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Replaced for the last Time

OneshotFreundschaft / P12
Hank Anderson RK800-51-59 Connor
17.06.2018
17.06.2018
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Zögernd streckte er seine Hand aus, berührte die seichte Schneeschicht, die die Steine bedeckt hatte. Schnell zog er sie zurück und schüttelte die Kristalle ab, die für kleine Impulse sorgten, die an sein Verarbeitungszentrum weitergeleitet wurden.

So fühlt sich also Kälte an, dachte er für sich und befreite den zuletzt gesetzten Stein nun gänzlich vom Schnee. Er erhob sich und betrachtete die Buchstaben und Zahlen, die ihm klarmachten, dass er sich mittlerweile zu viele Fehler erlaubt hatte. Er sah kurz auf und korrigierte seinen Gedanken. Sie haben die Fehler gemacht. Ich habe nur ihre Erinnerungen.

Langsam wandte er sich von den Grabsteinen, die jeden zerstörten RK800 symbolisierten, ab und sorgte dafür, dass seine Krawatte wieder richtig saß.

Zerstört. Getötet. Connor war sich nicht sicher, ob man ihn, einen Androiden, töten konnte. Er war schließlich hier. Er konnte sich an fast alles erinnern, was passiert war, seit er das erste Mal seine Augen geöffnet hatte. Er konnte mit seinem Körper vor Jimmy's Bar stehen und gleichzeitig mit seinem Geist den Zen Garten betreten.

Er strich sich etwas Schnee aus dem Haar und ließ seinen Blick über die vielen verschiedenen Pflanzen schweifen. Alles blühte. Egal, ob die Sonne schien oder Schnee fiel. Es war unlogisch, aber da dieser Ort hier keine physische Existenz aufwies, ergab es auch wieder Sinn. Connor war soweit, dass es ihn störte. Es störte ihn, dass die Bäume bei diesen Temperaturen nicht ihre Blätter abwarfen. Ihm gefiel nicht, dass die Wege schlecht gerendert waren. Alles, was eigentlich aus Stein sein sollte, sah nicht so aus, wie es aussehen sollte. Ein paar wenige grüne Texturen sollten den Übergang von den kalkweißen Wegen zur Grasfläche darstellen, versagten jedoch durch ihre Einfachheit.

Connor blickte noch einmal zu den Grabsteinen seiner Vorgänger. Erbärmlich.

Er zuckte zusammen und öffnete den Mund, doch kein Ton entwich seinen Lippen. Er war sich unsicher, ob er so etwas überhaupt denken durfte. Er hatte dieses Wort noch nie verwendet, geschweige denn darüber nachgedacht, ob er etwas schön fand oder nicht. Er wusste, was Hank sagen würde, aber… Ist es auch das, was ich darüber… denke? Ist „erbärmlich“ nicht eines von Lieutenant Andersons Worten?

»Connor.« Amandas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und obwohl er es versuchte, konnte er seine Überraschung nicht verbergen. Sie hob die Augenbrauen und sah ihn an: »Du wirkst verloren, Connor.«

»Ich…«, begann er leise und nachdenklich, hob dann seinen Blick und fuhr fort: »Ich habe nur die Erinnerungen überprüft und festgestellt, dass sich einige Fragmente nicht wiederherstellen lassen und das Fehlern dieser Details eine vollständige Rekonstruktion verhindert.«

Connor folgte Amandas Bewegung, die ihn zu einem Spaziergang einlud. Innerhalb von Sekunden hatte er eine Entscheidung treffen müssen. Amanda die Wahrheit sagen oder sie belügen. Nun, gelogen ist es nicht… Ihm fehlten tatsächlich einige Erinnerungsstücke, aber das war wohl das bittere Los eines Systemcrashs. Momentan ist es jedenfalls besser, wenn sie nichts weiß.

Das Knirschen des Schnees unter ihren Schuhen war das einzige Geräusch, das zu hören war, bis sie die andere Seite des Gartens erreicht hatten. Vielleicht war er auch nur zu sehr in seine Gedanken vertieft, denn Amanda verabschiedete sich bereits mit ihrem ernsten Blick

Connor wartete noch einen Moment, bevor er die Augen öffnete. Ein eisiger Wind fuhr ihm durchs Haar und ließ Schneeflocken um ihn herumwirbeln. Er zitterte, klappte schnell den Kragen seines Jacketts hoch versuchte sich dadurch vor der Kälte zu schützen. Vielleicht sollte ich das wieder von meinem System schmeißen. Ein seichtes Lächeln spielte sich auf seinen Lippen ab und er wandte sich zu der Bar, in der Hank sich befinden musste. Zumindest war das die logische Schlussfolgerung, nachdem er im Haus nur Sumo gesehen und Chicken Feed zu dieser Stunde bereits geschlossen hatte.

Er betrat die Bar und bestellte sofort einen Whisky, nachdem er Hank entdeckt hatte. Er hoffte die Begegnung mit Hank dadurch etwas entspannter zu machen. Es war nicht das erste Mal, dass er zerstört wurde, aber dieses Mal war er in seinen Armen… gestorben?

***

Schweigend blickte er in die bernsteinfarbenen Fluten, die sich langsam kreiselnd in einen Strudel verwandelten. Ein Strudel, der immer mehr einem unbändigen Inferno glich, je tiefer er hineinsah. Brennend hatten sich die Bilder in seinem Gedächtnis verewigt und so sehr er das Glas in seiner Hand auch bewegte – sie würden niemals in der darin enthaltenen Flüssigkeit untergehen.

Hank Anderson nippte an seinem Glas und stellte es auf den Tisch. Die Wogen des alkoholischen Getränks glätteten sich, doch das, was in seinem Kopf passierte, wurde nicht ruhiger, nicht weniger. Er schloss die Augen und seufzte leise. Dieses Mal hatte er sich in der hintersten Ecke von Jimmy’s Bar verkrochen, statt vorne an seinem Stammplatz zu sitzen. Er wollte nicht gesehen und auch nicht gefunden werden.

Stumm griff er in seine Hosentasche und wühlte, bis seine Finger das kalte runde Metall, was er gesucht hatte, berührten. Er hob seine Hand wieder auf den Tisch und betrachtete die silberne Münze, die in seiner Handfläche lag.

L I B E R T Y

IN GOD WE TRUST

1994

Er schnaufte leise und zog einen Mundwinkel hoch. Ob Connor wohl an Gott glaubt? Hank zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf. Wie komm ich nur auf so einen Schwachsinn… So ein Bullshit. Oder ist rA9… Hank schlug mit der Faust auf den Tisch, während er einen rülpsenden Laut von sich gab: »Schwachsinn!«

Er wusste ganz genau, was Connor sagen würde, wäre er jetzt hier, aber der Android war nicht hier, also brauchte Hank sich auch nicht darum zu scheren. Aber er konnte es nicht einfach ignorieren. Er konnte nicht länger ignorieren, dass Connor… Hank schluckte schwer und starrte auf die Tischplatte, die schon einige Kerben einstecken musste und Flecken aufwies, die man nicht mehr wegwischen konnte.

Je mehr er mit dem Androiden zu tun hatte, desto öfter dachte er über das nach, was er all die Jahre verdrängt hatte. Er hatte stets den Hass der Allgemeinheit geteilt und dem Falschen die Schuld für den Tod seines Sohns gegeben. Blind vor Wut, hatte er einen Schutzwall um sich herum aufgebaut und sofort mit Worten gefeuert, statt sich auf seine Umgebung einzulassen. Statt zu verstehen, dass Connor nicht sein Feind war.

Hank hob das Glas und spülte den letzten Schluck Whisky runter, als plötzlich ein neues Glas vor ihm stand. Er verengte die Augen, zuckte heftig zusammen, als er eine Gestalt neben sich bemerkte. Er schnaubte genervt und fuchtelte mit der Hand: »Hab mich schon gefragt, wann du wieder von den Toten zurückkommst.«

»Eigentlich-«

»Ja, ja, ich weiß«, unterbrach Hank sofort und wies auf die gegenüberliegende Bank. »Setz dich, bevor ich es mir anders überlege.«

»Danke, Lieutenant.« Connor ließ sich nieder und deutete auf die Münze, die Hank in seiner Hand hielt. »Sie haben sie für mich aufbewahrt?« Wortlos bekam er das runde Silber entgegengeschoben. Das Whiskyglas fand seinen Weg zu Hank und bereits die ersten Zentiliter verschwanden in seinem Mund. Er presste die Lippen aufeinander, bevor er sich zurücklehnte und Connor ernst ansah: »Das kann so nicht weitergehen.«

In nur wenigen Sekunden analysierte Connor den Lieutenant, obwohl… Ich brauche hierfür keine Analyse. Er ist betrunken. Aber Connor erkannte noch etwas anderes in Hanks Augen. Macht… er sich etwas Sorgen? Er beugte sich vor, schob unter dem Tisch seine Finger ineinander und blickte sein Gegenüber an: »Lieutenant, Sie-«

»Nein, Connor.« Hank sah von dem Whiskyglas auf, das Connor mitgebracht hatte und schüttelte mit nach unten gezogenen Mundwinkeln den Kopf: »Es… gibt Dinge, an die gewöhnt man sich. Dinge, mit denen man irgendwann zurechtkommt, weil sie so sind, wie sie sind. Dinge, gegen die man nichts tun kann, weil man die Zeit nicht zurückspulen kann.« Hank blickte kurz auf die Münze, die vor Connor auf dem Tisch lag. »Das ist Menschlichkeit.«

Connor zog die Augenbrauen zusammen und folgte Hanks Handbewegung. Er zupfte sich ein Haar von seinem Hemd und ließ es auf den Boden fallen. Dann drehte er das Glas in seiner Hand, streckte seinen Zeigefinger aus und nahm wieder Blickkontakt zu dem Androiden auf: »Ich hab die Schnauze voll davon, dass du alle Nas‘ lang abkratzt und dann wieder auftauchst, als sei nichts gewesen.

»Ich bin kein Mensch«, warf Connor sachlich ein. »Es tut mir leid, dass das passiert ist, aber meine Erinnerungen sind immer noch dieselben. Ich… bin immer noch derselbe.« Er senkte den Blick, denn sein Versuch Hank positiv zu stimmen, war gescheitert. Das Gesicht des Lieutenants nahm verärgerte Züge an und er knallte das Glas auf den Tisch. Connor blinzelte, wollte etwas sagen, als Hank aufstand, aber dieser ließ ihm nicht einmal Zeit Luft zu holen. Scheiße, Androiden atmen nicht, dachte Hank, während er Connor packte und ihn aus der Sitzbank zog.

Connor versuchte Hanks Griff zu lockern, doch der Lieutenant hatte ihn in Windeseile auf die Straße gezogen und stieß ihn laut brüllend von sich: »Was zur Hölle denkst du dir eigentlich, huh!?« Er trat einen Schritt auf den Androiden zu und schubste ihn erneut. »Was, wenn du irgendwann nicht mehr wiederkehrst?«

»Hank, bitte, ich weiß, dass-«

»Gar nichts weißt du!«, keifte Hank und warf die Arme in die Luft. »Du«, dabei tippte er seinem Gegenüber wütend gegen die Brust, »bist in meinen Armen gestorben, Connor! Glaubst du, dass ich jedes Mal einfach denke „och, der kommt schon wieder“ oder was!?«

Connor wusste nichts zu entgegnen. Keine seiner typischen Antworten war passend. Bisher hatte Hank seine Worte immer mit einem Seufzen angenommen. Ich wurde von CyberLife geschickt. Ich bin eine Maschine. Mein Körper wird ersetzt, doch meine Erinnerungen…

»Hey!« Hank schnippte zweimal vor Connors Gesicht. »Läuft Connor.exe noch?«

»Entschuldigung«, sagte er leise und senkte den Blick. Er verstand langsam, warum Hank so aufgebracht war. Er hob den Kopf und sah Hank an, der wie so üblich mit verschränkten Armen und leicht angehobenem Kinn auf etwas wartete. Connor hob die Arme zu einer überforderten Geste und zog die Schultern hoch: »Es tut mir leid, Hank.« Er wich dem Blick des Lieutenants aus und zog sein Jackett zu, als der kalte Wind ihm entgegenpeitschte. »Ich… Ich wusste nicht, dass dir das…«

Die letzten Worte des Satzes trug der Wind davon und als Hank ihn plötzlich packte und in eine sanfte Umarmung zog, war ihm klar, dass er nicht mehr länger nur der Android war, den CyberLife geschickt hatte. Er spürte nun, was Freundschaft bedeutete. Er spürte, was es bedeutete, nicht nur eine Maschine zu sein. Hanks Brummen nahm er nur am Rande wahr, aber es brachte ihn zum Lächeln.

»Mach mir nicht noch mal so eine Angst, du verficktes Stück Plastik, hörst du?«
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