Eine Schulter zum Anlehnen [Speirton-Reihe Teil 3]

von RamonaXX
OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P12
Captain Ronald Speirs Second Lieutenant C. Carwood Lipton
06.06.2018
06.06.2018
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Vorbemerkung:
Hallo und willkommen zu einem weiteren Teil der sich langsam entwickelnden Beziehung zwischen Carwood Lipton und Ronald Speirs. Oder um es mit den Worten einer meiner Stammleserinnen zu sagen: Hier geht es weiter mit „den Jungs“. *Tindomiel zuzwinkernd*
Vorwissen zum Cannon oder dem vorangegangenen Teil (Der Samariter) ist nicht erforderlich, um hier folgen zu können. Es ist ein ungeplant langer – um nicht zu sagen epischer – One-Shot geworden. Aber ich hoffe, dass der Text euch beim Lesen so sehr bewegt, wie er mich beim Schreiben bewegt hat.



Eine Schulter zum Anlehnen

Müdigkeit war etwas, das ein Soldat im Krieg besser kennenlernte als die meisten Menschen. Es war genauso wie Angst eines der vielen Gefühle, für die er ein tieferes Verständnis bekam, weil er sie um ein vielfaches intensiver erlebte. Erleben musste. Für manche war dieser Druck zu groß. Sie kehrten sich, einige früher andere später, nach innen und beschlossen lieber gar nichts mehr zu fühlen, als ständig dieser Erschöpfung und Überforderung ausgesetzt zu sein.

Speirs hätte niemals genau sagen können, wo dieser Punkt bei ihm lag, bis er ihn heute Vormittag zum ersten Mal erreicht hatte. Es tat weh. Und es bestürzte ihn, dass es ausgerechnet etwas so harmloses wie ein Brief gewesen war, der seinem persönlichen Fass den Boden ausgeschlagen hatte. Jetzt fühlte er sich als würde alles aus ihm hinaus fließen. Seine ganzen Überzeugungen, Prinzipien und moralischen Ansichten, alles, woran er je geglaubt hatte, schien mit diesem kleinen Stück Papier einen tosenden Wasserfall hinunter zu stürzen und im reißenden Strom unterzugehen.

Da war eine plötzliche Leere in ihm, die ihn mehr schmerzte als alles was er bisher erlebt hatte. Binnen eines halben Tages hatte Speirs verstanden, was jene Männer durchmachten, die vollkommen unerwartet und wie aus heiterem Himmel auf die Knie sanken und in Tränen ausbrachen, mit nichts weiter als einem lächerlichen Blattpapier in den Händen. Es war das schlimmste Gefühl von allen. Und je länger er darüber nachdachte, desto verlorener kam er sich vor und desto größer wurde seine Sehnsucht nach Trost.

Speirs war sich absolut sicher, dass es weit und breit nur einen einzigen Menschen gab, den er jetzt um sich haben wollte und dem er es zutraute diese quälende Leere in ihm aufzufangen. Ihn  aufzufangen, bevor er gemeinsam mit diesem Brief in den Fluten ertrank.

***

Lipton saß auf dem Bett, den Rücken an die Wand gelehnt und die ausgestreckten Beine lässig übereinander geschlagen. Mit großem Appetit macht er sich über sein warmes Abendessen her und löffelte das Kochgeschirr auf seinem Schoß eifrig leer.

Er befand sich nach wie vor in dem kleinen Zimmer, in dem Speirs ihn vor zehn Tagen zwangsweise einquartierte hatte, um sein schweres Fieber und die drohende Lungenentzündung auszukurieren. Die Tatsache, dass er noch nicht vollständig genesen war, machte die Stunden bei vollem Bewusstsein in diesem winzigen Raum grau und öde. Einzige Ablenkung waren Luz, Malarkey und Bull, die abwechselnd – oder auch gemeinsam – zum Kartenspielen vorbeikamen. Aber wirklich lange konnte Lipton seine Konzentration nicht aufrecht halten und so verschwanden die Jungs meist nach ein bis zwei Spielen wieder.

Ansonsten blieben ihm noch die Gänge zur Toilette und zum Waschen, die man ihm inzwischen eigenmächtig zutraute. Die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit war ein großer Gewinn für Lipton und nur zu gerne hätte er sie weiter ausgedehnt. Am liebsten wäre er rüber ins Hauptquartier gegangen, einfach um zu sehen was es Neues gab und sich mit ein paar Leuten zu unterhalten. Doch er wusste, dass ein gewisser Captain ihm die Hals umdrehen würde, sollte er ihn außerhalb des geheizten Zimmers erwischen. Denn selbst wenn Lip es nicht wahrhaben wollte, er war noch reichlich geschwächt und brauchte viel Ruhe.

Einziger Genuss in dieser zermürbenden Situation war, dass Ron jede Nacht verlässlich ins Zimmer geschlichen kam und sich für ein paar Stunden zu ihm ins Bett legte, um selbst Schlaf und Erholung zu finden. Ein Gefühl, auf das Carwood nicht mehr verzichten mochte; nicht nachdem es sich zu einer so festen Routine zwischen ihnen entwickelt hatte.

Ein unerwartetes Geräusch an der Tür ließ Lipton aufhorchen. Kauend schaute er von seinem Essen auf und sah Speirs, der wortlos das Zimmer betrat; seine Gesichtszüge auffallend steif und emotionslos. Aufmerksam beobachtete Lip wie er die Tür hinter sich schloss und sich dann mit seiner eingefrorenen Miene dem Bett zuwandte. Seinen Appetit ließ Lipton sich davon nicht verderben. Er kannte diesen Mann inzwischen lang genug und hatte gelernt zu unterscheiden. Es gab Captain Speirs, den führungsstarken und disziplinierten Kommandeur der Easy-Kompanie und es gab Ron, den Mann, der nachts zu ihm ins Bett kroch um Wärme und Geborgenheit zu teilen. Und manchmal brauchte es seine Zeit, zwischen diesen beiden grundverschiedenen Typen hin und her zu schalten.

Ungeniert schob Lipton einen weiteren Löffel Essen nach und sah vorwitzig vom Bett herüber. In genau diesem Augenblick lösten sich die Züge von Speirs und ein ehrliches Lächeln erhellte seine Miene. „Du glaubst gar nicht wie froh ich bin, dich was essen zu sehen.“, sagte er und ließ erleichtert die Türklinke los, die er unbewusst festgehalten hatte.

Demonstrativ hob Lipton mit vollem Mund die Mundwinkel, was ihn für einen albernen Moment wie einen futternden Hamster aussehen ließ. Schmatzend kommentierte er: „Bich kann’s wir forstellen.“

Speirs’ ganze Körperhaltung entspannte sich nach diesem Satz, als hätte die Stimme von Lip ihm dem fehlenden Impuls gegeben seine schützende Festung zu verlassen. Seine Schultern sanken nach unten, seine ganze Haltung wurde lockerer und durch seine beherrschten Gesichtszüge brach die tägliche Portion aus Müdigkeit und Erschöpfung durch.

Nein, dass kannst Du nicht, dachte Speirs im Stillen und kam rüber zum Bett. Lipton würde niemals erfahren, wie schlecht es um ihn gestanden hatte, da er nicht beabsichtigte ihm je zu sagen, wie viele Nächte er hinter ihm gelegen und Stunde um Stunde um sein Leben gebangt hatte. Vor der Bettkante stehend forderte Speirs mit einem leichten Kopfnicken: „Lass mich sitzen.“

Sofort unterbrach Lipton das Essen, nahm das übergeschlagene Bein runter und rückte auf der quietschenden Matratze ein Stück zu Seite. Er freute sich über Speirs’ Gesellschaft, hatte er doch fest damit gerecht ihn erst mitten in der Nacht wiederzusehen, wenn er seinen letzten Rundgang abgeschlossen und sich vergewissert hatte, dass alle Männer der Kompanie ausreichend versorgt waren. In diesem Punkt war Speirs ein vorbildlicher Offizier und Lipton war das von Beginn an aufgefallen. Er wollte, dass die Männer ihm bedingungslos ins Feld folgten, also sorgte er auch dafür, dass sie alles bekamen, was sie dafür brauchten.

Über das Verantwortungsgefühl von Speirs, das seinem eigenen so verdammt ähnlich war, schmunzelnd widmete Lipton sich wieder seiner Mahlzeit, was ihn ohne Umschweife zum nächsten Gedanken führte. Wenn Speirs so früh hier war, dann hatte er vielleicht noch gar nichts gegessen?

„Willst Du auch was?“, fragte Lip und hielt dem anderen Mann sein Kochgeschirr hin.

„Nein, danke.“, antwortete Speirs ohne einen Blick auf das Essen zu werfen. „Ich hab schon.“, log er und öffnete die rechte Brusttasche seiner Feldjacke, um sich beschäftigt zu geben und nach seinen Zigaretten, sowie seinem Feuerzeug zu kramen. Ihm war jetzt nicht nach Essen zu Mute, nicht mit diesem niederschmetternden Brief in der anderen Tasche. Alles was er wollte, war hier neben Lip auf dem Bett zu sitzen, seine vertraute Gegenwart zu spüren und ihm schweigend beim Essen zuzuschauen – momentan das größte Glück, dass er sich vorstellen konnte.

„Hm.“, gab Lipton achselzuckend von sich und meinte schließlich, „Auch gut. Dann bleibt eben mehr für mich.“

Ein kurzes Zucken ging durch Speirs’ Mundwinkel. Es war definitiv ein Segen, Lip mit so viel Appetit essen zu sehen. Was in den letzten eineinhalb Wochen in diesem Zimmer passiert war, wie oft er ihm das Essen hatte einflößen müssen, wie viele Nächte er ihn in seinen Fieberträumen gehalten hatte und wie häufig Lip an seiner Schulter leise stöhnend eingenickt war – über nichts davon hatte sie bisher ein Wort gewechselt.

Speirs hatte das zerknitterte Päckchen mit seinen Lucky Strikes rausgeholt und sich eine der Zigaretten zwischen die Lippen gesteckt. Einer eingeschliffenen Gewohnheit folgend ließ er sein Zippo-Feuerzeug aufschnappen und versuchte es zu zünden. Es funktionierte nicht.

Er wusste, dass er es nicht ewig aufschieben konnte sich mit Lipton auszusprechen. Zumindest nicht, wenn er wollte, dass es irgendeine Art von Fortsetzung ihrer ungewöhnlichen Beziehung gab. Und das wollte er ganz bestimmt, denn sonst hätte er seine restlichen Aufgaben für diesen Abend wohl kaum delegiert, um früh als üblich in ihrem Quartier zu erscheinen und mit Lipton über den Brief zu sprechen, den er seit dem Vormittag mit sich rumtrug.

Doch Ron war schlecht darin über Gefühle – speziell seine Gefühle – zu sprechen. Wäre er gut darin gewesen, dann hätte er diesen Brief aus England gar nicht erst erhalten. Es war der perfekte Beweis dafür, dass – egal wie viel Mühe er sich gab seine Absichten zu erklären – er die Menschen, die ihm wichtig waren nicht bei sich halten konnte. Sie alle verließen ihn. Und das letzte was er wollte, war, dass Lipton ihn verließ.

Sein Zippo wollte noch immer keine brauchbare Flamme produzieren. Genervt ließ Speirs es zuschnappen, schüttelte es ein paar Mal kräftig und versuchte es erneut.

Schweigend hatte Lipton weitergegessen und seinen Captain dabei aus dem Augenwinkel beobachtet. Es sah nicht danach aus, als sei Speirs zufällig vorbeigekommen, um nachzuschauen wie es ihm ging. Die Tatsache, dass er sich zu ihm aufs Bett gesetzt hatte und nun – wenn auch vergeblich – versuchte sich eine Zigarette anzustecken, sprach für etwas anderes. Ein gereiztes Knurren verriet Lipton, dass Speirs allmählich die Geduld mit seinem Feuerzeug verlor. Aber leer war leer. Da half bekanntlich auch Schütteln nichts. „Warte“, griff er schlichtend ein und ließ den Löffel los, „ich hab irgendwo noch Streichhölzer.“ Prüfend klopfte Lip seine Hosentaschen ab.

„Umh.“, machte Speirs und nahm die Zigarette aus dem Mund. „Lass stecken. Ich will eigentlich gar nicht rauchen.“ Kurzerhand verstaute er die Luckies zusammen mit dem Zippo wieder in seiner Brusttasche, wobei sein Blick flüchtig Liptons Schulter streifte.

Nein, ermahnte sich Speirs. Das konnte er nicht tun, sich ungefragt und ohne ein Wort der Erklärung einfach an seine Schulter lehnen. Keine Chance! So schwach war er nicht. Niemals! Aber nur hier zu sitzen und Lip beim Essen zuzuschauen würde ihm das Herz langfristig auch nicht leichter machen. Er würde mit demselben Stein in seinem Magen im Morgengrauen wieder zum Dienst antreten, ohne etwas von den quälenden Sorgen aus seinem Kopf bekommen zu haben. Und Steine im Magen  führten bei ihm bekanntlich zu unangenehmen Nebenwirkungen.

Lipton hatte das Ausschlagen seines Angebotes kommentarlos hingenommen und sich dem verbleibenden Rest seiner Mahlzeit zugewendet. Sein Kochgeschirr war fast leer und während er die letzten Bissen zusammenkratzte, sinnierte er über Speirs’ sonderbares Verhalten.

Es war nicht das erste Mal, dass sie zusammensaßen ohne miteinander zu reden. Speirs war ohnehin nicht der große Redner, dass hatte Lipton schnell begriffen. Und dennoch war die Stille, die jetzt zwischen ihnen herrschte eine andere. Die Situation war eine andere, und Lipton spürte das. Die Art wie Speirs neben ihm saß und schwieg, ließ in ihm den Gedanken aufkommen, dass der Captain sehr wohl über etwas sprechen wollte, nur offensichtlich die richtigen Worte noch nicht gefunden hatte. Carwood war sich plötzlich nicht mehr sicher, wie er sich verhalten sollte. Wartete Speirs möglicherweise auf ein Signal von ihm? Sollte er mit der Konversation beginnen?

Müde lehnte Ron den Hinterkopf an die Wand und starrte zur Zimmerdecke mit ihren vielen dicken Staubfäden auf. Verdammt! Es würde alles so viel einfacher sein, wenn Lip den ersten Schritt machte, wenn er ihm signalisierte, dass er spürte, dass ihn etwas bewegte; wenn er ihm den Eindruck vermittelte, dass er nicht vollkommen unvorbereitet war, sobald er mit seinem Anliegen hinter dem Berg hervorkam. Ohne zu bedenken, dass Carwood jede seine Regungen wahrnahm, erlaubte sich Ron etwas von seinem Kummer durchscheinen zu lassen. Erschöpft schloss er die Augen, atmete lange aus und versuchte sein Innerstes zu fokussieren.

Na nu?, dachte Lipton und spürte wie seine rechte Augenbraue überrascht nach oben wanderte. Nachdenklich stellte er sein leeres Kochgeschirr zur Seite. Irgendetwas lag hier definitiv im Argen, soviel stand fest. Ein Ronald Speirs zeigt niemals so offen seine Gefühle, nicht mal dann, wenn es ihm hundsmiserabel ging und er auf sonderbaren Umwegen die Gesellschaft seines First Sergeants suchte. Mit dem Wissen, dass eine ehrliche Antwort Nein  lauten musste, fragte Lip: „Bist Du okay?“

Er hatte sich seine rhetorische Frage gut überlegt und sie in erster Linie gestellt um Ron ein unverbindliches Gesprächsangebot zu machen. Vielleicht wartete dieser tatsächlich auf einen leichten Anstoß von ihm. Aber möglicherweise irrte er sich auch und sein Captain war bloß abgekämpfter als sonst.

Speirs’ Lippen formten ein müdes Lächeln, die Augen weiterhin geschlossen. Waren seine Schutzschilde wirklich so weit runtergefahren oder lag es schlicht an Carwood, der ihn so verflucht gut einschätzen konnte, dass er seinen gegenwärtigen Gemütszustand auf diese Weise gespiegelt bekam? Er musste kräftig Schlucken und den Frosch in seinem Hals herunterwürgen, bevor er eine Antwort formulieren konnte. Mit belegter Stimme erklärte er: „War’n harter Tag.“

Es war keine Lüge. Aber es war auch nicht die Wahrheit.

Was immer Lipton für ein Zeichen gesucht hatte, jetzt hatte er es gefunden. Er wusste, dass Speirs zu jenen Männern gehörte, die ihren Kummer still in sich hineinfraßen bis es nicht mehr ging, bis der Druck darüber zu sprechen kaum noch auszuhalten war und man ihnen bildlich gesprochen den Finger in den Hals stecken musste, damit sie sich emotional erbrachen. Lipton entschied sich jedoch für eine sanftere Methode. Er würde nicht versuchen Speirs dazu zu zwingen sich ihm anzuvertrauen, aber er würde ihm signalisieren, dass er bereit war zuzuhören und dass er genauestens mitbekam, dass es ihm schlecht ging. Den Blick über seinen erschlaffen Körper streifen lassend kommentierte Lip: „Sieht aber nach mehr aus. Sicher, dass es nur der Tag is’?“

Ron öffnete träge die Augen und starrte ins Leere. Hier war er nun, saß auf dem Bett, neben dem Menschen, dem er mehr vertraute als irgendjemandem sonst, mit dem erhofften Gesprächsangebot direkt vor der Nase und brachte doch kein Wort heraus. Am liebsten hätte er sich geohrfeigt. Stattdessen tat er das, was er in solchen Situation immer tat – er fror ein. Traf ihn seine eigene Verletzlichkeit, war alles wozu Ron fähig war, einzufrieren; mit seinem Körper, seiner Mimik, seinen Emotionen. Früher hatte er diesem Zustand trotzig die Stirn geboten und es ausgehalten bis es vorübergegangen war. Aber seit kurzem, seit er Lipton kannte, wünschte er sich immer öfter jemand möge kommen und ihm aus seinem Elend erlösen. Exakt dieser Wunsch hatte ihn heute Abend hierher geführt.

In seiner langen Zeit als Unteroffizier hatte Lipton gelernt worauf es im Krieg ankam. Durchhaltevermögen, verlässliche Kameraden und ein gesundes Vertrauen in die eignen Fähigkeiten waren Dinge, die einem halfen dieses Chaos zu überstehen. Aber auch Geduld konnte eine wichtige und entscheidende Stärke sein, die einen ans Ziel brachte. Lipton besaß diese Geduld und es war Ron schlichtweg anzusehen, dass tief in ihm etwas vor sich ging. Also hielt sich er zurück und war erstaunt wie schnell die Wirkung seiner höflichen Distanz einzutreten schien, als sein Captain sich unvermittelt in Bewegung setzte. Überraschend zielsicher griff er in die linke Brusttasche seiner Feldjacke und holte einen Briefumschlag hervor.  

Speirs’ kreisende Gedanken waren zum Stillstand gekommen. Er wusste was er zu tun hatte. Er würde sich nicht in sprunghaften Erklärungen winden. Er würde es Carwood einfach ungefiltert präsentieren. Was sollte er sich auch bemühen andere Worte zu finden, wenn er genauso gut die verwenden konnte, die sie  gebraucht hatte?

Mit nervösen Fingern drehte Speirs den Umschlag in der Hand und stolperte bei dem Versuch ein paar einleitende Worte zu sagen beinah über seine eigene Zunge: „Der ist – von meiner Frau. Abigale.“ Gott, es tat so weh diesen Namen auszusprechen! Es füllte sich falsch und verlogen an. Mit pochendem Herzen entnahm er den Briefbogen und das Rascheln, als er das beschriebene Blatt entfaltete, hallte unnatürlich laut in seinen Ohren wider. Mit bebender Stimme erklärte er: „Kam heute Morgen mit der Post. Sie schreibt:“


Liebster Ron,

danke für deinen letzten Brief, welcher mich in der vergangenen Woche erreicht hat. Ich habe lange über deine Zeilen nachgedacht und darüber, was es für mich mit unserem ungeborenen Kind unter dem Herzen bedeuten würde in die Staaten überzusiedeln, um dort mit dir ein neues Leben zu beginnen.
So schwer es mir fällt, dir das Folgende mitzuteilen, so sehr hoffe ich, dass Du meine Entscheidung akzeptieren wirst. Ich kann und ich werde nicht mir dir in die Staaten gehen, wenn Du zurückkommst.
Bitte hab Verständnis, dass ich mein Leben hier in England mit meiner Familie, meinen geliebten Freunden und Verwandten nicht einfach so aufgeben kann, als würden diese wundervollen Menschen nicht existieren.
Ich hänge an meinen Wurzeln, meinem Land und allem was mich hier hält. Bitte glaube mir, dass meine Zuneigung zu dir davon unberührt ist. Ich erwarte unser Kind in wenigen Wochen.

In Liebe Abby


Lipton war sprachlos. Er hatte mit vielem gerechnet. Aber damit?

Nein, mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Er hatte weder gewusst, dass Speirs verheiratet war, noch dass seine Frau sich in England befand und ein Kind von ihm erwartete. Überhaupt hatten sie nie zuvor über so persönliche Dinge wie Familie oder geliebte Menschen gesprochen. Lipton wurde mit einem Mal klar, dass er nichts über Speirs’ Hintergründe wusste. Und es erschütterte ihn, wie wenig er diesen Mann, dem er bis jetzt so viel Vertrauen entgegengebracht hatte, im Grunde kannte.

In Rons Atem lag nach dem Lesen ein leichtes, unstetiges Zittern. Die Lippen krampfhaft aufeinander gepresst, schaute er in seinen Schoß, mit nichts weiter als einem lächerlichen Blattpapier in den Händen. Zaghaft wagte er mit den Fingerspitzen über den Briefbogen zu streichen; fuhr sehnsüchtig und voller Kummer die feinen Linien aus dunkelblauer Tinte nach, als könnte sie ihm die Formen von Abigale zurückbringen. Als könnten sie ihm seine Hoffnung auf ein Leben nach dem Krieg wiedergeben. Auf ein Leben mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Kind.

Ron war den Tränen nah. Alles was er zu sagen gehabt hatte, hatte er vorgelesen, sowie ein Grundschulkind brav seine Hausaufgaben vortrug. Was sollte er jetzt tun? Seine Gefühle erklären? Sagen, dass er sich miserabel fühlte, dass es ihm schlecht ging? Dass waren alles Dinge, die Carwood ohnehin schon wusste. Oder etwa nicht?

Carwood sah in Rons emotionsüberflutetes Gesicht und war immer noch unfähig nur einen Laut über die Lippen zu bringen. Sein erster Schreck hatte sich gelegt und allmählich sickerte in sein Bewusstsein, was Ron gerade getan hatte. Er hatte ihm alles offengelegt; war geradezu über ihn hergefallen mit einem Teil seiner verletzten Persönlichkeit, den Carwood niemals erwartet hätte zu sehen.

Ein Schluckreflex ließ Speirs gegen die Tränen ankämpfen und rief seine ungebrochene Selbstdisziplin auf den Plan. Nein, er würde nicht weinen! Er musste sich jetzt zusammenreißen und die Dinge akzeptieren, wie sie waren. Um seine Beherrschung ringend faltete er den Brief, schob ihn ungeschickt zurück in den Umschlag und steckte diesen mit einem Seitenblick zu Carwood wieder in seine Tasche. Es hatte eigentlich nur ein weiterer flüchtiger Blick werden sollen, aber irgendwie blieb er hängen. An der Schulter. Der schmuddeligen Uniform. Dem verschwitzten Geruch. An allem, was ihm an Carwood so verflucht vertraut war.  

Rons Blick wanderte schleichend nach oben und vollkommen unvorbereitet traf er auf die weichen, braunen Augen von Lip. Augen, die ihm spiegelten, dass sie jede seiner Empfindungen verstanden. Augen, die ihn wissen ließen, dass sie jede Scherbe seines gebrochen Herzens sahen. Es war der Moment, in dem sein Widerstand rückhaltlos zusammenbrach. Ohne ein Wort kam Ron näher, ließ erst den Blick und dann das Kinn sinken und lehnte sich herüber bis sein schwerer Kopf auf Liptons Schulter lag.  

Carwood hatte den Atem angehalten. Der tiefe Blick in Rons Seele, hatte ihm die Luft geraubt. Es war dieser kurze Augenblick der Ungewissheit gewesen, als Ron ihm hilflos angeschaut hatte und Lip sich nicht sicher gewesen war, was er von ihm gewollte hatte. Jetzt, da er den Kopf an seiner Schulter spürte, wusste er es. Gerne hätte er etwas dazu gesagt, doch er konnte nicht. Alles was er in diesem Moment tun konnte, war Ron an seiner Schulter lehnen zu lassen und ihm zu gestatten sich das zu holen, was er brauchte.

Speirs’ Aufregung legte sich langsam. Er hatte den nötigten Halt gefunden und es war ein durch und durch gutes Gefühl Lipton so nah zu sein. Er empfand dabei nicht die geringste Scham, weder für seine Verletzlichkeit, noch für seine weggedrückten Tränen oder dafür, dass er Lip mit alldem so überfallen hatte. Befreit von dem Druck auf seiner Brust holte Ron tief Luft und seine Augen antworteten mit einem müden Blinzeln.

Es dauerte eine Weile, bis Lipton sich an dieses neue Gefühl gewöhnt hatte. Sich im Dunkeln ein Bett zu teilen – er im Fieberwahn und Ron in Halbschaf – das war etwas ganz anderes, als dieses bewusste und wache Aufeinanderzugehen. Und es war auch etwas ganz anderes, einen Menschen zu trösten, der schweren Kummer hatte, als einem zur Seite zu stehen, der Krankheit und Schmerzen durchlitt.

Langsam fand Carwood den Mut seine Hand zu heben. Und ohne, dass er sich wirklich bewusst war, was er da tat, ließ er sie hoch zu Rons Gesicht wandern. Er hatte kaum Kontakt mit der warmen Haut geschlossen, als sein Daumen bereits begann über die rauen Bartstoppeln zu reiben. Er wollte ihn trösten, ihn schützen, einfach für ihn da sein. Die brutale Ehrlichkeit mit der sich Ron geöffnet, ihm sein ganzes Selbst mit all seiner Verletzlichkeit gezeigt hatte, imponierte Carwood. Nur selten hatte er eine solche Demonstration menschlicher Stärke gesehen. Gedankenversunken streichelte er weiter über Rons Wange und wollte es zuerst nicht glauben, als sein Daumen zufällig über eine feuchte Stelle fuhr.

Die wohltuende Wärme in seinem Gesicht ließ Speirs alles vergessen, sogar, dass ihm stille Tränen über die Wangen liefen. Es vernebelte seinen Geist, so wie eine Morphininjektion die Schmerzen von einem Verwundeten nahm. Selig schmiegt er sich an Carwoods Handfläche und saugte dessen Trost in sich auf. Es war die Erlösung, die er die ganze Zeit über gesucht hatte. Die heilende, beruhigende Wirkung, nach der er sich seit dem Erhalt des Briefes gesehnt hatte.

Carwood ließ sich auf die Situation ein, mit allem was er zu geben hatte. Und es dauerte nur den Bruchteil eines Augenblicks, bis eine Verkettung unwillkürlicher, hastiger Bewegungen dazu führte, dass Ron und er einander aufgewühlt im Arm hielten.

***

Sie hatten ein langes Gespräch über Liebe und Beziehungen geführt.

Carwood hatte sich alles über Abigale angehört. Angefangen damit wie Ron sie während ihrer Zeit in England zum ersten Mal getroffen, sie zu jeder Gelegenheit ausgeführt, um ihre Hand angehalten und sie schließlich kurz vor ihrem Aufbruch geheiratet hatte.

Danach hatte er erzählt, von Sarah, seiner großen Highschool-Liebe. Davon wie er ihr in einer tollpatschigen Situation das erste Mal begegnet war, wie sie sich in einander verliebt und immer wieder heimlich nachts am Fluss getroffen hatten. Von dem Sommer, in dem sie geheiratet hatte, den Schmetterlingen in seinem Bauch und ihren blonden Locken, die immer so schön geduftet hatte.

Ron hatte aufmerksam zugehört und es überrascht ihn wie ähnlich sich ihre Lebensläufe waren. Beide hatten sie vor dem Krieg geheiratet, beiden vermissten sie ihre Ehefrauen und beide waren sie in Sorge, dass nichts mehr so sein würde wie vorher, wenn sie heimkehrten. Mit dem Unterschied, dass Ron jetzt Gewissheit hat, während Carwood noch jede Nachricht von Sarah sehnsüchtig erwartete.

Den Brief vorzulesen, hatte ihn von einer schweren Last befreit. Es hatte nichts an den Fakten geändert, aber es hatte unsagbar gut getan darüber zu sprechen. Fast so gut, wie das Anlehnen an Lips Schulter und die anschließende Umarmung. Der enge Kontakt hatte etwas so tröstliches gehabt, dass es Ron unmöglich erschienen war sich je wieder zu trennen. Auch Carwood hatte nicht wirklich loslassen wollen und so war es gekommen, dass sie müde und zerschlagen und Arm in Arm einfach dagesessen hatten und in ihre leise Unterhaltung verfallen waren.

Irgendwann hatte die Schwerkraft die beiden eingeholt und sie hatten sich hingelegt; Lipton auf den Rücken und Speirs dicht an seiner Seite, den Kopf auf seiner Brust. Er hatte um Erlaubnis gefragt, bevor er sich dort niedergelassen hatte. Nicht weil er befürchtete, Carwood könne etwas gegen den engen Kontakt haben, sondern weil er sich Sorgen gemachte hatte, seine angegriffenen Lungen würden unter der Last nicht ausreichend Luft bekommen. Carwood hatte ihm versichert, dass alles in Ordnung sei und erschöpft hatte Ron seinen Kopf abgelegt, das Gesicht, mit geschlossenen Augen an Liptons grünen Armypullover geschmiegt.

Hier lagen sie nun, in vertrauter Dunkelheit und ganz nah beieinander. Und selbst wenn Ron hundemüde war, beabsichtigte er nicht in den Schlaf überzugleiten. Zu schön war es wach zu liegen und die Geborgenheit und Zuneigung von Carwood zu genießen. Da war diese wunderbar warme Hand in seinem Nacken, die mit den Fingerkuppen zärtlich durch seinen Haaransatz fuhr und wie von selbst diesen empfindlichen Punkt hinter seinem Ohr fand.

Ron konzentrierte sich auf nichts anderes, als diese wunderbare Liebkosung zu erwidern. Sein Arm lag über Carwoods Bauch und seine Hand ruhte auf einer sensiblen Stelle an seiner Seite. Immer wieder griff Ron in den Stoff von Carwoods Pullover, nur um seine Hand langsam wieder aufgleiten zu lassen und die Bewegung zu wiederholen. Er wusste, dass Lip das sanfte Streicheln auf seiner Haut spürte – fühlte es an der Art, wie er ihn im Gegenzug hinter dem Ohr kraulte. Abby hatte das nie getan. Hatte diese besondere Stelle nie gefunden. Aber Carwood? Der berührte ihn dort, als wüsste er genau was Ron gut tat.

Seinen Gedanken drifteten weiter ab und Ron erinnerte sich mit einem Mal an die letzte Nacht mit Abigale. Sie hatten sich verzweifelt geliebt, sich ewige Treue geschworen und bis zum Morgengrauen eng umschlungen auf dem Bett gelegen. Ihnen waren nur wenigen Tage vergönnt gewesen, bevor Ron seine Sache gepackt und frisch vermählt zur Inversion der Normandie aufgebrochen war. Die Sehnsucht, die ihn gepackt hatte als ihm klar geworden war, dass er sie wirklich verlassen musste, hatte ihm fast das Herz zerrissen. Nie zuvor hatte er jemanden so sehr begehrt wie Abby. Und nie zuvor hatte er sich bei jemandem so sehr zuhause gefühlt wie bei Carwood. Carwood war für ihn da, auf eine Weise wie nie zuvor ein anderer Mensch. Und Ron wusste, dass er davon träumte, dass es noch lange so bleiben würde. Nicht nur bis dieser Krieg vorüber war, sondern auch darüber hinaus.

Die Zuwendung, die Carwood ihm schenkte, hatte begonnen eine schmerzhafte Lücke in seinem Leben zu füllen, welche er so lange ignoriert hatte, dass ihm gar nicht aufgefallen war, wie sie zu einer weiten Kluft angewachsen war. Mit seiner Aufrichtigkeit und seinem unerschütterlichen Vertrauen hatte Carwood es fertiggebracht eine Brücke über seine tiefe Schlucht aus Misstrauen und Argwohn zu bauen und ihm zu zeigen, dass ein Mangel an Liebe – so wie Abby es ihn fühlen ließ – nicht bedeutete, dass er nicht liebeswert war. Und jede Berührung zwischen ihnen stärkte dieses gute Gefühl – erstrecht die Art, wie Lip ihn gerade im Nacken kraulte.

Ron liebt es, wenn Carwood das tat.

Neugierige, wie es sich wohl anfühlen würde, wiederholte er den Satz in seinem Kopf. Er liebte es, wenn Carwood das tat. Zufrieden stellte Ron fest, dass es sich nicht falsch anfühlte. Nicht mal ein kleines bisschen. Erleichtert seufzte er und bewegte einmal alle seine Glieder, als wollte er sich vergewissern, dass sie noch da waren.

Carwood spürte Rons Bewegungen und ließ ihn sich rekeln und strecken, bevor er die Hand wieder auf seinen Nacken legte und verträumt da weiter machte, wo er aufgehört hatte. Niemals hätte er gedacht, dass es sich so gut anfühlen würde, derart ausgiebig mit Ron zu kuscheln. Das sanfte Streicheln an seiner Seite ließ ihn gänzlich wegdriften, hüllte ihn ein in einen Zustand tiefster Entspannung, von dem er sich wünschte, dass er niemals zu Ende ging.

Rons Kopf ruhte nach wie vor auf seiner Brust und wenn Carwood leicht das Kinn neigte, konnte er seinen unverwechselbaren Geruch einatmen. Als Kompaniechef war Ron die meiste Zeit unterwegs, entweder im Hauptquartier auf der anderen Straßenseite oder aber im Schneematsch auf der Straße – und so roch er auch. Für Carwood roch Ron nach Matsch und Schlamm. Nach Frost und Kälte. Nach Dreck und Erde. Es war ein Geruch, den er vollkommen verinnerlicht hatte und der sich kaum zu verändern schien. Abgesehen von der feinen Note aus Zigarettenrauch, die mal mehr, mal weniger stark durchkam, je nachdem wann der Captain seine letzte Zigarette geraucht hatte.

Es erinnerte Carwood daran, wie er Nächte hindurch im Fieber gelegen und an Rons Schulter gedöst hatte. Ron hatte über ihn gewacht, ihn gewärmt und gefüttert, und ihm immer wieder zugeflüstert, dass er gesund werden musste, dass er es sich nicht leisten konnte ihn zu verlieren, dass er ihn in diesem Krieg an seiner Seite wollte. All die Zeit über war Rons Geruch präsent gewesen, hatte Lip in Sicherheit gewogen und ihm die Angst genommen alleine sterben zu müssen.

Und jetzt?

Jetzt war der Geruch immer noch derselbe, aber die Situation war eine andere. Es war nicht Lip, der im Arm von Ron eine schwere Krankheit durchlitt. Sondern es war Ron, der in seinem Arm einen Ausweg aus seinem Kummer suchte. Und auf eine bestimmte Weise war Carwood dankbar dafür. Nicht weil eine Frau Ron das Herz gebrochen hatte, sondern weil es ihm die Gelegenheit bot, etwas von der Fürsorge, die er erhalten hatte, zurückzugeben.  

Carwood fühlte wie sich Ron ein zweites Mal bewegte und als er wieder still lag, fragte er sanft: „Du schläfst wohl nie, was?“

Ron hatte das Schmunzeln in seiner Stimme gehört und ein eben solchen zog sich nun durch sein Gesicht, eh er es in Carwoods Pullover rieb. Leise gestand er: „Nicht heute Nacht.“

Es waren die ersten Worte seit einer gefühlten halben Stunde zwischen ihnen gewesen, aber sie hatten sich so nahtlos angefügt, als wären ihre Gedanken die ganze Zeit im Einklang geflossen. Das Gefühl in Carwood einen Menschen gefunden zu haben, der ihn annahm wie er war, wirkte so stark in Ron, dass er selbst eine Frage stellte. Eine Frage, die gerade heraus und ohne Umschweife aus seinem Herzen kam.

„Und was ist mit dir?“, wollte er wissen. „Warum kannst Du nicht schlafen?“

Durch Carwoods Körper ging ein Seufzen und nachdenklich sah er zur dunklen Zimmerdecke auf. Er wusste haargenau, was ihn wach hielt – es war der Mann in seinem Arm. Er konnte versuchen diese Tatsache zu leugnen oder sie akzeptieren, sie aussprechen und sehen, wie die betreffende Person darauf reagierte. Ein Zugeständnis machend flüsterte er: „Ich genieße den Moment.“

Es war weit mehr, als er hatte sagen wollen und dennoch viel zu wenig, um auch nur ansatzweise auszudrücken was er fühlte. Was er  für Ron fühlte. Aber es wäre ihm wohl ohnehin nicht geglückt Worte für das zu finden, was sich in seinem Inneren abspielte. Denn was dort seit einiger Zeit vor sich ging, stand in so großem Widerspruch zu allem, was er für normal hielt, dass Carwood allmählich begann an seinem Verstand zu zweifeln. Er fühlte sich zu Ron hingezogen. Und er hatte nicht den leisensten Schimmer, wo dieses Gefühl enden sollte.

Ron schmiegte sich fester an Carwood. Es waren Worte gewesen, die ganz genau zum Ausdruck brachten, was er fühlte. Worte, die ihm selbst niemals über die Lippen gekommen wären. Ein weiteres Mal beeindruckte ihn die unerschrockene Aufrichtigkeit, mit der Carwood Lipton durchs Leben ging und sogar zu seinen Gefühlen stand. Er würde diesen Mann nicht loslassen. Nicht, solange er eine Wahl hatte.

Die Augen waren ihm längst zugefallen, als Ron den Mut fand, den es brauchte Carwoods Beispiel zu folgen und sich ebenfalls zu bekennen. Es waren nur zwei Worte, aber sie enthielten alles was von Bedeutung war.

„Ich auch.“, wisperte er in die Dunkelheit.

Wie zur stillen Antwort legte Carwood seinen zweiten Arm um Ron und spürte augenblicklich, wie dieser sich entspannte, sich jeder Muskel in seinem Körper löste und er auf eine angenehme Weise mit ihm verschmolz. Es war ein Gefühl tausendmal schöner, als er es sich jemals vorgestellt hatte. Müde schloss Carwood seine Augen. Und bevor er in den Schlaf glitt, drehte ein überaus schöner Gedanke eine letzte Runde in seinem Bewusstsein. Sie würden morgen gemeinsam in diesem Bett aufwachen und den Tag mit neuer Zuversicht beginnen, gefestigt von der Gewissheit, dass sie einander hatten und begleitet von dem vorsichtig keimenden Gedanken, dass sie das gleiche für einander empfanden.


AN:
Wer noch nicht genug von den beiden hat, kann hier den vierten Teil lesen! ;-)
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