Aber Michael, was wäre denn, wenn...?

GeschichteKrimi / P16
Alexandra Rietz Christian Alsleben Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter Sewarion Kirkitadse
12.06.2018
25.09.2018
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12.06.2018 1.888
 
„Ein bisschen weniger Zitrusreiniger hätte es auch sein dürfen“, brummte Michael Naseband seinem Kollegen Robert Ritter zu, der kurz nach ihm das Mehrparteienhaus in der Friedrich Ebert Straße betrat. Wortlos pflichtete ihm dieser bei. Das Putzmittel brannte ihm regelrecht in den Atemwegen und er verfluchte die Reinigungskraft, die es offensichtlich mit der Reinlichkeit etwas zu gut gemeint hatte. „Wenn es doch bloß nicht so stinken würde“, dachte sich Robert, während er versuchte, die Luft anzuhalten. Ein sauberes Haus war schön und gut, doch was zu viel war, war zu viel.
Als die beiden Kommissare das Treppenhaus betraten, hörten sie schon das laute, unartikulierte Schluchzen einer Frau. Ihre Stimme hallte durch das ganze Haus und kündete von der persönlichen Tragödie, wegen der die Kommissare herbestellt worden waren.  
„Die Mutter?“, fragte Robert, der sich die wenigen Einzelheiten ins Gedächtnis rief, die ihnen über Funk auf der Fahrt dorthin übermittelt worden waren.
„Kann schon sein“, antwortete Michael mit einem gereizten Kratzen in seiner Stimme, „auf jeden Fall kommt es von oben“. Somit erklommen die beiden Kommissare die Stufen, ließen Treppenabsatz um Treppenabsatz hinter sich, ehe sie im vierten Stock ankamen, wo sie ein weiß gekleideter Mitarbeiter der Spurensicherung, der gerade aus einer der Wohnungen trat, gut gelaunt empfing .
„Tach Kollegen“, begrüßte er die beiden Neuankömmlinge mit einem geschäftigen Lächeln.
„Tach“, antwortete Robert, „Was haben wir hier?“
Das Lächeln seines Gegenübers verschwand augenblicklich.
„Nun, wir haben es wahrscheinlich mit einem Mord zu tun. Das Opfer ist Lea Neumann, 22 Jahre, Studentin, lebte hier mit ihrer Mutter. Sie hat sehr auffällige Würgemale am Hals, was eben auf Mord schließen lässt. Mich würde aber nicht wundern, wenn die anschließenden Untersuchungen noch ganz andere Sachen zutage fördern werden. Wir sind soweit fast durch, der Leichenwagen hätte schon lange hier sein sollen, ist aber unterwegs. Allerdings könnte der Kollege drinnen vielleicht ein wenig Hilfe gebrauchen.“ Mit seinen letzten Worten deutete er auf die offene Wohnungstür, aus der unablässig ein lautstarkes Wimmern dröhnte.
„Dann schauen wir uns das mal an“, brummte Michael, der schnurstracks die Wohnung betrat und sich in einem dunklen, engen Flur wiederfand, der durch Schuhregale an beiden Seiten noch enger erschien. In einer Bewegung pflückte er sich die Sonnenbrille von der Nase, faltete sie zusammen und heftete sie an den Kragen seines schwarzen Hemdes. Er staunte nicht schlecht, als er am anderen Ende des Flurs eine feiste Frau  mittleren Alters entdeckte, die gerade von einem Polizisten befragt wurde und dabei fortwährend wimmerte und weinte. Sie trug eine Jogginghose, die vielleicht einmal rosa gewesen sein mochte, und ein grellbuntes Seidenoberteil, das nicht zum Rest ihres Outfits passen wollte. Sie trippelte nervös von einem Fuß auf den anderen, hatte den Polizisten am Arm gepackt und rüttelte den wesentlich größeren Mann so heftig durch, dass er drohte den Halt zu verlieren. Michael hatte der Frau eine solche Kraft gar nicht zugetraut, aber er wusste natürlich auch, dass die Macht der Verzweiflung seine eigenen Gesetze kannte.
Schnelles Schrittes durchquerte er den schummrigen Flur und stand plötzlich in einer weiß gefliesten Küche. Robert folgte ihm auf dem Fuße.
„Ab hier über nehme ich jetzt“, erklärte Michael, während er sich zwischen die Weinende und den Polizisten schob. Beim Klang seiner Stimme verstummte die Frau. Sie ließ vom Polizisten ab und schaute die beiden Kommissare mit geschwollenen Augen an. Ihre fleischigen Wangen waren vor Aufregung ganz gerötet.
„Naseband, K11. Das ist mein Kollege Herr Ritter“, fuhr Michael routiniert und sachlich fort, „und sie müssen Frau Neumann sein“. Hastig nickte die Frau, sodass ihr leichtes Doppelkinn wackelte. Mit einem kurzen Blick vermittelte Michael dem Polizisten dass dessen Arbeit hier beendet war und dieser setzte sich mit einer unübersehbaren Dankbarkeit in Bewegung. Im nächsten Moment war er bereits aus der Küche verschwunden.
Sobald Robert und Michael mit Frau Neumann allein waren, fing diese an zu jaulen und konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Mit aller Geduld versuchten die Kommissare auf sie einzuwirken, bis sie schließlich von selbst begann, von den traurigen Ereignissen des Morgens zu erzählen.
Sie wäre bis um sechs Uhr morgens auf der Arbeit gewesen, erzählte sie. Schichtdienst in einem dieser anstößigen Callcenter. Man müsse sich ja etwas dazuverdienen, rechtfertigte sie sich, doch Michael und Robert verzogen keine Miene. Dann wäre sie nach Hause gekommen, fuhr sie fort, und hätte sich kurz hingelegt. Gegen acht Uhr wäre sie allerdings von selbst wieder aufgewacht und hatte ihre Tochter Lea wecken wollen, damit diese sollte ihre Vorlesung nicht verpasste und dann habe sie sie in deren Zimmer tot aufgefunden. „Das arme Kind, das arme Kind...“, schloss sie ihren Bericht und verfiel in ein unheimliches Schweigen.
Für einen Moment herrschte eine unangenehme Stille. Michael und Robert wechselten einen Blick, so als wollten sie sich wortlos darüber beratschlagen, was nun zu tun wäre. Die Begegnung mit Familienangehörigen war niemals leicht, das wusste auch Michael mit all seiner Erfahrung. In dieser Phase musste man behutsam mit ihnen umgehen und ihnen die Zeit lassen, das Geschehene zu verarbeiten. Dennoch mussten die Ermittlungen vorangebracht werden und auch Frau Neumann, die im Augenblick sicherlich gerade jeden Beistand brauchte, den sie kriegen konnte, würde es letztlich besser gehen, wenn der Mörder ihrer Tochter schnellstmöglich gefasst würde. Bevor Michael jedoch etwas hervorbringen konnte, war ihm Robert bereits zuvorgekommen.
„Frau Neumann, wir müssten Leas Zimmer sehen, damit wir uns ein besseres Bild machen können.“ Ergeben nickt sie und führte die Polizisten an das Zimmer ihrer Tochter.

„Meine Güte“, raunte Michael, denn der Raum, den sie betraten, glich einem gewaltigen Schlachtfeld. Überall im Zimmer lagen lose Papierbögen verteilt. Das unberührte Bett, der Parkettboden und der Schreibtisch waren über und über mit beschriebenen Seiten bedeckt. Eine Pinnwand über dem Schreibtisch war mit Notizzetteln in allen Formen, Farben und Größen regelrecht gepflastert und beinhalteten wilde Skizzen und Linien, die die Kommissare auf dem ersten Blick nicht zuordnen konnten. Einzig ein unscheinbares Regal, auf dessen Brettern eine Sammlung klobiger Ringordner akkurat aufgereiht standen, trotzte dieser Unordnung, die einem Meer aus Papier glich. Und mitten darauf, auf dem Fußboden und umgeben von hunderten Seiten, lag Leas Körper, der mit  weit aufgerissenen braunen Augen an die Decke starrte.
Nachdem sie sich orientiert hatten, waren sich Michael und Robert sofort darüber im Klaren,dass es sich hier um einen Mord handeln würde. Die Würgemale am Hals, die weder von den schwarz gefärbten Haaren, die der Toten bis zu Schulter reichten, noch von ihrem tief ausgeschnittenen, schwarzen Top verdeckt wurden, waren deutlich erkennbar und sprachen eine eindeutige Sprache, doch im Angesicht der Unordnung in diesem Zimmer gab es noch etwas anderes, über das sich die beiden Kommissare Gedanken machten.

„Halten Sie es für möglich, dass Lea hier überfallen wurde?“, fragte Michael, in der Hoffnung, eine naheliegende Theorie entweder bestätigen oder ausschließen zu können. Er selbst war sich sehr sicher, dass in der Akte Lea Neumann der Begriff  Raubmord auftauchen würde, doch ihre Mutter sah das ein wenig anders.
„Nein, ich glaube nicht, das etwas fehlt. Entschuldigen Sie die Unordnung, so sah es hier ganz oft aus. Die Lea hatte es nicht so mit der Sauberkeit.“ Die Frau versuchte sich in ihren Plüschpantoffeln  vorwärts zu drängen, doch Robert hielt sie mit ruhiger Hand zurück. Da es sich um einen Tatort handelte, durfte nichts verändert werden und die wohlgenährte Mutter mitten durch das Blattwerk rund um die Leiche laufen zu lassen könnte mögliche Spuren verfälschen oder gar vernichten. Als sie den Widerstand spürte, deutete sie stattdessen mit der Hand in verschiedene Richtungen.
„Es ist ja alles noch da“, sprach sie fast tonlos.
Tatsächlich sprach dieser Hinweis gegen einen Raubmord. Ein Laptop kauerte unter einem Berg Papier und wartete auf seinen Einsatz, das Handy, ein opulente Smartphone in seiner pinken Hülle lag offenbar unberührt auf dem hölzernen Nachttisch neben dem Bett und das Portemonnaie, welches sich in einer aufgeklappten Handtasche versteckte, barg immer noch ein kleines Vermögen sowie sämtliche Karten und Ausweise, wie Michael zu seiner Überraschung feststellte. In diesem Fall würde vielleicht noch sehr viel mehr Arbeit stecken, als er erwartet hatte.  
„Hatte sie Feinde? Steckte sie vielleicht in Schwierigkeiten?“,  fragte Robert eindringlich. Die Kommissare brauchten einen Anhaltspunkt, eine erste Spur der sie nachgehen konnten. Mit jeder Aussage konnte die Lösung des Falles schließlich näher heranrücken.
„Nein nein“, entgegnete Frau Neumann kopfschüttelnd, „Wie sollte sie auch Feinde haben? Sie ging ja so selten raus. Ich habe ihr gesagt, sie soll doch auch mal auf diese Studentenpartys gehen, aber sie saß ja nur den ganzen Tag hier drin am Computer und hat ihre Fanfictions geschrieben.“
Das ließ Michael aufhorchen. „Ich verstehe,“ murmelte er, „worüber hat sie denn geschrieben?“
„Über alles mögliche glaub ich. Über Serien und diesen japanischen Zeichentrickkram, den sie immer geschaut hat. Aber auch manchmal über Leute aus dem Fernsehen. Dann hat sie sich ganz komische Geschichten ausgedacht über die und die dann im Internet veröffentlicht. Ich hab immer gesagt, dass das bestimmt mal Ärger gibt, wenn die Leute aus dem Fernsehen das lesen und jetzt ist sie...“ Ihre Stimme ertrank erneut in Tränen, während sich Michael und Robert ratlos anschauten. Im Grunde wussten sie, dass die Theorie der trauernden Mutter auf einem sehr wackeligen Fundament ruhte. Selbstverständlich lag es im Bereich des Möglichen, dass ein Prominenter um seinen guten Ruf fürchtete, doch an eine Racheaktion von Dieter Bohlen oder Florian Silbereisen wollten die Kommissare nicht so recht glauben.

„Ich möchte sie gerne bitten, uns auf das Kommissariat zu begleiten, dort werden wir ihre Aussage aufnehmen“, erklärte Michael ruhig und Frau Neumann nickte ergeben, verließ das Zimmer, irrte im engen Flur hin und her und erzählte aufgeregt, dass sie sich vorher noch umziehen und frisch machen müsste und dass die Blumen vielleicht auch noch gegossen werden sollten. Michael folgte ihr einige Meter, hörte sich ihre Ausführungen geduldig an und versuchte besänftigend auf die hektische Frau einzuwirken. Währenddessen gab er dem geschäftigen Spurensicherungsbeamten, der gerade seinen Kopf zur Wohnungstür hineinstreckte, um seine Abreise anzukündigen, den Befehl, auch den Laptop mitzunehmen, um diesen später zu untersuchen. Zwar hatte Michael vor geraumer Zeit von seinen Sohn erfahren, dass Fanfictions vor allem sinnfreie Freizeitprojekte wären, die von Leuten mit zu viel Zeit verfasst wurden, aber man auch diesem Weg musste das Ermittlerteam folgen, denn man konnte nie wissen, welche Hinweise sich auf der Festplatte des Computers verbargen.

Währenddessen sah sich Robert noch einmal im Zimmer um. Sein Polizeiinstinkt hatte ihn hierher geführt und er spürte, dass es in all der Unordnung vielleicht noch etwas Spannendes zu entdecken gab. Mörder machten Fehler und diese konnte man anhand kleinster Details aufdecken, das wusste er genau. Sein Blick überflog die unzähligen beschriebenen Papierbögen auf dem Fußboden. Sie mussten aus dem aufgeklappten Ringordner entfernt worden sein, der auf dem Schreibtisch lag und seine geöffneten Bogenverschlüsse empor streckte. Aber wozu hatte man die Seiten überhaupt entfernt? Er fragte sich immer mehr, was wohl auf diesen Seiten geschrieben stehen mochte. Mühevoll kramte er ein Taschentuch aus seiner Gesäßtasche und hob mit diesem einen Papierbogen auf, der unscheinbar neben der Toten lag. Er begann die von Lea Neumann Zeilen zu überfliegen und sofort fand er sich in einer intensiven Liebesszene wieder, die mit zunehmender Dauer in einen erotischen Traum überging. Verlegen lächelte Robert vor sich hin, bis Michael ihn wieder in die Realität zurückholte. Mit einem dezenten aber bestimmten Klapps auf die Schulter schreckte er seinen Kollegen auf, dieser legte die Seite zurück und folgte Michael in das noch immer Zitronenputzmittel riechende Treppenhaus.
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