Verloren im Sturm

von Micaa
GeschichteDrama, Humor / P16
13.06.2018
28.02.2019
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Die Geburt einer Fremden

Ich blickte blinzelnd in den Himmel. Er war blau. Weiße einzelne wie Federn aussehende Wolken zogen darin ihre Runden und waren nach wenigen Augenblicken aus meinem Sichtfeld verschwunden. Es war friedlich. Ruhig und warm von der Sonne, die mir sanft ins Gesicht schien… Dennoch half es nicht die schwarzen Rauchsäulen zu ignorieren, die sich den Himmel empor schlängelten. Es half nicht den Geruch von Verbrannten zu ignorieren, der in meiner Nase schmerzte. Genauso wenig half es gegen die Schmerzen, die sich in meinem gesamten Körper ausbreiteten.Ich biss tapfer die Zähne zusammen. Ich hatte weder eine Ahnung, warum ich hier gelandet war, noch warum ich Schmerzen hatte. Mit zusammengebissenen Zähnen richtete ich mich vorsichtig auf und verweilte einen kurzen Moment auf dem Boden, während ich die Umgebung um mich herum scannte. Ich befand mich auf einer Art Hof, dessen Haus fast komplett hinunter gebrannt war. Die Bäume um mich herum waren glücklicherweise keine Opfer der Flammen geworden. Trotzdem schlich sich das Gefühl des Terrors meinen Rücken hinauf, während ich fraglos in die Leere starrte. Etliche Fragen schossen mir durch den Kopf, doch mein Gehirn schien mir diese nur mit verschwommenen und matschigen Bildern, mit denen ich nichts anfangen konnte, beantworten zu können. Ich hielt mir den Kopf, da ich den Anflug einer Migräne verspüren konnte. Dennoch tobten mir die Fragen unaufhörlich weiter im Kopf, stießen mit ihren spitzen Kanten gegen meine Stirn und erschwerten es mir mich zu konzentrieren.
„Ich wollte einfach nur nach Hause, aber selbst das wird mir schwerer gemacht als es eigentlich ist…“, hörte ich eine männliche Stimme, die deutlich genervt und nicht weit von mir entfernt ertönte. Instinktiv griff ich nach dem silbern glänzenden Gegenstand neben mir, der in der Sonne leuchtete, zwang mich auf die Beine und sah in die Bäume, die sich mir gegenüber in die Höhe streckten. Ich musterte die dicken Äste, die sich fast miteinander verwoben und wünschte mir nichts sehnlicher, als auf einer von diesen zu sitzen und in Ruhe nachzudenken. Aber ich war erstens nicht schnell genug, um diesen Baum hoch zu klettern, der nicht mal unterstützende Äste hatte und zweitens, war ich körperlich wohl kaum in der Lage mich dort hinauf…- Abrupt stoppte ich meinen Gedankengang. Ein schiefes Grinsen schlich sich auf meine Lippen in dieser nur so abartig absurden Situation und ich wusste, dass ich es schaffen konnte. Eine Kraft, die tief in meinem inneren brodelte und nur darauf wartete, bis ich sie frei lassen würde. Selbstsicher humpelte ich schnellen Schrittes auf die Bäume zu und konzentrierte meine Energie in meinen Beinen. Es begann zu kribbeln und trotz dem verrückten Durcheinander in meinem Kopf war es ein nur allzu bekanntes und vertrautes Gefühl, das meinen gesamten Körper beflügelte. Ich ging etwas in die Knie und stieß mich zum Sprung ab. Ich zischte in die Luft und landete etwas holprig auf einem der dickeren Äste und kauerte mich dort schützend hin. In mein Blickfeld trat ein junger Mann, der immer noch genervt vor sich hin brabbelte. Er verstummte jedoch, als er das abgebrannte Haus und nun die auch für mich sichtbaren Blutspritzer sah, die sich wahllos auf dem Boden verteilten. Zusätzlich noch drei Körpern, die einfach leblos dalagen. Ich blinzelte mehrmals. Waren das… Leichen? Der Schock traf mich härter als erwartet, während ich mich mit einer Hand an den Ast klammerte. Wenige Meter vor den Leichen war hundertprozentig ich gelegen… Hieß das… Dass ich…? Eilig schüttelte ich den Kopf und zwang mich den Typen zu beobachten, der langsam sein merkwürdiges Breitschwert von der Halterung auf seinem Rücken zog und sich den Leichen näherte.  Er ging in die Knie, legte zwei Finger an ihren Hals und schien zu überprüfen, ob sie wirklich Leichen waren.
Jedoch schüttelte er bei jeder einzelnen Person den Kopf und richte sich wieder auf. Er schien die einzelnen Blutspuren zu überprüfen und näherte sich langsam meine Richtung. Verwundert runzelte ich die Stirn und stellte im Nachhinein fest, dass ich eine leichte Blutspur hinterlassen hatte. Panik schob sich in meinen Kopf und drückte sämtliche Alarmknöpfe. Sobald er mich sehen würde, wäre ich erledigt. Nach all dem sprachen die Beweise nur so für mich, dass ich das Haus abgefackelt und diese Menschen dort getötet hatte. Aber… war ich es denn wirklich gewesen? Ich hielt mir erneut den Kopf und biss mir auf die Lippe. Konzentration. Jetzt hatte ich noch keine Zeit mich in meiner eigenen Panik zu ertränken. Mein Überlebensinstinkt quetschte sich langsam wieder in den Vordergrund und ich ballte die Fäuste. Meine Rechte Hand jedoch umklammerte etwas Holziges. Verwirrt sah ich die Axt, die zitternd in meiner Hand lag. Sie war etwas größer als eine gewöhnliche Axt, dennoch schien sie nicht allzu schwer zu sein. Erneut drängten sich weiter Fragen in meinen Kopf und ich schien den Überblick zu verlieren, als der Typ nun direkt unter dem Baum stand. Dort war meine Blutspur zu Ende. Ich hielt die Luft an. Er wusste, dass ich auf den Baum geflüchtet war. Er wusste, dass ich überhaupt existierte. Trotzdem sah er nicht nach oben. Er kratzte sich erstmals am Kopf und sah dann vorsichtig nach oben. Für einen Moment starrten wir uns gegenseitig einfach nur an, doch dann verließ ein wilder Schrei meine Kehle, als ich hinunterstürzte, die Axt in beide Hände nahm und nach ihm ausholte. Er weitete die Augen und hob abwehrend sein Breitschwert, das für mich wie ein überdimensionales Hackbeil eines Metzgers aussah. Wenn ich Glück hatte, würde mein und das Gewicht der Axt etwas Geschwindigkeit aus seiner Bewegung nehmen. Doch das Glück stand nicht auf meiner Seite. Das Aufschreien von Metall auf Metall und die einzelnen Funken hallten durch das kleine Waldstück, indem wir uns befanden und er zog ruckartig die Klinge - noch während ich im Fall die Axt auf ihn nieder bretterte - zur Seite und lenkte mich somit in eine andere Richtung. Ich landete unsanft auf dem Boden, rollte mich ab und verweilte wie ein wildes Tier auf allen Vieren, während diesmal meine linke Hand die Axt hielt. Etwas überrascht von diesem Konter starrte ich ihn an und erwiderte darauf nur ein animalisch klingendes Fauchen. Er wich vorerst einen ein Schritt zurück. Wieder das Grinsen, das sich über meine Lippen schlich. Jetzt hatte ich Zeit ihn ein wenig näher zu betrachten. Er hatte eine ziemlich dunkle Haut. Dafür waren seine Haare komischerweise weiß. Zu meinem Nachteil war er auch noch ziemlich groß und muskulös. Das wunderte mich aber nicht wirklich, da er das Breitschwert mit einer Hand mühelos durch die Luft schwingen konnte. Vermutlich war es noch um einiges schwerer als meine Axt.
„Bist du das hier gewesen?“, fragte er vorsichtig und schien mich ebenfalls zu mustern. Ich blieb stumm und verweilte in meiner Position. Ich konnte ihm die Frage sowieso nicht beantworten.
„Gut dann...-“
Ich ließ ihn nicht ausreden und stürmte nach vorn. Hob die Axt, nahm sie wieder in beide Hände und holte ausgiebig aus. Eigentlich viel zu weit. Das gab ihm genug Zeit abzuwehren, was ihm auch gelang. Wieder das klirrende Geräusch und die Erschütterung des Aufschlags vibrierte durch meine Arme. Ich probierte es so gut wie nur möglich zu ignorieren, ging sofort auf Abstand, nahm die Axt in die rechte Hand und schleuderte sie ihm wie ein Bumerang entgegen. Gleichzeitig konzentrierte ich die Energie in meine Fußsohlen, ging in die Haltung, als würde ich auf den Startschuss zum Sprinten warten, und stieß mich im selben Moment ab. Ich schoss nach vorn und war bereit ihn praktisch zu grätschen, während er meine Axt abwehrte. Mein Plan ging jedoch nicht wirklich auf. Ohne große Mühe stieß er die fliegende Axt beiseite, packte mich im selben Moment in meinem Flug am Fußgelent, schleuderte mich in einer kreisenden Bewegung herum und rammte mich ohne Erbarmen darauf in die Erde. Die Luft wurde dabei zwanghaft aus meinen Lugen gepresst. Der scharfe und beißende Geschmack von Galle füllte meinen Mund und fand seinen Weg nach draußen.
„Nochmal. Warst du das hier?“ Ich keuchte und würgte, um zum einen nach Luft zu schnappen und zum anderen nicht gleichzeitig an meiner Spucke zu ersticken. Er schien zu warten, bis ich dazu in der Lage war, zu sprechen.„Ich. Weiß. Es. Nicht“, zischte ich bedrohlich. Meine Stimme, heiserer und kratziger als erwartet. Die Verwirrtheit konnte ich deutlich an ihm ablesen.
„Du weißt es nicht? Ein Mädchen wie du sollte allgemein nicht in so etwas verwickelt werden.“
Sein Fehler. Er ließ etwas locker und gab mir dabei die Gelegenheit erneut meine Energie zu bündeln. Mit meiner freien Hand versuchte ich mich nach oben zu drücken. Er schien mein Vorgehen sofort zu bemerken und hielt dagegen an.
„Mach es bitte nicht so schwer.“
Es lag keine Provokation in seiner Stimme, trotzdem brachte sie mich in Rage. Er sah mich als keine Konkurrenz. Er sah mich einfach nur als ein rebellierendes Mädchen. Ich schrie erneut los, stemmte mich an einer Hand hoch, zog die Beine an und zwang mich wieder auf die Knie. Mein Körper schrie innerlich und ich begann mehr zu schwitzen als sowieso schon. Diesmal schien er von meinem Schrei unbeeindruckt zu sein, dass es mich nur noch mehr anspornte. Ich sammelte die Energie, verteilt diese gleichmäßig in meinem Körper und auf einmal schien es so, als wäre der Knoten geplatzt. Alles fühlte sich leicht an. Das Gefühl der kleinen Steinchen, die sich in meine nackten Knie bohrten, verschwand, genauso wie die Schmerzen, die trotz den Adrenalinstoßes deutlich zu spüren waren. Um mich herum schien ein helles Licht auszugehen. Die Sicht verschwamm zu einer schwarzen Pampe und schwappte unbarmherzig über mich ein, zwang mich auf den Boden. Meine hastige, fast keuchende Atmung schien ruhiger zu werden und dann war alles still.

Stöhnend öffnete ich die Augen. Mein gesamter Körper war taub. Meine Augen schwer und mein Kopf hohl. Ich konnte sie nicht mal reiben, da mich irgendetwas daran hinderte. Kraftlos versuchte ich mich davon zu befreien. „Lass es“, kam es von der Stimme vor mir. Ich blinzelte wieder mehrmals und der Typ mit schwarzer Haut und weißen Haaren, saß eine Beinlänge von mir entfernt. Meinen Fuß auf seinem Schoß gebetet, während er ihn sorgsam bandagierte. Panisch riss ich die Augen auf und mein Bein von ihm los, holte ihm selben Moment wieder aus und probierte ihn mit einem Tritt ins Gesicht zu überwältigen. Er taumelte etwas zurück, gab einen kurzen gestressten Laut von sich, konnte aber den – meiner Meinung nach – fatalen Schlag mit der Hand perfekt abfangen. Geschockt starrte ich ihn an und sah zu meinem Fuß, den er nur mit einer Hand einfach umfassen konnte.
„Lass mich los!“, schrie ich heiser und zerrte meinen Fuß aus seiner Hand, der wie es mir nun auffiel nackt war. Verwirrt sah ich auf meine Füße. Ich war barfuß?
„Du bist Ohnmächtig geworden“, sagte er trocken als ich schweigend einfach nur meine Füße anstarrte.„Schön“, erwiderte ich nur und sah auf.
„Es wäre wirklich hilfreich, wenn du kooperieren würdest. Ein Haus wurde abgebrannt und es gibt insgesamt fünf Leichen. Du bist die einzige Überlende oder der Täter.“
Ich starrte ihn wortlos an.
„Fünf Leichen…?“, stammelte ich entsetzt. Wenn mich die verschwommenen Bilder nicht täuschten, dann hatte ich vor meinem Kampf nur drei Leichen gesehen. Er nickte mit dem Kopf in Richtung Haus und ich folgte seinem Blick. Vor dem Haus lagen fünf Leichen in Reih und Glied. Die Gesichter mit alten Lumpen bedeckt, während eine vollkommen zugedeckt war. Ich blieb daran hängen.
„Im Brand gestorben“, sagte er nur, da er scheinbar die Frage aus meinem Gesicht ablesen konnte.
„Momentan sieht es wirklich nicht gut für dich aus. Es spricht eigentlich eindeutig dafür, dass du er Täter bist. Und dann hast du mich auch noch grundlos angegriffen.“
Seine Stimme war sachlich und klar. Als würde er mir aus einem Gesetzbuch vorlesen.
„I-Ich war es nicht!!“, schrie ich förmlich. Die Unsicherheit deutlich heraus zu hören.Er sah zu mir. Die schwarzen Augen wie Opal, die mich in ein anderes Universum katapultierten könnten.
„Warum das ganze Blut an dir? Ich habe dich schon grob nach äußeren Wunden untersucht. Aber das ganze Blut stammt nicht nur von dir. Vor allem das an deinen Händen.“
Die Informationen brachen über mich ein wie eine riesige Welle, drückten auf meinen Körper und raubten mir die Luft zum Atmen. Hektisch atmete ich ein und aus, schien aber nicht genügend Sauerstoff davon zu bekommen. Panisch riss ich die Augen auf. Ich würde ersticken. Meine Lunge fing an zu schmerzen und mein Kopf wurde leicht. Ersticken. Ich würde ersticken. Ersticken, ersticken, ersticken. Hilflos tanzten meine Augen von einem Punkt zum anderen. Ersticken, ersticken, ersticken. Hallte es immer wieder in meinem Kopf. Der Weißhaarige schien mich für einen Moment nur anzusehen. Abzuwarten, ob ich ihn nur verarschen würde.
„Hey… Hey langsam!“
Er legte mir die Hände auf die Schultern und zwang mich ihn anzusehen.
„Es tut mir leid! Aber fang jetzt nicht an zu hyperventilieren. Du musst atmen. Ein und aus.“
Er schien es mir vor zu machen, doch wann immer ich Luftholen wollte, schienen die Atemwege sich weiter zuzuschnüren. Mein Körper spannte sich erneut an. Scheinbar war ich wieder kurz davor das Bewusstsein zu verlieren oder zu sterben. Unruhig zappelte ich hin und her. Das Gefühl keine Luft zu bekommen war vermutlich schlimmer, als zu verhungern oder zu verdursten.
„Atme!“, rief er diesmal energischer und im nächsten Moment brannte meine Wange. Für einen Augenblick verharrte ich im Schock und blinzelte perplex. Das Brennen meiner Wange war einer der kleineren Schmerzen, die ich noch so ertragen konnte, aber atmete ich wieder? Oder hielt ich aus Angst die Luft an?
„Und jetzt atme tief ein und aus.“ Ich hörte ihn tief Luftholen und ahmte es ihm ohne weiteres nach. Die Luft strömte mir wieder in voller Kapazität in meine Lungen und ich spürte, wie mein Körper immer mehr wollte. Statt mich an sein Tempo zu halten, atmete ich zu schnell wieder aus und fing an zu keuchen.
„Meine Güte… Langsam. Am Ende erstickst du wirklich und ich habe 6 Leichen die ich erklären müsste. Der Boss wird alles andere als begeistert sein.“
Anfangs schien er nur mit sich selbst zu sprechen und glitt mit seinem Blick etwas ab, letzten Endes sah er doch wieder vorwurfsvoll zu mir.
„Dann töte mich doch“, spuckte ich ihm förmlich ins Gesicht.
„Dann müsste ich sechs Leichen erklären. So oder so bist du ein Problem. Tot oder lebendig und ich habe nicht die Zeit oder Geduld dafür, mich damit auseinanderzusetzen. Sollen die Leute sich mit dir rumschlagen, die dafür bezahlt werden…“ Seufzend erhob er sich und streckte sich kurz.
„Doch bevor wir losziehen werde ich… diese armen Seelen vorerst begraben. Eine Beerdigung hat eigentlich jeder verdient und sie einfach hier liegen lassen, kann ich auch nicht...“ Erneut seufzte er und fing an vor sich hin zu murmeln, als er auf die kleine Hütte neben dem Haus zulief, die kein zu großes Opfer vom Feuer geworden ist.„Hey…!“, rief ich ihm nach als er die Tür ein trat um an die Gartengeräte zu gelangen. Er antwortete mir nicht. Murrend zog ich die Beine an und probierte mich mit eigener Kraft aufzurichten. Das funktionierte nicht so gut, wie ich mir das vorgestellt hatte. Im Prinzip funktionierte es überhaupt nicht. Der weißhaarige Typ kam mit einer Schaufel in der Hand zurück.
„Bevor du sie vergräbst… Kann ich noch ihre Gesichter sehen?“„Ich weiß nicht, ob du das sehen willst. Zumindest von Nummer fünf ist nicht mehr viel übrig geblieben“, meinte er und rammte die Schaufel in den Boden.
„Nummeriere sie nicht einfach“, murmelte ich.
„Du stehst nicht wirklich in einer Position, in der du mir mit Moral kommen könntest…“, erwiderte er nur trocken.„Ich-! Das fühlt sich einfach nicht richtig an“, probierte ich und wurde gegen Ende immer leiser. Meine ganze Situation fühlte sich nicht richtig an. Ich… Ich war irgendwie nicht richtig.
„Na gut.“ Langsam kam er zu mir gelaufen und half mir auf die Beine, da ich es alleine und mit verbundenen Armen einfach nicht auf die Reihe bekam. Vor der ersten Leiche kniete sich der Ninja hin und hob etwas das Tuch. Es war ein Mann. Vermutlich so mittleren Alters. Vermutlich an Blutverlust durch die Wunde in seinem Bauch gestorben. Doch obwohl ich sein Gesicht ausgiebig studiert hatte, war ich noch genauso ahnungslos wie davor. Dasselbe Spiel mit den restlichen vier Leichen. Drei Männer und eine Frau. Die Frau war im Feuer umgekommen. Aber wie am Anfang waren mir alle Gesichter fremd. Erwartend sah mich der Ninja an, nachdem er die Frau wieder zugedeckt hatte.
„Ich kenne sie nicht“, gestand ich ehrlich und spürte wie mich langsam die Kraft in meinen Beinen wieder verließ. Meine Knie fingen an zu zittern und meine Muskeln schienen sich krampfhaft anzuspannen. Hatte ich mich so überstrapaziert? Was zur Hölle war an diesem eigentlich wunderschönen Tag geschehen?
„Wie heißt du?“, fragte er nach einer Weile. Ich hob den Kopf und sah ihn an.
„Du zuerst“, forderte ich.
„Ich bin ein Ninja aus Kumo…-“
„Du. Zuerst“, drängte ich ihn und begann ihn anzufunkeln. Die letzte Waffe, die mir neben meinen Worten, noch blieb.
„Darui“, sagte er knapp. Darui. Ich ließ es gedanklich über meine Zunge gleiten.
Darui. Fing ich in Gedanken an. Darui. Ich glaube… Ich glaube ich habe keinen Namen. Mein Herz fing an wild zu schlagen. Mein Name. Wie lautete mein Name? Wer war ich schon ohne meinen Namen? Ich war Ich, dennoch ohne wahre Identität. Meine Gedanken überschlugen sich, durchforsten meine Erinnerungen, doch das einzige was mir blieb waren die matschigen und verschwommenen Bilder, die ich zuvor gesehen hatte, als ich die Erinnerungen zum ersten Mal abrufen wollte. Meine Lippe fing an zu zittern. Die Kraft wich mir endgültig aus den Beinen und ich glitt wieder zu Boden. Diesmal war die Unwissenheit mein Gegner und sah mit höhnischen Grinsen auf mich nieder. Sie war sogar stärker als Darui und hatte mich ohne eine Waffe oder den Einsatz von Gewalt auf die Knie gezwungen. Ich wusste, dass ich ihr machtlos ausgeliefert war.
„Mit dieser Reaktion hatte ich jetzt nicht gerechnet… Kennen wir uns etwa?“, fragte er nach, während er mich beobachtete, wie ich immer noch fassungslos auf dem Boden saß. Erschlagen von mir selbst und der Tatsache, dass ich nicht mal wusste, wer ich überhaupt war.
„Nein“, antwortete ich nur. Was sollte ich tun? Die Wahrheit sagen? Lügen? Einen neuen Namen aus dem nichts erschaffen? Doch Namen waren eine heikle Sache. Normalerweise spiegelte sich sein Träger darin, doch… Wer war ich? Würde ich jetzt lügen, würde mein weiterer Verlauf sich auf einer Lüge aufbauen. War ich in der Lage diese auch zu tragen? Zu spielen? Wenn mich jetzt nicht mal meine Beine halten konnten, wie konnte es dann mein Herz? Ich seufzte.
„Was geschieht jetzt mit mir?“, probierte ich abzulenken. Darui sah mich an und runzelte nachdenklich dabei die Stirn. Mit der Hand fuhr er sich durch sein weißes struppiges Haar, das komischerweise eine Hälfte seines Gesichts verdeckte. Hatte er etwa nur ein Auge? Und jetzt, wo ich ihn genau musterte, trug er das Stirnband von Kumogakure auf seinem linken Oberarm.  Auffallende waren auch die beiden Tätowierungen seiner Schultern.„Zuerst werden wir – oder eher ich – die Leichen vergraben und danach… Werde ich dich wohl mit in das nächste Dorf nehmen. Dort werden sich dann Andere, vor allem die dafür ausgebildet sind, um deinen Fall kümmern.“
Er gab mich also praktisch weiter und schob die Verantwortung auf jemanden anderen. Ich konnte es ihm aber nicht verübeln. Auf einen solchen Fall wie diesen stieß man vermutlich nicht jeden Tag und so wie ich ihn bis jetzt einschätzen konnte, wurde er nur durch den Rauch aufmerksam und dachte, er checkt mal die Lage, um sein Gewissen zu beruhigen. Vielleicht hatte er auch nur ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein. Keine Ahnung wie die Ninjas aus Kumo so drauf waren.
„Was ist das nächste Dorf?“
„Das nächste größere Dorf in der Nähe, dass sich mit sowas auseinandersetzen kann, ist Kumogakure. Ob das zu deinem Vorteil ist, ist Ansichtssache.“
Ohne mich einen Blick zu würdigen, packte er die Schaufel und ging in Richtung der Bäume, wo der Boden etwas weicher war und günstiger zu graben. Er arbeitete ziemlich zügig, trotzdem war es relativ schnell zu sehen, dass er ins Schwitzen kam von der Anstrengung. Die Gräber würden definitiv nicht allzu tief werden. Aber tief genug fürs erste, damit nicht irgendwelche Tiere an den Opfern knabberten. Vermutlich würden nach unserem Eintreffen in Kumo Verstärkung geschickt werden, um sie entweder richtig zu begraben oder die Leichen zu identifizieren. Vielleicht interessierte sie das Ganze auch gar nicht uns sie steckten mich einfach ins Gefängnis. Konnte mir eigentlich egal sein, wie sie das angehen würden. Ich musste erst mal mit mir selbst zurechtkommen, jedoch war das schon schwer genug. Die zusätzliche Last des ungeklärten Mysteriums, das sich an einem scheinbar so schönen Tag ereignete, lastete als extra Gewicht auf meinen Schultern. Wenn ich nicht bald einen klaren Kopf bekam, würde ich vermutlich elendig in den schlammigen Bildern meiner restlichen Erinnerungen versinken.~Laut seufzend stellt Darui die Schaufel zurück und sah auf die fünf dunkleren Flecken am Boden.

Die Sonne stand nun tiefer und es wurde um einiges frischer, wenn sie kurzzeitig von den Wolken bedeckt wurde.„Gehen wir“, sagte er förmlich, während er an mir vorbeiging und scheinbar erwartete, dass ich ihm mühelos und kompromisslos folgen würde. In meiner jetzigen Verfassung zweifelte ich schon sehr an mir selbst und hinterfragte, ob ich jemals überhaupt noch in der Lage sein würde zu gehen. Denn, selbst wenn ich laufen könnte, wüsste ich nicht mal wo hin. Mein Start als Namenlose war mit fünf Leichen nicht die beste Voraussetzung ein neues Leben zu beginnen, wenn mir meine wahre Identität nicht bald in den Sinn kam. Die Erkenntnis schmeckte bitter. Am liebsten würde ich einfach in den Körper des gesunden, kräftigem und funktionsfähigen Ninjas vor mir schlüpfen und mein jetziges Ich zurücklassen. Ziemlich hart, wenn man die Tatsache bedachte, dass ich meinen Körper gerade einmal ein paar Augenblicke kannte und ihn praktisch ausprobieren durfte. Für meinen ersten Tag war das wohl doch zu voreilig. Vorerst musste ich wohl mit diesem Körper zurechtkommen, mit dem ich offensichtlich eine Identität teilte. Ich räusperte mich.
„Eine kleine Starthilfe… Wenn das nicht zu viel verlangt ist“, begann ich und ließ den Blick auf den Boden gerichtet. Ich schämte mich für mein unbekanntes Selbst. Scheinbar hatte ich keine überragenden Fähigkeiten. Ich war schwach und vielleicht sogar eine Mörderin. Dinge mit denen ich mich eigentlich nicht auseinandersetzen wollte. Darui packte mich am Arm und zog mich mühelos auf die Beine.
„Wir sind zwar nicht weit vom Dorf entfernt aber durch gewisse… Konditionen könnte sich der Weg zurück etwas verlängern. Kannst du laufen?“ Zur Antwort blies ich mir schnippisch die Haare aus dem Gesicht und schritt voran. Meine Beine schwer, taub und schmerzend. Doch weitere Schwäche wollte ich nicht zeigen. Wenn mir dieser Körper etwas beweisen wollte, dann sollte er mich gefälligst bis nach Kumo tragen. Das war wohl das mindeste, dass er mir nach diesem ganzen Schlamassel für mich tun konnte. Das Seufzen hinter mir hörte sich genauso schwer an, wie sich meine Beine anfühlten. Lang und schleppend. Ich war nicht mal drei Schritte gegangen und schon hatte er etwas an mir auszusetzen.
„Wenn wir nach deinem Tempo gehen kommen wir in 10 Jahren noch nicht an.“
Darui ging vor mir in die Knie und streckte die Arme nachhinten aus.Ich blieb stehen und verzog das Gesicht. Das passte mir noch weniger in den Kram.
„Geht schlecht. Ich kann mich nicht festhalten.“, antwortete ich darauf nur. Fragend wand er den Kopf zu mir. Sein Blick viel auf meine verbundenen Hände. Wortlos ging er aus seiner Hocke, zog das Hackbeil aussehende Schwert aus der Scheide, das an seinem Rücken hing und ließ es im selben Moment vor mir herunter zischen. Erschrocken kniff ich die Augen zusammen und öffnete sie im selben Moment wieder, als das kratzige Gefühl um meine Handgelenke sich löste. Die Seile fielen mit einem leisen dumpfen Aufschlag zerteilt auf den Boden und Darui steckte sein Hackbeil wieder in seinen rechtmäßigen Platz. Das alles war in binnen weniger als ein paar Sekunden passiert und bevor ich darauf antworten konnte, ging er wieder in die Hocke.
„Entschuldige. Das gefällt mir auch nicht wirklich, mit einem potentiellen Mörder auf meinem Rücken zurück zu kommen, aber ich bin schon seit zwei Wochen unterwegs und möchte auch nach Hause.“ Mit einem Schnauben stieg ich auf seinen Rücken. Meine Situation schien ihn wirklich nicht zu interessieren. Wahrscheinlich setzte er mich wirklich nur bei irgendwelchen Leuten ab und die Sache war nach ein paar Gesprächen für ihn gegessen. Ich hatte mich wirklich in weniger als ein paar Stunden so tief in die Scheiße geritten, dass mir jetzt schon ein Gefängnisaufenthalt drohte, auch wenn ich praktisch heute geboren wurde.Mühelos erhob er sich nun samt mir auf seinem Rücken und fing an los zu laufen.
„Warte!“, rief ich, als plötzlich das Gefühl in mir hochstieg etwas vergessen zu haben.„Was denn?“ Deutlich genervt blieb er stehen.
„Axt“, antwortete ich knapp.
„Dort wo du hingehst wirst du keine Axt brauchen.“ Er wollte scheinbar wirklich nach Hause denn seine Tonlage hatte keinerlei Platz für Sympathie.„Ich kann sie nicht einfach hierlassen. Sie ist wichtig.“
„Wichtig?“, hakte er nach.
„Zumindest für mich…“, stammelte ich ertappt. Die Worte kamen mir einfach so aus dem Mund geschossen. Ob sie wirklich wichtig war, konnte ich nicht sagen, doch zurücklassen wollte ich sie auch nicht. Brummend lief er dennoch zur Axt und hob sie auf.„Wie konntest du sie eigentlich so wild herumschwingen. Die ist ziemlich schwer und groß. Viel zu groß für so ein kleines Mädchen wie du“, fragte er diesmal etwas interessierter. Ich zuckte nur mit den Schultern.
„Dein Hackbeil sieht auch aus, als hättest du es einem Metzger geklaut“, konterte ich genervt. Mir war es nicht danach noch mehr Fragen in meinen Kopf kreisen zu haben. Am liebsten würde ich mein Gehirn einfach per Knopfdruck ausschalten und wenn ich es wieder brauchte, dann konnte ich einfach wieder anmachen…„Hackbeil…“, murmelte er scheinbar etwas entrüstet von meiner Beschreibung seines Schwertes und zog samt Mädchen auf dem Rücken und Axt in der Hand Richtung Heimat los.






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Puh dieses kleine neue Projekt hier ist schon eine Weile auf meinem Rechner und ich hatte bis jetzt noch nicht den Mut gehabt es mit anderen außer meiner engsten Freunde zu teilen. Ich hoffe Euch hat das Kapitel soweit gefallen! Ich muss gestehen das ich mir für dieses kleine Abenteuer sehr viel auf meinen Teller geladen habe und nicht weiß ob ich das alles überhaut aufessen kann...XD Ich mein wir haben hier ein neues Mädchen, das Dorf Kumogakure über das so gut wie nichts bekannt ist, das man sinnvoll hineinarbeiten könnte, das man sich irgendwelche logischen Sachen ausdenken muss... Offenbar ein 5-facher Mord der vielleicht mal aufgelöst werden will... Mal sehen wie ich mich so anstelle! Falls irgendjemand soweit gekommen ist, würde ich mich freuen, wenn ihr ein kleines Review hinterlasst mit Feedback oder Fragen! Soweit habe ich nichts mehr zu sagen und mal sehen wie sich das Ganze über die Zeit entwickelt.
Euch noch einen wunderbaren Tag oder Nacht was auch immer und wir sehen uns im nächsten Kapitel!


PS:
Falls ihr zufälligerweise auf der Suche nach einer guten FF seid mit langen Kapiteln, VIELEN Kapiteln, Herzschmerz, Humor und Drama dann wäre vielleicht: "Das Mädchen, das nie an das Schicksal glaubte... Primula Shimamori" etwas für euch! Einer meiner besten Freundinnen hat sehr viel Liebe und Arbeit hineingesteckt und freut sich auf jeden neuen Leser!
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