Aber Du bleibst für immer meine erste Liebe...

KurzgeschichteRomanze / P16
Felix Brummer / Kummer OC (Own Character)
13.06.2018
23.09.2018
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„Wenn du diese Tür jetzt hinter dir schließt, dann…dann bleibt sie für immer verschlossen!“.
Seine Stimme zitterte kaum merklich und doch fuhr ihr ein Schauer über den Rücken.
Noch einmal blieb sie auf der Fußmatte vor dem Haus ihrer Eltern stehen, drehte den Kopf nur leicht zurück, blickte ihnen aber nicht entgegen. Sie schluckte.
„Wenn das so ist Papa…“, sie betonte es mit allem Hass, den sie fühlen konnte, „…dann will ich sie auch nie mehr öffnen…“.
Sie tat einen Schritt nach vorne und ließ die Haustür ins Schloss fallen.
Durch das alte Holz hörte sie, wie ihre Mutter bitterlich zu schluchzen begann und hielt es nicht mehr aus. Schnellen Schrittes lief sie die Hofauffahrt hinunter, bevor sie vom Gartentor aus ein letztes Mal das Grundstück betrachtete, auf dem sie 25 Jahre lang aufgewachsen war und gewohnt hatte.
Das morsche Baumhaus, das ihr Vater mit ihrem Onkel gemeinsam für sie baute, wurde von der untergehenden Oktobersonne angestrahlt, die daran hängende Plastikschaukel wippte im kühlen Wind leicht hin und her. Sie sah sich, wie sie laut lachend schaukelte. Sie sah Jan, wie er sie mit seiner kleinen Schaufel schlug, weil auch er schaukeln wollte. Sie sah ihren Vater, wie er mit seinem Sohn schimpfte und sie sah ihre Mutter, wie sie auf der Holzbank vor der Veranda saß und ihren spielenden Kindern zulächelte.

Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken, sie konnte es nicht identifizieren.
Sie wendete den Blick von ihrem Elternhaus ab, schloss das kleine Tor und lief Richtung Innenstadt.
Erst jetzt bemerkte sie ihre nassen Augen, wischte sich darüber.
>>Noch nie wurde ich von einem Menschen so sehr enttäuscht…<<  hörte sie ihn wieder.
Sie schüttelte kräftig den Kopf, als könnte sie den Gedanken so wegwerfen, doch es klappte nicht.
>>Hör auf deinen Vater! Dieser Mann tut dir nicht gut!<<.
>>Du triffst dich nie wieder mit diesem abscheulichen Typ!<<

>>Entscheide dich. Wir, deine wahre Familie, oder dieser Abschaum!<<

Sie presste die Hände auf ihre Ohren, lief immer schneller. Die Tränen rannen in Strömen ihre roten Wangen hinunter.
Sie hatte ihre Familie verlassen, sich für ihn entschieden.
Sie hassten ihn, obwohl sie ihn genau einmal gesehen hatten.
Damals, als sie ihn ihren Eltern vorstellte.
Er rauchte, trank Alkohol, war Musiker in einer bekannten Rockband und hatte Spaß.
Weder war er Geschäftsmann, noch Bänker. Alles andere hatten ihre Eltern nie toleriert.
>>Den heiratest du mir nicht!<< war alles, was ihr Vater noch dazu sagte, dann war das Thema tabu.

Heute Mittag ging sie ein letztes Mal auf ihre Eltern zu, wollte ihnen klarmachen, wie sehr sie ihn liebte und dass sie zu ihm ziehen werde. Raus aus dem großen Haus in einem der Reichenviertel Münchens, in dem sie aufwuchs und hinein in eine kleine, komfortlose 2-Zimmer-Wohnung in seiner Heimatstadt.
Sie waren außer sich, ihre Mutter geschockt, ihr Vater wütend, wie nie zuvor.
>> Gut. Mach das. Aber dann habe ich keine Tochter mehr. <<.
Noch immer schmerzte dieser Satz in ihrer Brust. Sie war in ihr Zimmer gegangen, hatte ihren kleinen Koffer mit allem gepackt, was ihr wichtig war und was sie brauchte. Den kleinen Teddybären, den ihr der Vater von einer Geschäftsreise aus New York mitbrachte als sie 5 Jahre alt war, schaute sie ein letztes Mal unter Tränen an und streichelte ihm über sein verwaschenes Ohr, bevor sie ihn wieder behutsam auf seinen alten Platz am Fenster setzte. Sie lief die Treppen wieder hinunter und ging. Für immer.

Ihr Handy vibrierte in ihrer Jackentasche, als sie die lange Straße in Richtung Bahnhof entlang lief.
Es war eine Nachricht von ihm. Er wollte wissen, wo sie war.



Felix           21:03 Uhr
Elena, wo bist du?
Ich mach mir Sorgen.



Elena          21:04 Uhr
Ich bin in 5 Stunden zuhause.



Felix          21:04 Uhr
Wie `zuhause`?
Fährst du gerade nach München?



Elena          21:05 Uhr
Nein, ganz im Gegenteil.
Ich fahr´ nach Hause. Zu dir.



Felix          21:06 Uhr
Aber deine Eltern…



Elena          21:06 Uhr
Ich habe keine Eltern mehr.
Haben sie mir gerade mehr als deutlich klargemacht.

Weiter kam sie nicht, denn die Tränen, die ihr wieder in die Augen stiegen, ließen das Display verschwimmen. Sie steckte ihr Handy wieder weg, wischte sich ein weiteres Mal über die Augen und blickte auf die Anzeige über dem Bahnhofseingang, an welchem sie eben angekommen war…

Zeit: 21:30 / ICE 888              
Gleis: 13             
Über: Nürnberg - Hof - Zwickau   
Ziel: Chemnitz Hbf

…und als Elena´s Zug sich in Bewegung setzte und sie sich Felix Meter für Meter näherte, spürte sie förmlich, wie ihr neues Leben begann.

Mit dem Mann, den sie liebte, in einer neuen Stadt, ohne Kontakt zu ihrer Familie…