Destinesia: The Hack Doll

von Hellgate
GeschichteDrama, Romanze / P18
Don Quichotte de Flamingo Monet OC (Own Character) Smoker "der Weiße Jäger"
17.06.2018
23.06.2019
16
51425
22
Alle Kapitel
49 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Die Autotüren schlagen polternd zu, nachdem einer der Wagen die Ware der Famiglia vollständig untergebracht hat. Buggy, wie er nach endlos langen Ausschweifungen angemerkt hat, bleibt hingegen noch einen Moment länger vor uns stehen. Die Handys hält er fest in einer Hand, während in der anderen noch immer die Pistole durch die Gegend schwenkt. Ich habe keine Ahnung, in welche Kategorie ich ihn einsortieren soll, aber er hat etwas an sich, das ihn eines Tages mit grenzenloser Sicherheit umbringen wird. Vermutlich ist er einfach Lebensmüde, etwas anderes fällt mir in dieser Hinsicht nicht ein.
Was ich hingegen klar behaupten kann, ist die Tatsache, dass er sich nicht im Geringsten um die Konsequenzen schert. Er lächelt vor sich hin und genießt den Triumph, den er durchlebt, ohne auch nur einen Moment lang etwas weiterzudenken. Als würde er in jeder Weise nur ein Leben leben, das gar nicht seines ist. Eines, in dem er großartig ist und selbst den großen Hunden ans Bein pinkeln kann, ohne dafür bezahlen zu müssen. Die Konkurrenz zwischen ihm und Doflamingo muss groß genug sein, um dafür schier das Leben anderer zu opfern, weil sie wertlos dagegen erscheinen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Anders kann ich mir das Chaos nicht erklären, das mit Babys Blutverlust in jeder Sekunde ein wenig erdrückender wird. Es sind nur wenige Tropfen, die den Asphalt unter ihr dunkler färben, doch genug, um mit der Zeit genug Schaden anzurichten.
„Nun denn, ihr Anfänger. Ich wünsche euch viel Spaß hier draußen.“ Zufrieden schwillt Buggy die Brust an, strafft die Schultern, als würde man ihm einen elendigen Orden für seine Dienste verleihen. In Situationen wie diesen kann ich nicht anders, als mein Gegenüber trotz starkem Herzrasen zu belächeln. Auch, wenn die Unsicherheit tief im Mark sitzt, bin ich noch immer besser dran als dieser Clown. Menschen wie er fliegen hoch und fallen doppelt so tief, was er in diesen Momenten noch nicht bewusst wahrnimmt. Genauso wenig wie meine respektlose Mimik, die jede Zelle seines Körpers verhöhnt. Für all das ist er zu weit vom Abgrund entfernt – zumindest in seiner grenzenlosen Fantasie. Vermutlich hat er keine von uns jemals ernst genommen und jeden Misserfolg als Gnade seinerseits gewertet. Es ist eine von vielen Sachen, die ihn hängen werden, doch zugleich auch einer der Aspekte, der mir bitter aufstößt. Sein Verhalten legt sich erniedrigend auf meine Schultern, erinnert mich an die Zeit bei Crocodile und auch an meinen Posten bei Doflamingo. In einer Welt, in der die Männer alles zu beherrschen scheinen, wird man laufend belächelt. Das ist mir bewusst, aber gegenüber Buggy ist es weitaus schlimmer. Ausgelacht von einem Clown ohne Macht kann man kaum tiefer sinken. Nicht hier draußen, mitten im Nirgendwo.
Mein Gegenüber wendet sich letzten Endes mit einer fröhlichen Drehung von uns ab und schlendert zu seinem Gefolge zurück, lässt sich in einem der Fahrzeuge nieder und besitzt sogar die Frechheit zum Abschied zu winken, während sein Fahrer das Gaspedal durchtritt. Der Motor heult erbärmlich auf, irgendein Keilriemen quietscht ohrenbetäubend und versetzt die Luft in Schwingung, bis nur noch eine Staubwolke zu sehen ist. Ein offensichtliches Gemisch aus Sand und Dreck, gekoppelt mit dem Geruch von Benzin und Blut. Wenige Schritte entfernt bleibt uns nur dieses nutzloses Blech auf der Straße mitsamt den Waffen, die uns hätten helfen können.

Missbilligend schüttle ich den Kopf. Meine plötzlich aufkeimenden Gedanken machen mir selbst Angst, erinnern mich an zu viele Dinge, die ich lange hinter mir gelassen habe. Trotzdem kann ich den langsam aufkeimenden Wunsch nach Vergeltung in mir nicht ersticken. Ausgelöst durch Wut, die in meinem Magen zu brodeln scheint, ist es die reine Selbstbeherrschung, die mich davon abhält aus lauter Frustration in Tränen auszubrechen. Es ist anstrengend alles auf sich sitzen lassen zu müssen. Vom Job bis hin zum generellen Verhalten anderer. Deshalb bevorzuge ich die Technik. Mit den richtigen Methoden kann man das Richtige tun, sich wehren und immer wieder davonkommen, weil man weiß, wie. Im echten Leben ist das bei weitem komplizierter, was jedoch nichts daran ändert, dass ich Buggy gerne dafür büßen lassen würde, indem ich ihm das nächstbeste Projektil durch die Stirn jage. Er hätte es verdient. Weil er uns zum Sterben zurückgelassen und jemanden verletzt hat, der für mich in dieser kurzen Zeit irgendwie wichtig geworden ist. Baby 5 ist eigensinnig, seltsam, etwas verdreht, aber unfassbar gutherzig. Seelen wie ihre gibt es zu selten auf dieser Welt und ich will sie unter keinen Umständen verlieren. Vor allem nicht in diesen Minuten, in denen alles so schrecklich endgültig erscheint.
Tief durchatmend kann ich das Stechen in meiner Brust fühlen, die heißen Tränen auf meinen Lidern spüren. Salzige Perlen, die heimliche Wut ausdrücken, Verzweiflung und Angst. Panik, jemanden in meinen Armen sterben zu sehen. Ich bin eine Hackerin, ein verfluchter Virus auf den meisten Systemen irgendwelcher Krawattenträger. Tod und Verderben existieren in meiner Welt nur für Programme. Nicht für Lebewesen. Und ich will, egal wie naiv es klingt, dass es so bleibt. Aber dafür muss ich etwas tun.
Kurzentschlossen schiebe ich Babys Kopf von meinem Schoß und lege ihn sanft auf dem Asphalt ab. Die Hitze, die sich dabei an meine Finger presst, wirkt unangenehm surreal, breitet die Nervosität weiter in mir aus. Meine Begleiterin sieht mich derweil einfach fragend an. Die Müdigkeit scheint auf ihrem Gesicht zu ruhen und die Schmerzen liegen sichtlich in jeder ihrer Bewegungen. Obwohl der einzig sichtliche Schaden ihr gebrochenes Bein ist, kann ich kaum ausschließen, dass sie auch innerliche Verletzungen davongetragen hat. Ihr Körper ist warm, doch wirkt schlaff, vollkommen ausgelaugt.

„Wir müssen hier weg.“ Ohne auf eine Antwort ihrerseits zu warten, raffe ich mich mühsam auf. Meine Gliedmaßen pochen stumpf vor sich hin, aber der Schmerz selbst dringt nicht bis zum Verstand vor. Das Adrenalin, das sich langsam in mir ausbreitet ist ein Energieschub, der uns regelrecht zugutekommt. Zumindest für jeden Moment, in dem er anhält. Jeder Atemzug zählt.
Mühsam trabend schleppe ich meinen Körper zum Laster zurück. Der beißende Geruch von Benzin macht das Atmen fast unmöglich und das einheitliche Tropfen von Öl, das bunte Schlieren über den beinahe kochenden Boden zieht, dringt warnend an meine Ohren. Vom Plan abbringen kann es mich jedoch nicht. Mit einem Sprung klammere ich mich an die Seite des LKWs, ziehe mich rauf, zurück zum Fenster, aus dem wir herausgekommen sind. Das Blech scheint unter meinem Gewicht zu knacken, ein wenig zu ächzen, weil der Schaden am Ende doch beachtlich ist. Es zwingt mich dazu vorsichtiger zu sein, einen Fuß nach vorn zum Fenster zu strecken und die letzten Glassplitter in der Fassung zu entfernen. Das Klirren der Scherben verschwindet dumpf im Inneren, lässt den Rahmen schlussendlich ungefährlich werden, sodass ich mich einfach hineinbeugen kann. Mein Puls wird dabei deutlich schneller, während mir spürbar das Blut in den Kopf schießt und den Oberkörper erschreckend schwer werden lässt.
Vorsichtig tasten meine Finger sich voran, suchen Halt wo auch immer sie welchen vermuten, während ich vornüber ein Stück nach innen rutsche. Die meisten Sachen sind auf die Fahrerseite gerutscht. Patronen sind aus ihren Hüllen gefallen und Schusswaffen haben sich in den Sicherheitsgurten verheddert. Für einen Augenblick wirken all diese Hilfsmittel völlig außer Reichweite. Doch sie sind unsere einzige Chance, weshalb ich mich weiter nach innen fallen lasse und das erste ergreife, was ich erreichen kann. Es ist ein Gurt zum Umhängen, der an einer Schrotflinte befestigt ist. Besser als nichts, jedoch nicht genug. Die Patronen auf der anderen Seite des Wagens haben unendlich viele verschiedene Größen und Farben, was nicht nur schrecklich verwirrend, sondern auch hinderlich wirkt. Deshalb ziehe ich mich vorerst zurück und begutachte die Waffe in meiner Hand. Sie suchend hin und her drehend, versuche ich mich an all die schlechten Actionfilme zu erinnern, die ich mir jemals angesehen habe. Verschiedenste Stellen versuche ich zu biegen, andere zu drehen, doch es ist eher ein glücklicher Zufall, dass der Lauf letztlich herunterklappt und die Stelle zum Nachfüllen der Munition in den Vordergrund rückt. Zu meiner Erleichterung stecken bereits zwei Patronen im Fach. Das macht den Abgleich mit denen, die ich brauche und die wild verstreut mit den anderen im Wagen liegen einfacher. Groß, rund, rot. Das ist ein Anfang.
Noch einmal lehne ich mich ins Innere, strecke mich so weit aus, wie ich nur kann, doch erreiche keine Munition. Es ist selten, dass ich für etwas zu kurz bin, kommt jedoch gelegentlich vor, weshalb ich mir trotzdem zu helfen weiß. Blitzschnell greife ich nach einem meiner Schuhe, ziehe ihn aus und benutze ihn als simple Verlängerung. Es reicht, um ein paar der Hülsen in das Innere zu löffeln, bevor ich zum Aufgeben gezwungen bin. Vollständig zurück in das Innere zu klettern kommt nicht infrage, denn das ungute Gefühl, dass etwas in die Luft geht und mir die Zeit wegläuft, bleibt erhalten. Einzig deswegen nehme ich die vier weiteren Patronen an mich, lasse sie in der Brusttasche meiner Bluse verschwinden und steuere den Rückzug an. Mit der Flinte an meinem Körper fühlt sich die Welt gleich noch ein wenig unsicherer an. In erster Linie, weil ich eine miserable Schützin bin.

Bevor ich schlussendlich zu Baby zurückkehre, entscheide ich mich dazu den Lastwagen noch ein letztes Mal zu umrunden. Die breite Stoßstange ist schrecklich verbogen und auch die seitlichen Rohre haben die ein oder andere Delle erlitten. Eines ist sogar durchgebrochen. Doch im Vergleich zur Stange sind sie noch gerade und hängen nicht mehr richtig in der Aufmachung, weshalb ich das kürzeste Stück – kaum länger als ein Kochlöffel – an mich nehme und fest umschlossen halte. Es ist schmal, weckt eher das Bild von Verzierung als von sinnvoller Anbringung. Dennoch ist es perfekt. Wir haben nur diese eine Chance und die müssen wir nutzen, auch wenn irgendwann Rettung eintreffen wird.
Doflamingo wird mit Sicherheit in naher Zukunft stutzig werden. Jede Lieferung hat eine gewisse Zeitspanne und ich mag bezweifeln, dass Baby für gewöhnlich unpünktlich ist. Spätestens, wenn die Zeitüberschreitung an seinem Ego kratzt, wird er die Strecke zurückverfolgen. Doch ich weiß nicht, wie lange das dauert. Es könnte für immer sein, so wie sich all das anfühlt.
Auch, wenn der Weg zu Fuß unendlich lang sein mag, rechne ich mir bessere Chancen aus, als wenn wir einfach abwarten. Vielleicht begegnen wir einem Auto, das sich stoppen lässt. Mir ist in diesem Fall alles recht. Immerhin braucht diese Frau, mit der ich an diesem Ort festsitze, ärztliche Hilfe, die ich ihr eindeutig nicht geben kann.
Nickend bestätige ich diesen Gedanken, mache dann kehrt, um zu Baby 5 zurückzukehren. Sie hat sich kein Stück weit bewegt, hält die Lider geschlossen und atmet konzentriert ein und aus. Anspannung und Schmerz plagen sie dabei und ich weiß, dass ich nichts von beidem lindern kann. Ich kann nur versuchen den Zustand zu stabilisieren, ihr Halt zu geben, der in zwei Teile gebrochen wurde. Ein Blick zu ihrem Bein lässt mich jedoch schwer schlucken. Unangenehmes Prickeln breitet sich aus, treibt Übelkeit hervor, die mich wohl abhalten will. Der Knochen wirkt gefährlich spitz und das Blut sammelt sich noch immer in dunklen Flecken an manchen Stellen. Der Bruch scheint einige Dinge abzudrücken, zu zerquetschen, weshalb es schlussendlich in meinen Händen liegt, das irgendwie wieder hinzubekommen.
„Ich werde mir deine Schürze ausleihen müssen.“ Völlig in Gedanken versunken, feile ich an meinem Handeln. Es ist eine Aussage, die Baby nur müde die Augen öffnen lässt. Ein schwaches Lächeln umspielt ihre Lippen, das ich als Zusage interpretiere.
Vorsichtig ziehe ich ihr den weißen Stoff von den Hüften und widme mich schließlich endgültig dem Bein. Meine Finger zittern unkontrolliert und ich kann spüren, wie mir der Schweiß die Schläfe herunterrinnt. Die Hitze ist mir vorher nicht aufgefallen, hat nur wie ein Beiwerk im Hintergrund gewirkt. Doch jetzt rückt sie in den Vordergrund, lenkt ab und stachelt diese erdrückende Angst in mir noch mehr an. Ich könnte all das noch schlimmer machen, als es schon ist. Das liegt ganz allein an mir und ich gebe zu, dass ich einer solchen Verantwortung vermutlich nicht gewachsen bin. Trotzdem ringe ich mich dazu vorsichtig eine Hand auf die Verletzung zu legen. Wenn der Knochen nach oben ragt, dann muss er wohl nach unten gedrückt werden. So weit kommen die klaren Gedanken noch, ehe ich der Idee folge und einmal mit Wucht zudrücke. Der Knochen bohrt sich dabei kurz in mein eigenes Fleisch, gibt dann nach und verschwindet schmatzend in der Wunde. Es knackt zweimal, knirscht unangenehm, bevor das Blut völlig ungehalten hervorquillt. Frische, rote Bahnen ziehen sich über die bereist vertrockneten Spuren, färben den Boden darunter dunkel. Baby regt sich dabei nicht ein einziges Mal, scheint bereits zu schwach für die einfachste Gegenwehr zu sein. Sie stöhnt nicht einmal auf und auch wenn es falsch klingt, so bin ich dankbar dafür. Wenn sie nichts von den Schmerzen mitbekommt, dann wird es etwas einfacher. Jedoch nicht ungefährlicher.
Das viele Blut irritiert mich, lässt mich verloren die Schürze in den Händen kneten. Der kurze Erfolg darüber das Bein wieder gerichtet zu haben, bleibt mir im Hals stecken. Überflutet von anderen Gedanken, wirkt die Situation kein Stück weniger aussichtslos. Baby 5 wird sterben, das ist alles, was ich in diesem Moment ganz sicher weiß. Wenn ich nichts tue, dann wird sie sterben.

Ein leises Wimmern entfährt meiner Kehle, lässt sie schrecklich angespannt wirken. Nach Hilfe suchend, bleibt das einzige in Reichweite der umgekippte Laster und unsere Kleidung. Die Blutung muss gestoppt werden und ich bezweifle, dass verbogener Blech in diesem Sinne von großem Nutzen ist. Auf der anderen Seite kann ich nicht noch mehr von meiner Partnerin nehmen. Sie trägt nur dieses hübsche Kleid, das nach dem Unfall nun an einigen Stellen ziemlich schmutzig ist. Es ist mehr in Mitleidenschaft gezogen worden, als alles, was ich trage und damit liegt die Wahl der Stoffe klar auf der Hand.
Es sind nur wenige Griffe hinter noch weniger Gedanken, bis ich in diesem Rausch von Verstörung, Angst und Tatendrang meine Bluse ausgezogen habe und sie so fest wie möglich auf die Verletzung drücke. Der fast noch weiße Stoff färbt sich augenblicklich rot, lässt mich das Textil noch fester auf die Stelle pressen. Gleichzeitig greife ich mit einer Hand nach dem Metallrohr, das ich einfach obendrauf lege und schlussendlich mit der Schürze fixiere. Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, aber für den Bruchteil einiger Minuten taucht der Glaube in mir auf, dass zumindest die Blutung langsamer geworden ist. Ein Erfolg, wie es scheint. Doch das Zeitfenster ist trotz allem unfassbar eng. Wir müssen los.
Vom Bein ablassend, packe ich meine Begleitung schon fast grob am Handgelenk, um sie in eine sitzende Position zu ziehen. Sie quittiert es mit einem Seufzen, während ihre Lider sich langsam heben. „Was hast du vor?“
„Wir müssen dich in ein Krankenhaus bringen“, hauche ich ohne mich ablenken zu lassen. Ihr den Rücken zukehrend, versuche ich sie mühsam zu meinen Schultern hochzuziehen. Erst ohne Erfolg, dann mit einem Resultat. Zu meiner Verwunderung hilft Baby 5 mit, sammelt jegliche Kraft zusammen, um sich fest um meinen Hals zu schlingen und jegliches Gewicht auf mir abzulegen. Ich kann fühlen, wie sich ihr Busen gegen mein nacktes Rückgrat drückt, wie friedlich ihr Puls dahinter ist. Im Gegensatz zu mir regt sie all das nicht auf, bringt sie nicht aus der Fassung oder gar in Verzweiflung. Sie ist völlig gefasst und ich kann nicht leugnen, dass mir dieses Verhalten noch mehr Angst macht, als in den Lauf einer Pistole zu starren. Erstickende Furcht, die sich tief durch meine Brust frisst und mir die Kehle zudrückt, bis ich einmal schniefe. Die Tränen beißen noch immer schrecklich in den Augenwinkeln, weigern sich jedoch standhaft davor vergossen zu werden.
Kurz die Nase zurückziehend, hilflos und mit den Gedanken bei dem Wohlbefinden meiner Reisegefährtin, bringe ich mich schlussendlich auf die Beine. Ihr Gewicht ist ungewohnt. Normalerweise sind die einzigen schweren Dinge, die ich trage, Laufwerke und Bildschirme aus dem Steinzeitalter. Baby wiegt natürlich mehr als ein bisschen Technik, aber die Wärme, die sie absondert, spornt mich an. Mir wird klar, dass es gut ist, wenn ihr Körper so schwer auf mir liegt. Dann weiß ich wenigstens, dass sie noch am Leben ist. Ganz sicher.

Ihr sachter Atem streift mein rechtes Ohr, lässt mich aufhorchen und zugleich langsam einen Fuß vor den anderen setzen. Nach und nach, bis mein Tempo zu einem gemächlichen Traben wird.
„Warum nimmst du mich...mit? Alleine...wärst du schneller.“ Ihre Stimme wirkte irritiert, obwohl sie nur einem Hauch gleicht. Die Kraft in ihren Armen hat nachgelassen, lässt sie nun locker um meine Schultern hängen.
„Ich kann dich doch nicht zurücklassen!“, gebe ich zurück. Tatsächlich würde ich nicht einmal bei Doflamingo daran denken. Auch, wenn wir nicht im besten Verhältnis zueinander stehen, würde ich ihn genauso wenig zurücklassen, wie jeden anderen Menschen. Dafür bin ich einfach nicht gemacht. So lange ich noch irgendetwas tun kann, muss ich es auch tun. Es ist ganz simpel.
„Aber so braucht...mich niemand. Ich bin eine Last, gerade, in...diesem Moment.“
„Ich brauche dich!“ Protestierend stiere ich nach vorn, behalte die endlose Straße im Blick und hoffe, dass wir schneller vorankommen, als es sich anfühlt. „Ohne dich bin ich in dieser dämlichen Firma vermutlich verloren. Da bin ich mir verdammt sicher und deshalb liegt es klar auf der Hand, dass ich auf keinen Fall ohne dich dahin zurückkehre, verstanden?“ Es klingt bescheuert, das muss ich zugeben. Doch ich brauche einen Grund, der irgendwie Sinn ergibt. Für uns beide. Die Synapsen in meinem Kopf brauchen einfach auf alles eine logische Erklärung, die nicht nur daraus besteht, dass ich Baby wirklich gern habe.
„Das ist schön.“ Seufzend schmiegt sie sich enger an mich, wobei ihr schwarzes Haar meine Wange kitzelt. „Danke.“
Mein Schweigen ist ihr Antwort genug. Für wenige Meter scheint sie sich darin zu wiegen, die Ruhe zu genießen, um die Erschöpfung zu bekämpfen. Ihr stetiger Herzschlag ist dabei das einzige, was mich beruhigt, während der Gurt der Waffe immer wieder über dieselben Stellen meiner Haut reibt. Es schmerzt, doch wirkt vollkommen nichtig.
„Der Meister wird uns finden.“ Nach schier endlosen Minuten ergreift sie erneut das Wort, lässt mich schmallippig lächeln. Die Anstrengung frisst sich durch meine Beine und so langsam merke ich das kräfteraubende Beißen, das hinter der Euphorie steckt. Zwar habe ich nur ein paar Kratzer erlitten, doch die Prellungen sind unangenehm und machen das Vorankommen schwieriger, als zu vermuten war. Die Worte meiner Begleitung sind alles, was mich davon ablenkt.
„Ich weiß... Zumindest konnte ich mir diesen Teil denken.“
„Der Meister weiß, wie gefährlich diese Fahrten sind, weshalb...er ein System hat einbauen lassen, dass...einen Alarm in der Firma auslöst, sobald jemand die Türen der Hänger...öffnet. Das passiert, sobald ich das Firmengelände...verlassen habe. Der Alarm geht los, wenn eingeladen wird. Die Jungs in der Zentrale...wissen zeitlich gesehen genau, wann...das ist. Geht er zu früh los, rufen sie mich an. Geht er zu spät los, auch. Außerdem schaltet sich das Signal...ein, wenn die Türen zu lange offenstehen. Deshalb beeilen sich...immer alle so schrecklich beim Einladen.“
„Da Buggy unsere Handys mitgenommen hat, können sie dich nicht erreichen.“ Schnaubend hebe ich die Brauen. Das System ist gut überlegt, das muss ich der Famiglia lassen. Wenn man seine Ware absichern muss, dann kann man es kaum besser tun, als sie dauerhaft unter Kontrolle zu behalten. Damit würde vermutlich sehr viel früher jemand in dieses Niemandsland herausfahren, als erwartet. Aber wie lange wird das dauern? Man sollte ihnen weiterhin schlicht entgegenkommen. Anhalten scheint schlicht zwecklos. „Das ist ein Vorteil für uns.“
„Bestimmt.“ Schwer ausatmend scheint Babys Atem einmal auszusetzen. Der Druck gegen meine Haut bleibt aus, setzt jedoch wieder ein, als ich gerade unsicher stehenbleiben will. Ihre Verfassung ist schlecht, wird sicherlich mit jeder Sekunde schlechter und ich kann nicht mehr tun, als zu laufen. Weiter, immer weiter, ohne stehenzubleiben, während der Gurt über die obere Haut meiner Brüste und die Taille schabt und rote Flecken hinterlässt.

Mein Atem wird mit jedem Meter etwas hektischer, während mein Mund wie ausgetrocknet scheint. Die abgeschabte Haut brennt wie Feuer und ich habe das Gefühl, dass mein weißer Büstenhalter neben Schweiß auch kleine Blutperlen aufsaugt. Ein Teil der oberen Ränder hat eine bräunliche Färbung angenommen. Eindeutig der Hinweis auf getrocknete, rote Flüssigkeit. Vermutlich meine schwindende Kraft. Baby schweigt währenddessen. Ich kann nicht sagen, ob sie schläft oder schier auf ein Wunder wartet, aber ich bin mir sicher, dass sie noch atmet. Stetig, wenn auch etwas ungleichmäßig.
„Bist du wach?“ Vorsichtig frage ich nach. Auch, wenn ich sie bei der Erholung ungern stören will, so brauche ich irgendjemanden zum Reden, weil ich sonst sehr wahrscheinlich unter der brennenden Hitze vollkommen den Verstand verliere.
„Bin ich.“
„Würdest du...mit mir sprechen? Irgendwas? Bitte?“
„Mhm.“ Sie willigt ein, wenn auch nur mit hörbarer Müdigkeit. Die Wärme setzt ihr mindestens genauso schlimm zu wie mir. Dabei hat es am Anfang gar nicht so warm gewirkt und in der Stadt waren die morgendlichen Temperaturen kalt gewesen. Ganz anders als im Laster, wo es angenehm gewesen war, was vermutlich an der Klimaanlage gelegen hatte. Die Existenz dieser kleinen Lebensretter ist so selbstverständlich in dieser Welt geworden, dass der Ausfall schon fast erschreckend scheint. „Du wärst...ein gutes Familienmitglied.“
„Ich? Teil der Famiglia?“ Von den Klimaanlagen weggezerrt, widme ich mich wieder Baby 5. Ihre Aussage löst ein belustigtes Glucksen in meiner Kehle, was ein widerliches Kratzen hinterlässt. „Wieso ausgerechnet ich?“
„Du hast Talent in...dem, was du tust. Bist...nützlich und klug.“ Rasselndes Einatmen, bevor sie weiterspricht. „Außerdem bist du nett und handelst...wenn es darauf ankommt. Aber das...ist nicht alles.“
„Ist es nicht?“
„Du hast...etwas an dir, das passend wirkt. Irgendwie...wärst du eine gute Ergänzung für diese Familie. Vielleicht liegt es daran...ich weiß nicht...manchmal wirkst du in Gedanken versunken. Wie in einem...anderen Leben. Nur für Sekunden. Aber...du erinnerst dich wohl auch manchmal an die schlechteren...Tage.“
„Tun wir das nicht alle?“ Kurz presse ich die Lippen aufeinander. Der Weg wirkt noch immer endlos und die Situation verwandelt sich in etwas, das innerlich auf Abneigung stößt. Baby ist in diesen endlosen Minuten nicht die sorglose, selbstbewusste, leicht wirre aber schrecklich fröhliche Frau, die ich nun seit vielleicht zweiundsiebzig Stunden kenne. Ihre Fassade scheint vor Erschöpfung und Schwäche zu fallen und ich weiß nicht, ob ich das will. Trotzdem kann ich mir einen weiteren Kommentar nicht verkneifen. „Wir tragen alle unser Päckchen.“
„Ich weiß.“ Sie antwortet kurz angebunden, legt den Kopf dann spürbar zur Seite. Ein wenig, als würde sie den Blick in weite Ferne richten. „Du und...ich und Buffalo und einfach alle. Manchmal wirkt...es ganz leicht. Aber meistens...stolpert man da drüber. Irgendwie. Trotz guter Laune.“
In diesem Punkt kann ich ihr kaum widersprechen. Die meisten Lasten trägt man auf den Schultern. Doch die, die man irgendwann versucht abzuwerfen, liegen später meist einfach wieder im Weg. Manche Erinnerungen vergehen niemals. Nicht einmal dann, wenn man sie mit Drogen betäubt.
Review schreiben