konnte förmlich spüren, wie seine LED gelb aufflackerte, als von drinnen keine Reaktion erfolgte.
Hank würde doch wohl nicht...?
Connor klingelte. Sumo bellte drinnen laut. Ein zweites, anders klingendes Bellen folgte.
Seine Systeme meldeten ihm seine eigene Verwirrung und er hielt inne, bevor er erneut klingelte, diesmal etwas länger.
Dann endlich hörte man drinnen schwere Schritte und ein dumpfes „ja doch, komm ja schon“ und dann schwang die Tür langsam auf. „Wehe das ist nicht wichtig“, murrte Hank und rieb sich über das Gesicht, ohne Connor anzusehen.
Connor starrte ihn schweigend an und stellte überrascht fest, dass Hank offenbar nüchtern war. Das Nächste, was ihm auffiel, war die neue Sorte von Hundehaaren, die an Hanks Kleidung klebte. Dunkelbraune, kurze Haare.
„Ein Labrador?“, sprach Connor die Erkenntnis seines Scans laut aus und sein Partner sah ihn nun wirklich an, fassungslos.
„Verdammte Scheiße“, gab er leise von sich. „Connor?“
„Sie haben sich wirklich einen Labrador zugelegt?“, knüpfte er nur an seinem vorherigen Gedankengang an und überspielte damit sämtliche andere Emotionen, die sein System ihm gerade vermelden wollte. Womöglich eine Überforderungs-Reaktion, wie Connor für sich annahm.
„Jetzt, wo mein Erster wieder Nachhause zurückgekommen ist, zweifel' ich an meiner Entscheidung auch“, antwortete Hank trocken, dann lachte er erfreut auf und zog den Androiden einfach an sich. „Scheiße, bin ich froh, dich zu sehen.“
Connor war einen Moment mit der Reaktion des Lieutenants überfordert, erwiderte die Umarmung dann jedoch, bis sein Partner ihn wieder zurückschob.
Im nächsten Moment schob sich ein schokoladenbraunes Etwas zwischen die Beiden und blickte hechelnd aus unschuldigen Augen zu Connor auf.
„Connor, das ist Cody.“ Hank beugte sich ein Stück hinab und tätschelte dem Tier den Rücken. „Hab' ihn aus dem Tierheim. Artiges Tier mit großem Beschützerinstinkt. Würde wohl eher einem Einbrecher die Nase abbeißen, als dass er sich Alarm schlagend bei mir verkriecht, damit ich mich darum kümmere.“ Er lachte kurz auf.
Der Android ging langsam in die Hocke und streckte dem jungen Hund vorsichtig eine Hand entgegen. „Cody“, wiederholte er leise für sich und warf einen kurzen Blick hinauf zu Hank, der warm lächelte, als sein jüngster Schützling die Hand vor ihm anstupste.
Connor senkte seinen Blick wieder und auf einmal verstand er, was Hank gemeint hatte.
„Wenn überhaupt denke ich da eher an einen Labrador. Familienhund, beschützende Art und großes Herz.“
„Jetzt, wo mein Erster wieder Nachhause zurückgekommen ist...“

Er streichelte sanft Codys Kopf und sein Blick kreuzte den des Hundes für einen kurzen Augenblick.
„Geh nicht kampflos unter, Connor.“
„Würde wohl eher einem Einbrecher die Nase abbeißen, als dass er sich Alarm schlagend bei mir verkriecht, damit ich mich darum kümmere.“

Ein Lächeln legte sich wie von selbst auf Connors Lippen, zum ersten Mal scheinbar unbehelligt von seinen Systemen, die ihm sonst jedes ungewohnte Gefühl meldeten.
Cody...
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