Feuer und Eis - 1. Teil: Zwielicht

GeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P16
Finn Kylo Ren Leia Organa Poe Dameron Rey Snoke
12.06.2018
07.10.2020
44
204.309
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DIE ESSENZ DES MISSTRAUENS

Jakku. Die Sonne brannte erbarmungslos und benetzte das rissige Wüstenplateau mit gleißendem, weißem Licht. Von dort strahlte die Hitze flimmernd wieder ab und drang den Leuten bis unter die Haut, dass es sich für sie anfühlte, als würden sie bei lebendigem Leibe gegrillt. Kein sehr erhebendes Gefühl. Besonders dann nicht, wenn sich der Schweiß, der einem am Körper klebte, mit aufgewirbeltem Sand vermischte und einem auf der Haut scheuerte. Doch wer auf Jakku auskommen wollte, der bekam kaum eine Gelegenheit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Denn als Schrottsammler war man mit weiß-Gott-wie-vielen anderen Dingen beschäftigt. Wenn man nicht gerade drohte, zu verhungern, tat es womöglich der Durst oder ein Hitzschlag. Denn die meisten Menschen, die hier lebten, waren Schrottsammler. So verbrachten sie den größten Teil des Tages inmitten des Sandmeeres der Wüste, um Schrott zu sammeln. Das Gesicht unter einer Vielzahl von Tüchern verborgen, versuchten sie sich vor der sengenden Hitze zu schützen. Auch Rey, ein Mädchen von acht Jahren, bildete da keine Ausnahme. Obgleich sie noch sehr jung war, wusste sie sich vor den lebensfeindlichen Bedingungen zu schützen. Bereit, sich der aufwallenden Hitze entgegenzustellen, machte sie sich auf den Weg. Das Netz im Anschlag, spannte sie es zwischen die Träger ihres Speeders. Dann setzte sie sich auch schon in Bewegung, einer verschwommenen Linie gleichend, als sie durch die Wüste raste.
Wenige Minuten später erreichte sie ein Trümmerfeld, bedeckt von alten Wracks. Rey hielt an. Hier würde sie finden, was sie suchte. Vorsichtig entfernte sie das Netz zwischen den Trägern und flocht an den zerrissenen Stellen neue Knoten. Als sie mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden war, warf sie es gebündelt über ihre Schulter, den Sternzerstörer im Augenwinkel. Der war ihr nächstes Ziel. Und sie würde erst aufatmen können, wenn sie es erreicht hatte. So kämpfte sie sich Schritt für Schritt voran, ihr Ziel fest im Blick. Als sie den Zerstörer erreichte, stellte sie fest, dass sie es nicht leicht haben würde, das Deck zu erreichen. Eine zwanzig Meter hohe Erhebung trennte sie vom Deck. Rey wusste, dass sie keine Wahl hatte. Wenn sie zum Deck gelangen wollte, musste sie sich auf ein gefährliches Klettermanöver einlassen. Rey überlegte. Ob sie es versuchen sollte? Immerhin waren es zwanzig Meter. Zögernd streckte sie ihre Hand aus. Ihre Finger berührten das kalte Metall. Es war, als verschmelze sie mit der Wand. Jeden Einschlag, jede Kerbe und sogar jeden Kratzer spürte sie, als wäre sie die Wand. Rey schloss die Augen. An den Streben, die sich durch die Kerben entblößten, konnte sie sich festhalten. Sie schienen auch stabil genug zu sein, ihr Gewicht zu tragen. Rey öffnete wieder die Augen. Langsam streckte sie den Arm aus, packte mit ihren Händen eine der Streben und zog sich daran hoch. Stück für Stück tastete sie sich voran. Das Netz zwischen die Zähne gepresst, stemmte sie sich hoch. Schon bald traten ihr dicke Schweißperlen auf die Stirn. Die ersten fünfzehn Meter hatte sie nun hinter sich gelassen. Doch es lagen noch fünf Meter vor ihr. Rey atmete noch einmal tief durch. Fast hatte sie es geschafft. Bloß nicht nach unten blicken, ermahnte sie sich. Wenig später erreichte sie das Deck. Die Entdeckung die sie nun machte, war aber eine ganz andere. Zwar gab es hier auch Unmengen an Schrott, doch waren sie nicht das Hauptaugenmerk. Rey schauderte. Verwesende Körper lagen mit der Stirn voraus über die Steuerkonsole verteilt. Das einzige, dass sie noch auf der Steuerkonsole verweilen ließ, waren die Muskelstränge, die sich an ihren Hälsen befanden. Rey wich zurück, den Schreck in den Gliedern sitzend. Die Augen weit aufgerissen, verließ sie das Deck durch den anliegenden Korridor. Doch plötzlich erschütterte ein Beben das Schiff. Rey wurde gegen die anliegende Wand des Korridors geschleudert. Der Sand erfasste sie, schleuderte sie kreuz und quer durch den dunklen Flur. Immer weiter schlitterte sie auf den zwanzig Meter tiefen Abgrund zu. Rey kniff die Augen zusammen. Wenn sie schon abstürzte, dann wollte sie es wenigstens nicht mitansehen müssen. Und das ging schneller als erwartet. Dennoch war es nicht vorbei. Gerade noch rechtzeitig bekam das Mädchen ein hervorlugendes Kabel zu fassen, an dem es sich festklammern konnte. Rey atmete auf. Das war wirklich knapp. Sehr, sehr knapp. Nur um ein Haar war sie dem Tod entronnen. Doch damit war der Kampf noch lange nicht gewonnen. Denn das Schiff schien allmählich im Sand zu versinken. Auch die Triebwerke, durch die Rey überhaupt erst ins Schiff gelangt war, schüttete es immer weiter zu. Rey schrie. „Neeeiiin!“ Wie sollte sie das denn noch schaffen?
Rey spuckte auf den Boden. Eigentlich gab es nur noch eine Möglichkeit. Nur noch eine einzige. Sie spürte das Leben in sich pulsieren. Ihr Herz pumpte – und zwar so kräftig, dass es fast schon schmerzte. Jede Sekunde, die verstrich, fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Rey atmete noch einmal tief durch, sog das Leben in sich auf. Dann ließ sie sich fallen, in den gähnenden Abgrund.
Rey öffnete die Augen. Sie blinzelte. Es war hell, sehr hell. Licht fiel durch das Loch bei den Triebwerken. Rey hustete. Die Luft wurde langsam stickig. Mühsam richtete sie sich auf. Wo war sie hier gelandet? Verwirrt blickte sie sich um. Eine anthrazitgraue Wand, die zwanzig Meter in die Höhe ragte… Rostige alte Streben, die wie Stacheln aus der Wand hervortraten… Rey erschrak. Dann war das gar kein Traum? Mit langsamen Schritten ging sie auf das Loch in den Triebwerken zu. Wenn sie sich doch nur durch dieses splitternde, metallene Loch quetschen könnte… Rey überlegte. Eigentlich war das Loch zu klein, als dass sie da durchgepasst hätte. Sie schluckte. Auch die Verletzungen, die sie durch den Sturz erlitten hatte, machten es ihr nicht gerade leicht, sich durch den Spalt zu schieben. Vorsichtig strich sie mit den Fingern an der Metallfassung der Triebwerke entlang. Ob es etwas brachte, die Kleidung mit Sand auszupolstern? Vielleicht konnte sie auf diese Weise verhindern, dass sie sich die Haut an der Metallfassung zerkratzte. Rey löste den Gürtel über ihrem Oberteil. Hoffentlich ging der Plan auf… Wachsam ließ sie ihren Blick über ihre samtene Haut gleiten. Blutige Striemen zogen sich über ihre Arme. Rey biss sich auf die Unterlippe. Während sie den Sand vor ihren Füßen abschöpfte, geriet sie immer mehr unter Zeitdruck. Mit vor Anstrengung hervortretenden Schläfen zwang sie sich durch das Loch. Erst die Arme, dann der Kopf und dann das Schwierigste: der Oberkörper. Mit letzter Kraft kämpfte sie sich durch die Fassung. Rey schnaufte. Sie hatte das Gefühl, den Sand schmecken zu können. „Komm schon“, ächzte sie. Sie klemmte mit der Hüfte in der Fassung fest, kaum fähig, sich zu bewegen. Rey schrie. Der Schweiß trat ihr aus den Poren. Auch ihre Muskeln wollten nicht mehr gehorchen. Doch plötzlich bemerkte sie ein Aufblitzen. In ihrem Geist. Rey schloss die Augen. Das Blut strömte durch ihren Körper. Sie konnte es spüren… Wie es sich seinen Weg nach oben bahnte, durch ihre Nervenbahnen, ihr Stromstöße verpasste. Das Rauschen, das in ihren Ohren klang, schien so nah… und doch so fern. Rey streckte ihre Sinne aus, versuchte ihre Umgebung zu erkunden. Zu sehen, ohne die Augen zu öffnen, zu hören, ohne die Ohren zu spitzen und zu fühlen, ohne mit den Fingern über den kratzigen Sand zu fahren. Rey sog die trockene Wüstenluft in sich auf. Ihre Finger umklammerten den Sand. Die Sonne kitzelte ihr auf dem Nasenrücken. Rey konzentrierte sich. Neugierig blähte sie ihre Nasenflügel, versuchte, ihre Umgebung besser zu verstehen. Und es fühlte sich an, als gleite sie über der Realität. Wie die Facetten eines vielseitigen Prismas schien sie ihr nun vor Augen zu treten. Eines Prismas, dessen Farben schrill leuchteten. Einen Moment lang verschmolz sie mit ihrer Umgebung, fügte sich nahtlos in sie ein – wie ein Puzzle. Rey entspannte sich. Energie durchfloss ihren Körper. Aus einen aufkeimendem Instinkten heraus lenkte sie die Energie nach draußen um. Dabei entsendete sie einen telekenetischen Stoß, der die metallene Fassung mit immenser Wucht nach außen bog. Rey richtete sich auf. Abdrücke zeichneten sich auf ihrer Haut ab. Langsam dämmerte ihr, dass sie nicht mehr im eisernen Nest gefangen war. Doch die Gefahr war nicht gebannt. Lauf!, polterte es in ihr. Ein riesiges Sandgefälle tat sich vor ihren Füßen auf. Rey geriet ins Straucheln. Angst machte sich in ihr breit. Sie musste hier weg. Und zwar schnell. In einer waghalsigen Aktion stürzte sie sich nach vorn, in der Hoffnung, dem Sog des entstandenen Sandstrudels zu entkommen. Etwas, das ihr gelingen sollte.
Nach einer knappen Stunde erreichte sie den Speeder. Das Netz im Anschlag, spannte sie es zwischen die Träger. „Hey, hübscher Speeder!“, erklang es da such schon aus der Ferne. Rey blickte auf. Wo kam das her? Eilends stopfte sie die wenigen Teile, die sie zusammengetragen konnte, in das Netz. Kaum, dass sie das erledigt hatte, klopfte ihr jemand auf die Schulter. „Nun, Mädchen. Warum überlässt mir du das Ding nicht einfach?“ Rey seufzte. Eigentlich, dachte sie bitter, hätte sie ja damit rechnen müssen. Der Mann fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Hm?“, fragte er. Seine Augen blitzten gefährlich. Doch Rey ließ sich nicht einschüchtern. „Der gehört mir.“ Der Mann grinste gehässig. „Sieh an. Ganz schön trotzig.“ Eilends griff er nach den Kontrollen. Dabei hatte er die Rechnung jedoch ohne Rey gemacht. „Sag deinen Eltern einen schönen Gruß von mir!“, verabschiedete er sich. Einen Augenblick später war er verschwunden. Rey schnaubte. Meine Eltern? Es schien, als erwache sie aus einer Trance. Etwas löste sich aus ihrem Inneren. Ein Teil, den sie längst verloren geglaubt hatte. Sehnsucht. Ein Jahr war es nun her, dass sie von ihrer Mutter auf Jakku zurückgelassen wurde. Mitten in der Wüste. Obwohl Rey ihre Mutter beinahe dafür hasste, so wurde sie das Gefühl nicht los, dass da noch mehr war. Ein wichtiges Puzzleteil, durch dessen Fügung alles einen Sinn ergeben würde.

„Wir kommen wieder, Rey. Ich verspreche es“, erklärte die Frau mit trauriger Stimme. „Eines Tages.“ Noch einmal schloss sie das Mädchen in die Arme. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.„Warum gehst du weg?“, fragte Rey schockiert. Ihre Mutter strich ihr sanft über die Wange. „Um dich zu beschützen.“ Wehmut machte sich in ihr breit. Ob sie ihre Tochter je wiedersehen würde? Sie wusste es nicht. „Du wirst nicht zurückkehren“, krächzte Rey. „Ich weiß es.“ Sie spürte den Konflikt, der in ihrer Mutter wütete. Die Kraft der Detonation, die sie von innen zu zerreißen drohte, schien sich auf sie zu übertragen. Rey stöhnte. Brennende Hitze schlang sich um ihre Eingeweide, strangulierte sie von innen heraus, bis sie auf die Knie fiel. „Bitte“, flehte sie. „Geh nicht.“ Doch die Entscheidung war bereits gefallen.

Rey schüttelte den Kopf. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Wenn sie nicht bald handelte, würde sie ihren Speeder niemals wieder zu Gesicht bekommen. Rey knirschte mit den Zähnen. Der Mann konnte was erleben. Und zwar so richtig. „Ich werde es für dich tun, Ma“, flüsterte Rey, den Kopf gen Himmel gestreckt. Dann schlug sie ein Tempo an, bei dem sie sich beinahe nahtlos wie ein Strich in die Landschaft fügte. Denn ihr war sofort klar, wo der Mann hinwollte: Zum Niima-Außenposten. Und sie wusste auch, warum. Denn sie kannte den Mann – von Unkar Plutt, dem hiesigen Schrotthändler. Der Typ war nämlich einer seiner Schläger. Ein Mann also, der in seiner Gunst stand. Rey wusste, dass das, was sie jetzt vorhatte, wirklich gefährlich war. Doch sie tat es trotzdem. Nicht zuletzt, weil sie diesen Kerl nicht gewinnen lassen wollte. Rey schnaufte. Selbst, wenn sie ob der Strecke zwischendurch zusammenklappte, würde sie nach einer kurzen Pause weiterrennen. Denn nach alldem, was jenem Tages so geschah, würde sie wegen solch einer Zimperlichkeit nicht nachgeben. Schon gar nicht in dem Zustand, in dem sie sich befand. So vollgepumpt mit Adrenalin. Rey wischte sich mit der Hand über die Stirn. Nein, auch wenn sie sich Leib und Seele ausschwitzte. Allein deshalb rannte sie, kaum dass sie zwischendurch Luft holte. Schon bald war sie puterrot im Gesicht. Da sie kurz vor dem Zusammenbruch stand, überlegte sie, ob sie nicht doch eine kurze Pause einlegen sollte. Sie blieb stehen. Der Trinkschlauch steckte noch in ihrem Gürtel. Und er war sogar noch gefüllt. Mit genug Wasser, sie zumindest für den Moment noch ein wenig auf Trab zu halten. Schnaufend ließ sich Rey auf dem sandigen Boden nieder. Sie war so erledigt, dass es eine halbe Stunde brauchte, bis sich ihr Kreislauf wieder einigermaßen reguliert hatte. Obwohl Rey bewusst war, dass sie gerade einmal vier Kilometer Strecke hinter sich gebracht hatte, wollte sie nicht aufgeben. Auch, obwohl ihr klar war, dass sie noch weitere sechs Kilometer vor sich hatte. So klemmte sie den Trinkschlauch wieder an seinen angestammten Platz zurück; die schmale Ritze zwischen Gurt und Hüfte. Weiterhin ließ sie nichts anbrennen. Das Mädchen ging seiner Wege, so entschlossen, dass es manch Erwachsenem sicher Konkurrenz gemacht hätte. Doch diesmal war etwas anders. Ganz anders. Wie sollte es sich sonst den Aufschwung erklären, den es so jäh erfuhr, dass es ihm fast die Sprache verschlug? Es spürte, dass seine Energie keinen Moment lang erloschen war. Nein, es schien eher, als habe sie sich in etwas anderes, greifbares umgewandelt. Und dieses Etwas schien dem Mädchen unheimliche Kräfte zu verleihen. Rey legte noch einen Zahn zu. Auch wenn sie nicht mit dem Speeder unterwegs war, kam sie ihrem Ziel ziemlich schnell sehr, sehr nah.
Nach spätestens fünfzehn Minuten fand sie sich auch schon im Niima-Außenposten wieder. Oft tauschte sie hier dann die Teile, die sie zusammengetragen hatte, gegen Nahrung und Wasser ein. Heute war allerdings einiges anders. Denn sie war nicht hier, weil sie feilschen wollte. Nein, eher, weil sie sich ihren rechtmäßigen Besitz zurückholen wollte. Den Speeder. „Was willst du, Mädchen?“, fragte Unkar Plutt verärgert. „Wo sind die Teile, die du mir versprochen hast?“ Doch Rey achtete nicht auf ihn. Zu überrascht, dass sie so schnell fand, wonach sie gesucht hatte. Denn keine zehn Meter von ihr entfernt stand ihr Speeder. Angekettet an einen Zaunpfahl. Doch es gab ein Problem. Der Mann war auch noch da. Und er schien ziemlich betrunken zu sein. In Rey ‘s Kopf spielten sich die verschiedensten Szenarien ab. Des Risikos war sie sich zwar bewusst, aber aufgeben wollte sie noch immer nicht. Und so tat sie, was unsereins am Wenigsten erwartet hätte. Sie schlug dem Mann die Flasche aus der Hand. „Heeeh! Was sollt ‘n das denn?“, fragte dieser erschrocken. Rey reagierte nicht darauf. „Das ist immer noch mein Speeder!“, knurrte sie. In ihren Augen glitzerte der Trotz. Dem Mann klappte der Mund auf. „Was machst ‘n du denn hier? Wie kommst ‘n du auf einmal hier her?“ Er wich ein paar Schritte zurück. „Gib her, das Teil!“, rief Rey. Erst jetzt schaltete der Mann. „Was willste denn noch damit?“ Er begann zu lachen. „Ich werd‘ nimmer. Kommt so ‘ne kleine Hosenscheißerin und versucht mir zu drohen.“ Rey schnaubte verächtlich. „Du bist ein elender Dieb und Trunkenbold.“ Jetzt klang sie tatsächlich ein wenig bedrohlich. Der Mann schien immer noch verwirrt. „Willste das wirklich, Mädchen? Ich bin um einiges stärker als du.“ Etwas, das dem Mädchen bereits bewusst war. Aber nach dem, was es heute durchgemacht hatte, war es zu allen Schandtaten bereit. Rey spuckte auf den Boden. „Sehr gern“, meinte sie wohl. Der Mann baute sich vor ihr auf. „Eigentlich würd‘ ich das nicht tun, aber du lässt mir keine Wahl.“ Der Mann verpasste ihr eine deftige Ohrfeige. „Aber dir werd‘ ich ‘s schon beibringen.“ Rey spürte, wie sie an der Stelle heiß wurde. Ein ekelhaftes Kribbeln zog sich über ihr Gesicht. „Hhhnnnggg!“ Ein Tritt traf sie am Schienbein, dass es knackte. Rey wurde beinahe Schwarz vor Augen. Schmerz durchzuckte sie. Mühselig unterdrückte sie einen Schrei. Trotzdem war es noch nicht vorbei. Nicht für Rey. „Wo bist du, Ma?“, fragte sie leise. „Ich vermisse dich.“ Ihre Augen wurden feucht. Einen Augenblick lang schien es, als erhielte sie sogar eine Antwort. So, als flüstere man ihr etwas zu. Zwar waren es keine Worte, aber für Rey ging es kaum deutlicher. Zögernd richtete sie sich auf. Aber diesmal war es anders. Oder besser gesagt: schon wieder. Denn es schien, als bewege sich der Mann in Zeitlupe. Rey entging seinen Griffen, ohne mit der Wimper zu zucken. Auch, als er versuchte, sie zu schlagen. Bei ihren kraftvollen, geschmeidigen Bewegungen schien es, als schneide sie die Luft in Scheiben. Auf diese Weise schaffte sie es sogar, den Mann mit ein paar gezielten Schlägen kampfunfähig zu machen. Ein paar Tritte in die Knie, ein Schlag gegen die Schläfe und der Mann lag mit ausgestreckten Armen und Beinen am Boden, ohne sich zu rühren. „Hey, Mädchen!“, rief der schwülstige Crolute, Unkar Plutt, einige Meter weiter. „Was sollt ‘n das denn?“ Rey knirschte mit den Zähnen. „Er hat mir meinen Speeder geklaut!“, knurrte sie. Doch ihre Wut verrauchte ebenso schnell, wie sie entstanden war. Zurück blieb eine mehr oder minder beschämte Rey, die nicht verstand, wie das passieren konnte. Erst die Sache mit dem Raumkreuzer, dann der telekenetische Stoß, den sie allein durch ihre Gedanken nach außen hin entsandte, um sich aus der Zwinge zu befreien. Rey schluckte. Wie paralysiert stand sie da, beobachtete, wie sich der massige Crolute wild mit den Armen wedelnd, über den Mann beugte. Als dieser weder auf seine Gesten, noch auf seine Beleidigungen reagierte, wandte er sich an Rey. „Komm mit!“, forderte er sie auf. Sein schwulstiger Körper schien vor Wut zu erzittern. Wie der Schlot eines Vulkans wölbte sich seine Haut nach außen. Rey rümpfte die Nase. Sie hasste den Croluten; sein klobiges Äußeres, seine wuchtigen Hände und nicht zuletzt seine narzisstische Ausstrahlung. Trotzdem wusste sie keinen anderen Weg, die Situation zu entschärfen. Rey überlegte. Eigentlich, dachte sie, hatte sie ja keine Wahl. Ihr tägliches Brot hing allein von seiner Gunst ab. Schließlich war er auch der letzte Schrotthändler, der noch auf Jakku siedelte. Rey gehorchte, den Mund zu einer verdrießlichen Grimasse verzogen. „Du wartest“, ermahnte sie der Crolute, als er durch die offene Luke in seinem Raumschiff verschwand. Rey verschränkte die Arme. Ihre Neugier konnte sie dabei jedoch nicht verbergen. Nur zu gern wollte sie einen Blick in das Schiff werfen. In ein echtes, intaktes Raumschiff. Oder zumindest in ein vielleicht intaktes Raumschiff. Auch wenn es sich nur um einen alten YT-Frachter handelte, der aussah, wie ein aus alten Druckplatten zusammengewürfelter Schrotthaufen. Rey seufzte. Trotzdem konnte sie nicht einfach hineinspazieren, wie es ihr gerade passte.

„Sie sprechen einen Botschafter der Ersten Ordnung“, meldete sich der Offizier per Comlink. „Ich hoffe in ihrer Angelegenheit, dass es wichtig ist.“ Seine Stimme triefte vor Spott. Das Regime der Ersten Ordnung wollte sich nicht mit Außenweltlern auseinandersetzen. Für sie war das Wort „Xenophilie“ gleichsam eine Beleidigung. „Ich habe ‘n Mädchen, das euch interessieren wird.“ Der Crolute grinste.
Der Offizier überlegte. „Warum sollten wir uns für irgendeinen dahergelaufen Streuner interessieren? Einen herrenlosen Köter, der sein Leben in der Wüste fristet?“
„Im Kampf hat es einen meiner besten Männer bezwungen“, erklärte Plutt. In seinen Augen erglühte ein Feuer. Doch den Offizier zu überzeugen, schien schwieriger, als vermutet. „Warum soll ich Ihnen glauben?“, fragte er scharf. Er neigte den Kopf ein wenig. „Ein Kind, das noch zu jung ist, eine Waffe zu tragen, soll sich gegen einen ausgewachsenen Mann durchsetzen?“
Der Schrotthändler ließ seinen Blick schweifen. „Sie gehört zu den besten Nahkämpfern, die ich je gesehen habe. Und ich hab‘ da schon so einiges gesehen.“
„Sie wissen, was passiert, wenn Sie sich als Betrüger herausstellen“, ermahnte ihn der Offizier. Sein Blick war eisig.
Nun stand das Feuer gegen das Eis. „Ich steh‘ zu meinem Wort“, verkündete Plutt. Seine Zunge fühlte sich zäh an wie ein alter Kaugummi.
„In Ordnung“, bestätigte der Offizier. „Was können sie mir an Informationen geben?“ Seine Stimme nahm einen merkwürdigen, metallischen Ton an.
Der Crolute überlegte. „Sie lebt allein auf Jakku, ohne Eltern. Ihren Namen weiß ich nicht, denn den kennt niemand. Aber ich weiß, dass sie vor acht Jahren geboren wurde. Wo sie geboren wurde, kann ich nicht genau sagen, nur, dass es acht Jahre her ist.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
„Wir schicken jemanden, der sich um Sie kümmert.“ Der Offizier zögerte. „Wenn sie die Wahrheit sagen, wird man Sie auch entsprechend belohnen.“ Er kappte die Verbindung. Der Schrotthändler schwieg. Er dachte an die Mutter des Mädchens. Eine hübsche Frau, erinnerte er sich. Aber sie weilt nicht länger unter den Lebenden. Er nahm seinen Blaster zur Hand. Eine Frau, zügellos wie ein Inferno. Szirha. Und es schien, als erglühe dieses Feuer auch in Rey. Wenn nicht sogar noch stärker, als in Szirha einst. Der Crolute stieß einen wehmütigen Seufzer aus. Er hielt es nicht für möglich, dass diese Frau noch lebte. Kein Sklave, der unter Rae Sloane diente, überlebte länger als drei Monate. Wie sehr er sich irrte…

Rey schielte in die Mündung des Blasters, die ihr Unkar Plutt ins Gesicht presste. „Was soll das denn?“, fragte sie entsetzt. Der Crolute zielte auf ihr Bein. Er zögerte. Konnte er das auch wirklich verantworten? „Tut mir Leid“, flüsterte er. Ein Schuss glitt durch die Mündung. Rey schrie. Schmerz zuckte durch ihren Körper. „Warum?“, fragte sie enttäuscht. Tränen rannen ihr über die Wangen. Der Crolute zuckte nur mit den Schultern. „Ich erledige meine Arbeit.“ Rey schüttelte den Kopf. „Nein“, entgegnete sie. „Sie hatten eine Wahl.“ Dann umfing sie die Schwärze. Rey verlor das Bewusstsein. Erst fiel sie auf die Knie, dann auf den Boden.„Komm schon!“, brummte der Schrotthändler. Er verdrehte die Augen. Das war nicht Teil des Plans. „Unkar Plutt“, erklang es aus der Nähe. Der Crolute erschrak. Er kannte diese Stimme. Sie gehörte einem Mann, der immer Ärger machte. Ein Mensch, der auf die Werte der Alten Republik zählte. Die Relikte einer untergegangenen Ära. „Warum haben Sie das Mädchen angeschossen? Diese Verletzung könnte sein Ende bedeuten.“ Der Mann schnaubte. Er kniete sich zu Rey auf den Boden. „Rey?“, fragte er leise. Er legte seine Hand auf ihre Stirn. Der Crolute räusperte sich. „Ich musste das tun“, erklärte er missmutig. „Das Mädchen ist jetzt dein Feind.“ Der Mann schürzte die Lippen. „Nein“, knurrte er. „Du hast es an die Erste Ordnung verkauft?“ Er schien entsetzt. Seine Augen formten sich zu Schlitzen. Sie glitzerten bedrohlich. „Szirha hätte das nicht gewollt.“ Er griff nach seinem Kampfstab. „Ob sie mein Freund ist oder ein Feind, ist mir gleichgültig.“ Sorgenfalten zeichneten sich auf seiner Stirn ab. Der Crolute lachte. „Szirha? Sie hat ihre Tochter mitten in der Wüste zurückgelassen!“ Sein Echo zerriss die Stille der Wüste. „Sie kannten ihre Mutter nicht so, wie ich sie kannte“, entgegnete der Mann. „Selbst unter Folter hätte sie den Namen ihrer Tochter nicht preisgegeben.“ Er riss ein Stück aus seiner Kleidung, um damit die klaffende Wunde zu versorgen, die sich ihm offenbarte. Einen kurzen Moment fand Rey das Bewusstsein wieder. „Warum hat er mich angeschossen?“, fragte sie kaum hörbar. Die Worte waren allein an den Mann gerichtet, der sich um sie kümmerte. „Er hat dich an die Erste Ordnung verkauft. Ich nehme an, er wollte dich auf diese Weise an der Flucht hindern. Oder gar am offenen Kampf“, meinte er. Seine Stimme wurde weicher. „Vergiss nicht, wer du bist.“ Rey nickte. „Niemals“, schwor sie sich. Wieder glitt sie in die Bewusstlosigkeit hinab. Das Schiff, das in der Nähe landete, bemerkte sie nicht mehr. Auch nicht den Offizier, der mit Geleitschutz aus diesem Schiff hervortrat. Trotzdem war ihr Entschluss gefallen. „Ist es das Mädchen?“, fragte der Offizier geringschätzig. „Warum haben Sie es angeschossen?“ Er gab seinen Leuten ein Zeichen, dass sie die Waffen senken sollten. Der Crolute überlegte. „Es hat meinen besten Mann in die Knie gezwungen. Ich wollte verhindern, dass das Gleiche mit mir passiert.“ Er wusste nicht, ob es klug war, die Wahrheit zu sagen, entschied sich aber trotzdem dafür. Der Offizier lachte. „Das glaube ich nicht, es sei denn, dieser Mann ist ein Narr.“ Er schien erheitert. „Trotzdem gebe ich Ihnen eine Chance. Wenn Sie die Wahrheit sagen, werden sie belohnt. Sollte sich das Mädchen aber als nutzlos erweisen, werden Sie dafür bezahlen.“ Der Crolute nickte. Der Handel war besiegelt. „Sorgt dafür, dass das Mädchen medizinisch behandelt wird!“, wies der Offizier seine Männer an. Sie folgten dem Befehl, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Schon nach fünf Minuten erklärten sie sich bereit, das Mädchen in ihre Basis zu bringen. Sie hievten Rey auf die Trage. Der Offizier trat zurück. „Los, Männer!“ Zusammen kehrten sie in das Schiff zurück, bemannten es und machten sich auf dem Weg. Sie gaben Schub auf die Triebwerke, bis das Schiff im Horizont verblasste. Der Crolute blickte zum Himmel auf. Der schwarze Fleck verschwand hinter der brutzelnden Sonne.
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