Verwandlungen

GeschichteFreundschaft, Tragödie / P12
Remus "Moony" Lupin Sirius "Tatze" Black
10.06.2018
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Verwandlungen


für Jadeherz


Sirius konnte es kaum glauben. Pettigrew war gefasst. Er würde verhört werden, nach Askaban gebracht … und er, Sirius, wäre endlich frei. Harry hatte eben zugesagt, dass er bei ihm wohnen wollte, und nur einige Schritte vor ging Remus, der ihm als einziger der damaligen Rumtreiber noch geblieben war. Und der ihm vertraut hatte, fast sofort geglaubt hatte, dass Sirius nicht Harry und die anderen in die heulende Hütte gelockt hatte, um sie zu töten. Diese Minuten, in denen die kleine, absurde Karawane den Weg zum Schloss hinaufzog, waren die glücklichsten Momente, die Sirius seit langem erlebt hatte. Bis der Vollmond von einer verräterischen Wolke entblößt wurde. Und in einem Augenaufschlag erstarrte die ganze Welt; erstarrte so verkrampft und schmerzhaft wie Remus in der anbrechenden Verwandlung.

~*~


Blöde Witze waren schon lange Sirius' Mittel der Verbindung mit seiner Umwelt gewesen. Anders hätte er nicht atmen können, in einer Familie, in der man das Gefühl hatte, durch zähen, schwarzen Teer zu sprechen und Luft zu holen. Wie in Notwehr hatte er sich so schon früh diese Schutzschicht aus Sarkasmus zugelegt, attackierte in zynischem Spott sich selbst und die Welt bevor diese ihn anspringen konnte. In Hogwarts dann war die eiseskalte Verachtung aufgetaut und aus verletzenden Sprüchen, nach denen er der einzig Lachende war, waren meist eher freundliche Neckereien geworden. Liebevoller Spott, den seine Freunde auch als solchen zu schätzen wussten – wenn die anderen Rumtreiber Opfer von seiner wie maßgeschneiderten Ironie wurden, dann war dies eine Brücke zwischen Menschen, keine Mauer.

Auch als sie erkannt hatten, was es mit Remus‘ Unpässlichkeit bei Vollmond auf sich hatte, hatte Sirius zunächst mit Scherzen reagiert. Er und James hatten schon schnell den Spitznamen Moony etabliert, doch zwischen den Witzen und Sprüchen auch den Plan geschmiedet, dass die ganze Gruppe zu Animagi werden sollte. Den großen Hund hatte Sirius sich mit dem Gedanken ausgesucht, dass es eventuell auch ein Mal nötig sein würde, Remus zu bändigen. Doch ihm gefiel auch der Gedanke, ein Tier gewählt zu haben, dass dem Wolf des Freundes so verwandtschaftlich Nahe stand. Es war eine Geste, die besagte: du bist nicht alleine, Wölfchen. Auch ich kann den Mond anheulen. Ich bin dein Rudel.

So etwas hatte er vielleicht sagen wollen, in jener Nacht, als sie alle sich zum ersten Mal gemeinsam verwandeln wollten. Einen Witz über Rudelmentalität schon auf den Lippen sah er, wie sein Freund, der im blassen Licht des Vollmonds noch blasser und nervöser als für gewöhnlich schon wirkte, für einen Augenblick zwischen Mensch und Tier schwebte. Dann setzte die Verwandlung ein und jeder Anflug von Humor erstarb in Sirius. Denn er erkannte jetzt, dass mit all ihren Mühen, sich die Fähigkeit von Animagi anzueignen, dennoch etwas unüberbrückbar bleiben würde, zwischen ihnen und Remus. Zwischen ihm und Remus, zwischen Hund und Wolf. Denn während auch er die Verwandlung nicht unbedingt als angenehm empfand – wie angenehm konnte schon eine derartige Neuordnung der skelettalen Struktur sein? – sah er in Remus‘ verrenkten Schmerzen all die Unterschiede zwischen einer Verwandlung, die man monatlich durchlitt, und einer, die man sich selbst ausgesucht hatte.
~*~


Als er Remus nun so vor sich sah, musste Sirius an diese erste gemeinsame Verwandlung denken, und an diesen grundlegenden Unterschied, der ihm damals aufgegangen war. Remus suchte sich das nicht aus. Er sah ihn kämpfen, und er wusste, wie alles ausgehen würde, als habe sich die Nacht schon abgespielt. Ein Werwolf, ein entlaufener Mörder, drei verwirrte Dreizenjährige gegen die Autorität eines langjährigen Hogwartsangestellten. Er würde wieder in Askaban landen, er würde Harry nicht wieder sehen, und als ihm dies aufging, fühlte er, als gäbe es gar nicht mehr viel Seele in ihm, die der Kuss eines Dementors heraussaugen könnte. Doch er schloss seine Augen, verschloss seine innere Leere, verschob all dies auf später. Jetzt musste er die Kinder vor Remus retten – und später Remus vor den quälenden Schuldgefühlen, die den Freund umgaben wie ein grauer Schleier, und das schon immer.


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Liebe Jadeherz,
Es ist, wie du siehst, ein Text zu Sirius und Remus geworden, und zum Prompt "Ein Witz, der noch auf den Lippen erstirbt". Ich fand es inspirierend, mal einen Blick in die Freundschaft der beiden zu werfen, und ich hoffe, dieser kurze Einblick gefällt dir, auch wenn er alles andere als fröhlich ist. ;-)
Viele Grüße & einen schönen Sommer!
Jubilee
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