Ein zweiter Brief für Tristan

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
15.06.2018
15.06.2018
1
1156
 
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
 
Mein süßer Tristan,

nun sitze ich hier und schreibe schon den zweiten Brief an Dich, weil ich es trotz aller Vorsätze und Ratschläge einfach nicht schaffe, Dich zu vergessen und hinter mir zu lassen.
Egal, wie sehr ich mich anstrenge und versuche, Dich aus meinem Kopf zu kriegen – es will einfach nicht funktionieren. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Dein Bild vor mir, Dein weiches, blondes Haar und dieses Lächeln, mit dem Du mich schon bei unserer ersten Begegnung völlig erlegen gemacht hast.
Immerzu kreisen all meine Gedanken um Dich, immer frage ich mich, wo Du gerade bist und was Du wohl machst. Immer habe ich Dein Lachen im Ohr, stelle mir vor, wie Du vor mir stehst und mich anlächelst.
Und was ich auch tue, womit immer ich mich abzulenken versuche, nichts hilft mir dabei, Dich auszublenden oder gar zu überwinden.
Auch wenn ich genau weiß, dass das die einzig sinnvolle Lösung wäre, auch wenn mein Verstand längst begriffen hat, dass Du unerreichbar für mich bist – tief in mir lebt immer noch die Hoffnung, dass es vielleicht eines Tages doch eine Chance für uns gibt. Und solange diese Hoffnung existiert – das weiß ich genau –, werde ich es auch nicht schaffen können, Dich hinter mir zu lassen und das Kapitel abzuschließen.
Weil ich immer noch daran glaube, dass Du mein Engel bist, der Mensch, dem meine Liebe für alle Zeit gehören soll.
Natürlich ist mir bewusst, dass das völlig absurd ist, dass Du Dich nicht für mich interessierst, mich wahrscheinlich nicht einmal richtig wahrnimmst.
Aber trotzdem kann und will ich keinen Anderen anschauen, weil er niemals so sein könnte wie Du. Keiner könnte jemals so lächeln wie Du das tust, keiner könnte mich so sehr berühren und verzaubern.
Jedes Mal, wenn wir uns sehen, klopft mein Herz wie wild vor Freude, jedes Mal macht mich jeder noch so kurze Blick und jedes unscheinbare Schmunzeln von Dir fast atemlos vor Glück.
Ja, Tristan, ich weiß, wie kitschig sich das anhören muss, aber es ist nichts als die reine Wahrheit. Jedes Mal, wenn wir uns begegnen, regt sich ganz tief in mir die leise Hoffnung, dass Du mich endlich siehst, dass ich Dir endlich auffalle und Du spürst, wie sehr ich mich nach Dir und Deiner Zuneigung sehne.
Aber es passiert nie. Du nimmst mich nicht wahr – jedenfalls nicht so, wie ich Dich wahrnehme. Du merkst nicht, was Deine bloße Anwesenheit mit mir macht und dass jedes Wort und jede Geste von Dir mich noch wehrloser machen als ich es ohnehin schon bin.
Du siehst nicht, was in meinen Augen steht, erkennst nicht den Wunsch, der in mir brennt und jedes Mal wieder darauf hofft, endlich erfüllt zu werden – so wie er in meinen Träumen schon tausendmal erfüllt worden ist.
Ja, Tristan. In meinen Träumen haben wir schon ein halbes Leben zusammen verbracht. Wir waren uns nahe, haben uns geliebt und jeden einzelnen Moment miteinander geteilt. In meinen Träumen hast Du mich geküsst, warst mir so unbeschreiblich nahe und hast mir deutlich gemacht, dass auch Du unsagbar viel für mich empfindest. Im Traum gehst Du an meiner Seite, hältst meine Hand und gibst mir das feste Versprechen, sie nie wieder loszulassen.
Und an dieses Versprechen hältst Du Dich auch – jedenfalls so lange, bis der Traum vorbei ist und ein neuer Tag mich zurück in die Realität holt. Bis von meinen Vorstellungen und Fantasien nichts mehr übrig bleibt als kalte Wirklichkeit – sowie das Bild von Dir an meiner Wand, welches direkt gegenüber meinem Bett hängt und auf dem Du mir sanft entgegenlächelst.
Genau das sind die Momente, in denen meine Gedanken an Dich wieder die Oberhand gewinnen und ich mich frage, ob Du wohl auch gerade wach liegst und was Du tust.
Dabei kommt mir auch unweigerlich die Überlegung in den Sinn, dass Du vielleicht nicht allein bist, dass sie bei Dir ist – Deine Freundin, mit der Du nun schon so lange Deine Liebe teilst. Dass Du ihr gerade das gibst, wonach ich mich so sehr sehne und worauf ich schon so lange vergeblich hoffe. Dass sie das geschafft hat, was mir nie gelingen wird, nämlich Dein Herz für sich zu gewinnen.
Und genau das ist der Augenblick, in dem mein Schmerz am größten ist, in dem ich meine Wut auf sie kaum noch in Zaum halten kann.
Warum darf sie an Deiner Seite gehen, frage ich mich dann. Warum darf sie mit Dir zusammen sein und Dir nahe kommen? Warum darf sie Dich lieben und Dir alles von sich geben? Warum sie, Tristan? Warum nicht ich?
Sie passt doch eigentlich gar nicht zu Dir. Sie wird Dich nie so abgöttisch lieben wie ich das tue. Sie hat Dich nicht verdient. Sie hat es nicht verdient, an Deiner Seite zu sein, wird Dich nie so glücklich machen wie ich. Und trotzdem gehört ihr Dein Herz, trotzdem liebst Du sie und schenkst ihr all das, was ich mir so sehr wünsche. Warum, Tristan? Warum sie und nicht ich?
Ja, ich weiß. Ich weiß, wie unfair sich das anhört. Ich weiß, dass es hinterhältig von mir ist, so etwas zu sagen und eifersüchtig auf sie zu sein.
Ich weiß, dass ich missgünstig und egoistisch bin, dass ich mich in Grund und Boden schämen sollte für das, was ich da denke.
Bestimmt hat sie ihre Qualitäten, wegen derer Du sie liebst und ist ein ganz nettes, zuvorkommendes Mädchen. Bestimmt gibt es einen guten Grund dafür, warum Dein Herz für sie schlägt und Du Dich in sie verliebt hast.
Ich gönne es Dir auch, Tristan. Ich gönne es Dir, dass Du glücklich bist, dass Du einen Menschen an Deiner Seite hast, der Dich liebt und zu Dir steht.
Und auch, wenn es mir noch so schwer fällt, wünsche ich Dir trotzdem nur Gutes und hoffe, dass Eure junge Liebe so stark bleibt wie sie jetzt ist.
Aber das ändert nichts daran, dass es trotzdem höllisch wehtut. Es ändert nichts an meinen Gefühlen für Dich, an der tiefen, abgöttischen Zuneigung, die ich für Dich empfinde.
Schon als ich Dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass Du mein Engel bist, dass ich nie wieder jemanden so tief lieben werde wie Dich. In dem Moment, als Dein Lächeln mich berührt hat, war alles andere um mich herum vergessen und meine ganze Welt drehte sich nur noch um Dich. Und ganz gleich, was die Zukunft bringt, ganz gleich, ob mein Herz noch tausendmal daran zerbricht – Dich zu vergessen ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Dafür hat es mich einfach zu stark erwischt. Du bist viel zu tief in mir, als dass es mir je gelingen würde, Dich zu überwinden und aus meinem Bewusstsein zu löschen.
Auch wenn es nur ein einziger Abend im Monat ist, auch wenn Du mir nie mehr geben wirst als ein kleines Lächeln und ein paar Worte – für mich ist selbst das schon mehr als genug. Und ich werde dem Himmel auch ewig dankbar dafür sein, dass ich Dich an jenem Abend kennenlernen durfte.
Es mag sein, dass es mit der Zeit wieder jemanden geben wird, zu dem ich mich hingezogen fühle – aber nie mehr einen, der mich so endlos tief berühren kann. Es wird nie mehr einen geben, den ich so sehr liebe und nach dem ich mich so sehne wie nach Dir.
Weil es dieses unbeschreibliche Gefühl nur ein einziges Mal im Leben gibt. Weil nur Du allein die Fähigkeit dazu besitzt, mir so tief unter die Haut zu gehen. Weil Du mein süßer Engel bist.
Bis ans Ende der Zeit.


In tiefer, aufrichtiger Liebe,
Deine R.
Review schreiben