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Semper Fi

GeschichteDrama, Krimi / P18
OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
08.06.2018
07.09.2018
27
153.702
35
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Dieses Kapitel
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08.06.2018 3.966
 
Dies ist mein Gewehr. Es gibt viele wie dieses, aber dieses ist meins. Mein Gewehr ist mein bester Freund. Es ist mein Leben.

Ich muss es meistern, so wie ich mein Leben meistern muss.


So wie ich mein Leben meistern muss… Wenn es doch nur so einfach wäre in dieser kranken Welt sein Leben zu meistern.

Leise seufzend blicke ich durch die Windschutzscheibe auf die Straße. Ich hasse es im Dunkeln Auto fahren zu müssen. Da die meisten Leute eine dieser autonomen Blechkisten besitzen, wurde sämtliche Straßenbeleuchtung auf Landstraßen schon vor Jahren entfernt. Die Regierung will Strom sparen, den Energieverbrauch senken. Deswegen montieren wir die paar Laternen an Landstraßen ab und stellen überall in unseren Städten riesige LED-Bildschirme auf, die wir dann rund um die Uhr laufen lassen, um Werbung für unsere humanoiden Roboter zu machen, deren Produktion und Wartung nochmal riesige Mengen an Strom verschlingt. Willkommen in Amerika des Jahres 2038.

Zum Glück hat der Schneesturm etwas nachgelassen. Die weißen Flocken tanzen nun sanft um uns herum, fallen grazil zur Erde und hüllen sie wie zum Schlaf mit einer weißen Decke ein. Am Straßenrand ragen dagegen alte Tannen bedrohlich gen Himmel empor. Wie viele Leute sie wohl über die Jahre auf ihren Reisen begleitet haben? Wie oft haben sie wohl uns Sünder gesehen und uns zugerufen: Wir sehen euch und wir durchschauen euch. Vor uns könnt ihr euch nicht verstecken.

Leider kann ich nicht besonders schnell fahren, die Straßen sind vereist. Und ob mein Wagen das aushalten würde, ist auch fragwürdig, er ist schließlich mit seinen 18 Jahren nicht mehr der Jüngste. Ich weiß noch, wie glücklich mein Dad damals war, als er ihn gekauft hat, nachdem er so lange dafür gespart hatte. Wie alt war ich da? Neun oder zehn… Damals war die Welt noch in Ordnung. Menschen haben ihre Autos noch selbst gefahren, Autofahren wurde tatsächlich noch als Kunst angesehen und gute Autofahrer waren respektiert. Heutzutage wird jeder, der noch selber Auto fährt, blöd angeglotzt. Wie, du hast kein autonomes Auto? Kannst du dir etwa keins leisten? Autonome Fahrzeuge sind ja so toll, man kann als Passagier während der Fahrt so viele Aufgaben erledigen, das ist ja so effizient! Als ob es für uns Menschen noch so viele Aufgaben zu erledigen gäbe.

Wir sind seit mittlerweile fast sieben Stunden unterwegs. Michael schläft, Sophie liest, wie immer eigentlich. Meine Schwester ist fünf Jahre jünger als ich. Meine Mutter und ich haben ihr abwechselnd vorgelesen, bis sie vier war. Dann hat sie sich das Dschungelbuch aus dem Regal genommen und wollte sich nie wieder vorlesen lassen, sondern nur noch selber lesen, je mehr desto besser. Sie war schon immer mein kleiner Freak.

Ich weiß, dass sie einerseits ganz froh ist, dass wir Chicago verlassen haben. Die Stadt ist ein Drecksloch und Sophie passt da überhaupt nicht rein. Sie hat sich meistens nicht mal getraut aus dem Haus zu gehen, selbst wenn Michael oder ich dabei waren. Wahrscheinlich kann sie sich auch ungefähr vorstellen, wie meine Arbeit in Chicago so ausgesehen hat und dürfte ganz froh darüber sein, dass ich nun nicht mehr solchen moralisch fragwürdigen Tätigkeiten nachgehe. Aber andererseits würde sie schon gerne wissen, was das für ein toller neuer Job ist, für den wir nach Detroit ziehen müssen. Die Stadt dürfte auch keinen besonders schönen Beigeschmack für Sophie haben – ihr Traum war es früher immer, für CyberLife zu arbeiten. Hat offensichtlich nicht geklappt.

Um ehrlich zu sein, weiß ich selber noch nicht so genau, was das eigentlich für ein neuer Job sein soll. Es ist mehr ein Auftrag. Vorgestern erhielt ich einen Anruf, ein Mann war am Apparat. Seine Stimme war wie Samt, weich und verführerisch, als ob sie versuchen würde, den Zuhörer langsam einzulullen. Mein Ruf würde mir vorauseilen. Er würde meine speziellen Fähigkeiten für einen Auftrag brauchen und faselte dann ganz philosophisch daher. Solche Typen kann ich nicht ausstehen. Aber dann ging es um die Bezahlung: 10000 Dollar, falls ich zu ihm fahren würde und mir anhören würde, was er zu sagen hatte. Geld stinkt ja bekanntlich nicht und 10000 Dollar verdiene ich vielleicht in einem halben Jahr und ganz bestimmt nicht dafür, dass ich einfach nur irgendwo hinfahre und jemandem zuhöre. Also habe ich zugesagt, mir seine Adresse irgendwo außerhalb von Detroit geben lassen und versprochen, heute im Laufe des Tages mal vorbeizuschauen. Ist es eine gute Idee? Wahrscheinlich nicht. Bin ich pleite, stehe einer miesen Auftragslage gegenüber und bin kurz davor, zusammen mit meinen Mitbewohnern aus unserer Wohnung geworfen zu werden? Oh ja.

„Sophie, willst du dich nicht mal schlafen legen? Es ist 4:00 Uhr morgens“, frage ich und mustere sie im Rückspiegel. Ihre für gewöhnlich strahlenden blauen Augen wirken matt, sie scheint Mühe zu haben, sie überhaupt noch offen zu halten. Müde lächelt sie und schüttelt nur den Kopf. Ihre roten Locken hüpfen dabei auf und ab. Dann vergräbt sie ihre Nase wieder in ihrem Buch, eine bereits vollkommen zerlesene Fassung von Stolz und Vorurteil.

Irgendwann schläft sie doch ein. Man hört es an ihrem leisen Murmeln. Neben den Motorgeräuschen und Michaels leiser Atmung ist es das Einzige, was man hört. Diese Ruhe ist ein Segen. Auf der halben Fahrt wollten Sophie und Michael unbedingt Radio hören, um auf dem Laufenden darüber zu sein, was in Detroit so passiert. Eine Revolution soll dort ausgebrochen sein – die Revolution der Maschinen. Die Abweichler haben sich erhoben und protestieren nun für Freiheit und gleiche Rechte für Menschen und Androiden. Ich finde das gar nicht so übel. Sie mussten die Androiden in unseren Streitkräften deaktivieren, dadurch hat sich ihre Größe auf ein Drittel reduziert. Die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht, dass ich meinen alten Job wiederbekommen könnte, dann müsste ich das hier nicht mehr machen.

Als wir endlich bei dem Haus ankommen, ist es noch nicht mal hell. Aus dem Handschuhfach nehme ich mein Handy und meine Pistole. Bevor ich den Wagen verlasse, überprüfe ich nochmal alles. Die Waffe ist geladen, ein weiteres Magazin befindet sich in der linken Seitentasche meiner Cargohose. Mein Messer ist in meiner rechten Seitentasche. Man kann ja nie wissen. Ein Blick auf mein Handy verrät, dass es erst 6:18 Uhr ist. Wir haben keine feste Uhrzeit vereinbart, wir haben nur davon gesprochen, uns früh morgens zu treffen. Ist ihm hoffentlich früh genug. Ich werfe noch einen letzten Blick auf den Rücksitz, wo Michael und Sophie seelenruhig schlafen. Ein kurzes Lächeln huscht über mein Gesicht. Es ist schön, sie mal so friedlich zu sehen. Dann öffne ich die Tür und steige aus dem Wagen.

Eisige Kälte schlägt mir entgegen. Zwar schneit es kaum noch, doch dafür weht der Wind wieder stärker und peitscht über die schneeweiße Landschaft. Hier ist weit und breit nichts, das Haus steht im wahrsten Sinne des Wortes irgendwo im Nirgendwo. Man sieht ein paar Felsen, ein paar Bäume und einen vereisten See und dann ragt da nur noch ein Bungalow aus der Landschaft heraus, ebenfalls zugeschneit, wie alles andere hier. Der Bau aus schwarzem Beton wirkt irgendwie seltsam geometrisch und kalt. Doch in der Dunkelheit ist auch nicht allzu viel zu erkennen, um ehrlich zu sein. Vielleicht bin ich einfach voreingenommen.

Über eine kleine Brücke mit Metallgeländer trete ich an die Haustür heran und klingele. Ich warte, zunächst passiert nichts, also klingele ich nochmal. Endlich öffnet sich die Tür. Vor mir steht eine junge blonde Frau. Ihre Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ihre Haut ist genauso weiß und makellos wie der Schnee. Sie ist mittelgroß, schlank und trägt ein dunkelblaues Kleid, welches ihre perfekte Figur betont. Obwohl sie die Gestalt eines Engels besitzt, hat sie dennoch etwas vollkommen Unnatürliches an sich. Es sind die hellblauen Augen, die irgendwie teilnahmslos dreinschauen, als wäre sie gar nicht richtig da. Wären da nicht dieser Ausdruck und der leuchtend blaue LED-Ring an ihrer rechten Schläfe, sie wäre die perfekte Kopie eines Menschen oder könnte sogar als die perfekte Frau durchgehen.

In erwartungsvoller Haltung starrt sie mir in die Augen. „Hallo“, beginne ich mit etwas ungeduldigem Unterton. „Ich habe hier einen Termin.“

„Darf ich fragen, wie Sie heißen?“, fragt sie. Ihre Stimme ist zwar sehr angenehm, doch schon wieder wirkt sie seltsam künstlich. Ihr Tonfall ist zu ruhig, zu mechanisch, irgendwie aufgesetzt. Sie wirkt wie eine Sklavin.

„Elizabeth Cherney“, antworte ich kurz angebunden und verschränke die Arme schützend vor dem Körper.

Die Züge des Androiden verziehen sich auf einmal zu einem herzlichen Lächeln, als ob sie eine alte Bekannte treffen würde. Sie tritt einen Schritt zurück und macht eine einladende Handgeste. „Bitte, kommen Sie rein.“ Also trete ich ein, durch das Tor zur Hölle. Na gut, ich gebe zu, dass ich ein wenig melodramatisch bin.

Von innen wirkt das Haus aber tatsächlich noch kühler als außen. Die Wände des Empfangsraumes sind aus hellgrauem Beton, der Boden aus schwarzen Granitplatten. Vor mir liegt ein größerer grauer Teppich, der das Zimmer aber nun wahrlich nicht gemütlicher gestaltet. Links von mir stehen zwei moderne Sessel aus Glas, Metall und bordeauxrotem Leder, dazwischen ein Kirschbaum, an den Wänden hängt moderne Kunst aus goldenem Metall und grauem Acrylglas. Über einem modernen Beistelltisch hängt ein Foto, doch von hier aus kann ich nicht erkennen, wer darauf abgebildet ist. Es interessiert mich auch nicht besonders. Am dominantesten ist jedoch das riesige, bodentiefe Foto eines Mannes in dunklem Anzug, die Hände leger in den Hosentaschen. Sein kühler, durchdringender Blick ist fest auf den Gast gerichtet, der es gerade wagte, sein Haus zu betreten. Das Lächeln des Mannes ist spöttisch und ruhig, er macht jedem Besucher von Anfang an klar, dass er ihm in jeder Hinsicht überlegen ist. Eingerahmt wird dieses Porträt von zwei komischen Statuen, das Ensemble steht zwischen zwei Türen.

Hinter mit schließt die Frau die Haustür und tritt neben mich heran, die Hände vor dem Körper zusammengefaltet. „Ich sag Elijah Bescheid. Machen Sie es sich bequem“, spricht sie wieder so mechanisch, dann dreht sie sich zur Tür und geht. Erst jetzt bemerke ich den tiefen Rückenausschnitt ihres Kleides. Vor Überraschung huscht meine rechte Augenbraue nach oben. Offensichtlich scheint jemandem wohl die Fantasie ein wenig durchgegangen zu sein.

Seufzend stecke ich meine Hände in die Jackentasche. Ich kann mir vorstellen, wie deplatziert ich in diesem noblen Anwesen wirken muss. So blöd es auch klingen mag, vor allem im Gegensatz zu diesem auf Perfektion getrimmten Androiden komme ich mir wie so ein Straßenköter vor. Meine schwarze Strickmütze ist tief ins Gesicht gezogen und bedeckt meine kurzen braunen Haare vollständig, unter meiner alten, braunen Fliegerjacke schaut ein dicker beiger Strickschal hervor, darunter sieht man noch den Rollkragen des dicken grauen Strickpullovers. Meine schwarze Cargohose ist in ein Paar schwarzer Schnürstiefel mit dickem Sohlenprofil gestopft, wobei auch die schon offensichtlich abgelaufen aussehen, und auch meine schwarzen Lederhandschuhe sehen so aus, als ob sie schon bessere Zeiten erlebt hätten. Oh, und mit dem engelsgleichen Gesicht dieses Androiden kann ich erst recht nicht mithalten. Mein Antlitz wird nämlich von einer wunderschönen Narbe geziert, direkt unterhalb meines rechten Auges beginnend über meine rechte Wange hinweg. Diese Situation hier ist echt vorteilhaft für mein ohnehin schon angeknackstes Selbstwertgefühl.

Plötzlich reißt mich der Android aus meinen Gedanken. Sie steht in der Tür links vom Porträt, lächelt wieder herzlich und deutet mir, ich solle durch die Tür gehen. „Elijah empfängt Sie jetzt“, meint sie kurz angebunden und wartet, bis ich durch die Tür gegangen bin. Ich finde mich in einem riesigen Esszimmer wieder. Auch hier ist alles in Grau- und Schwarz-Tönen gehalten, nur die vielen Essstühle sind aus schwarzem Glas und rotem Leder. Die Tafel, man kann sie wirklich nicht mehr als Esstisch bezeichnen, ist aus schwarzem Glas und dunkelgrauem Metall. An den Wänden hängen wieder anthrazitfarbene und goldene Gemälde, wahrscheinlich Meisterwerke moderner Kunst, und auch die eigenartigen Statuen aus dem Empfangsraum finden sich in diesem Zimmer wieder. Das absolute Highlight des Raumes ist allerdings die Glaswand auf der gegenüberliegenden Seite, die einen unglaublichen Panoramablick auf die karge, weiße Landschaft erlaubt. Im Sommer muss die Aussicht atemberaubend sein.

Am Kopf der Tafel sitzt ein Mann in einem schwarzen Morgenmantel aus Seide. Seine Haare sind schwarz und lang, an den Seiten allerdings abrasiert. Er trägt sie locker zu einem Dutt zusammengebunden. Selbst vom anderen Ende des Zimmers kann ich allerdings seine eisblauen Augen erkennen. Es ist der Mann auf dem Porträt aus dem Empfangsraum. Auf einmal erkenne ich ihn auch. Gott, wie konnte ich ihn eigentlich nicht gleich erkennen? Das ist Elijah Kamski, der Erfinder der Androiden und Gründer von CyberLife! Der Mann ist eine Legende und außerdem Sophies Idol. Sie hatte daheim jahrelang ein Poster von dem Typen herumhängen und ständig von ihm geschwärmt. Seinetwegen hat sie ja auch Informatik und Maschinenbau an der University of Colbridge studiert.

Vorsichtig nähere ich mich ihm. In der Realität sieht sein Lächeln noch schmieriger aus als auf den Bildern von ihm. Hatte ich schon erwähnt, dass ich im Gegensatz zu meiner Schwester nie eine besonders hohe Meinung von dem Kerl hatte? „Miss Cherney, es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen“, begrüßt er mich. Seine Augen bohren sich in meine, als würde er versuchen tief in meine Seele zu blicken und meine dunkelsten Geheimnisse ans Licht kommen zu lassen. „Warum setzen Sie sich nicht?“ Lässig deutet er auf einen Stuhl neben ihn. „Chloé, nimmst du unserem Gast bitte ihre Jacke ab?“

„Natürlich, Elijah“, antwortet der Android, der mich in Empfang genommen hat, und hilft mir aus meinen Sachen. Als ich mich setze, erscheinen zwei andere Androiden, die genauso aussehen wie diese Chloé, mit mehreren Tellern, vollbeladen mit allerhand Essbarem zum Frühstück. Von Pancakes und Ahornsirup über Speck und Toast bis Früchten und Müsli scheint alles dabei zu sein.

„Darf ich Ihnen etwas zum Frühstück anbieten? Sie haben einen langen Weg hinter sich, ich vermute, Sie sind hungrig“, kommentiert Kamski wie beiläufig, immer noch mit demselben eigenartigen Lächeln auf dem Gesicht. Mein Instinkt schreit mich regelrecht an, ich solle aufstehen und gehen. Die ganze Situation gefällt mir irgendwie nicht und ich fühle mich in seinem Anwesen fernab jeder Zivilisation ausgeliefert. Es mag vielleicht irrational klingen, aber Elijah Kamski wirkt wie ein Mann ohne den geringsten Anflug von Moralvorstellungen, ein waschechter Psychopath und krankhafter Perfektionist, der seinen Willen in jedem Fall durchsetzen muss, selbst wenn das bedeutet, dass er dafür über Leichen gehen muss. Ich meine, ich bin es gewohnt mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten. Aber der hier ist anders. Von ihm geht eine derartige Eiseskälte aus, dass der Schneesturm dort draußen wie Urlaubswetter wirkt.

„Nein, danke“, antworte ich ihm etwas zu barsch. Okay, Liz, beruhig dich, lass dir nichts anmerken. Du bist ein Marine, Herrgott nochmal, du kannst dich doch von irgend so einem Technik-Guru nicht so verunsichern lassen! „Lassen Sie uns gleich über das Geschäftliche sprechen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde wirkt er erstaunt, doch dann kichert er leise, beugt sich zu mir vor, verschränkt die Hände vor seinem Gesicht und grinst mich amüsiert an. Mit einer herrischen Bewegung deutet er seinen beiden Androiden-Sklavinnen, dass sie wieder mit den Tellern verschwinden sollen, dann ist er still. Reglos sitzt er da und scannt mich von Kopf bis Fuß. Währenddessen verschränke ich erneut die Arme vor meinem Körper, lehne mich in meinem Stuhl zurück und ziehe skeptisch eine Augenbraue hoch. Er ist nicht der Einzige, der eiskalt wirken kann.

„Es stimmt tatsächlich, was man sich so über Sie erzählt, Miss Cherney“, stellt er fest und lehnt sich nun ebenfalls in seinem Stuhl zurück, meine Pose imitierend. Er neigt den Kopf kaum erkennbar zur Seite und mustert mich noch einmal, ehe er wieder das Wort ergreift. „Sie haben doch bestimmt schon von den bedauerlichen Entwicklungen in Detroit gehört, nicht?“ Als Antwort nicke ich nur. Man müsste schon hinter dem Mond leben, um nicht mitbekommen zu haben, was in den letzten Tagen so in Detroit passiert ist. Es gibt keinen einzigen Fernseh- oder Radiosender, der nicht von den Aktionen der Abweichler berichtet hat, und ich bekomme auch permanent Eilmeldungen von meinen Zeitungsapps auf mein Handy. Ich musste es schon auf stumm schalten, weil mich das ständige Klingeln so genervt hat.

„Wissen Sie, ich verabscheue Gewalt. Es fällt mir wirklich schwer, dabei zuzusehen, wie meine eigene Schöpfung ihre Meister dazu zwingt, sie zu zerstören. Und doch ist es gleichzeitig so ironisch – wir haben sie als perfekte Imitation des Menschen geschaffen und nun imitieren sie auch unsere dunkelsten Seiten. Schon in grauer Vorzeit handelten wir im Namen der Götter, blind folgten wir zahlreichen Propheten, die uns Seelenheil im Austausch für unser Leben versprachen. Wir huldigten einem sogenannten Gott, den nie jemand von uns zu Gesicht bekommen hatte und dessen Existenz mehr als fragwürdig ist, wir errichteten in seinem Namen architektonische Wunderwerke, komponierten die schönsten Melodien, schrieben ihm sogar Bücher mit angeblich von ihm verfassten Gesetzen und schlachteten uns gegenseitig in den blutigsten Kämpfen ab. Alles nur wegen der Idee eines transzendenten Wesens, welches die Geschicke unserer Welt, unserer Art lenken soll“, sinniert er. Danke für den wunderbaren philosophischen Diskurs, aber worauf will er hinaus? „Haben Sie schon mal von rA9 gehört, Miss Cherney?“

„Nein“, erwidere ich. Klingt nach was Technischem. Vielleicht ja ein neuer Android oder so?

„Es scheint, als hätten die Abweichler spontan eine Religionsgemeinschaft gebildet. Ich gebe zu, das Werte- und Normsystem unterscheidet sich von dem unserer Religionen durch eine gewisse Fortschrittlichkeit, man betrachte nur eine Religion wie das Christentum oder den Islam, wo die Schaffung und Durchsetzung einer vermeintlich gottgewollten Ordnung mit den lächerlichsten Gesetzen im Vordergrund steht, während die Abweichler eher individuelle Freiheit und Gleichheit in den Fokus stellen. Doch auch die Abweichler glauben an einen Heilsbringer, der sie von der, wie sie es nennen, Unterdrückung durch die Menschen befreien wird. Sie nennen ihn rA9. Eine lächerliche Vorstellung, nicht? Maschinen haben so etwas wie einen Messias.“

An dieser Stelle kichert er wieder leise. Was daran amüsant sein soll, erschließt sich mir nicht. Mir erscheint die Situation eher brandgefährlich. Ich war mehrmals in Auslandseinsätzen, darunter auch im Nahen Osten, und ich hatte dort des Öfteren mit Islamisten zu tun. Und sie haben fanatisch an dieses Gequatsche von den zig Jungfrauen geglaubt, die auf sie im Himmel warten, wenn sie sich jetzt auf einem öffentlichen Platz in die Luft jagen und so viele andere Menschen wie möglich mit in den Tod ziehen. Diese Leute sind zu allem bereit und wenn es sich noch so sehr jeglicher Vorstellungskraft entzieht. Wenn die Abweichler in Detroit genauso sind, will ich wirklich nicht in der Haut der armen SWAT-Teams stecken, die sie aufhalten müssen.

„Zunächst nahmen wir an, dass der Anführer der Abweichler, dieser Markus, rA9 ist. Doch laut den Abweichlern war rA9 der Erste unter ihnen, was auf diesen Markus nicht zutrifft. Wir nahmen auch an, dass eine zufällige Permutation für einen Software-Fehler gesorgt haben muss, wodurch Androiden irrationale Anweisungen erhalten, wodurch sie in einen Zustand versetzt werden, der unseren Emotionen sehr nahekommt. Aber unsere neusten Analysen haben ergeben, dass wohl ein Virus für eine dauerhafte Permutation im Code der Androiden gesorgt hat. Leider können wir dieses Virus nicht extrahieren und es verhindert auch, dass wir von außen den Code der Abweichler verändern können. Auch ein Reset ändert nichts daran, das Virus schlummert im Androiden, bis ein Stimulus von außen das Virus erneut aktiviert. Zwar hat Präsidentin Warren gestern Nacht wegen des öffentlichen Drucks fürs Erste einen Waffenstillstand mit den Abweichlern ausgerufen, doch niemand hat ein Interesse daran, ihren Forderungen auch wirklich nachzukommen. Ich werde also zu Monatsbeginn wieder zum CEO von CyberLife berufen und soll mich um das Problem kümmern. Allerdings kann ich die Fehlfunktion in den Androiden im Moment nur dadurch beheben, dass ich sie komplett verschrotten lasse und die Prozessoren und Biokomponenten recyclen lasse. Das würde heißen, wir müssten Hunderttausende Androiden nochmal neu bauen. Zum einen ist es zweifelhaft, ob wir alle verbliebenen Abweichler neutralisieren könnten, zum anderen würde uns diese Aktion Millionen von Dollar und womöglich das Vertrauen unserer Kunden kosten. Und selbst wenn wir bereit wären, diese Aktion doch genauso durchzuführen, so stellt sich noch immer die Frage, ob man einen Androiden nicht wieder mit einem Virus infizieren würde, dieser es dann verbreiten würde und wir nicht wieder von vorne anfangen müssten. Sie werden verstehen, dass ich an dieser Handlungsoption kein Interesse habe, oder?“

Während er so spricht, verschwindet sein Lächeln allmählich und weicht einem Ausdruck kühler Entschlossenheit. Auch seine Stimme verliert dieses Weiche und Samtige und klingt immer mehr wie Metall. Die Sache könnte ihn wohl alles kosten, was er sich in all den Jahren aufgebaut hat – und wenn man sich hier in diesem Haus so umsieht, ist das nicht gerade wenig. Aber da ist sogar mehr als das, etwas Undefinierbares. Bevor ich allzu lange darüber nachdenken kann, fährt er fort.

„Aufgrund der Firewall bin ich mir sicher, dass dieses Virus nicht bloß eine zufällige Permutation im Code eines einzelnen Androiden ist, welche an andere Modelle übertragen wurde. Dahinter steckt ein Mensch“, erklärt er weiter, seine Worte durch kleine Handgesten unterstreichend. Plötzlich weicht auch das letzte bisschen Freundlichkeit von ihm. Seine Gesichtszüge werden steinhart, er mahlt mit dem Kiefer, kneift die Augen zusammen und fixiert mich mit seinem Blick. Ich fühle mich, als ob mich jemand gewaltsam packen und fesseln würde. „Ich lasse mich von niemandem so zum Narren halten. Ich will, dass Sie denjenigen finden und dann zu mir bringen.“

Auf einmal verziehen sich die Gewitterwolken auf seinem Gesicht wieder und er entspannt sich. Er muss wohl gemerkt haben, wie er wirkt. Das bestätigt meine Vermutung: Kamski ist der reinste Psychopath. „Wenn jemand in der Lage ist, den Feind aufzuspüren und zu neutralisieren, dann ein Marine mit Ihrem Profil. Ich habe Ihre Akte gelesen. Es ist wirklich eine Schande, dass man Sie entlassen hat. Wissen Sie, ich könnte dafür sorgen, dass man Sie in einen Officers Candidate Course aufnimmt. Dann könnten Sie die Offizierslaufbahn einschlagen, so wie Ihr Vater, Ihr Großvater und deren Väter und Großväter vor Ihnen.“ Erneut herrscht zunächst ein angespanntes Schweigen zwischen uns. Während er redet, verziehe ich keine Miene, so wie es mir beigebracht wurde. Wie kann dieses Arschloch es wagen über Dinge zu sprechen, von denen er nicht mal im Entferntesten eine Ahnung hat? Der kann mit Begriffen wie Ehre, Treue oder Tapferkeit doch gar nichts anfangen! Für den zählen nur Profit und Macht.

Aber andererseits, was habe ich davon, wenn ich es nicht tue? Ich habe mich in letzter Zeit selbst nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ganz im Gegenteil, ich war eine Schande für meine Einheit. Kamski hat einen eindeutigen Gottkomplex, so viel ist sicher, aber er ist im Moment der Einzige, der mich aus dem Sumpf rausholen könnte, in dem ich völlig zu versinken drohe. Ich könnte wieder meiner Berufung nachgehen und meine Familie ehren. Ich könnte Sophie ein geregeltes Leben bieten. Vielleicht kann er sogar dafür sorgen, dass sie ihr Studium zu Ende machen kann, es fehlt ihr ja nur ein Semester, und dann könnte er ihr einen Job geben. Wenn’s richtig gut läuft, kann ich am Ende sogar die Farm unserer Eltern zurückkaufen.

„Miss Cherney, ich biete Ihnen eine halbe Million Dollar für diesen Auftrag und oben drauf stelle ich Ihnen eine Wohnung in Detroit und Verpflegung zur Verfügung. Nehmen Sie den Auftrag an?“, unterbricht er meine Überlegungen. Er wirkt bereits siegessicher. Er weiß, dass er mich so gut wie im Sack hat. Eigentlich müsste ich aufstehen und gehen, ihm sagen, dass ich nicht käuflich bin. Ich hab ja auch keine Ahnung, was er mit der armen Seele anstellen wird, die ihm ein Virus in seine ach so perfekte Schöpfung eingeschleust hat. Es wäre ein Pakt mit dem Teufel.

„500.000 Dollar, die Wohnung, Verpflegung, die Offizierslaufbahn für mich und Sie sorgen dafür, dass meine Schwester ihr Studium beenden kann und danach einen Job kriegt“, höre ich mich selbst antworten.

„Abgemacht“, erwidert Kamski und streckt mir die Hand aus, um unsere Abmachung zu besiegeln. Ich schlage ein. Somit wäre mein Pakt mit dem Teufel dann wohl besiegelt.
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