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Every Breath You Take

GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P18 / Het
Dirk Matthies Regina Küppers
13.06.2018
08.04.2020
12
21.372
5
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30.06.2018 4.939
 
Als sie auf dem Weg zur Repsold war, erfasste sie fast so etwas wir Vorfreude und als sie das kleine Schiff aus der Nähe erblickte, merkte sie, dass ihr Herz schneller schlug. Natürlich ignorierte sie das gewissenhaft. Ihr kam ein Wagen entgegen und sie erkannte ihre Kollegen. Henning Schulz saß hinter dem Steuer, neben ihm Katja Metz und hinten konnte sie noch zwei weitere Personen ausmachen. Henning gab ihr kurz Lichthupe, die sie erwiderte.

Jetzt hatte sie das Vorglühen verpasst, weil sie so viel Zeit bei ihrer Mutter verbracht hatte. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Ob sie gleich weiterfahren sollte?
Sie schaute sich um. Die schwarze Heckflosse stand noch am Anlieger. Sie überlegte, was sie tun sollte.
Sollte sie direkt weiterfahren oder noch mal kurz anhalten?

Was ist das denn für eine Frage?, ging es ihr durch den Kopf.

„Natürlich hältst Du an“, fügte sie im Geiste hinzu und parkte anschließend ihren Wagen schwungvoll neben dem schwarzen Mercedes ein.


Dirk Matthies war ein kleines bisschen enttäuscht, auch wenn er nicht so ganz wusste, warum. Sie war nicht wie versprochen zum Vorglühen gekommen. Dafür hatten sich seine Kolleginnen mit zwei Flaschen Sekt in Stimmung getrunken. Harry, Katja und Nicky verließen die Repsold deutlich angeheitert und Henning, der Arme, musste die gackernden Hühner jetzt auch noch kutschieren. Er stellte die beiden leeren Sektflasche in die Spüle und nippte gedankenverloren an seinem Bier. Kurz darauf hörte er einen Wagen am Anlieger parken. Er steckte den Kopf aus der Tür und linste neugierig um die Ecke.

Als sie aus dem Wagen ausstieg hätte er sich fast verschluckt. Sie sah aus wie eine Königin! Das blaue Kleid stand ihr ausgezeichnet und war elegant und dennoch schlicht: bodenlang und an einer Seite fast unverschämt geschlitzt, schimmerte in unterschiedlichen Blautönen und der Ausschnitt setzte das, was sie hatte, gekonnt in Szene. Allerdings trug sie ein Tuch um die freien Schultern, das vorne von einer Brosche gehalten wurde, so dass alles ein Bisschen verhüllt wurde. Dennoch ließ es jede Fantasie offen. Er bemerkte, dass ihm die Spucke wegblieb, als sie auf ihn zuging und ihn anlächelte.

„Frau Küppers!“, begrüßte er sie strahlend.

„Wow!“, rutsche ihm dann heraus. Im gleichen Augenblick hätte er sich für diese Bemerkung ohrfeigen können! Sie hatte sein Kompliment allerdings wohlwollend zur  Kenntnis genommen.   Genauso wie seinen bewundernden Blick.

Sie musterte ihn kurz und stellte wieder einmal fest, wie gut ihm der  Smoking stand. Er sah zum Anbeißen aus, aber das würde sie niemals zugeben! Er war immerhin ihr Kollege und sie trennte Privates und Dienstliches, wie sich das gehörte.

„Sie sind leider zu spät, alle anderen sind schon weg und vorgefahren“, verkündete er und hob bedauernd die Arme.

Sie nickte. „Ich weiß, sie kamen mir entgegen“, berichtete sie.

„Entschuldigen Sie, dass ich so spät bin, ich musste noch mal kurz bei meiner Mutter vorbei“, erzählte sie anschließend.

„Alles in Ordnung mit Ihrer Mutter?“, fragte er besorgt und atmete auf, als sie abwinkte.

„Ja, alles in Ordnung. Sie hatte bloß keine Kopfschmerztabletten mehr“, klärte sie ihn auf und rollte mit den Augen.

„Na dann ist ja gut“, entgegnete er erleichtert.

Er überlegte kurz.

„Wollen Sie eben noch an Bord kommen?“,  fragte er schließlich fast verlegen.

„Ja gern“, antwortete sie mit einem Lächeln und begann, etwas unbeholfen auf das Boot zu klettern, was mit den hohen Schuhen und dem langen Rock gar nicht so einfach war.

Plötzlich stand er vor ihr und streckte ihr die Hand entgegen.

„Vorsicht, Schiff bewegt sich“, sagte er und sie musste grinsen. Das hatte er schon mal zu ihr gesagt.

Sie stand auf dem Deck und schwankte einen kurzen Augenblick, das Schiff bewegte sich wirklich. Die Elbe hatte heute ein bisschen mehr Seegang.

„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt. Sie nickte lächelnd.

„Natürlich“, gab sie zurück. „Ihr Schiff schaukelt nur ein bisschen“, gab sie zu.

„Ja, das machen Schiffe so“, sagte  er lächelnd.

„Ein bisschen hin und her gehört doch dazu“, fügte er dann leise, fast flüsternd hinzu und schaute ihr kurz tief in die Augen.

Reginas Herz klopfte schneller und sie schluckte. Versuchte er gerade mit ihr zu flirten?

Er führte sie in den Wohnraum und schaute sich um, zuckte dann entschuldigend mit den Achseln.

„Frau Küppers es tut mir leid, die Kolleginnen haben vorhin den ganzen Sekt getrunken, ich kann Ihnen gar nichts mehr anbieten“, sagte er bedauernd und zeigte auf die beiden leeren Flaschen.

„Das macht nichts“, sie winkte ab.

„Haben Sie ein Bier?“, fragte sie schließlich.

Er schaute sie erstaunt an und öffnete den Kühlschrank.

„Na Logo“, sagte er und drückte ihr die kalte Flasche in die Hand.

„Glas kommt gleich“, verkündete er und öffnete den Schrank, aber sie schüttelte den Kopf.

„Geht auch ohne Glas“, sagte sie grinsend.

Er öffnete ihre Bierflasche und griff anschließend nach seiner. Sie stießen an und wechselten einen tiefen Blick.

„Auf einen schönen Abend“, sagte er leise.

Sie nickte. „Auf einen schönen Abend“, wiederholte sie.

Er überlegte, ob das der passende Moment wäre, ihr das Du anzubieten, aber entschied sich dagegen. Sicherlich war es nicht der richtige Moment und er wollte ihn nicht zerstören.

Regina nahm vage wahr, dass das Radio in der Ecke dudelte. Der Radiomoderator sagte das nächste Lied an. „I can´t help falling in love with you“, von Elvis Presley. Sie spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss und fühlte sich irgendwie ertappt. Verlegen lächelte sie ihn an und verschluckte sich fast an ihrem Bier.  

Dirk nahm das Lied flüchtig wahr und verfluchte Carlo von Tiedemann im Geiste. Ausgerechnet jetzt dieses Lied. Seine Atmung beschleunigte sich als sie ihn anlächelte. Ihre Blicke trafen sich und sein Herz schlug schneller. Konnte ein Magen-und-Darm-Infekt auch aufs Herz gehen?, fragte er sich.

Wenn er sich jetzt vorbeugte, konnte er sie küssen. Wie sie wohl schmeckte? Schnell wich er ihrem Blick aus. Die Gedanken, die ihm gerade durch den Kopf gingen waren plötzlich alles andere als anständig und er räusperte sich.

Regina schaute ihn fasziniert an. Er duftete nach einem würzigen Rasierwasser, sie tippte auf Cool Water von Davidoff. Wenn er sich herunterbeugte, konnte er sie küssen. Sie fragte sich, wie er wohl schmeckte. Warum tat er es denn nicht? Sollte sie ihm auf die Sprünge helfen? Ihr Puls beschleunigte sich.

Mit einem schnellen Handgriff schaltete er entschlossen das Radio aus und nahm ihr die Bierflasche ab. Dass sich ihre Finger dabei berührten und er das Gefühl hatte, einen elektrischen Schlag zu bekommen, ignorierte er einfach.

„Wir sollten mal los“, sagte er schließlich ausweichend und sie nickte.

Regina zuckte unmerklich zusammen, als er das Radio ausschaltete und ihr die Bierflasche ausd er Hand nahm. Sie war enttäuscht. Aber das würde sie nicht zugeben. Natürlich war es besser so. Sie sollten Privates und Dienstliches nicht miteinander mischen, das war einfach nicht gut. Insofern sollte sie ihm dankbar sein, dass er die Notbremse gezogen hatte. Das war das Beste, was er tun konnte.

„Fahren Sie bei mir mit?“, fragte er hoffnungsvoll. „Die Parkplatsituation da ist doch so blöde“, begründete er seinen Vorschlag.

Regina überlegte einen Moment. Warum eigentlich nicht? Sie konnte ja ein Taxi nehmen und ihren Wagen späer holen.

Sie nickte. „Ja, gerne“, sagte sie ehrlich und er lächelte wieder.

Dirk holte tief Luft. War ja gerade noch mal gut gegangen. Sie konnte ihm echt gefährlich werden, da musste er aufpassen. Das ging ja gar nicht. Sie war seine Chefin und das blieb sie auch. Er konnte nichts mit ihr anfangen, auch nicht, wenn sie noch so süß und noch so unwiderstehlich war!

Sie verließen gemeinsam das Schiff und er bot ihr den Arm als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Er roch ihr Parfum und schloss für einen Moment die Augen. Es dauerte nicht lange, und sie hatten seinen Wagen erreicht. Er schloss ihn auf und hielt ihr die Beifahrertür auf. Sie bedankte sich und lächelte. Dann stieg sie ein. Als sie sich hinsetze, öffnete sich der Schlitz in ihrem Kleid für einen Augenblick und gab einen tiefen Einblick auf ihre Beine frei. Dirk schluckte und schloss die Tür wieder. Dann ging er um den Wagen herum, nahm hinter dem Fahrersitz Platz und startete die Heckflosse. Er überlegte kurz, das Radio einzuschalten, aber entschied sich dagegen. Nicht, dass ihn nochmal so ein peinliches Lied in Verlegenheit bringen würde.


Sie betraten gemeinsam die Veranstaltung und es dauerte nicht lange, bis sie den Rest des PK 14 an einem Tisch ausmachten.

„Wir dachten schon, Ihr kommt gar nicht mehr“, sagte Katja grinsend und winkte ihnen übermütig zu. Sie trug dieses Mal ein dunkelrotes Kleid. Beim Polizeipresseball war es ein pinkfarbenes gewesen erinnerte sich Regina.

Dirk musste lachen. Die Mädchen hatten schon vorhin auf der Repsold ganz schön viel gepichelt und er wollte nicht wissen, was noch hinzugekommen war, seit sie hier waren.

„Ich hab noch das Chaos aufgeräumt, das Ihr veranstaltet habt“, sagte er und zwinkerte ihr zu. Sie ging zu ihm und umarmte ihn. „Wir haben gar kein Chaos gemacht“, antwortete sie und lachte.

Als Katja Metz ihren Partner umarmte, fühlte Regina einen kleinen Stich. Wie gerne wäre sie auch so vertraut mit ihm umgegangen wie die Kollegin. Aber das war kein Vergleich. Mit Katja fuhr  auf Streife und sie verbrachten jeden Tag viel  Zeit miteinander. Sie hingegen war nur seineChefin.

Sie seufzte. Ein Kellner kam vorbei und hielt ihr ein Tablett mit Sektgläsern unter die Nase. Sie nahm sich eines und leerte es in einem Zug. Schon besser.

Sie begrüsste die Kollegen und nahm den von Henning Schulz angebotenen Stuhl dankend an. Es war sehr warm im Raum und sie wedelte sich mit der Tasche Luft zu. Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen und erkannte einige bekannte Gesichter, viele davon wollte sie gar nicht sehen, würde aber um den späteren Smalltalk nicht herum kommen fürchtete sie.

Katja nahm Nicky bei der Hand und die beiden liefen zusammen zur Tanzfläche. Die beiden kicherten wie Teenager. Harry und Henning schauten sich kurz an und gingen grinsend hinterher. Anscheinend hatte ihr Komissariat viel Spaß,  stellte Regina fest.

Jemand stellte ihr ein weiteres Sektglas vor die Nase und setzte sich auf den freien Platz neben ihr. Sie schaute lächelnd auf. Es war Dirk Matthies. Natürlich.

„Danke, Herr Matthies“, sagte sie und hob ihr Glas.

„Da nich´ für, Frau Küppers“, er hob seines ebenfalls, stiess wieder mit ihr an und ihre Blicke trafen sich.

Regina rutsche unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Ihr war immer noch warm und sie spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach.

Dirk beobachtete sie aufmerksam. Sie wirkte ein Bisschen aufgekratzt und hatte rote Flecken auf den Wangen.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Frau Küppers?“, fragte er besorgt.

„Ja, alles in Ordnung“ , gab sie zurück.

Was hatte er denn? Ihr war doch nur warm.

„Ich glaub, ich muss mal an die frische Luft“, sagte sie entschuldigend und erhob sich.

Der Raum schwankte ein Bisschen und sie schnappte nach Luft, hielt sich an der Tischkante fest.

„Frau Küppers!“, entfuhr es Dirk besorgt und er griff nach ihrem Ellenbogen.

„Alles in Ordnung, Herr Matthies“, sagte sie zu seiner Beruhigung und ließ sich von ihm an die frische Luft führen.

Soviel hatte sie doch gar nicht getrunken, überlegte sie. Aber sie hatte seit heute morgen nicht viel gegessen, vielleicht lag es daran.

Sie fühlte sich angeschwippst, aber nicht schlecht. Und die Situation war ja auch fast komisch. Da tat er vorhin alles, um diese intime Situation zu vermeiden und jetzt hielt er schon wieder ihren Arm und war ihr verlockend nahe.

Sie gingen auf die Dachterasse des Gebäudes. Draußen begann die Sonne schon, unterzugehen. Regina atmete tief durch. Es war fast romantisch. Eigentlich genau das, was sie wollte. Nicht wollte natürlich.

„Alles wieder in Ordnung?“, fragte er besorgt und sie nickte.

„Ja, alles gut. Ich brauchte nur frische Luft“, sagte sie.

„Entschuldigung“, fuhr sie fort.

„Ist schon gut“, sagte er leise. „Hauptsache, es geht wieder“

Sie nickte verlegen und schaute sich um. Es war außer ihnen fast niemand hier draußen. Gedankenverloren betrachete sie den Sonnenuntergang. Ein bisschen schwummerig war ihr immer noch, aber das würde bestimmt gleich vergehen. Sie atmete ein paar Mal tief durch und hielt sich am Geländer fest.

Sie lehnte sich mit den Unterarmen auf das Geländer und betrachtete die Sonne, die langsam unterging. Er beobachtete sie dabei. Das Licht verfing sich in ihren Haaren und ließ sie fast dunkelrot aussehen.

Er schluckte. Schon wieder so eine Situation. Und führe mich nicht in Versuchung, ging es ihm durch den Kopf und er grinste kopfschüttelnd. Wenn das so weiterging, würde er sich im Laufe des Abends einen Eimer mit Eiswürfeln in die Hose kippen müssen.  

Regina schaute ihn an und erwiderte sein Lächeln. Er war so nah und sie musste sich nur eigentlich nur zu ihm vorbeugen. Es war zu verlockend. Was sprach eigentlich noch mal dagegen? Sie zuckte mit den Schultern und  machte einen unbeholfenen Schritt auf ihn zu, schloss die Augen und legte ihre Lippen auf die seinen.

Dirk betrachtete sie in Gedanken versunken. Wie gerne würde er sie jetzt einfach an sich ziehen und küssen, aber das ging nicht. Nicht mit der Chefin!, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis.

Plötzlich tat sie einen unbeholfenen Schritt auf ihn zu und im nächsten Moment spürte er ihre Lippen auf den Seinen. Sie war verdammt nah und schmiegte sich an ihn, legte ihm die Hand in den Nacken und zog ihn näher zu sich heran. Sie war bereits dabei, seine Lippen mit ihrer Zunge zu teilen. Es fühlte sich wunderbar an und der Rest seines Körpers reagierte sofort. Er schnappte nach Luft und machte sich sanft aber bestimmt von ihr los.

„Frau Küppers!“, sagte er leise und versuchte, streng zu klingen. In Wahrheit war er ganz schön durcheinander.  

„Was ist denn in Sie gefahren?“, fragte er verwirrt, aber sie zuckte mit den Schultern und lachte.

„Ich wollte Dich einfach küssen“, sagte sie ehrlich und jetzt fiel Dirk auf, dass sie ein kleines Bisschen lallte.

„Guter Gott, was hast Du alles getrunken?“, fragte er vorsichtig.

Sie schüttelte den Kopf. „Gar nicht viel, zwei Sekt und ein halbes Bier“, antwortete sie. „Und heute nachmittag einen Kaffee“, sagte sie zwinkernd.

„Das Bier bei Dir“, sie grinste und machte wieder einen Schritt auf ihn zu.

Was war denn auf einmal los? fragte sich Regina. Soviel Alkohol hatte sie doch gar nicht gehabt. Und jetzt drehte sich auf einmal alles und sie spürte dass sie lallte. Sie schüttelte den Kopf. Was hatte sie eben gemacht? Ach ja richtig, sie hatte Dirk Matthies geküsst und es hatte sich zu gut angefühlt. Sie wollte mehr davon und ging entschlossen wieder einen Schritt auf ihn zu.

Er hielt sie am Arm. „Ich glaub, ich bring Dich besser nach Hause, bevor Du noch weitere Dummheiten machst“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Dummheiten mit Dir?“, fragte sie erwartungsvoll und ihre Augen sprühten Funken.

„Keine Dummheiten“, sagte Dirk streng und fuhr fort:“ Wenn Dich jemand so sieht, bist Du morgen das Hauptthema der Hamburger Polizei“, folgerte er und schob sie sanft zum nächten Fahrstuhl.

Er schaffte es, sie ins Auto zu bringen, allerdings taumelte sie schon beachtlich. Scheinbar hatte sie mehr getrunken als sie zugab. Oder ihre Mutter hatte sie vorher schon abgefüllt,  zuzutrauen war es Renate Küppers ja.  Aber das hätte er sicher schon auf der Repsold gemerkt.

Es schien, dass niemand mitbekommen hatte , dass sie so schnell verschwunden waren und wenn er Glück hatte, fiel es den Kollegen auch nicht auf, die hatten ja vorher schon gut getankt.

Sie versuchte, sich anzuschnallen, aber traf den Verschluss scheinbar nicht und stellte sich ungeschickt an. Sie zog immer wieder am Gurt, der natürlich blockierte und versuchte ihn, mit Gewalt in den Verschluss zu schieben. Es mißlang ihr immer wieder und sie runzelte frustriert die Stirn. Dirk grinste.
Was hatte sie nur getrunken? Sie schaute ihn hilflos an und schließlich beugte er sich vor und half ihr. Dafür musste er ein Stückchen am Gurt zerren, was ihm in Brusthöhe sichtlich unangenehm war. Ihr Blick traf sich und sie kicherte. Als er es endlich geschafft hatte, sie anzuschnallen,  atmete er erleichtert aus.

Er startete den Motor und fuhr los, überlegte, ob er sie zu ihrem Hotel fahren sollte oder zu ihrem Auto, aber fahrtüchtig war sie sicherlich auch nicht mehr.

Regina schaute aus dem Fenster. Dass sie betrunken war, wusste sie inzwischen auch, aber es war ihr egal. Sie konnte noch einigermaßen klar denken und als ihr Dirk Matthies gerade dabei geholfen hatte, sich anzuschnallen, wurde ihr heiß und kalt gleichzeitig. Die Gedanken in ihrem Kopf wurden unanständiger.

Sie beobachtete ihn beim Fahren und überlegte nicht lange, streckte die Hand aus und legte sie frech auf seinen Oberschenkel.

Dirk schluckte. Das war jetzt nicht ihr Ernst, oder? Er schaute zu ihr, aber sie schaute aus dem Fenster, als wäre diese Geste aus Versehen geschehen. Es war ihr Ernst. Er atmete tief durch und schob ihre Hand beiseite.

„Frau Küppers!“, sagte er entschlossen, aber seine Stimme zitterte. Sie machte ihn gerade ziemlich wahnsinnig und scheinbar war er der Einzige, der noch klar denken konnte. Er nahm ihre Hand und legte sie zurück auf ihr Bein. Sie schaute ihn enttäuscht an, sagte aber nichts.

Er konnte sie unmöglich so ins Hotel fahren. Sie wohnte dort und sie wäre sicherlich noch lange Gespräch des Hotelpersonals. Er seufzte. Ob er sie auf die Repsold bringen sollte? Aber sie hatte sich vorhin schon über das Schaukeln beschwert, es fehlte noch, dass sie in hohem Bogen über die Reling kotzte... Er musste grinsen und schob den Gedanken beiseite. Er würde sie mit zu sich nehmen und auf der Couch schlafen, so dass sie in Ruhe ihren Rausch ausschlafen konnte. Das war wohl die beste Lösung.

Als er den Wagen vor seiner Tür geparkt hatte und gerade aussteigen wollte, legte sie ihm die Hand wieder auf den Oberschenkel. Diesmal ließ sie sie allerdings weiter wandern, in eine sehr gefährliche Richtung. Dirk schluckte und merkte, dass ihre Berührungen bereits Wirkung trugen. Sie meinte es tatsächlich ernst.

„Frau Küppers!“, sagte er laut, aber sie ließ sich nicht beirren.

Wieder legte er ihre Hand beiseite, ging um den Wagen herum und öffnete die Tür. Sie hantierte mit dem Gurtschloss und er musste ihr abermals helfen, kam ihr dabei gefährlich nahe. Schließlich schaffte er es, den Gurt zu lösen und half ihr aus dem Auto.

Sie schwankte und schaute ihn mit großen Augen an.

„Ich versteh das gar nicht, ich hab doch kaum was getrunken“, sagte sie ehrlich und zuckte mit den Schultern.

Als sie stolperte, fing er sie auf und hielt sie fest. Sie mißdeutete diese Geste und schmiegte sich wieder an ihn, versuchte, ihn abermals zu küssen. Dirk stöhnte auf und drehte den Kopf zur Seite. Warum konnte sie denn die Finger nicht von ihm lassen? Er wich ihr aus und zog sie ins Haus.

Kaum hatten sie das Treppenhaus betreten, drückte sie sich schon wieder an ihn und versuchte,  ihn zu küssen. Als sie ihre Lippen auf seine presste, wurde ihm heiß und kalt gleichzeitig. Sie kuschelte sich an ihn und ihre Hände wanderten unter seine Smokingjacke. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Ihre Zunge wanderte langsam in seinen Mund und erkundete ihn. Dirk atmete tief durch, er konnte kaum noch klar denken und war versucht, den Kuss zu erwidern.

„Regina ,Du bist betrunken“, flüsterte er heiser als ihre Hände überall zu sein schienen und machte sich von ihr Los. Er hielt ihre Hände fest, schaute sie an und holte tief Luft.

Sie schaute ihn fragend an.

„Nicht, wenn Du so betrunken bist!“, sagte er ernst und versuchte ihren Blick aufzufangen.

„Ich bin nicht betrunken“, lallte sie leise und er grinste.

„Und ich bin der Kaiser von China“, sagte er dann.

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich auf einmal. Sie lächtelte plötzlich nicht mehr.

„Ich glaub mir ist schlecht“, sagte sie ernst.

Er drehte sie geistesgegenwärtig zur Seite und sie übergab sich sehr undamenhaft.

Dirk lachte laut auf. Die Situation war einfach zu komisch.

„Ich bring Dich ins Bett“, sagte er leise und half ihr die Treppe hoch.

„In Deins?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Er nickte. „Jo!“, sagte er .

„Aber du schläfst alleine da“, verkündete er dann.

„Und dann mach ich die Sauerei hier weg“, fügte er hinzu.

Als sie in der Wohnung ankamen, schob er sie ins Bad und stellte sie vor dem Waschbecken ab. Er reichte ihr einen feuchten Waschlappen und sie begann, sich das Gesicht abzuwaschen. Währenddessen kramte er im Alibertschrank über dem Spiegel und fand eine noch verpackte Zahnbürste. Er packte sie aus und gab sie ihr in die Hand, tat etwas Zahnpasta drauf. Anschließend lies er Wasser in den Zahnputzbecher.

„Zähneputzen kannst Du alleine?“, fragte er skeptisch, aber sie nickte zuverlässig und schob sich die Zahnbürste in den Mund.

Er deutete auf die Toilette.

„Vielleicht musst Du auch mal“, sagte er leise.

„Ich warte draußen“, mit diesen Worten schloss er die Tür hinter ihr und hoffte, dass sie nicht einfach umfallen würde. Er hörte das Wasser laufen und wenig später auch die Klospülung. Währenddessen zog er die Smokingjacke aus und hängte sie über einen Stuhl. Die Fliege gesellte sich dazu. Er öffnete das Hemd um zwei Knöpfe und atmete tief durch. Er hörte wieder das Wasser laufen und kurz darauf verließ sie das Badezimmer. Sie hielt sich am Türrahmen fest und schaute ihn erwartungsvoll an.

Er zog sie zur Couch und sie ließ sich darauf plumpsen. Er hatte ihr bereits eine Flasche Mineralwasser auf den Tisch gestellt und füllte das Glas. Dann drückte er es ihr in die Hand.

„Du musst trinken!“ forderte er sie auf.

Sie trank, behielt das Wasser aber im Mund, als wüsste sie plötzlich nicht mehr, wie man trank.

Er rollte mit den Augen.

„Du musst auch schlucken!“, sagte er betont langsam und sie tat wie ihr geheißen.

„Schlucken tu´ ich auch“, sagte sie grinsend und schaute ihn übertrieben unschuldig an.

Dirk schüttelte mit dem Kopf. Er fragte sich, ob er sie richtig verstanden hatte, entschied sich dazu, darüber nicht weiter nachzudenken. Sie war betrunken und nicht mehr Herrin ihrer Sinne.

„Du machst mich wahnsinnig“, murmelte er, zog sie von der Couch und schob sie ins Schlafzimmer.

Die Mineralwasserflasche nahm er mit und stellte sie auf den Nachtschank. Sie würde spätestens am nächsten Morgen sehr viel Durst haben.

Sie schaute erst zum Bett und dann zu ihm und grinste, aber er schüttelte den Kopf.

Sie zog ihn schon wieder an sich und ließ sich dann auf das Bett fallen, so dass er zwangsläufig mit fiel. Er seufzte und schickte abermals ein Stoßgebet gen Himmel. Bevor er sich beschweren konnte, versuchte sie schon wieder, ihn zu küssen. Sein Widerstand wurde immer geringer und sie war verlockend nach mehr. Die Situation war heiß. Sie lag neben ihm und der Schlitz ihres Kleides gab viel zu viel preis. Er spürte, dass es eng in seiner Hose wurde und schluckte, versuchte, sie wegzuschieben, aber es gelang ihm nicht. Sie war bereits dabei, sein Hemd aufzuknöpfen und ihre Hände darunter zu schieben. Er rollte mit den Augen und griff nach ihren Händen, schob sie endgültig weg. Als sie ihn enttäuscht ansah, schüttelte er den Kopf.

„Glaub mir, ich würde wahnsinnig gern mit Dir schlafen“, sagte er und sah es in ihren Augen blitzen. „Aber Du bist betrunken und ich würde mir das nicht verzeihen, wenn ich die Situation so schamlos ausnutzen würde“.

Er stand auf und gab ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Stirn.

„Schlaf gut“, sagte er und wandte sich zur Tür.

„Wenn was ist, ruf mich“, fügte er noch hinzu, aber als er noch mal zu ihr schaute, war sie schon eingeschlafen.



Regina wachte auf. Ihr Kopf dröhnte als hätte sie die Nacht durchgesoffen. Es war schon hell, die Sonne durchflutete das Zimmer mit Licht. Für einen Augenblick überlegte sie, wo sie war. Sie schaute sich neugierig um. Sie lag in einem Bett. Der Raum war klein, das Bett aus schwarzem Metall. Die Bettwäsche roch frisch. Ihr Kleid lag auf dem Boden. Sie erschrak und schaute unter die Decke. Sie trug noch ihr Höschen. Wo war sie und was hatte sie gemacht? Sie versuchte, sie aufzusetzen und stöhnte dabei laut als der Schmerz durch ihren Kopf fuhr. Das war kein einfacher Kater, das war eine ausgewachsene Wildkatze.

Jemand klopfte an der Tür. Sie murmelte herein und ließ sich wieder in die Kissen fallen.

Dirk Matthies stand in der Tür. Er trug einen beigen Pyjama, die Jacke lässig mit nur einem Knopf geschlossen, wie sie feststellte. Ihr schoss die Röte ins Gesicht und ihr Herz raste schneller.

„Herr Matthies?“, fragte sie erschrocken.

Wie peinlich...  Tausend Gedanken gingen ihr in diesem Moment durch den Kopf. Hatten sie miteinander...?
Sie überlegte krampfhaft, aber sie konnte sich an nichts erinnern.

„Frau Küppers, guten Morgen!“, sagte er, lächelte schief und reichte ihr die Kaffeetasse. Gleichzeitig legte er ihr zwei Kopfschmerztabletten auf den Nachtschrank.

„Danke“, sie nahm die Tasse entgegen und lächelte. Sie setzte sich auf, sehr darauf bedacht, dass die Decke nicht herunterrutschte.

Sie dachte noch mal nach, sie konnte sich immernoch nicht erinnern.  

„Wie geht es Ihnen?“, fragte Dirk und betrachtete sie nachdenklich.

„Ich ...“, begann sie und nippte vorsichtig an ihrem Becher. „Ich kann mich an nichts erinnern“, sagte sie ehrlich.

Er grinste schief.

Sie sah zum Anbeißen aus. Ein Bisschen verwuschelt aber ihr Make Up sah immer noch fast perfekt aus und die Verlegenheit zog eine leichte Röte über ihre Haut.

„Muss ich mich für irgendwas bei Ihnen entschuldigen?“, fragte sie kleinlaut.

Er setzte sich auf ihr Bett und schaute sie an.

Er kostete den Moment aus, daran bestand kein Zweifel.

Dirk schaute ihr tief in die Augen und in ihr keimte Panik auf.

„Herr Matthies, haben wir...?“, fragte sie aufgebracht.

„Was denn, Frau Küppers?“, fragte er unschuldig.

„Naja, Sie wissen schon...“, gab sie zurück und deutete auf das Bett.

„Weiß ich das?“, fragte er und grinste weiterhin.

„Herr Matthies?“ wiederholte sie die Frage vorwurfsvoll.

„Sie meinen, ob wir miteinander geschlafen haben?“, fragte er und sprach betont langsam.

Sie nickte hektisch.

Er lächelte sie an.

„Nein, Frau Küppers, wir haben nicht miteinander geschlafen. Sie haben zuviel getrunken und ich habe beschlossen, dass sie hier besser aufgehoben waren als im Hotel und nachdem sie sich in meinem Treppenhaus übergeben haben, sollte ich damit wohl auch recht behalten“, sagte er, grinste und stand wieder auf.

Sie stützte den Kopf in die Hand.

„Das tut mir leid“, murmelte sie peinlich berührt.

„Ist schon in Ordnung“, antwortete Dirk.

Er hatte beschlossen, ihr nichts von ihrem hemmungslosen Verhalten der letzten Nacht zu erzählen. Es musste nicht noch peinlicher werden.

„Danke, dass Sie sich um mich gekümmert haben“, gab sie ehrlich zurück.

„Da nicht für!“, antwortete er.

Ihr Blick wanderte zu ihrem Kleid.

Sie war immerhin unter der Decke fast nackt.

„Haben Sie mich...?“, fragte sie verlegen und deutete auf das Kleid am Boden.

„Nein“, er schüttelte den Kopf.

„Das haben Sie irgendwie noch selbst hinbekommen“, berichtete er und dachte daran, was in der Nacht passiert war bzw. nicht passiert. Wenn er sie auch noch hätte ausziehen müssen, hätte er ihrem Drängen sicherlich nachgegeben. Er war schließlich auch nur ein Mann.

„Ich kann mich an nichts erinnern“, wiederholte sie nachdenklich.

„Naja, vielleicht haben Sie einfach zuviel getrunken“, überlegte er laut, aber sie schüttelte plötzlich den Kopf.

„Nein, ich habe ein halbes Bier bei Ihnen getrunken und zwei Gläser Sekt, mehr nicht. Ich vertrage normalerweise doch mehr. Ich verstehe das nicht“, dachte sie laut.

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich kann mich an nichts erinnern!“, sagte sie abermals und schaute ihn an.

„Wenn wir heute Nacht wilden Sex miteinander gehabt hätten, wüsste ich das nicht mehr“, gab sie zu und schüttelte den Kopf.

Dirk straffte die Schultern und dachte nach. Dann kam ihm ein schrecklicher Verdacht.

„Frau Küppers, kann es sein, dass Ihnen jemand K.O. Tropfen gegeben hat?“, fragte er schließlich.

„Auf einer Polizeiveranstaltung?“, fragte sie überrascht.

„Weiß man doch nie“, sagte er dann.

„Aber wer macht sowas?“, überlegte sie.

Er zuckte mit den Achseln. „Vielleicht haben Sie einen Verehrer von dem Sie nichts wissen?“ überlegte er laut.

„Herr Matthies, das zweite Glas haben Sie mir gegeben“, sagte sie schließlich argwöhnisch.

„Ja, aber das haben sie auch nicht ganz ausgetrunken. Genau wie das Bier bei mir“, gab er zurück. „Außerdem sollten Sie mich besser kennen“, sagte er mit einem Zwinkern.

„Das war ein Scherz“, gab sie zurück.

„Was ist mit dem ersten Glas?“, fragte er ernst.

Sie zuckte mit den Schultern.

„Da kam gerade so ein Kellner vorbei, daran kann ich mich noch erinnern“, berichtete sie.

Er riss die Augen weit auf.

„Würden Sie den wieder erkennen?“, hakte er nach.

Sie rollte mit den Augen .

„Natürlich nicht“, gab sie zurück und seufzte. „Da war soviel los gestern“

„Ich werde nachher mal Katja anrufen, mal sehen wie es den Kollegen ergangen ist.“

„Haben Sie irgendwelche Feinde? Vielleicht ´n Verflossener, der Ihnen an den Karren fahren will oder so?“, überlegte er.

Sie dachte nach und schüttelte den Kopf.

„Danke Herr Matthies, ich möchte nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird. Wie klingt das denn? Die Chefin vom PK14 lässt sich K.O.Tropfen verabreichen“, sagte sie schließlich.  

„Es ist ja noch mal gut gegangen“, murmelte sie anschließend kleinlaut.

„Ist das Ihr Ernst?“, fragte er und sie nickte.

Er wollte etwas sagen, besann sich dann aber anders. Er würde Katja fragen und der Sache auf den Grund gehen, egal ob sie wollte oder nicht.

„Vorne rechts ist das Bad, falls Sie sich ein bisschen frisch machen wollen. Ich hol mal eben Brötchen“, Er ging an den Kleiderschrank und holte einen Bademantel heraus, den er ihr hinlegte. Anschließend ging er zurück ins Wohnzimmer um sich umzuziehen.  

Sie bedankte sich mit einem Lächeln.

Regina stellte den Kaffeebecher auf den Nachtschrank und ließ sich zurück in die Kissen fallen.
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