Aber Michael, was wäre denn, wenn...?

GeschichteKrimi / P16
Alexandra Rietz Christian Alsleben Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter Sewarion Kirkitadse
12.06.2018
25.09.2018
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25.09.2018 2.302
 
Die darauffolgende Vernehmung zog sich eine ganze Weile hin. Den beiden Kommissaren kam das Gespräch mit der noch immer höchst aufgelösten Frau Neumann wie eine endlose Folge von beruhigenden Floskeln vor, die nirgendwo hinführte. Nur der nächste markerweichende Weinkrampf schien in jedem Falle gewiss.
Zwischendurch huschten die Augen der Frau durch das Büro und dies war ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr gleich ein neues Detail einfallen würde, welches sie mit Mühe und unter großem Schluchzen aus sich herauszwang. Schließlich jedoch begann sie in ihrer Trauer so lautstark zu jaulen, dass Michael sich aus Rücksicht auf seine arbeitenden Kollegen genötigt sah, die Zeugin mit aller Behutsamkeit, die er in diesem Moment aufbringen konnte, in die schalldichten Verhörräume zu führen. Doch auch dort kam die massive Frau nicht zur Ruhe und verlor sich in Theorien und Aussagen, die immer wilder und abenteuerlicher wurden. Die Zeichner dieser japanischen Trickfilme hätten die Mafia auf ihre Tochter angesetzt, weil diese ein mögliches Ende der Serie vorweg genommen hätte. Eine gewisse J.K. Rowling hätte sie aus Neid ermordet, weil die Geschichten der Toten weitaus plausibler und gestalterisch wertvoller seien, als ihre eigenen. Selbst Claus Cleber von der Tagesschau soll seine Finger im Spiel gehabt haben.  
Kopfschüttelnd erkannte Michael, dass es zu diesem Zeitpunkt keinen Zweck mehr hatte, Frau Neumann zu einer geordneten Aussage zu bewegen. Mit einem tiefen Seufzen fasste er den Entschluss, das Gespräch zu beenden und die Dame in Begleitung eines gerade freien Streifenpolizisten nach Hause zu schicken. Auch Robert war mit seinem Latein am Ende. Er hatte ihr einen Kaffee besorgt, hatte immer wieder versucht, sie zu fokussieren, Fragen über ihre Tochter gestellt, über Freunde, Kollegen, Hobbys, gemeinsame Erinnerungen, doch alles, was aus ihr herauszubekommen war, drehte sich um diese Fanfictions. Darin und nur darin vermutete sie den Grund dafür, dass Lea nun nicht mehr am Leben war. Davon war sie fest überzeugt.

Nachdem Michael und Robert die noch immer wimmernde Frau Neumann verabschiedet hatten, atmeten sie auf, als wäre eine zentnerschwere Last von ihren Schultern gefallen. Sie setzten sich wieder ins Büro, wo man sie von allen Seiten mit mitleidigen Blicken bedachte. Auf Fälle wie diese bereitete einen die Polizeischule zwar  vor, aber die Realität sieht häufig anders aus und der Umgang mit den Kopfschmerzen, die sich bei Michael durch das laute Weinen und das aufdringliche Parfum der Zeugin entwickelt hatten, stand in keinem Lehrbuch. Manchmal allerdings halfen nur ein schöner, heißer Kaffee und der Gedanke an den nächsten Sommerurlaub dabei, die bösen Geister des Beamtenalltags zu vertreiben.
Es dauerte also eine kleine Weile, bis die beiden Kommissare sich soweit gesammelt hatten, dass sie anfangen konnten, ihre Gedanken zu ordnen.
„Was denkst du?“, fragte Robert und klang leicht ermattet.
„Gar nichts“, gab Michael zurück und zwang sich zu einem halbherzigen Lächeln, das jedoch so schnell verschwand, wie es gekommen war.
„Aber ich denke, wir können uns sicher sein, dass die Mutter nicht die Mörderin ist.“
„Schon möglich…“, antwortete Robert und verzog nach und nach sein Gesicht zu einer grüblerischen Miene. Zwar konnte er den Gedanken Michaels durchaus nachvollziehen, denn das Verhalten der Mutter erschien ihm nicht mit dem eines Mörders in so einer Situation zu übereinstimmen. Dennoch wollte er diese Möglichkeit nicht gänzlich von der Hand weisen. Trotz seiner Jugend hatte er schon einiges im K11 erlebt und wusste daher, dass es bei Kriminellen aller Art kein allwissendes Schema F gab. Warum sollte sich Frau Neumann nicht am Ende als Mörderin darstellen, die in einem Anfall von rasender Überfürsorge einen Fehler begangen hatte und ihre rebellische, eigenbrötlerische Tochter zu ihrem Glück zwingen wollte, ehe die Lage vollkommen eskaliert war? Doch das alles würde sich erst zeigen, wenn die Zeit dafür gekommen war. Das wusste Robert mit der Sicherheit seiner Erfahrung und seiner Intuition als Kriminalkommissar.  
„In jedem Fall müssen wir erstmal darauf warten, was die Spurensicherung ergibt“, fuhr Robert fort, während er sich auf seinem Schreibtischstuhl zurücklehnte, „Wenn wir die Kontakte im Handy des Opfers zur Verfügung haben und dazu einen Überblick über die Onlineaktivität, kommen wir mit Sicherheit ein ganzes Stück weiter.“
„Mit den Angaben der Mutter kann man jedenfalls nichts anfangen“, brummte Michael zurück und Robert konnte sich ein müdes Schmunzeln nicht verkneifen. Da konnte er seinem Kollegen nur Recht geben. Auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt versuchen würden, den angebotenen Spuren der Mutter nachzugehen, würden sie vermutlich wichtige Stunden und Tage verschwenden, in denen sich der Mörder auf freiem Fuß befand, und sich am Ende vor zahlreichen Prominenten und der Öffentlichkeit blamieren. Trotz allem amüsierte ihn die Vorstellung, im Laufe der nächsten Woche Joko und Klaas, Jennifer Lawrence und Robert Downey Jr. auszuhorchen. Verträumt drehte er den Kopf zur Seite und bemerkte die unbesetzten Schreibtische, auf denen einiges an Unordnung herrschte.
„Was machen eigentlich Alex und Gerrit? Die habe ich den ganzen Tag noch nicht gesehen.“
„Soweit ich weiß sind die heute für eine Observation eingeteilt“, antwortete Michael mit einem leichten Anflug von Spott in der Stimme „Für den Özdemir-Fall. Du weißt schon.“
Robert nickte verstehend, hatte aber eigentlich keine Ahnung, worum es in diesem Fall genau ging. Im Grunde war das auch nicht weiter von Belang, denn er und Michael hatten mit dem aktuellen Fall selbst alle Hände voll zu tun. Sie mussten ihre nächsten Schritte planen und zunächst mehr Informationen beschaffen, mit denen sie arbeiten konnten. Die Ergebnisse der Spurensicherung würden Ihnen mit Sicherheit konkrete Ansatzpunkte liefern, doch bis diese vorlagen, konnte ein wenig Zeit ins Land gehen. Bis dahin galt es, sich eine bessere Ausgangslage zu verschaffen und mehr über das Opfer zu erfahren. Aber wie, wenn nicht durch die Mutter, deren Gemütszustand keine qualitativ wertvollen Antworten mehr zuließen? Es dauerte nicht lange, bis Robert seinem Kollegen einen Vorschlag machte.
„Michael, wir könnten uns doch mal an der Uni umhören. Irgendwer wird doch etwas wissen. Ich meine, irgendwer wird ihre Kurse besucht haben, vielleicht weiß man ja was.“
„Wir könnten uns zumindest einmal umsehen“, entgegnete Michael lustlos, aber er musste zugeben, dass sein Kollege vielleicht einen ganz sinnvollen Einfall gehabt hatte. Er griff nach seiner Jacke und war schon fast verschwunden, als Robert ihm mit hastigen Schritten folgte.

Die beiden Kommissare stiegen in einen Dienstwagen und steuerten den Campus der städtischen Universität an. Sie wussten von den Angaben der Mutter, dass Lea Neumann dort eingeschrieben war und dass sie im zweiten Semester Rechtswissenschaften studiert hatte. Mit diesen Informationen, so glaubten sie, konnten sie schnell an eine Auflistung ihrer Kurse gelangen und von dort aus ihre Kommilitonen und Dozenten zu ihrer Person, ihren Leistungen und ihrem sozialen Umgang befragen. Was sich zunächst wie ein sicherer Plan anhörte, entpuppte sich bald jedoch als eine ausgedehnte Schnitzeljagd über den gesamten Campus. Das Sekretariat für Studierende konnte lediglich die Adresse und den Immatrikulationsstatus der Toten vorlegen und mit beidem waren Robert und Michael bereits vertraut. Man verwies die beiden mit einer sehr distanzierten Freundlichkeit an das Prüfungsamt, wo sie herausfanden, dass Lea Neumann in den zwei Semestern vielleicht den einen oder anderen Kurs belegt haben mochte, jedoch kein einziges ihrer Prüfungsergebnisse vorlag. Somit konnte sich auch keine Kursaufstellung ableiten lassen und die Kommissare tappten weiter im Dunkeln. Die ältliche Bürokraft, die sie mit großen Augen von ihrem Schreibtisch aus ansah, empfahl ihnen, den Fachbereich der Rechtswissenschaften aufzusuchen, dessen Büros ein paar Straßen weiter in einem klotzigen, grauen Plattenbau untergebracht waren, denn da würde man ihnen mit Sicherheit weiterhelfen können.
Dort angekommen fragten Michael und Robert sich quer durch das Gebäude, klopften an jede Tür und sprachen mit jedem Angestellten auf dem Flur, von denen keiner mit dem Namen Lea Neumann etwas anfangen konnte, dafür aber jeder seine ganz eigenen Vorschläge hatte, wer als nächstes anzusprechen sei. Somit begann für die beiden eine wahre Odyssee der Enttäuschungen. Die Frau Peters war zu Tisch, der Herr Möller hatte den Vorsitz der Organisationskommission schon vor einem Jahr abgegeben, der Herr Dekan fühlte sich nicht zuständig und die Frau Doktor Hammelsberger bat darum, sie nicht mit einem derartigen Mumpitz zu stören, von dem sie ohnehin keine Ahnung hätte. So kämpften sich die Kommissare weiter durch das Labyrinth der Universitätsbürokratie, bis sie schließlich von einem pummeligen Professor an einen gewissen Doktor Severin Sattelmair verwiesen wurden, der seines Zeichens als Koordinator des Fachbereichs fungierte. Erleichtert atmete Robert auf. Dieser Mann konnte ihnen mit Sicherheit zumindest sagen, welche Pflichtveranstaltungen die Rechtswissenschaftsstudenten zu besuchen hatten und dort würde man sowohl auf Lea Neumann, als auch auf Studenten und Dozenten treffen, die mit ihr zu tun gehabt haben mussten.
Mit angestauter Aggression in den Fingern klopfte Michael an die Tür des Herrn Doktor Sattelmair, doch niemand antwortete. Auch nach weiterem Klopfen bekam er keinerlei Reaktion. Dann versuchte er einfach einzutreten, doch er musste erkennen, dass die schwere, dunkelbraune Tür, an der diverse Veranstaltungshinweise und Flyer aufgehängt waren, sich nicht rührte.
„Verschlossen“, murmelte er und ballte unmerklich die Faust. Es hatte keinen Zweck mehr, länger hier zu bleiben. Heute würden sie hier keine Hinweise mehr bekommen, das stand fest. Natürlich konnten sie noch ein wenig herumfragen, doch wozu sollte das führen? Gerade als Robert seinem Kollegen ermutigend auf die Schulter klopfte und sich beide zum Gehen wandten, öffnete sich die Tür zum benachbarten Zimmer und eine kleine, ergraute Dame mit auffälliger Hornbrille lugte in den Korridor.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie misstrauisch und ließ die beiden fremden Herren nicht aus den Augen.
„Vielleicht können Sie das“, antwortete Michael, der sein angespanntes Nervenkostüm gut zu verbergen wusste, „Kriminalpolizei. Naseband, das ist mein Kollege Herr Ritter. Wir suchen nach dem Herrn Sattelmair.“
„Oh das ist aber schlecht“, krächzte die Frau und schob ihre Brille ihren breiten Nasenrücken herauf, „der ist zur Zeit noch auf einer Tagung und wird erst morgen wieder im Haus sein. Ich bin Rebecca Hopfner, seine Sekretärin. Kann ich den Herren dann vielleicht weiterhelfen?“
Und die beiden Kommissare schöpften für einen kurzen Moment neue Hoffnung, die sich jedoch nur allzu bald wieder in Wohlgefallen auflöste. Von einer Lea Neumann hatte die Dame nie gehört und auf die meisten anderen Fragen antwortete sie mit einem Kopfschütteln und einer immer wiederkehrenden Parole:
„Ich weiß nicht, ob ich das alles so an Sie herausgeben darf. Das sind immerhin vertrauliche Daten. Nein, nein, warten Sie doch, bis der Herr Doktor Sattelmair wieder da ist. Der müsste morgen wieder im Haus sein.“
 
Etwa zwanzig Minuten später saßen die beiden Ermittler wieder im Dienstwagen und fuhren zurück zum K11. Dieser Ausflug zur Universität hatte sich als völlig ergebnislos entpuppt und die erhofften Erkenntnisse waren ausgeblieben. Lea Neumann war absolut unsichtbar, ein nahezu unbeschriebenes Blatt, das in keiner Kartei relevante Informationen hinterlassen hatte. Es gab keine Prüfungsergebnisse und keine Kursaufstellung. Das einzige, was sich daraus schließen ließ, war die Tatsache, dass das Opfer möglicherweise eher selten die Vorlesungen und Seminare besucht hatte und vielleicht eher mit etwas anderem beschäftigt war. Doch das alles war bis jetzt reine Spekulation, mit der man in diesem Fall noch nicht weiterkam. Vielleicht würden die Kommissare etwas Klarheit erlangen, wenn sie morgen mit dem Koordinator, diesem Doktor Sattelmair sprächen. Dies war gerade ihre heißeste Spur, auch wenn Michael dem Ganzen im Anbetracht der bisherigen Ermittlungen mit einem kaum verborgenen Zweifel gegenüberstand. Auf der Fahrt beschwerte er sich pausenlos über die Bürokratie, die alles immer nur komplizierter machte, sodass niemand mehr genau wusste, was der andere eigentlich tat. Währenddessen versuchte Robert Verbindungen zwischen den spärlich gesäten Hinweisen herzustellen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Es gab so viel zu bedenken, so viele offene Dinge und nichts war wirklich gewiss. Außer der Mutter konnte niemand wirklich befragt werden und die bisherigen Informationen ließen keine konkreten Schlüsse zu. Allein die Fanfictions waren die eine feste Größe, die immer wieder auftauchte und um die Roberts Gedanken in immer engeren Kreisen zu rotieren begannen. Hatte Lea Neumann vielleicht die Uni geschwänzt, um ihre Werke zu schreiben? Würde das ihre leeren Akten erklären? Eines war ihm allerdings klar: Für ihre Texte musste sie trotz ihres herausragenden Talents viel Zeit investiert haben, sodass sie so umfangreich und intensiv werden konnten, wie Robert sie kennen gelernt hatte.
Mit einem Lächeln erinnerte er sich an den Tatort zurück und an den Text, diesen wunderschönen, prickelnden, erotischen Auszug und er verspürte plötzlich den unbändigen Drang, mehr davon zu lesen. Leas Worte hatten ihn Fesseln können, wie er es niemals zuvor gekannt hatte. Nicht mal die guten, amerikanischen Thriller, die er an freien Tagen verschlang, haben ihn nie in diese Leselust versetzen können. Was war es nur, fragte er sich, was diese Geschichten an sich hatten? Worin lag diese offensichtliche Magie?

„Hey Kollege, hörst du mir zu?“
Im Nu kehrte Robert in die Realität zurück und als er sich erschrocken umsah, blickte er in ein wütend funkelndes Paar Augen, das ihn aus dem faltigen Gesicht seines Kollegen heraus musterte. Michael hatte inzwischen bemerkt, dass Robert ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenkte und er machte sich einen kleinen Spaß daraus, ihn unsanft mit einem lauten, harten Zuruf aus seiner Träumerei zu reißen. Nach all dem Ärger an der Universität und dem ergebnislosen Irrweg von Pontius nach Pilatus war dies ein willkommener, wenn vielleicht auch etwas gemeiner Scherz unter Kollegen, aber auch das musste manchmal sein und der aufgescheuchte Ausdruck in Roberts Gesicht entschädigte schon für vieles.
„Äh was, aber natürlich Michael.“
„Na klar…“
Michael schüttelte belustigt den Kopf und der Ausdruck in seinem Gesicht wurde milde, sodass Robert beruhigt aufatmete und zu Lächeln begann.  
„Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit würde dir nicht schaden, mein Lieber. Gilt übrigens auch bei deiner Frisur“, fuhr Michael fort und nickte seinem Kollegen zu, dessen blonde Haare wie immer wild und ungebändigt sein Gesicht umspielten. Robert hingegen, der sich bewusst allmorgendlich gegen Kamm und Scheitel entschied, wandte sein Kopf mit einer geschmeidigen Bewegung herum, sodass sein Haar sich schwungvoll bewegte und legte seinen Blick unbeeindruckt auf Michaels Glatze.
„Sehr witzig, Kollege“, gab er lachend zurück, „du bist ja nur neidisch.“
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