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Feuer und Eis - 1. Teil: Zwielicht

GeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P16
Finn Kylo Ren Leia Organa Poe Dameron Rey Snoke
12.06.2018
11.11.2020
45
211.658
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04.06.2019 4.267
 
DAS DUELL

Es war bald so weit. Und für Sura war dieser Kampf sehr wichtig. Sie hatte mit bloßen Fäusten auf die Baumstämme eingeschlagen. Da sie das Jahrzehnte lang trainiert hatte, waren ihre Fäuste knorpelig hart. Denn sie war nicht allein Arzt. Als Soldat hatte sie auch schon viele Leben genommen. Es stimmte zwar, dass sie auch viele Leben gerettet hatte, aber das konnte sie nicht mehr aufwiegen. Nicht, wo sie die Starkiller-Basis zerstört hatte. In ihrer Vorstellung war es doch so einfach gewesen – zack und weg. Aber die Wahrheit war sehr viel grausamer. Sie hatte Leben genommen. Wenn sie sich nicht täuschte, bestand die Heimbesatzung der Starkiller-Basis aus einer Million Soldaten. Aber lediglich ein Viertel waren entkommen, ehe die Waffe explodierte. Sie hatte mehr Menschen getötet, als sie je würde retten können. Und wie sollte sie diese Schuld je wieder begleichen? Wie sollte sie sich für die vielen Toten verantworten? Das konnte sie nicht. Selbst, wenn man sie hinrichten würde, hätte man nie den Schaden aufwiegen können, den sie angerichtet hatte.
Sura sah, dass ihre Hand wieder blutete. Aber das interessierte sie einen feuchten Kehricht. Sie trainierte weiter, bis sie ihre Finger kaum mehr bewegen konnte. Die Rinde des Baumes sah schon arg mitgenommen aus. Sura wusste nicht, warum sie das tat. Es fühlte sich einfach… richtig an. Sie legte ihren Schal auf die abgebrochene Rinde und zog diesen fest. Heute hatte ein unschuldiger Baum für ihre Taten herhalten müssen. Und Sura hasste sich dafür. Pflanze hin oder her. Der Baum war ein Lebewesen. Und Sura war sich sicher, dass auch Bäume Schmerz empfinden konnten. Von Chewbacca hatte sie Märchen gehört, in denen die Bäume ihre engsten Verbündeten mit Gaben beschenkten. Gold, Silber (in der Galaxis sehr selten) und andere Edelmetalle. Das hing von den jeweiligen Bäumen ab. Der Name des Baumes spielte auch eine Rolle. Er bezeichnete das Geschenk, das man erhielt, wenn man seine Loyalität bewiesen hatte. So hießen einige „Stählern“, „Reich“ und „Freundlich“. Man benannte sie einfach nach ihren Eigenschaften. Und auf Kashyyyk sagte man sich, Bäume seien intelligente Spezies. Auch Sura hatte gelegentlich das Gefühl, dass das stimmte. Sie zog ihre Faustbänder enger, da sie die Blutung stoppen wollte. Dann nahm sie die Gewichte von ihren Schultern ab.
Seit gestern hatte Sura Rey nicht mehr gesehen. Dameron behauptete, sie habe sich einen Drink zu viel hineingeschüttet und konnte deshalb nicht kommen. Sie hatte wohl einen Kater. Und Finn konnte Rey gerade auch nicht helfen, da er das doppelte an Arbeit erledigen musste. Er war noch immer kein Arzt. Aber wenn er weiter so Fortschritte machte, wurde er es vielleicht in den nächsten fünf Jahren. So nahm er mehr Arbeit auf sich, da Sura gerade nicht helfen konnte. Sie musste auch trainieren. Sura hatte wieder einen kleinen Wutanfall bekommen, da sie ohne Rey den Nahkampf nicht trainieren konnte. Permanent regte sie sich auf über Rey. Aber seit gestern hatte sie noch jemanden, über den sie so viel herziehen konnte, wie sie wollte: Jango Fett. Dameron meinte gestern noch zu Rey, dass der Junge eigentlich kein schlechter Mensch war. Er hatte wohl sehr hohe Ansprüche an sich selbst und war mit diesen überfordert. Sura hatte es zwar gehört, bezweifelte aber sehr, dass er wirklich so unschuldig war, wie er tat. Wenn er Rey an den Kragen wollte, musste er erst an Sura vorbei. Und sie würde nicht klein beigeben. Sie war bissig wie ein weiblicher Nexu, der gerade ein Rudel gegründet hatte.
Sura zog die Hosenbeine ihrer Leggins hoch. Das Moos hier war nass. Und es war glitschig. Sura wäre schon vorhin beinahe ausgerutscht. Sie musste besser aufpassen. Aber sie war in Gedanken versunken. Sie dachte gelegentlich, dass sie es nicht besser verdient hätte, als sich ein paar Schläge einzufangen. So, als würde sie ihre Schuld so ein wenig ausgleichen können. Doch das reichte nicht. Die Last, die sie trug, hatte Übermaße angenommen. Und es war nicht so, dass sich so viele Tote mit ein paar deftigen Schlägen wieder kurieren würden… Sura empfand eine unglaubliche Schuld, verachtete sich sogar selbst, da sie so viele Leben genommen hatte. Selbst wenn man sie hinrichten ließe, wäre diese Schuld nicht beglichen. Selbst wenn sie die Waagschale etwas weiter zu ihren Gunsten verschieben könnte, so wöge ihre Schuld doch noch immer mehr als bei allen anderen. Und das machte sie fertig. Das Wissen, schuldig zu sein, war das eine, kleinere Übel. Aber zu wissen, diese Schuld nie begleichen zu können, war eine ganz andere Dimension. Es war das Gewissen, das sie so sehr quälte. Aber sie musste diesen Schmerz fühlen. Er erinnerte sie an diese eine unausweichliche Realität. Sie hatte getötet. Und zwar zu Tausenden. Wie sollte sie das je wieder aufwiegeln? Und wie lebte Luke Skywalker mit dieser Schuld? Empfand ein Jedi-Ritter diesen Schmerz vielleicht nicht? Und wie war es, als er den Todesstern vernichtet hatte? Wie hatte er es aufgenommen, dass er für seine Taten auch noch als Held gefeiert wurde, wie Sura jetzt? Vielleicht litt er noch immer. Selbst wenn, würde es Sura wohl nie erfahren. Ein Jedi-Meister hatte doch bestimmt ganz andere Sorgen… Oder? Sura nahm das Faustband nun doch ab. Schmerzen, sagte sie sich. Sie erinnern dich an deine Sterblichkeit, definieren deine Grenzen. Aber das ganz bestimmt nicht mit mir…
Sie warf das Band einfach in den Schlamm. Sie hatte genug. Und zwar endgültig.

Jango Fett hatte sich aber auch sehr gut vorbereitet. Er hatte einen modifizierten PROXY-Droiden beschaffen können. Und er schaffte es beinahe, diesen in seine Einzelteile zu zerlegen. Vielleicht lag es aber auch an der Tatsache, dass dieser von innen ziemlich durchgerostet war. Selbst Jango Fett übte mit seinen blanken Fäusten. Faustbänder hatte er nicht. Der PROXY-Droide verwandelte sich in einen imperialen Gardisten. Er attackierte den jungen Mann von allen Seiten. Aber er war nicht grundlos der Sohn von Boba Fett. So schlug er den Gardisten zurück, wo dieser sogar eine Waffe trug. Er freute sich auf den Kampf mit Sura. Auch ohne gegen sie zu kämpfen, wusste er schon, dass das eine interessante Begegnung würde. Und er lebte für diese Kämpfe. Sie waren wie die Luft, die er atmete. Sie forderten sein Geschick auf eine Weise, die er nicht erklären konnte. Seinen Vater konnte er natürlich nicht duellieren. Aber er hätte es gern getan. Das wäre eine interessante Erfahrung. Vielleicht erhielt er diese Möglichkeit. Wenn es so weit war, würde er sich in den Rängen der Mandalorianer einen Namen machen. Heute musste er aber erst mal gegen Sura bestehen. So schwer würde das aber nicht sein. Sie war bei der Ersten Ordnung aufgewachsen und von diesen Leuten trainiert worden. Und er wusste, dass diese Leute eigentlich keinen eigenen Willen hatten. Sie wurden allein für einen Zweck herangezogen. Diese Frau hatte keine Chance. Er, Jango Fett, war das Kämpfen von klein auf gewohnt. Er war noch ein kleiner Junge, als er einen Apfel aus fünfzig Metern Entfernung treffen konnte. Und er war gewachsen. Er war sogar noch treffsicherer geworden. Beinahe beherrschte er alle Kampftechniken. Auch Techniken, die allein von Jedi-Rittern genutzt wurden, hatte er gelernt. Denn sein Vater hatte auf diese Weise schon viele von ihnen getötet. Er verachtete die Jedi. Und genau deshalb wurden alle, die in seine Nähe kamen, zermalmt. Einzig bei Luke Skywalker machte er eine Ausnahme. Jango Fett hatte seinen Vater einmal beobachtet, wie sein Vater ein Lichtschwert ins Feuer geworfen hatte. Da er noch so klein war, hatte er das nicht verstanden. Aber heute verstand er es. Selbst Szirha mochte die Jedi nicht. Zwar machte sie nie Jagd auf sie, wollte sich aber trotzdem nicht mit ihnen auseinandersetzen. Jango erinnerte sich an seine Mutter. An den Tag, als sie sich von ihm verabschiedete. Es war genau wie bei Rey. Sie war einfach verschwunden. Und dann hatte sie sich nie wieder blicken lassen. Jango Fett, der da so alt war wie Rey, hatte auch das nicht verstehen wollen. Sein Vater hatte ihm gesagt, sie habe eine wichtige Mission zu erfüllen. Aber das stimmte nicht. Sie hatte mit dieser Organisation zusammengearbeitet. Der Widerstand war es, der sie ihm weggenommen hatte. Und deshalb verachtete er sie. Denn sie hatten nicht mal nach Szirha gesucht. Es war, als hätte es sie in Wahrheit nicht mal interessiert.

Der General hatte Gerüchte eigentlich unterbinden wollen, aber… Es hatte sich wohl herumgesprochen. Eine Stunde, noch ehe das Duell stattfand, hatten sich die Leute schon zu hunderten versammelt. Einen Kampf nach mandalorianischen Regeln sah man nicht alle Tage. Natürlich wollte das niemand verpassen. Rey stand noch immer da draußen und versuchte, sie von dort zu vertreiben. Auch sie trug eine Leggins und ein Top. Die Faustbänder hatte sie sich auch angelegt. Sie war gekleidet wie Sura, aber ganz in schwarz. Das Top, das Sura trug, war aber türkis. Selbst das Faustband hatte sie allein an einer Hand befestigt. Sie würde es vermeiden, die rechte Hand zu benutzen. Aber ganz verhindern konnte sie das auch nicht.
Nach einigen Minuten erschien auch Jango Fett. Er trug keine Rüstung. Da Sura selbst keine Rüstung hatte, verboten es die Regeln, dass er eine trug. In dieser Art des Kampfes lag auch keine Ehre. Sie sollten sich auf Augenhöhe begegnen. Und dann würden sie ihre Fäuste einsetzen. Schlagen, Treten und Kopfstoß – keine Einschränkungen. Lediglich Waffen durften sie nicht benutzen. Und Rüstungen durften sie auch nicht tragen. Hätten sie aber die gleiche Waffe und die gleiche Rüstung, wäre es erlaubt.
Der General wollte schon Verstärkung anfordern. Unmöglich war das. Aber sie konnte nicht viel tun, wenn sie keine Verstärkung an ihrer Seite hatte. Schließlich wurde die Lichtung des Waldes frei. Die Zuschauer gingen zur Seite. „Wer ist dein Sekundant?“, fragte Jango Fett.
Der General beobachtete die Szene von der Brücke aus. Durch die Brandschutztür war sie nach draußen getreten.
„Finn.“ Sura schnaubte.
„Sehr schön.“ Jango Fett trat vor. „Wenn Sie bereit sind, können wir anfangen.“
Rey schüttelte den Kopf. „Ha ha. Ich hätte nie gedacht, dass du das tatsächlich durchziehst.“ Sie konnte es einfach nicht fassen. Resigniert ließ sie sich auf einen Stein sinken. Er war nass durch den Regen. Sie zählte von zehn runter. Denn man hatte sie gebeten, den Anfang zu machen. Als sie durch war, sahen sich Jango Fett und Sura lediglich an. Sie beobachteten einander und versuchten, sich gegenseitig einzuschätzen. „Du glaubst, ich bin schwach“, meinte Sura. „Aber du solltest nicht zögern, denn ich tue es auch nicht. Wenn du meinst, du bist besser, dann beweise es mir.“ Sie setzte den ersten Schlag mitten auf sein Brustbein. Sie kannte den menschlichen Körper genau. So wusste sie auch von seinen größten Schwächen.
Aber Jango Fett war schnell. Er hatte gute Reflexe. Und er blockte den Schlag ab, ohne mit der Wimper zu zucken. Er drehte nach hinten ab und stellte Sura ein Bein. Sie erkannte die Lücke in seiner Defensive und stampfte auf sein Knie. Es knickte weg. Aber der Junge war stark. Er zeigte keinen Schmerz. Sura war beeindruckt. Die meisten, die sie kannte, würden sich vor Schmerzen kaum mehr halten können. Stattdessen kämpfte er weiter, konnte sein Bein aber nicht mehr gut belasten. Er tauchte nach unten ab, als Sura das Bein in die Höhe streckte. Der Tritt wäre gut gekommen, aber Jango zog noch immer keine Miene. Und sie hätte seine Schläfen getroffen, wenn er sich nicht geduckt hätte. Aber jetzt zeigte er auch, dass er kontern konnte. Er blockte Sura so ab, dass sie sich selbst den Arm verdrehte. Aber sie machte keinen Mucks. Sie sprang über Jango hinweg, als er sich nach vorn beugte und sie in die Seite rammen wollte. „Ngh!“ Er wurde von der Masse wieder in den Ring gestoßen, da er nicht rechtzeitig hatte bremsen können. Sura sickerte das Blut durch das Faustband. Sie schüttelte ihre Hand durch. Dann ging es weiter. Sie geriet erneut mit Jango aneinander. Aber er hatte mehr Kraft als sie. Als er mit Sura rang, schaffte er es, sie in die Ecke zu manövrieren. Von da aus konnte sie nicht mehr ausweichen. Er schlug Sura ins Gesicht. Der Kopf klappte zur Seite, dann zischte sie wie eine Schlange. Wieder zielte sie auf sein Knie ab, wo er schon verletzt war. Jango Fett war schnell, hatte hervorragende Reflexe und mehr Kraft als Sura. Aber er unterlag trotzdem. Denn Sura hatte eine Strategie. Sie kämpfte nie ohne eine Strategie. Und ihre hohe Intelligenz ließ sie das hier beinahe unbeschadet überstehen. Schließlich traf sie Jango Fett mitten unter den Augen. Dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er ohnmächtig wurde. Und Sura wartete. Er kämpfte noch gegen die Ohnmacht an, aber das würde nicht lange währen. Schließlich kroch er nur noch, dann kippte er zur Seite. Für Sura war das schwierig mitanzusehen, da sie das Kämpfen verabscheute. Aber sie hatte keine Wahl. Rey stand da wie erstarrt, während sich Finn die Stirn massierte. „Euer Vertrauen ehrt mich“, bemerkte Sura trocken. Sie riss einen Fetzen ihres Tops ab und wickelte sich diesen über das Handgelenk. Schließlich trat Rey vor. Sie ohrfeigte ihren Bruder, aber er reagierte nicht.
„Lass das, Rey!“, sagte Sura. „Bis er aufwacht, dauert es noch einige Stunden. Es wäre besser, du wartest.“
Rey schüttelte den Kopf. „Tja. Danke dir, Sura! Ein Mandalorianer, und? Nein, du bist sooooo…!“ Sie klang ein wenig sarkastisch.
„Rey, du unterschätzt die Kraft der Erfahrung. Und die habe ich, er jedoch nicht. Deshalb hat er verloren. Er hat mich völlig unterschätzt – so konnte ich meine Karte geschickt ausspielen.“ Sura warf einen Blick in die Menge. „Zuschauer, ja?“ Sie fand das ziemlich unangebracht.
„Wenn mein Bruder aufwacht, wird er durchdrehen…“ Rey konnte nicht glauben, dass Sura den Kampf so schnell für sich entschieden hatte. „Ist er eigentlich auch… machtsensitiv?“
„Die Reflexe hat er zumindest.“ Sura zuckte mit den Schultern. „Es interessiert mich auch nicht.“
„Warum interessiert es dich dann bei mir?“
„Oh, Rey! Liegt das denn nicht auf der Hand? Ich habe dich lieb! Du bist mir wichtig.“ Sura zog Rey in eine Umarmung. „Und ich dachte, nach so vielen Jahren würdest du es auch endlich mal bemerken… Du bist eben nicht wie die anderen. Und?“
„Ich verstehe das nicht“, sagte Rey.
„Es ist ganz einfach. Ich will dir helfen, dein Potenzial zu nutzen. Zu bestreiten, dass du es hast, wäre nicht richtig.“

Als Sura dann den Abend wieder arbeitete, hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. Rey hatte viele Eigenschaften, die andere nicht besaßen. Natürlich wusste sie von Anfang an, dass Boba Fett nicht der Vater war. Wenn Rey sie zumindest gefragt hätte, dann hätte sie diese auch gewarnt, da sie sich durch diese Aktion unnötig in Gefahr gebracht hatte. Aber Rey war einfach gegangen.
Der General hatte Rey eine Woche Dienst auf der hiesigen Station aufgebrummt. Sie sollte die Gänge sauber halten. Und sie wurde nicht bezahlt. Auch hier war die Strafe wieder sehr mild ausgefallen. Die First Order hätte Rey für das gleiche Vergehen zumindest hinrichten lassen. Aber das hier war nicht die Erste Ordnung. Die hatte Sura hinter sich gelassen. Sie hatte ein Leben. Und sie würde sich nicht erzählen lassen, wie sie es leben sollte. Auch die Entscheidung, für wen sie es gab, lag nicht bei den anderen. Sura hatte die volle Gewalt über sich selbst und ihre Zukunft. Und doch wusste sie gelegentlich nicht, wie sie mit diesen neu gewonnenen Freiheiten umgehen sollte. Es war, als sei ihre Fantasie auf engsten Raum beschränkt. Früher hätte sie tausende Ideen gehabt, wie sie hätte Leben wollen. Es war zwar nicht lange her, aber für sie fühlte es sich an, als wären das unterschiedliche Zeitalter gewesen. Eine Jugend hatte sie nie gehabt. Öffentliche Hinrichtungen musste sie schon als Kind mitansehen. Als Arzt ließ man sie sogar Gifte kreieren, die den menschlichen Körper unvorstellbaren Qualen aussetzten. Der Gefangene konnte jedoch nicht sterben, da man seinen Körper stetig überwachte, bis… So lange, bis der Wille endgültig gebrochen war.
Da sie schon als Jugendliche viele blutige Tode hatte mitansehen müssen, war sie härter geworden. Aber die Offiziere hatten es nie geschafft, sie so zu verderben, dass sie sogar Gefallen an diesen Verhören fand, wie einige ihrer früheren Kollegen. Sura hatte eine eigene Meinung, die sie aber nie offen ausgesprochen hatte. Und das traf auf die wenigsten zu, die schon von Anfang an der First Order angehörten.
Es war, als hätte Sura ständig einen Talisman mit sich herumgetragen, der sie beschützte. Sie hatte ihre Seele nicht an den Teufel verkauft, da sie mehr Macht erlangen wollte, wie die meisten anderen Mentoren, die in den meisten Fällen auch Offiziere wurden.
Sura hatte man nie in den Stand eines Offiziers erhoben. Und das, wo sie die Fähigkeiten doch mitgebracht hätte. Stattdessen wurde sie Mentor. Und tatsächlich war sie eine der wenigen, der man zumindest ein wenig vertraute. So wusste sie auch, dass selbst Slip in Erwägung gezogen hatte, zu desertieren. Warum hatte er es nicht getan? Das wusste sie bis heute nicht. Vielleicht dachte er, dass es aussichtslos sei und war es deshalb nicht angegangen. Aber er wusste doch bestimmt, dass sie es geschafft hatte…
Sura trat durch die Tür ins Zimmer, wo Jango Fett lag. Dr. Vendikt Vilod hatte sich seiner angenommen. Er hatte schnell gemerkt, dass Sura die Situation sehr unangenehm war. Und er hatte beschlossen, den jungen Mann als Patienten zu übernehmen. Bestimmt würde er bald wieder aufwachen. Und Sura hoffte, dass das nicht passierte, während sie Schicht hatte. Tatsächlich vermied sie es, überhaupt in seine Nähe zu kommen.
Ihre Hand war beinahe verheilt. Das Bactalynum hatte schon gereicht. Aber Jango Fett würde noch ein wenig länger brauchen.
„Das erlebe ich nicht oft“, sagte Vilod, als er Sura sah. „Tatsächlich überrascht es mich, dass Sie sich auf diesen Kampf eingelassen haben.“
„Ich wusste keinen anderen Weg, Dikk.“ Sura überreichte ihm eine Datei. „Das solltest du dir mal durchsehen.“
„Was ist das?“, fragte der Ortolaner.
„Hier habe ich alle Daten über Jango Fett. Das dürfte für einen Historiker wie dich sehr interessant sein. Sein Vater ist schließlich ein Klon.“
„Er ist ein Mensch, Sura“, sagte der Kollege streng. „Kein Artefakt.“
Natürlich wusste Sura, dass er Recht hatte. Aber sie konnte es nicht akzeptieren. „Es tut mir Leid, Dikk, aber ich kann es einfach nicht verstehen. Wie kann ausgerechnet er der Bruder von Rey sein?“
Der Ortolaner sah Sura ins Gesicht. „Hast du denn einen Beweis?“
„Den Beweis hältst du gerade in deiner Hand.“ Sura schnaubte nur.
Vilod aktivierte das Hologramm. „Wenn wir die genetischen Daten der beiden zusammengenommen isolieren, bekommen wir vielleicht den genetischen Code ihrer Eltern heraus. So auch den von dieser Frau… Szirha.“ Er richtete sich auf.
Sura dachte nach. „Vielleicht. Aber ich denke, das wäre der Mutter gegenüber sehr respektlos.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab. Sie machte sich gerade auf den Weg zurück ins Büro, als sie etwas hörte. Stimmen. Und sie waren in ihrem Kopf.

Anakin… A-anakin, nein!

Sura klammerte sich ans Geländer der Brücke über sie sie gerade ging. Schwindel ergriff sie kurzzeitig. Aber verschwand so schnell, wie er gekommen war. Sie schüttelte den Kopf. Sie ging unbeirrt weiter.

Rey strich sich mit den Fingern über das seltsame Symbol, das ihren Hals zierte. Tatsächlich hatte sie ein Gefühl, als habe sie sich an der Stelle eine Verbrennung zugezogen. Ein Symbol der Sith, wie sie wusste. Aber es war wie immer. Vielleicht sollte sie Sura fragen, ob sie da etwas erkennen konnte. Aber… Das klang lächerlich. Da blitzte es ein Mal auf und Rey wurde gleich unruhig. Sie haderte mit sich selbst.
„Es ist wie immer“, sagte sie sich. Schließlich trat sie ins Bad vor den Spiegel. Ein Schreck fuhr Rey durch die Glieder, als sie sah, dass das Symbol rot glühte wie die Schlot eines Vulkans. Schließlich erfasste sie der Reflex. Vielleicht wusste der General, was das zu bedeuten hatte…

Es war unglaublich heiß. So heiß wie in der Hölle. Ein Schatten, knieend mitten in der Schlot des Vulkans, richtete den Kopf gen Horizont. Der Kopf war geschwärzt von der Asche, das Gesicht kaum zu erkennen. Die Augen glühten orange, wie das Magma, das die Gestalt von seiner Haut streifte, als sei es Schutt. Gewandt wie eine Schlange trat der Schatten aus der Schlot, in der Hand ein zylindrischer Griff aus Obsidian. Die Gestalt entzündete das Lichtschwert, die Klinge in der gleichen Farbe wie das Magma. In einer eleganten Bewegung schwang die Gestalt das Schwert zurück. So viele Jahre waren vergangen… Endlich war er bereit. Er, der Schatten.
Die Lava teilte sich in der Mitte, als die Gestalt die Arme voneinander wegführte. Ein Wall bildete sich. Es war so stark, dass es einen ganzen Kometen hätte abwehren können. Ein Symbol zierte den Hals des Schattens. Es glühte wie das flüssige Gestein. „Jaaah.“

Luke Skywalker fuhr vor Schreck in sich zusammen. Wie betäubt saß er da, denn seine Meditation wurde so jäh unterbrochen, wie es nicht einmal ein Erdbeben vermocht hätte. Das hier war kein Beben seismischer Natur. Es war ein Beben der Macht. So gewaltig, dass es die ganze Galaxis erschütterte.
Umgeben von idyllischer Natur und Meer hätte er es vielleicht nicht wahrhaben wollen. Und das merkwürdigste war… Selbst die Grillen waren verstummt. So, als zöge eine Woge des Unheils über die Galaxis.
Es war nicht, als sei jemand gestorben. Viel mehr war es so, als sei jemand… erwacht.

Rey rannte, schnell wie nie. Als sie über die Brücke eilte, wurde sie von den anderen Widerständlern kritisch beäugt. Es war völlig ruhig, deshalb verstanden sie nicht, warum Rey so aussah, als ginge gleich die Welt unter. Plötzlich stieß Rey gegen jemanden. „S-sssura, du...“
Sura sah Rey in die Augen. „Hast du das gehört? Diesen Schrei… Du siehst aus, als...“
„D-du hast es auch gespürt… Geht das?“
Sura packte Rey an der Schulter. „Du meinst, das war keine Einbildung?“ Da stimmte doch etwas nicht… Sura war irritiert wie nie.
„Du hast es gehört?“ Rey stand der Mund offen. „Aber du bist nicht wie ich…“
Sura ließ ihre Finger über das Symbol gleiten, eingeritzt in Rey‘s Hals. Es glühte noch immer wie Magma. „Ich schätze, das übersteigt meine Kenntnis.“
Rey nickte. „Vielleicht weiß der General mehr.“ Zusammen rannten sie durch angrenzenden Korridore, an den Quartieren ihrer Kameraden vorbei, entlang des Konferenzraumes… Sie eilten durch die Halle, wo sie unter der Woche trainieren gingen. Schließlich gelangten sie in den Turm, wo die Kundschafter Ausschau hielten nach nicht registrierten Schiffen. Sura aktivierte den Code, der die Strahlenschilde, die das Büro des Generals schützte, herunterfahren ließ. „Leia, nein!“, rief Sura. Der General lag da, scheinbar bewusstlos. Auf einmal fühlte sich Rey ziemlich überflüssig. Wie immer, wenn jemand verletzt war, wusste sie nicht weiter. Sie konnte nicht helfen, da sie keine Ahnung hatte, wie.
Sura tastete ihre Halsschlagader ab. „Sie kommt wieder zu sich. Rey, könntest du nicht etwas Wasser holen?“
Rey bog in den Flur ab, bis sie ins Bad gelangte. Sie betätigte den Wasserhahn und befüllte einen Trinkschlauch, den sie vorher aber ausspülte. Sie ging zurück ins Büro des Generals, wo sie Sura den Schlauch überreichte.
Leia ließ die Lider klappern. Dann riss sie die Augen auf. „Ich war wohl nicht anwesend…“
„Das waren Sie tatsächlich nicht.“ Sura war völlig ruhig. Sie genau zu wissen, wie sie zu reagieren hatte.
„Ich muss wohl ohnmächtig geworden sein.“
„Sie haben es auch gespürt, Ma‘am?“
Der General nickte Rey zu. „Du auch, Rey?“
„Scheinbar hat es selbst Sura gespürt. Seltsam…“ Rey deutete auf das Symbol, das noch immer auf ihrer Haut brannte.
Der General sah Sura in die Augen. „Ist das wahr?“
„Es scheint so, Ma‘am. Ich kann mir nicht erklären, warum. Ich bin nicht machtsensitiv.“ Sura sah zu Boden. Sie schien sich zu schämen.
„Wie haben die anderen reagiert, Rey?“, fragte der General.
„Sie haben überhaupt nicht reagiert. Zumindest hat es nicht so ausgesehen.“ Rey bediente das Bord, wo sie die Holo-Vids zur Überwachung einsah. Sie zappte durch die Kanäle. Schließlich sah sie jemanden durch einen verlassenen Korridor taumeln. Sie sah ihren Bruder, wie er sich die Armschienen zu seiner Rüstung überstülpte. „Sura, ich glaube, mein Bruder ist wach…“
Sura schrak auf. „Seit wann?“
„Seit… zehn Minuten!“ Rey verschluckte sich beinahe an ihrer eigenen Spucke. „Er hat es auch gespürt.“
„Natürlich“, murmelte Sura. „Er ist schließlich auch so… wie du.“
„Er ist machtsensitiv?“
„Jaaah“, schnaubte Sura. „Ich dachte, das sei offensichtlich.“
„Woher soll ich das denn wissen?“ Rey war etwas verärgert.
„Ist er stark?“, fragte der General.
Es schien, als wollte Sura nicht antworten. Trotzdem tat sie es. „Er ist sehr stark.“
Rey warf ihnen vereinzelt Blicke zu. „Warum habe ich dauernd das Gefühl, dass du Geheimnisse vor mir hast, Sura? Ich halte das nicht mehr aus.“
„Vielleicht, weil es stimmt, Rey.“ Der General führte diese Aussage aber nicht weiter aus.
Rey stellte das nicht zufrieden. „Ich brauche mehr Antworten.“
„Du wirst sie bekommen, Rey“, schaltete sich Sura ein. „Aber heute ist nicht der rechte Zeitpunkt, es dir zu sagen…“
Rey wandte sich enttäuscht ab. „Wenn es etwas mit meiner Mutter zu tun hat… Ich würde dir nie verzeihen, wenn du deshalb schweigst.“

Jango Fett setzte neue Munition in sein Gewehr ein. Er musste hier weg. Diese Niederlage, die er erlitten hatte, lastete schwer auf seinen Schultern. Und er würde es nicht über sich bringen, Sura noch einmal in die Augen zu sehen. Und sein Vater… Niemand durfte von seiner Niederlage erfahren. Wenn das passieren sollte, war sein Ruf nämlich zerstört. Besiegt von der Frau, die einst unter der Ersten Ordnung gedient hatte. Eine Frau, die desertiert war. Jemand, der sich seinen Feinden angeschlossen hatte. Warum musste seine Schwester ausgerechnet mit diesen Verrätern befreundet sein? Und warum musste er gegen Sura verlieren? Das war nicht allein ein Schlag ins Gesicht, das war… eine Schande!
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