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Mutual

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
OC (Own Character) Shawn Peter Raul Mendes
11.06.2018
25.11.2021
19
26.673
5
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25.11.2021 1.261
 
Ich entscheide, statt nach Hause, wo ich mich den Fragen meiner Familie stellen müsste, noch eine Weile in mein absolutes Lieblingscafé zu gehen. Auf dem Weg dorthin schreibe ich Shawn schnell, dass er mich mal anrufen soll. Das Café liegt in einem Hinterhof etwa zehn Minuten von der Schule entfernt und ist ziemlich klein, aber für mich gibt es keinen schöneren Ort, um seine Ruhe zu haben. Die kleinen Glöckchen an der Tür bimmeln, als ich eintrete und zielstrebig meinen Stammplatz in der Ecke neben der Theke ansteuere. Erst im letzten Moment bemerke ich, dass an dem Tisch bereits ein Junge in meinem Alter sitzt und auf seinem Handy herumtippt. Ich will mich unbemerkt umdrehen und zu einem anderen Tisch gehen, doch der Junge hat mich bereits bemerkt. „Du kannst dich gerne hier hinsetzen, wahrscheinlich sollte ich mich sowieso mal wieder an die Arbeit machen“, bietet er mir an. Ich winke ab. „Ach schon okay. Bleib ruhig sitzen!“ „Nein, im Ernst. Du kannst dich da hinsetzen, schließlich muss ich dich ja jetzt sowieso bedienen.“ „Mich bedienen? Seit wann arbeitest du denn hier? Und wo ist Bernd?“

Bernd ist der Besitzer des Cafés und mit seiner witzigen Art sehr beliebt bei den Gästen. Auch mich hat er schon so manches Mal aufheitern können nach einem schlechten Tag in der Schule oder Stress zu Hause. „Ich helfe hier nur aus, so lange bis Bernd sich wieder erholt hat. Er hat sich letzte Woche den Fuß gebrochen“, erklärt der Junge und verschwindet dann hinter der Theke. „Was darfs denn sein?“, fragt er und ich bestelle einen Cappuccino. Dann lasse ich mich in die plüschigen Kissen sinken, die auf der Bank liegen und so gar nicht zu einem Café passen, das einem zwei Meter großen und gefühlt ebenso breiten Mann gehört. Für einen Moment schließe ich die Augen und seufze tief. Hoffentlich ruft Shawn bald an und bietet mir seelische Unterstützung. So lange kann ich ja meine Hausaufgaben machen.

Doch gerade als ich meinen Ordner herausholen und mich an meine Physikaufgaben machen will, kommt mein Kaffee. Na gut, der geht auf alle Fälle vor. „Ich bin übrigens Marko“, stellt die Aushilfe sich vor und lässt sich auf den Platz mir gegenüber fallen. „Ich bin Lissi“, erwidere ich und betrachte ihn neugierig. Seine dunkelblonden Haare fallen ihm in Locken in die Stirn und seine Muskeln zeichnen sich deutlich unter seinem weißen T-Shirt ab. Er ist durchaus attraktiv und passt in dieses Ambiente ebenso wenig wie Bernd. „Wie kommst du zu diesem Job?“, frage ich. „Meine Eltern sind mit Bernd und seiner Frau befreundet und dann wurde ich gewissermaßen hierzu verpflichtet.“ Er zieht eine Grimasse. „Gefallen dir die Plüschkissen etwa nicht?“, tue ich geschockt. Marko lacht kurz, wird dann aber wieder ernst. „Naja, es ist schon ziemlich anstrengend neben der Schule noch zu jobben.“ „Du machst das doch erst seit einer Woche, oder? In welcher Klasse bist du denn, dass dein Leben so anstrengend ist?“ „In der 12.“

„Sag mal, kannst du denn zufällig Physik?“ „Also eigentlich hab ich das abgewählt, aber ich kann es ja mal versuchen...“ Interessiert beugt er sich nach vorne und wirft einen Blick auf meine Aufgaben. „Oh, das wäre echt super! Ich checke da inzwischen nämlich gar nichts mehr, aber zum Glück bin ich das in drei Monaten eh los.“ „Also bist du in der E-Phase?“ Marko sieht mich interessiert an. Ich nicke und dann verstreicht die nächste Stunde damit, dass Marko versucht, mir Physik zu erklären, wobei er sogar mehr oder weniger erfolgreich ist. Als ich fertig bin, schaue ich auf mein Handy und sehe, dass Shawn mich bereits vor einer dreiviertel Stunde versucht hat anzurufen, doch als ich zurückrufe, geht er nicht dran. Danach reden Marko und ich über dies und das und müssen dabei eine Menge lachen. Somit vergesse ich tatsächlich, dass ich auf einen Anruf von Shawn warte und morgen die Schule wieder auf mich zukommt. Samt neugieriger Blicke und bescheuerter Fragen.

Irgendwann klingelt endlich mein Handy. Inzwischen ist es schon später Nachmittag und ich bin froh, dass er sich endlich meldet. „Sorry, da muss ich dran gehen“, entschuldige ich mich bei Marko und laufe dann mit meinem Handy in der Hand vor die Tür. Ich nehme das Gespräch an, ohne auf das Display zu schauen und bin deshalb auch ziemlich überrascht, dass nicht Shawn, sondern eine aufgebrachte Maria am Telefon ist. „Oh mein Gott, hast du dieses Interview gesehen? Bitte sag mir, dass ich da irgendwas falsch verstanden habe“, ruft sie mir ins Ohr. „Äh, was? Welches Interview?“ Ich habe echt keine Ahnung, wovon sie da spricht und wenn ich es mir so überlege, will ich es vielleicht auch gar nicht wissen. „Oh, du hast es noch nicht gesehen.“ Es ist eine Feststellung, aber trotzdem antworte ich mit einem „anscheinend ja nicht“. „Schau es dir bitte an und ruf mich dann wieder an! Ich schick dir einen Link.“ Und schon hat sie wieder aufgelegt. Allerdings erhalte ich ungefähr zehn Sekunden später den versprochenen Link. Da das Interview wirklich wichtig zu sein scheint, beschließe ich, mein restliches Datenvolumen dafür zu opfern und es mir gleich hier draußen vor dem Café anzuschauen. Während das Video lädt, sehe ich, dass es erst vor einer halben Stunde hochgeladen wurde und trotzdem schon knapp 50.000 Aufrufe hat.

Als es geladen hat, muss ich kurz schlucken. Shawn sitzt neben einer ziemlich hübschen Frau und wird von ihr interviewt. Er wirkt nervös und schaut immer wieder auf seine Hände, die sein Handy umklammern. Die ersten drei Minuten verstehe ich nicht, was an diesem Interview so bahnbrechend sein soll. Es ist genau gleich wie tausend andere Interviews auch schon. Doch dann stellt die Interviewerin diese eine Frage: „Das Mädchen, mit dem du in Frankfurt händchenhaltend gesichtet wurdest, ist das deine Freundin?“ In diesem Moment geht mir ein Licht auf, warum Maria so aufgeregt war. Gleich wird er von mir erzählen und dieses Video können sich einfach alle auf Youtube ansehen. Shawns Gesichtsausdruck wird, wenn das überhaupt möglich ist, noch etwas versteinerter. „Ähm... also dieses Mädchen, sie... Ich war in Frankfurt, um einen Teil eines Musikvideos für meine neue Single zu drehen. In einigen, wenigen Sequenzen werde ich auch mit diesem Mädchen zu sehen sein. Leider hat die Presse diese Bilder vollkommen verdreht und sie so dargestellt, als würde ich mit meiner Freundin durch Frankfurt laufen. Doch da muss ich leider alle enttäuschen. Ich bin... Ich bin weiterhin single.“ Fassungslos starre ich mein Display an. Ich höre die Worte und kann sie auch richtig ins Deutsche übersetzen und trotzdem verstehe ich nicht, was das alles heißen soll.

Ich spule zurück und höre mir die Sequenz nochmal an. Das kann doch nur ein schlechter Witz sein! Oder warum macht er das sonst? Gleich löst er bestimmt auf, dass er gerade alle verarscht hat und jeder voll drauf reingefallen ist. Doch es kommt nichts weiter. Die Interviewerin widmet sich schon dem nächsten Thema: Dem neuen Song, den er ja anscheinend samt Musikvideo veröffentlichen wird. Ich verstehe es immer noch nicht! Erst küsst er mich und dann lässt er mich fallen wie eine heiße Kartoffel? Das ist doch Bullshit! Oder will er mich vor der Öffentlichkeit schützen und erzählt das alles nur, um die Aufmerksamkeit von mir wegzulenken? Obwohl ich versuche, an diesem Gedanken festzuhalten, füllen sich meine Augen mit Tränen. Ich stürze zurück in das Café, wo Marko mich fragend ansieht und schnappe mir meinen Rucksack. Marko versucht mich festzuhalten und will wissen, was denn los sei, aber ich reiße mich ohne ein Wort von ihm los und stolpere hinaus auf die Straße.
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