Side Effect: Love

von MonaGirl
GeschichteDrama, Romanze / P18
08.06.2018
11.07.2019
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Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich hielt das Skript in der Hand, das mein Leben vielleicht für immer verändern würde. Seit meinem Umzug von Seattle nach Los Angeles vor fast zwei Jahren, hatte ich kein vernünftiges Drehbuch mehr in der Hand gehalten. Und dabei war ich mit sovielen Hoffnungen hierher gekommen. Doch ich hatte die bittere Erfahrung machen müssen, dass man auch in Hollywood nicht so schnell einen Job als Schauspielerin finden konnte, selbst wenn man eine gute schauspielerische Ausbildung erhalten hatte. Es gab hier einfach zu viele Mädchen, die ihren Traum leben wollten. Ich war nur eine von vielen und auch so gar nicht das typische 'California Girl'. Ich war mit meinen 1.65 m nicht gerade groß. Weshalb ich für den Modeljob von vornherein schon einmal zu klein war. Doch nicht nur das. Mein Busen war zu klein, meine Hüften dafür zu breit. Doch zumindest konnte ich behaupten, dass noch nie ein Schönheitschirurg Hand an mich gelegt hatte. Was ja in L.A. fast schon zur Tagesordnung gehörte. Alles an mir war echt; sogar meine schulterlangen blonden Haare, die ich meist, weil es einfach praktischer war, zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

Meine Mutter hatte immer gesagt, dass Aussehen nicht wichtig war. Sie hatte ja keine Ahnung. Doch für jemanden, der in Seattle aufgewachsen war und lebte, gab es eben wichtigere Dinge. Obwohl sie mich in meinem Bestreben, Schauspielerin zu werden, immer unterstützt hatte, hatte sie es so gar nicht verstehen können, wieso ich dazu ausgerechnet nach L.A. ziehen musste. Lange Zeit hatte ich das auch nicht gewusst, denn der Erfolg, als Schauspielerin Fuß zu fassen, war bisher ausgeblieben und ich hatte mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten müssen. Doch das hier, was mein Agent mir vor wenigen Stunden in die Hände gedrückt hatte, war genau das, was ich mir immer erträumt hatte: Eine Rolle in einer TV-Serie. Kein Werbespot sondern eine richtige Rolle in dem Remake einer kanadischen Arztserie mit dem Namen 'Side Effects', die in den 90er Jahre gelaufen war und nach zwei Staffeln abgesetzt wurde. Was für ein Glück für mich, dass es jetzt wohl doch eine Produktionsfirma gab, die die Serie, mit neuen Schauspielern, wieder ins Leben rufen wollte. Und ein noch größeres Glück, dass meinem Agenten dieses Skript in die Hände gefallen war. Jetzt konnte ich allen beweisen, was in mir steckte und was ich in den Jahren auf der Schauspielschule gelernt hatte. Doch zuerst musste ich das Casting überstehen. Und obwohl ich über genügend Selbstbewusstsein verfügte, war mir schon klar, dass es nicht einfach werden würde, gegen eine Vielzahl von Bewerberinnen zu konkurrieren. Doch mein Mangel an Größe und gutem Aussehen, würde ich mit schauspielerischem Talent wieder wettmachen.

Ich legte das Skript beiseite, um mich wieder der Vorbereitung des Abendessens zu widmen, als die Tür aufging und meine Mitbewohnerin, Mia, in die Küche geschlendert kam. Mia und ich teilten uns das Apartment, obwohl eigentlich sie die eigentliche Mieterin war. Durch Zufall oder vielleicht doch eher Schicksal, hatte ich damals die Anzeige in der Zeitung gelesen, in der sie eine Mitbewohnerin gesucht hatte. Und da ich gerade frisch in L.A. eingetroffen war und tatsächlich eine Übernachtungsmöglichkeit suchte, war mir das Angebot gerade gelegen gekommen. Es hatte viele Bewerberinnen gegeben, doch mein unvergleichlicher Charme und meine überzeugende Überredungskunst hatten Mia schließlich überzeugt, mir den Zuschlag zu geben. Das war nun zwei Jahre her, und seitdem hatten wir viele Höhen und Tiefen miteinander erlebt. Mia war 25, und damit zwei Jahre älter als ich und arbeitete als Journalistin für die lokale Zeitung. Es war witzig, wie die Rollen vertauscht waren, denn meine Mitbewohnerin hatte die Modelmaße, die mir fehlten, zusätzlich zur erforderlichen Größe von 1.75 m. Sie hatte lange, kastanienbraune Locken und braune Augen. Vermutlich hätte sie nicht zwei Jahre warten müssen, um einen vernünftigen Job als Schauspielerin zu bekommen. Mit ihrem Aussehen hätte man sie sofort genommen. Ich hätte eifersüchtig auf sie sein können, auch was die Männer anging, die sie wie Bienen den Honig umschwärmten. Doch sie war meine Freundin und ich gönnte ihr das Glück und den Erfolg. Doch manchmal war der Gedanke, vielleicht nie einen passenden Mann zu finden, schon frustrierend. Ich hatte in der Zeit zwar einige Dates gehabt, aber nichts war dabeigewesen, was mich auf Dauer interessiert hätte. Lieber blieb ich alleine und wartete auf 'The One'. Ich wusste, irgendwo da draußen gab es ihn. Ich musste nur geduldig sein.

“Hey Süße! Gibt's was Neues?”, fragte Mia und unterbrach damit meine Gedanken.

“Rick hat mir ein Skript gegeben. Sie suchen jemanden als Krankenschwester für eine neue Arztserie”, erklärte ich und deutete zum Skript, das auf dem Tisch lag. “Das Casting findet morgen in den Universal Studios statt.”

“Wow! Das ist dir ja wie auf den Leib geschrieben”, sagte Mia lachend. “Du kannst doch nicht mal Blut sehen, ohne umzukippen.”

“Kunstblut”, korrigierte ich und sah sie vorwurfsvoll an. “Das ist etwas ganz anderes.”

“Ich habe gehört, dass die auch manchmal echtes Blut von Tieren verwenden. Und man muss echte Kuhaugen aueinanderschneiden, und Tierorgane sezieren...”

“Bah! Hör sofort auf!” Ich hielt mir die Ohren zu. “Ich will nichts mehr davon hören. Außerdem suchen sie eine Krankenschwester und keine Chirurgin!”

“Macht das einen Unterschied?” Mia zuckte mit den Achseln. “Du musst vielleicht trotzdem zuschauen, wie sie irgendwas zerlegen.”

“Du schaust zuviele Arztserien.” Genervt rollte ich mit den Augen. “Das ist doch alles gefakt. Davon ist nichts echt”, wehrte ich mich gegen ihren Vorwurf. “Ist doch jetzt auch egal. Rick ist der Meinung, dass die Rolle wie für mich gemacht wäre.”

“Das sagt er doch immer.” Mia unterdrückte ein Gähnen. “Oh Mann. Ich bin total müde. Der Tag in der Redaktion war anstrengend.” Sie schaute mit gerunzelter Stirn auf das Gemüse, das ich eigentlich schon längst fertig geschnitten haben wollte. “Dauert das Essenmachen noch lange?”

“Ich habe nicht mal angefangen.” Ich drückte ihr ein Messer in die Hand. “Aber wenn du mir hilfst, dann geht es schneller.”

“Wie wäre es mit Pizza?” Sie ignorierte mein dargebotenes Messer und ging hinüber zum Tiefkühlschrank und öffnte ihn. “Ha, wusste ich es doch. Da sind noch genau zwei Pizzen drin. Eine für dich und eine für mich.”

“Hatten wir nicht erst gestern Pizza?”, warf ich zaghaft ein. Ich wusste, Mia hatte es nicht so mit dem Kochen, weshalb sie mich immer kochen ließ. Doch das sie jetzt eine Tiefkühlpizza meinem leckeren Gemüserisotto vorzog, war schon ein Schlag ins Gesicht. Doch ich war selber müde und wollte schnell ins Bett, weshalb ich nachgab. “Ausnahmsweise. Aber ab morgen gibt es wieder vernünftiges Essen.”

20 Minuten später waren die Pizzen fertig, und wir setzten uns an den Esstisch und begannen zu essen.

“Zeig mal das Skript”, sagte Mia kauend und zog es näher zu sich heran. Interessiert blätterte sie die ersten Seiten um und las den Text. “Schwester Sara”, sagte sie dann und schaute hoch. “Dafür willst du vorsprechen?”

Ich nickte und biss in mein Stück Pizza. “Hm...”, murmelte ich und schluckte den Bissen dann schnell hinunter. “Es ist zwar nur eine Nebenrolle, doch ich finde, es hört sie ganz gut an. Ich glaube, ich kann überzeugend eine Krankenschwester spielen. Außerdem fändest du es doch auch nicht schlecht, wenn ich mal wieder was zur Miete beitragen würde.”

“Side Effects”, murmelte Mia, meinen Kommentar ignorierend und stand dann auf, um zu ihrem Notebook zu gehen. “Sagt mir gar nichts. Hast du mal geschaut, ob es dazu schon Informationen im Internet gibt?”

“Ich hatte noch keine Zeit nachzuschauen. Wieso?”

“Bist du gar nicht neugierig?” Sie schüttelte den Kopf und fuhr den Computer hoch. Es dauerte nicht lange, bis sie fündig wurde. “Hey, hier steht tatsächlich schon was. Und so wie es aussieht, haben sie wohl auch schon einige Rollen besetzt”, sagte sie aufgeregt und drehte den Bildschirm so, dass ich auch etwas sehen konnte.

“Ja, das hat Rick mir auch schon erzählt. Soweit ich weiß, sind die meisten Rollen schon besetzt. Was sie noch nicht gefunden haben, ist eine passende Krankenschwester.” Ich beobachtete, wie Mia etwas eintippte und sich dann ihre Augen weiteten.

“Wow, weißt du, wen sie für die männliche Hauptrolle gecastet haben?”, stieß sie plötzlich hervor und grinste breit.

“Nein, wen?”, fragte ich arglos.

“Samuel Garrison.” Mia verdrehte die Augen. “Der Typ ist echt heiß!”

“Wer ist Samuel Garrison?” Im Gegensatz zu Mia, die sich Namen von Schauspielern gut merken konnte, lebte ich eher im Tal der Ahnungslosen. Der Name kam mir zwar vage bekannt vor. Doch ich konnte mich nicht erinnern, wo ich ihn schonmal gehört hatte.

“Das ist der Typ aus dieser Vampirserie”, half mir Mia auf die Sprünge und grinste. “Wirklich heiß”, widerholte sie dann noch einmal.

Ich überlegte angestrengt und schüttelte dann den Kopf. “Vampirserien sind dein Spezialgebiet.” Ich  drehte das Notebook zu mir und tippte den Namen ein. Sofort erschienen seitenweise Berichte und Bilder zu 'Samuel Garrison'. Unter anderem auch, dass er die Rolle als Oberarzt für das Remake der Serie 'Side Effects' bekommen hatte. Interessiert schaute ich mir die Bilder an. Das erste, das mir auffiel, waren seine tiefblauen Augen, die vermutlich nur deshalb so blau waren, weil man sie mit Photoshop bearbeitet hatte. Niemals war diese Farbe echt. Was allerdings echt war, war sein muskulöser, durchtrainierter Körper, den er als Vampir in besagter Vampirserie wohl öfter mal gezeigt hat. Vermutlich würde er als Oberarzt nicht so häufig die Gelegenheit dazu haben, ging mir durch den Kopf. Auf den meisten Bildern sah er ziemlich ernst und grimmig aus. Doch es gab auch einige wenige, wo er lächelte und dabei zwei Grübchen sehen ließ und ein strahlend weißes Gebiss. Auffallend war auch, dass er sein braunes Haar kurz geschnitten hatte, während man in seinem Gesicht eindeutig einen 3-Tage-Bart erkennen konnte, was ihm ein verruchtes, gefährliches Aussehen verlieh. “Was hat er in der Vampirserie gespielt?”, murmelte ich, während ich meinen Blick nicht von seinen azurblauen Augen wenden konnte.

“Einen Werwolf.” Mia grinste. “Ich könnte dich direkt beneiden. Ich meine, der Typ ist soooo heiß.” Sie rollte schwärmerisch mit den Augen. “Stell dir vor, du könntest mit so einem Typen eine Liebesszene drehen.”

Ich warf ihr einen genervten Blick zu. “Du mit deinen schmutzigen Gedanken.” Ich tippte auf den Bildschirm. “Hier steht, dass er verheiratet ist und ein Kind hat.”

“Na und?” Mia zuckte lässig mit den Achseln. “Er ist Schauspieler. Er spielt, was im Skript steht.”

“Du hast doch so ziemlich jede Serie auf DVD”, begann ich vorsichtig. “Du hast nicht zufällig auch eine Box von dieser Vampirserie?”

Mia lachte. “Ich wusste, dass er dich nicht kalt lässt”, feixte sie und stand auf, um zum DVD-Regal zu gehen. “Hier!” Sie drückte mir die Box in die Hand. “Viel Spaß beim Anschauen. Ich gehe jetzt ins Bett.”

“Und was ist mit dem Abwasch?”, rief ich ihr hinterher.

“Erledigt die Spülmaschine. Gute Nacht, Becky, und süße Träume!”

Ich starrte ihr fassungslos hinterher und nahm dann die DVD und schob sie in den DVD Player. Eine lange Nacht stand mir bevor, wenn ich das noch alles ansehen wollte. Doch vielleicht war es gar nicht so schlecht, mich vorzubereiten, bevor ich ihm dann vielleicht morgen leibhaftig über den Weg laufen würde. Ich setzte mich aufs Sofa, wickelte meine flauschige Decke um mich und drückte auf 'Play.'.
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