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Homecoming

von Katana
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Carl Manfred RK200 Markus
09.06.2018
09.06.2018
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»Alarm deaktiviert. Willkommen zu Hause, Markus.«

Die helle elektronische Stimme begrüßte ihn, wie sie es früher immer getan hatte. Sie klang vertraut und dem Androiden überkam sofort ein Gefühl des Nachhausekommens.

Aber es war nicht mehr so. Er wohnte schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr hier und vergaß dabei fast, dass erst ein paar Monate vergangen waren, seitdem er in der Galerie erschossen wurde und seine Geschichte begann.

Markus ließ die Tür sanft ins Schloss fallen und ging aus alter Gewohnheit hinüber zur Garderobe, wo er sich seines Mantels entledigte. Dicke Schneeflocken ließen dessen schwarzen Stoff etwas ergrauen, bevor sie sich bei den warmen Innentemperaturen verflüssigten.

Tief sog er den Geruch des Hauses ein, das für ihn so lange ein Heim war. Der Geruch war vom Luftstoß, der eben von draußen hereinkam, geschwängert von klammer Kälte, dazwischen lag etwas bekanntes, wohliges, das er nicht so recht definieren konnte. Mochte das Holz der Möbel sein und der Geruch von Carl mit einem Hauch von Farbe darin. Es war jedenfalls ein schöner Geruch.

Er ging hinüber zum Spiegel und beugte sich ein Stück nach vorne. Es war ein anderes Gefühl hier zu sein und beim Anblick seiner selbst im Spiegelbild wurde ihm schnell klar, woran das lag – Er war jemand anderes. Oder noch mehr. Er war jemand. Und das in einer Form, wie er es vorher nie gewesen ist, selbst bei seinem letzten Besuch.

Aus dem Augenwinkel erkannte er den hohen goldenen Vogelkäfig. Er stand, wie alles andere im Eingangsbereich auch, noch an seinem gewöhnlichen Platz. Kein Mucks war zu hören und intuitiv trat er vor ihn und sah hinein. Die kleinen gelben Vögel standen regungslos auf ihren Sprossen. Markus öffnete das Gittertürchen und aktivierte sie. Es war zwar für ihn kein besonders schöner Anblick, dass diese kleinen Geschöpfe eingesperrt waren, aber sie hatten zumindest das Recht, angeschaltet zu sein. Und wenn es auch der noch so kleinste Android war, dachte er sich.

Wie gern würde er durch das gesamte Haus laufen, um die alte Vertrautheit in ihm noch mehr zu wecken und um zu sehen, was sich vielleicht sogar verändert hatte. Doch das hatte Zeit. Er musste vorher jemand wichtiges sehen. Das war immerhin der eigentliche Grund, weswegen er hier war. Markus drehte sich um und ging die Treppe hinauf in das obere Stockwerk. Ein kurzer Blick zu seiner Rechten reichte aus, um zu erkennen, dass der Rollstuhllift nicht mehr besonders häufig genutzt wurde. Markus entglitt ein leises Seufzen. Oben angekommen, blieb er für einen Moment stehen.

Ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Sein letzter Besuch war schon eine Weile her. Carl würde sich vielleicht verändert haben. Was wenn er auf das, was ihn womöglich erwarten würde, nicht vorbereitet war?

»Hi äh Markus... Hier ist Leo. Leo Manfred. Ich weiß, ist 'n bisschen strange, aber hör zu. Meinem Dad... geht es zur Zeit nicht mehr so gut. Um ehrlich zu sein, sieht es nicht so aus, als würde sich sein Zustand nochmal bessern und ich dachte... Also ich dachte, dass es ihm viel bedeuten würde, wenn er dich noch mal sehen könnte... Er weiß nichts von meinem Anruf und du musst ihm auch nichts sagen, vielleicht regt es ihn auf... Ich war immerhin nicht gerad nett zu dir und äh... Nun... Ich wollt es dich einfach wissen lassen. Wär schön, wenn du's schaffst. Für ihn. ...Bye.«

Wenngleich die Überraschung über diese Nachricht von Leo groß war, war es vielmehr ein Warnschuss für Markus gewesen und er zögerte keine Sekunde. Er machte sich auf den Weg, und nun war er hier. In dem großen Haus des Künstlers, dem er diente, bevor sich die Welt änderte. Und traute sich kaum einen Schritt weiter zu gehen.

Komm schon, du Feigling.

Er hatte sein Volk vereint und eine Revolution angeführt. Und gewonnen. Er stand dem Tod nicht nur ein oder zweimal gegenüber, sondern so oft, dass er aufgehört hatte, mitzuzählen. Ganz zu schweigen von der Angst, die er verspürt hatte, wenn er um das Leben seiner Kameraden bangte. Oder um North. Doch jetzt stand er da, wie angewurzelt an der Treppe und hatte Angst vor den vielleicht letzten Worten, die er und sein Vater miteinander wechseln würden. Er fand dies viel einschüchternder und beängstigender, als in den Lauf eines Sturmgewehrs zu schauen.

Als wären seine Hände verschwitzt vor Nervosität, was allein anatomisch gar nicht möglich war, rieb er die Finger an seinen Handflächen, ehe er sie zu Fäuste ballte. Endlich ging er weiter den Flur entlang. Es war, als überkam ihn ein Déjà-vu, als er einen in weiß gekleideten Androiden erblickte. Er kannte ihn vom letzten Mal, wenn auch nur flüchtig. Markus grüßte mit einem Nicken.

»Guten Tag, Markus. Carl schläft momentan. Er sollte jetzt nicht gestört werden, dazu ist er nicht in der Verfassung«, sagte der Android in weiß zu ihm.

»Ich werde solange warten, Danke.«

Markus' Gegenüber zog kommentarlos von dannen. Er sah ihm nach und plötzlich fiel ihm etwas ein.

»Du bist noch hier«, sagte er nun und lenkte die Aufmerksamkeit des Fremden nochmals auf sich. »Wir sind frei und müssen nicht mehr dienen. Aber du bist noch hier.«

Ein Lächeln legte sich auf das Gesicht des anderen Androiden.

»Ich weiß. Aber ich arbeite gerne hier. Warum sollte ich gehen?«

Es könnte eine Sache sein, die nicht jeder Android verstand. Aber Markus schon. Dafür war er lange genug bei Carl gewesen. Er wusste, dass Androiden hier kein Sklaven waren. Weder früher, noch heute. Und er, Markus, war schon damals freier, als die meisten seines Volkes. Auch, wenn ihm das damals nicht so klar war, weiß er es nun zu schätzen. Heute war er dankbar dafür. Ohne Carl wäre er nicht derjenige geworden, der er jetzt ist. Aber das wollte er ihn auch gerne wissen lassen, drum ließ er nicht noch weitere Zeit verstreichen und ging weiter.

Die automatische Schiebetür öffnete sich in dem Moment, als Markus vom Bewegungssensor registriert wurde. Er trat ein. Der heimatliche Duft vom Rest des Hauses wurde augenblicklich von einem sterilen Geruch übertönt, der den Großteil der persönlichen Note nahm. Markus sah hinüber zum weißen Bett, in welchem sein Vater friedlich schlief, während die Maschinen neben ihm ab und an einen Ton von sich gaben.

Markus setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Er wollte so lange warten, wie es nötig war, bis Carl die Augen öffnen würde. Jetzt, wo er näher an ihm dran war, erkannte er doch einen deutlichen Unterschied zu seinem letzten Besuch. Carl hatte abgenommen. Um nicht zu sagen, Carl war dünn geworden. Seine Muskeln wirkten stark abgebaut, sodass es aussah, als wäre mehr Haut und Knochen unter dem grünen Shirt des alten Mannes. Carl hatte wohl recht, was die Vergänglichkeit der Menschen anging, dachte sich der Android. Sein Gesicht war eingefallen. Trotzdem erkannte man noch sein Gesicht. Darum war Markus froh.

Er ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Eigentlich hatte sich kaum etwas verändert, bis auf... Er verharrte auf das Bild gegenüber von Carls Bett, das über den Kamin angebracht war. Dieses Bild hing dort vorher nicht. Es konnte da nicht hängen, denn es war sein eigenes Bild, das er an jenem Tag malte.

Er erinnerte sich, wie seltsam es sich anfühlte, als Carl von ihm wollte, zu malen. Er sollte dabei schließlich nicht einfach malen –  er sollte fühlen, was er tat. Und das, was er in sich trug auf die Leinwand bringen. Markus schloss die Augen und sah sich selber in der Galerie. Wie er zu Anfang etwas unbeholfen die Farbpalette hielt, sich erst einmal einen Überblick darüber verschaffen musste, wo er welchen Ton fand. Den Pinsel in der rechten Hand haltend und den Geruch der Farbe in der Nase.

Er hatte die Augen auch damals fest geschlossen und stellte sich etwas vor, das ihn bewegte, das ihn inspirierte, das ihn ausmachte... Er spürte, wie die Haare des Pinsels auf der grobkörnigen Leinwand nachgaben. Ein leichter Druck reichte aus, um ihn zu führen. Sein Griff, der fest um den Pinselstiel umschlossen war, lockerte sich bei jedem Strich ein bisschen mehr. Er erinnerte sich an die leuchtenden Farben, wie sie sich miteinander vermischten und neue ergaben, satter wurden, verblassten... Und dann öffnete er die Augen. Und schaute auf sein Werk. Er hatte etwas erschaffen, das vorher keinem anderen Androiden gelungen war. Damit hatte alles begonnen.

»Ma...Markus?«

Carls Stimme durchdrang ihn und Markus richtete sein Augenmerk auf den alten Mann, der wie er Vater für ihn war.

»Ich bin da, Carl«, entgegnete er und lehnte sich etwas zu ihm. Auf seinen Lippen bildete sich ein Lächeln, das sich in Carls Gesicht widerspiegelte.

»Es ist schön, dass du hier bist.«

»Das finde ich auch. Es ist viel passiert.«

»Erzähl es mir.«

Die wohlwollende Miene des Mannes änderte sich in Verwunderung, als er beobachten musste, wie eine Träne über Markus' Wange lief.

»Ist alles in Ordnung, Markus?«, fragte er besorgt.

»Ja«, sagte der Android, wischte sich kurz über das Gesicht und strahlte Carl mit glasigen Augen an. Manch einem Menschen waren solche Emotionen unangenehm, hatte er erfahren. Der Schmerz zerrte an ihm, aber ein Gefühl der Erleichterung linderte ihn auch zugleich. Er war stolz so zu fühlen. Und er sagte nun: »Es ist alles genauso, wie es sein sollte... Ich habe mit meinem Volk gekämpft und wir haben gewonnen. Ein neues Zeitalter ist angebrochen. Und wir sind endlich frei.«

Markus griff nach der Hand seines Vaters.

»Aber jetzt gerade... bin ich einfach nur glücklich darüber, Zuhause zu sein... Dad.«
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