Feuer und Eis

GeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P18 Slash
12.06.2018
20.03.2019
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Dieses Kapitel
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Hi, Leute! Wieder ein Kapitel. Hier wird es etwas hitziger zugehen. Noch ein bisschen mehr Dramatik, etwas mehr Action. Ich hoffe, es sagt euch auch zu.



EINE FRAGE DES VERTRAUENS

Rey lauschte wie gebannt den Geräuschen an der Tür. Sie hatte das Gefühl, ihre Lärmempfindlichkeit hatte sich verzehnfacht. Sie biss die Zähne zusammen. Wie sollte sie diese Fesseln denn noch lösen? In der kurzen Zeit hatte sie keine Chance. Die Schritte näherten sich immer weiter. Rey versuchte es mit Gewalt. Mit ganzer Kraft zog sie an den Fesseln, doch sie gaben nicht nach. Rey wurde noch grimmiger. „Jetzt macht doch schon!“, knurrte sie. „Ich muss hier raus!“ Sie setzte wieder ihre Zähne ein, kaute auf den Fesseln herum. Und sie schaffte es. Der Stoff wurde langsam nachgiebig. So sehr, dass Rey ihre Hand herausziehen konnte. Da fiepte auch schon das Schloss. Der Riegel fuhr zurück. Rey rutschte das Herz in die Hose. Die Sturmtrupplerin war wieder da. Sie trug einen bedrohlich aussehenden, eisernen Koffer bei sich. „Hast du mich vermisst?“, fragte die Frau. Rey verengte die Augen zu Schlitzen. „Und wie!“, entgegnete sie wütend. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“ Rey konnte diese Sturmtrupplerin nicht ausstehen. Tatsächlich hatte sie das Gefühl, dass diese gern andere quälte. Rey konnte förmlich hören, wie sie über beide Backen grinste. Ein Sadist, das war sie. Oh ja. „Das hier wird jetzt so lange fortgesetzt, bis du endlich redest!“, machte die Sturmtrupplerin deutlich. „Das Gift scheint dich kaum zu beeinträchtigen. Ich habe mich mit ein paar Ärzten unterhalten. Sie sagen, es ist dein Blut, dass dir diese… Immunität verleiht. Sie haben ein Gift entwickelt, genau auf deine genetischen Eigenschaften zugeschnitten. Sie nannten es ein Designergift.“ Sie öffnete den Koffer behutsam. Rey wurde übel. Sie musste handeln. Wenn sie nicht bald etwas unternahm, würde es zu spät sein. Für ein Designergift gab es kein Gegenmittel. Zumindest nicht, wenn man die Zusammensetzung des Giftes nicht genau kannte. Und es zu finden, war ungefähr so wahrscheinlich, wie dass man hundert Mal hintereinander beim Glücksspiel gewann oder man das unendliche Rad eines Casinos drehte. Ein Spiel, das auf Canto Bight zunehmend an Beliebtheit gewonnen hatte. Rey brauchte keine medizinische Ausbildung. Sie verstand den Ernst der Lage. Deshalb musste sie jetzt handeln. Ein „Später“ würde es vielleicht nicht geben.
„Lassen Sie mich gehen!“, rief Rey drohend. Sie nahm ihren ganzen Willen zusammen.
„Vergiss es!“, entgegnete die Sturmtrupplerin. „Diese Gelegenheit hattest du schon vor einiger Zeit. Du hast sie verwirkt.“
Rey wurde noch eindringlicher. „Lösen Sie diese Fesseln und lassen sie mich gehen.“
Die Sturmtrupplerin geriet kurz ins Wanken. „Was tust du da?“
„Du wirst jetzt diese Fesseln lösen und von hier verschwinden. Außerdem wirst du deine Waffe fallen lassen“, befahl Rey. Und die Sturmtrupplerin gehorchte. „Ich werde jetzt diese Fesseln lösen, dann von hier verschwinden und meine Waffe fallen lassen.“ Sie tat wie befohlen. Rey atmete auf. Wie hatte sie das gerade geschafft? Das war nicht zu glauben… Die Sturmtrupplerin löste die Fessel an ihrer anderen Hand und ging. Aber die Waffe ließ sie nicht fallen. Rey hievte sich vom Stuhl. Warum trägt sie immer noch ihre Waffe?, fragte sie sich. Oh! Ich habe gesagt, sie soll von hier verschwinden – dass sie ihre Waffe fallen lassen soll, habe ich erst später gesagt. Wahrscheinlich geht sie, und lässt dann ihre Waffe fallen! Das gibt es doch nicht! Rey folgte der Frau. Die Schmerzen, die sie in ihrer Schulter spürte, hielten sie vom Rennen ab. Aber zumindest konnte sie laufen. Zwar begann sie schon nach wenigen Metern schon stark zu schwitzen, aber sie blieb auf den Beinen. Die Schmerzen, die sie wegen dieser Frau hatte erdulden müssen… Etwas nahm in Rey Gestalt an. Hass, Wut, Zorn. Nein, es war der Zorn, der sie nun übermannte. Eine Kraft die so gewaltig war, dass sich Rey ihrer nicht verweigern konnte. Diese Dunkelheit… unergründlich schien sie. Ein Loch, so bodenlos wie unendlich. Die erdrückende Leere, ein Loch, so schwarz und finster, dass es alle Materie in sich aufsog. Der Schmerz entrann aus den tiefsten Kratern ihrer Seele wie Blut und schlängelte sich entlang des Halses der Frau. Als Rey die Sturmtrupplerin erreichte, gab es für sie kein Entkommen mehr. Rey berief sich auf die dunkle Seite der Macht. Und auf einmal hatte sie das Gefühl, ungeheuer mächtig zu sein. Das bodenlose Loch drohte sie hineinzuziehen. Sie würgte die Sturmtrupplerin allein durch die Macht, als sie hinter sich Stimmen hörte. Im Rausch durch die dunkle Seite konnte sie ihren Ursprung nicht ermitteln. Das Loch zwickte immer weiter an ihrer Seele, versuchte sie mit unsichtbaren Leinen aufzugreifen. Es wollte sie verschlingen, restlos. Diese unermessliche Kraft. Ein Mal hatte sie von ihrer Süße gekostet. Verfallen in einen Rausch konnte sich Rey kaum mehr beherrschen. Sie formte ihre Hand urplötzlich zur Faust. Der Sturmtrupplerin brach es bei dieser Bewegung das Genick. Ein kurzer Aufschrei, dann war die Frau tot.
„REY!“, erschallte der Ruf.
Für Rey fühlte es sich an, als erwache sie aus einer Trance. „Was…?“ Sie warf einen kurzen Blick auf den leblosen Körper zu ihren Füßen.
„NEIN!“ Es war… Leia?
Rey fuhr herum. „I-ich… Wie?“ Sie hatte das Gefühl, ihre Gedanken stockten.
Der General kam auf sie zu. „Rey, sag, dass das nicht wahr ist! Das ist gerade nicht wirklich passiert, oder?“
Wexley war auch da, aber er schien zu benommen, um etwas zu sagen. Selbst für den rastlosen Piloten war das kein sehr beschönigender Anblick. Für den General war es aber noch wesentlich grauenhafter. Unwillkürlich zog sie eine Parallele zu jemanden, den sie eigentlich vergessen wollte: Darth Vader. Zwar wusste sie, dass er sich auch von der dunklen Seite wieder losgesagt hatte, aber wirklich anfreunden konnte sie sich mit der Wahrheit trotzdem nicht.
Rey wurde bleich. Man könnte meinen, sie sei Blutleer. „Ich muss mich nicht erklären. Diese Frau hat mich gefoltert. Sie hat… Spaß an der Situation gefunden.“
„Die dunkle Seite… Wenn du ein Jedi werden willst, solltest du dich von dieser nicht beeinflussen lassen.“
„ICH WILL ABER KEIN JEDI-RITTER SEIN! WANN VERSTEHEN SIE DAS ENDLICH?“
Jetzt war der General richtig sauer. „Also das war… respektlos. Und das war noch eng formuliert. „Rey, das...“
„Hören Sie auf!“, rief Rey. „Keine Jedi-Ritter, kein mystischer Sith-Meister! Wann kann ich denn endlich mal ‚Ich‘ sein, hm? Ich helfe ihnen gern, Ma‘am, weil ich sie gern habe. Das ist der einzige Grund, warum ich mir das bisher habe gefallen lassen!“
Für den General waren diese Worte wie Stiche. Eben war sie noch sauer, aber auf einmal hatte sie... Mitleid. Rey war noch so jung. Sie hatte die Folter überstanden, hatte es sogar geschafft, sich zu befreien. Keinen anderen Jugendlichen kannte sie, der so viel hatte aushalten müssen. Sie hatte so viel Macht. Kein Wunder, dass ihre Entwicklung da nicht Schritt halten konnte. Dann auch noch die Erfahrungen, die Rey machen musste. Der General rügte sich selbst. Wenn sie ehrlich war, so hatte sie Rey eher ausgenutzt, als sie mit Kräften zu unterstützen. Sie war es, die Rey Steine in den Weg legte. Und wenn das Mädchen kein Jedi sein wollte, dann war es vielleicht besser, sie nicht mehr mit dieser Situation zu konfrontieren. Trotzdem konnte sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass Rey ihre Meinung noch ändern würde.
„Rey… Es tut mir Leid“, sagte der General überraschend. „Ich habe dich zu sehr für diesen Kampf beansprucht, statt deine Gefühle zu respektieren und auf dich Rücksicht zu nehmen. Und das hätte nicht sein dürfen.“ Ihre Stimme wurde weich. „Ich habe Erwartungen an dich gehabt, die nicht einmal ich hätte erfüllen können. Das tut mir Leid.“
Rey starrte betreten zu Boden. „I-ich… ähm. Dann können wir jetzt gehen, oder?“
„Trotzdem wollte ich dich etwas fragen“, setzte der General an.
„Hmmm… Was gibt es denn?“
„Warum wirst du nicht ein Botschafter des Widerstandes?“ Der General lächelte.
Rey stieg die Röte zu Gesicht. „Sehr reizvoll. Die Republik existiert doch kaum mehr ohne ihren Sitz.“
„Der Sitz wurde vielleicht zerstört, aber die meisten Verbündeten der Republik sind immer noch da. Sie haben zwar große Angst, aber sie leben. Ich meine die überlebenden Senatoren, die vielleicht keinen Planeten mehr unter sich haben, die aber immer noch ihre Kontakte haben.“
„I-ich… ähm. Ich denke, das muss ich mir noch überlegen“, meinte Rey. „Aber ich denke, das hier ist ohnehin nicht die richtige Zeit.“
Der General reichte Rey einen Blaster. „Ich erlaube dir, alle zu erschießen, die offensichtlich nicht zum Widerstand gehören.“ Sie lächelte. „Willst du mir helfen?“
„Natürlich“, bekräftigte Rey. „Immer wieder gern. Sie haben mich schließlich gerettet.“
„Es sah so aus, als hättest du keine Schwierigkeiten, dich zu befreien“, bemerkte Wexley. „Rey? Ich denke, wir haben einander noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Wexley. Wir haben einen gemeinsamen Freund.“
„Und einen gemeinsamen Feind“, bestätigte Rey. „Du meinst unser Fliegerass, nicht wahr?“
„Genau“, sagte Wexley. „Ein paar Ecken weiter liefert er sich bestimmt wieder eine Schießerei mit ‚alten Bekannten‘.“
Rey lachte. „Du bist gut.“
Der General trat hinter sie. Sie band etwas um ihre Schulter und zog es fest. „Wir müssen Druck auf die Wunde ausüben. Du blutest sehr stark.“
Rey biss die Zähne zusammen. „Gut. Ich hoffe, das Gift braucht nicht zu lange?“
„Gift?“, hakte Leia nach. „Du wurdest vergiftet? Das sind keine guten Neuigkeiten.“
„Aber seine Wirkung lässt doch schon nach“, versuchte Rey den General zu überzeugen. „Es sollte meine Fähigkeit, die Macht zu nutzen, zeitweise unterdrücken, glaube ich.“
Der General schüttelte den Kopf. „Wenn das so wäre, dann hättest du sie nicht nutzen können.“
„Dann war das eine Lüge?“
„Sehr wahrscheinlich“, schloss der General. „Ich hoffe, du hältst durch, bis Sura dich in Augenschein nehmen kann.“
Rey behielt ihre Bedenken für sich. „In Ordnung.“ Sie bemühte sich sehr.

Tatsächlich war Dameron gerade in eine Schießerei geraten. Zusammen mit Jess Pava lieferte er den feindlich Soldaten einen epischen Kampf. Die Erleichterung war ihnen anzusehen, als der General selbst und die anderen Beiden zu ihnen stießen. Auch Leia verließ sich hier auf ihren Blaster. Für das Schwert war sie physisch nicht wirklich geschaffen. Es fühlte sich zu fremdartig an. Rey schnellte vor und schlug mit ihrer nackten Faust einen Soldaten bewusstlos, der selbst einen Helm trug. Dameron staunte nicht schlecht, als er das sah. Er konnte das nicht, ohne sich so die Hand zu brechen. Wexley sprang zwei Soldaten mitten in den Rücken, dass es knackte, während Jess Pava fünf Soldaten niederschoss. Sie teilte Rey mit einer kurzen Geste mit, dass es an der Zeit war, sich ein Schiff zu suchen. Rey schnappte sich eine abgelegte Rüstung, aus einer Kiste, da ihre eigene unbrauchbar geworden war. Die Waffen nahm sie den toten Sturmtrupplern ab. Die Ressourcen des Widerstands waren knapp. Deshalb plünderte Rey das Schlachtfeld. Dann ging es an ihre Spezialität: Schiffe kapern. Sie nahm sich einen Frachter, der aussah wie der, den sie bei der Flucht zusammen mit ihren beiden engsten Freunden gestohlen hatte. Rey bestieg das Schiff über die Laderampe. Die geplünderte Ausrüstung schnallte sie an der Wand fest. Bei Frachtern war das möglich. Dann begab sie sich zum Computer, wo sie sich ins Sicherheitssystem hackte. Diesmal hatte Rey aber kein Glück. Der Algorithmus war unmöglich zu knacken. „Pieeep, Piep, Piiiellliiip.“ Da rollte Rey etwas entgegen. „Ich glaube, du solltest dich ausruhen. Wenn du so einen einfachen Algorithmus nicht knacken kannst, bist du wirklich fällig.“ Es war BB-8. Rey freute sich. „Wunderbar. Dann gehe ich mal schlafen!“ Sie wurde ironisch.
„Du machst es viel zu kompliziert!“, beschwerte sich BB-8. „Mein Kern registriert einen Anflug von Ironie. Vielleicht habe ich ein paar gute Witze in meiner Datenbank. Deine Sprüche sind nicht ganz up-to-date.“
Rey schüttelte belustigt den Kopf. „Sicher.“ Ein Astromech wollte sie da beratschlagen? Sehr schön. Fehlte noch eine feuerspeiende, fliegende Echse. Wo war Sura, wenn man sie brauchte? Hier war sie nicht.
Zumindest wusste BB-8, wie man jemanden aufmunterte. Nach dieser Tortur konnte Rey das wirklich gebrauchen. Natürlich versuchte sie, diese bittere Pille zu schlucken, aber abschütteln konnte sie den Schmerz nicht. Als der Algorithmus umgangen war, stießen die anderen zu ihnen.
„Sind alle bereit?“, fragte Wexley.
„Bereit.“
„Es kann losgehen!“, rief Rey.
Der General nahm sie zur Seite, noch als die Laderampe wieder hochklappte. „Du solltest dich ausruhen. So viel Blut wie du verloren hast, solltest du dich möglichst nicht mehr bewegen.“
„Ja, Ma‘am.“ Oder hätte sie eher „Ma“ sagen sollen?

„Sie haben mir nicht gesagt, dass Rey...“ Sura war kreidebleich geworden. Sie warf Rey einen entsetzten Blick zu. „Das können Sie nicht machen! Wenn sie mich mitgenommen hätten, dann hätte ich das Gift gleich neutralisieren können! Aber das… sind keine guten Neuigkeiten.“
Der General runzelte die Stirn. „Sura, klären Sie mich doch auf! Ist Rey in Gefahr?“
Sura schüttelte den Kopf. „Keine Gefahr, aber womöglich bleibende Schäden. Das Gift ist genau auf das genetische Profil von Rey zugeschnitten worden. Wenn wir keinen lebenden Verwandten von Rey finden, dann wird sie ihre Fähigkeit, die Macht zu nutzen, bald verlieren. Ich könnte natürlich versuchen, ihre DNA zu überschreiben, aber das wird sehr gefährlich.“
Der General war selbst überrascht. „Wie, es wird gefährlich? Und, wie meinen Sie das? Sie wollen ihre DNA ‚überschreiben‘?“
„Das bedeutet, ich muss herausfinden, wo sich das Gift angesetzt hat. Vielleicht wäre es möglich, den Fehler durch ein Gegengift auch wieder zu beheben, aber… Ich habe keine Formel. Und das genetische Profil von Rey habe ich auch nicht, zumindest nicht vollständig.“ Sura senkte den Blick. „Das heißt, ich habe sehr viel Arbeit vor mir.“
„Sie will kein Jedi-Ritter werden. Vielleicht will sie gar nicht, dass man sie therapiert“, meinte der General. Ihre Augen waren glasig.
„Sie verstehen das nicht“, begann Sura. „Wenn Rey ihre Fähigkeiten die Macht zu nutzen verliert, gibt es keine Hoffnung mehr.“
Der General schien erschrocken. „Sura, Sie verschweigen mir etwas! Sie… wissen etwas.“
„Ja, das tue ich. Und ich denke, es ist an der Zeit, ihnen die Wahrheit zu sagen. Jetzt, da ich weiß, dass ich ihnen vielleicht doch vertrauen kann...“ Sura stieß die Luft aus. „Aber in Worten werden Sie es mir nicht glauben.“ Sie zog den General mit sich. „Sie ist unsere letzte Hoffnung. Wenn Sie die Wahrheit kennen, werden Sie verstehen, warum. Ich weiß nicht, wer ihre Eltern waren, aber… es scheint, als seien sie in der Vergangenheit nicht ganz unbedeutend gewesen.“
„Sura!“, rief der General. „Sie nehmen mich mit ins Labor? Ich mag der General sein, bin aber nicht autorisiert worden, das Labor zu nutzen.“
„Dann erhalten Sie diese Erlaubnis eben durch mich.“ Sura öffnete die Tür. „Kommen Sie! Wir haben keine Zeit.“ Sie führte den General zu den Computern, wechselte das Programm und suchte nach ‚Rey Scavenger‘.
„Warum heißt sie denn ‚Scavenger‘?“, fragte Leia neugierig. „Ihre Eltern heißen doch nicht...“
„Nein, das glaube ich nicht. Eigentlich ist das so ein kleiner Scherz von Rey. Sie nennt sich so, weil sie eine Zeit lang alleine in der Wüste überleben musste. Sie hat alten Schrott gegen Nahrung, Wasser und andere Dinge getauscht. Und deshalb meinte sie, der Name würde passen, da sie sich an diese seltsamen Vögel erinnert, die in den Dünen heimisch sind.“ Sura wischte mit der Hand über das Hologramm. „Ich schätze, das ist der wahre Grund, warum sich die Erste Ordnung für Rey so sehr interessiert.“ Der General schwieg. Es schien, als versuche sie das Gesehene gerade zu verarbeiten. Als sie sich wieder regte, legte sie ihren Kopf auf den Tisch. Für eine Hoheit war das nicht typisch, für das Ausmaß der Situation jedoch angemessen. Sura legte der älteren Dame eine Hand auf die Schulter. „So habe ich mich auch gefühlt.“ Doch der General schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein! Das Ergebnis hier würde doch voraussetzen, dass...“ Sie wagte es kaum, den Gedanken zu Ende zu denken. „Szirha hatte recht. Die ganze Zeit über. Und ich wollte es einfach nicht wahr haben...“
Jetzt war es Sura, die es nicht verstand. „Rey liebt ihre Mutter. Und das, wo sie diese doch kaum kannte. Ich habe nie verstanden, warum, aber ich habe es akzeptiert. Aber heute fällt es mir schwer, zu verstehen, warum Szirha ihre Tochter in der Wüste versteckt hat.“
Der General nickte. „Sie wollte meine Organisation beschützen. Rey gleichzeitig zu beschützen wäre aber schwierig geworden, wenn sie sich hätte einbürgern lassen. Ich vermute, das ist auch der Grund, warum sie ausgerechnet ins heilige Dorf der Acht gegangen ist.“
„Das heilige Dorf der Acht?“, hakte Sura nach.
„Lor San Tekka lebt dort. Er hat sein Leben der Macht verschrieben. Er kann sie zwar nicht nutzen, hat aber sehr viel Wissen über sie erlangt. Trotzdem hat er es sich auf die Fahne geschrieben, alle zu beschützen, die diese Gabe besitzen.“ Der General hielt inne. „Szirha hatte er aufgenommen, weil sie zu diesen Leuten gehörte. Aber nie hätte ich gedacht, dass ihre Macht so groß ist.“
„Vielleicht ist Szirha aber nicht der Grund, warum Rey so mächtig ist“, vermutete Sura. „Wir wissen schließlich immer noch nicht, wer der Vater ist.“
„Mein Bruder kann es nicht gewesen sein.“
„Ich könnte das überprüfen“, unterstrich Sura.
Der General wirkte für einen Moment ratlos.
Sura lächelte einfühlsam. „Ich werde meine Arbeit machen. Ich brauche ihr Blut, Ma‘am. Ein Tropfen würde reichen. Wenn sie auch nur entfernt verwandt sind, dann wird das vielleicht sogar reichen. Ich… muss ihnen die Ergebnisse auch nicht mitteilen. Wenn es ihnen wichtig ist, dann werde ich mein Wort halten. Ich kann schweigen, wenn sie unbehelligt bleiben wollen. Und ich breche nie ein Versprechen.“
„Sie haben der Ersten Ordnung doch einen Eid geschworen, Sura.“ erfragte der General.
„Nein, das habe ich nicht. Niemand hat das. Die Generäle vertrauen auf die Loyalität ihrer Soldaten, das beinahe blind. Und das war schon immer ihre größte Schwäche: Ihre Arroganz. Sie glauben, durch ihre Effizienz könnte ihnen niemand entsagen. Wie sehr sie sich doch geirrt haben.“ Sura setzte sich auf die Couch. Eigentlich hatte sie die Couch ins Labor befördert, wenn sie in Bereitschaft arbeitete. Selbst als Arzt konnte man nicht die ganze Nacht lang wach bleiben. Wenn sie nicht gerade ein Notfall in Atem hielt, schlief sie.
„Gut. Wenn die Möglichkeit besteht, Rey so zu helfen, dann werde ich das tun.“ Man konnte Leia ansehen, wie widerstrebend sie diese Entscheidung traf. „Aber ich brauche Zeit. Wenn Rey meine Nichte ist, dann soll es mir mein Bruder sagen. Ich will, dass er es mir sagt. So etwas durch das Labor zu erfahren, ist einfach nicht angemessen. Ich will Szirha nicht verraten. Und wenn sie schwieg, weil sie meinen Bruder beschützen wollte, dann habe noch eine Schuld zu begleichen.“
Sura atmete erleichtert auf. „Sie wissen nicht, wie sehr ich ihnen danke. Ich werde Wort halten, das schwöre ich.“
„Eine Ausnahme gilt. Ich meine, so langsam werde ich alt. Und ich weiß nicht, wie lange ich es machen werde. Sollte es offensichtlich sein, dass ich gehen muss, dann sagen Sie es mir, Sura. Sagen Sie es mir, indem Sie Rey zu mir bringen, wenn sie meine Nichte ist. Wenn das nicht der Fall ist, dann tun sie das aber nicht.“
Sura nickte. „Ich verstehe. Es ist aber auch sehr wahrscheinlich, dass sie nicht verwandt sind. Wir wissen schließlich immer noch nicht, wer Szirha eigentlich ist.“ Sie entnahm das Blut.
„Sagen Sie es auch meinen Kollegen nicht, Sura.“
„Das schließt mein Versprechen auch mit ein. Ich respektiere ihren Wunsch, Ma‘am. Zwar finde ich es grenzwertig, dass Rey dann immer noch glauben würde, sie sei allein, aber da sie es dann auch nicht wissen, geht das für mich in Ordnung.“ Sura jagte die Probe durch die Analyse. „Und vielleicht wäre es besser, wenn sie jetzt gehen würden. Das Ergebnis wird in wenigen Minuten auf in Erscheinung treten.“
„Ich bin ihnen das schuldig, Sura. Ich habe ihnen Unrecht getan, als ich ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt habe.“
Sura schwieg. Sie war schon in ihre Arbeit vertieft. Der General ging. Jemand, der so fleißig war wie Sura, war einfach unbezahlbar. Hoffentlich überarbeitete sie sich nicht…

Es dauerte drei Wochen, bis Sura das passende Gegenmittel gefunden hatte. Und das ging nach ihrer Ansicht noch ziemlich schnell. Sie verabreichte es Rey im Schlaf, die in den letzten Wochen sehr viel geschlafen hatte. Nicht, weil sie sich krank fühlte. Sie war einfach ausgelaugt. Die Folter hatte sie geistig sehr mitgenommen. Zwar machte sie vorübergehend eine Therapie, aber die hatte ihren Preis. Rey konnte kaum mehr ruhig schlafen. Für sie war es, als durchlebe sie diese Qualen des Nachts immer wieder. Finn liebte Rey wie eine Schwester. Er litt auch, deshalb verbrachte er die Nächte zusammen mit Rey, weckte sie, wenn sie wieder anfing so zu schwitzen… Sura meinte, Rey müsste etwas mehr Geduld mit sich haben. Traumata ließen sich nicht in einer Woche bewältigen. Sie verschrieb Rey Tabletten, die sie in einen traumlosen Schlaf versetzten. Aber sie hatten auch einen entscheidenden Nachteil; Rey konnte sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren. Immer wieder machte sie Fehler. Einmal mehr wurde sie von ihre Vorgesetzten ausgeschimpft, bis sie dann beinahe durchdrehte. Sie ließ sich von Sura krank attestieren. Während sie zu Hause war, bastelte sie wieder in der Küche herum. Kochen konnte sie nicht, den Herd reparieren schon. Zumindest machte sie hier keine Fehler. Einen Herd zu reparieren war auch keine Herausforderung für sie. Rey langweilte sich immer mehr. Dann tauchte der General auf. „Ich habe etwas für dich, Rey!“, lautete die Begrüßung. „Ich hörte, du hast Schwierigkeiten bei der Arbeit. Ich denke, ich kann dir da vielleicht helfen.“ Rey sprang auf. Das Werkzeug fiel scheppernd auf den Boden. Zwar zuckte Rey kurz zusammen, aber sie fand ihre Konzentration überraschend schnell wieder.
„Ich weiß, du kannst dich nicht gut konzentrieren in letzter Zeit. Deshalb habe ich eine Idee. Erinnerst du dich nach an Frau Reegan? Sie hat einen gesunden kleinen Jungen geboren“, meinte der General. „Aber sie muss jetzt wieder arbeiten gehen. Deshalb hat sie mich gefragt, ob du Interesse hast, auf den Kleinen Acht zu geben. Sie will dich auch gut bezahlen.“
„Ich kann meine Arbeit doch nicht aufgeben.“
„Es ist doch lediglich ein Angebot für eine vorübergehende Versetzung.“ Der General sah Rey in die Augen. „Sie mag dich. Das bedeutet, sie ist überzeugt von deiner Unschuld. Und wenn sogar sie sagt, dass du keine Schuld trägst, dann wird das auch so sein.“
Rey zögerte. „Ich werde es tun. Neben meiner Arbeit. Und Geld… nein, das kann ich nicht! Ich werde es tun, weil ich ihnen das schuldig bin. Das heißt, sie soll mich auch nicht bezahlen.“
„Deine Wahl“, sagte der General. „Ich habe nicht das Recht, über dein Leben zu urteilen, Rey. Aber darf ich dir zumindest einen Rat geben? Wenn du Ablenkung suchst, dann nicht immer durch Arbeit. Warum triffst du dich nicht auch mal mit deinen anderen Freunden? Poe Dameron. Er ist es, der mich immer nach dir fragt. Er will dich sehen.“ Sie wandte sich wieder zur Tür. „Komm doch mit!“

Finn betrat das Appartement. Das Training war heute wieder hart. Und er war ausgesprochen hungrig. Finn ließ die Karte auf den Tisch fallen, die eigentlich als Schlüssel fungierte. Gerade, als er sich setzen wollte, bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Der Teppich war befleckt mit einer roten Flüssigkeit. Finn beugte sich vor. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte er meinen, es sei Blut. Vielleicht hatte Rey wieder versucht, eine Muja zu schneiden und glatt unterschätzt, wie sehr die Frucht spritzte. Deshalb sollte man sie auch unter Wasser öffnen!, erinnerte sich Finn. Er war der beste Koch in der Familie. Aber das war kein Kompliment, wenn man bedachte, dass weder Rey, noch Sura gute Köche waren. Mit Obst und Gemüse kannten sie sich auch nicht aus. Zumindest hatten sie es bei der First Order nie selbst zubereiten müssen. Finn tauchte seinen Finger in die Flüssigkeit. Er schnüffelte. Sie roch nach Kupfer. Finn nahm seine Vermutungen zurück. „Blut...“, flüsterte er. „Sura… Geht es dir gut?“ Die Angst trat schleichend zum Vorschein. Finn richtete sich auf, suchte das ganze Haus ab. Aber da war niemand. Schließlich fand er einen Brief unter der Couch. Er war an Rey adressiert. Finn wusste, dass es sich nicht schickte, die Post anderer zu öffnen, aber hier lief etwas mächtig schief… Ging es Sura gut? Versuchte jemand, Rey zu erpressen. Er wusste es nicht. Finn riss den Brief auf. Er war Rey eine Erklärung schuldig, das stand fest. Briefe waren für persönliche Anlässe eher untypisch beim heutigen Stand der Technik. Nicht allein deshalb wurde er stutzig. Finn nahm einen verschwindend kleinen Zettel heraus. Drei Worte standen hier geschrieben. Und doch war ihre Bedeutung mehr als erschütternd: „Deine Mutter lebt.“ Wie paralysiert stand er da, unwissend, wie das sein konnte.
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