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Androidenblut

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
05.06.2018
28.06.2018
11
42.516
37
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
06.06.2018 3.377
 
Es kommt schon heute das neue Kapitel, da ich in den letzten 24 Stunden so viel Motivation aufbringen konnte,  um hier weiter zu machen. Ohne euch wäre das wohl nicht so gewesen!
Vielen Dank an Lina-san, facella, Justice75 und Miepkaetz für die tollen Reviews!
Ebenso bedanke ich mich an die 5 Empfehlungen, 18 Favoriteneinträge und bereits über 200 Aufrufe!

●✟●

Hass ist Ballast. Das Leben ist zu kurz, um wütend zu sein.
- American History X



Montag, 13. September 2038, 8:21
Detroit

Ich dachte tatsächlich für einen Augenblick, dass Connor mich bezüglich des Falls auszuquetschen versuchte, aber das…? Wieso wollte er das so unbedingt wissen?
Alleine der Gedanke, dass eine Maschine, wie der RK 800 es nun einmal war, wissen wollte, woher meine Angst vor ihnen stammt, reichte aus, um mir unheimliche Gänsehaut über den Körper zu jagen. Es fühlte sich an, als tanzten Tausende kleine Blitze über meine Haut - heiß und eiskalt zugleich.
Ich schlug beinahe automatisch meine Arme um meinen eher schwach gebauten Oberkörper und begann, am ganzen Leib zu zittern. Es fühlte sich einfach nicht richtig an, eine solche Frage gestellt zu bekommen.

Die Vergangenheit…

„Bitte fasse es nicht als persönlichen Angriff auf, Connor…“, versuchte ich vergebens, mich höflich bei dem männlichen Androiden zu entschuldigen und ihm ein vorsichtiges Lächeln zu schenken. Ob dies mir jedoch gelang, konnte ich nicht sagen.
Dafür fühlte ich mich einfach zu unsicher.
Connor hingegen sah mich an wie ein Welpe, den man einfach auf der Straße aussetzte. Nicht so richtig wissend, was soeben geschah.
Ein Welpe, bei diesem Gedanken musste ich nun doch zu schmunzeln beginnen. Seit wann stellte ich eine Maschine mit einem solch süßen lebendigen Wesen gleich?
Der menschlich Aussehende zog etwas die Lippen vor – die echt verdammt schön aussahen – und versuchte, die richtigen Worte aufzuschnappen, um mir nicht noch mehr Angst einzujagen. Er zog zusätzlich die Augenbrauen zusammen, um seinem Blick einen nachdenklich, aber dennoch auch ernsten Ausdruck zu verleihen.
„Wieso sollte ich es denn persönlich nehmen, Miss-“
Ich fiel ihm rasch ins Wort, bevor er seine unnötigen Höflichkeitsfloskeln zu Ende sprach:„Emilía reicht. Ich mag es nicht, wenn man mich so förmlich anspricht.“
Connors Mund, welcher zuvor noch einen kleinen Spalt offen stand, schloss sich langsam wieder und sah verdutzt Richtung Boden, bevor er mich wieder anblinzelte.
Nur im Augenwinkel erkannte ich, dass seine LED-Leuchte gelblich aufblinkte, aber rasch wieder in ein Blau wechselte, das mich seltsamerweise an das Meer erinnerte.
„Ich möchte nicht an meine Ängste und dessen möglichen Auslöser denken. Tut mir leid, Connor…“ Ich wusste zwar, dass eine Maschine so etwas wie Enttäuschung nicht fühlen konnte, dennoch bemühte ich mich um ein sanftes Lächeln.

Können Maschinen fühlen?

„Das ist schon okay“, gab Connor von sich und machte, ganz zu meiner Überraschung, einen kleinen Schritt zurück.
Das war – vermutlich – das erste Mal, dass ein Android es schaffte, freiwillig Abstand zu mir zu nehmen, sobald sie vermuteten, dass ich Angst vor ihnen hatte. Der Rest kam mir sonst immer gefährlich nahe, da sie dachten, mir so die Angst zu nehmen.
Dass es sich so nur noch mehr verschlimmerte, konnten sie ja nicht wissen. Sie fühlten schließlich nicht das, was ich fühlte.
Es war plötzlich Hank, der nun seine Stimme erhob und eine Hand an meine Schulter legte:„Was hast du nun vor, Emilía? Willst du zu deinem Vater?“
Ich überlegte einen Augenblick, ehe ich den Kopf schüttelte und leise lachte – eine Panikreaktion, damit kein Außenstehender bemerkte, wie zerstört ich mich im Inneren eigentlich fühlte. „Papa hasste Besuche schon immer. Er scheucht mich weg, wenn ich zu ihm gehe. Captain Allen möchte ihm dennoch hier und da mitteilen, dass es mir gut geht.“
Der alte Lieutenant nickte bestätigend und sah seine Blechbüchse von Partner an:„Ich sehe mich im Haus um und ich hoffe für dich, dass du bald nachkommst.“
Connor bewegte seinen Kopf auf und ab, was etwas steif aussah. „Ich komme, Lieutenant!“
Nachdem Hank in dem Haus meines Vaters und mir verschwand, ahnte ich schon die Blicke des RK800 auf mir liegen. Meine Seher huschten über die Landschaft und tatsächlich: Für eine kleine Sekunde erhaschte ich einen Ausblick in die schönen dunklen Edelsteinaugen.

Edelsteine…

Da ich mich nicht länger dabei erwischen wollte, wie ich mich immer wieder in seinen Augen verlor, blinzelte ich einige Male schnell und versuchte, mich etwas Anderem zuzuwenden.
Doch was?
Die Tasse Kakao, die Captain Allen mir gab, hatte ich verschüttet – und ich merkte erst jetzt, dass mir meine Finger aufgrund dessen ziemlich schmerzten – und wenn ich nun aufstehe, würde sich alles um mich herum zu drehen beginnen, da mich das Gefühl des Schwindels beschlich.
Vorher, als Hank nach mir suchte, war das noch nicht der Fall. Seltsam.
Ich suchte vergeblich nach einer Beschäftigung, doch ich erwischte mich mal wieder dabei, wie ich Connor ganz genau unter die Lupe nahm. Er sah so menschlich aus, dass es mich verwirrte.

Menschlicher als ein Mensch?

„Stimmt etwas nicht mit meinem Gesicht?“, erkundigte sich Connor mit zusammengezogenen Augen und wollte mir näherkommen, stoppte allerdings in seiner Bewegung.
Für einen Moment wusste ich nicht, was er meinte, bis mir einfiel, dass ich seit mehr als einer Minute meinen Blick nicht von ihm nahm und ich mich auch nicht bemühte, es sein zu lassen.
Seit wann konnten Androiden denn so reizvoll aussehen?
„Huh…?“, gab ich einen benebelten Ton von mir und setzt mich aufrecht hin, doch schlaffte schnell wieder in mir zusammen.
Connor legte den Kopf schief und kam mir nun doch etwas näher. Ich ließ es auch einfach zu, denn ich achtete im Augenblick nicht auf das, was er war.

Wieso musste ich eine Schwäche für schöne Männer haben?

Endlich schaffte ich es, mich langsam wieder zu fangen und zuckte augenblicklich zusammen, nachdem ich erkannte, dass Connor mir recht nahekam und mich genauso intensiv anstarrte, wie ich es zuvor bei ihm tat.
„Emilía?“, nahm der RK800 mit Bedacht meinen Namen in den Mund. Ich konnte es mir – wie auch sonst – selbst nicht genau erklären, doch er brachte meinen Namen so schön und harmonisch über seine Lippen, dass mein Herz einen klitzekleinen Sprung tätigte und meine Brust zum Schmerzen brachte.
Kaum geriet das leichte Blitzen seiner blauen LED-Leuchte in meinen Sinn, rutschte ich panisch den Wagen nach hinten entlang und stierte den männlichen Androiden mit weiten Augen an.
Wieso vergaß ich immer wieder, dass Connor ein Android ist?
„Es ist alles… gut“, verteidigte ich mich stur und krabbelte schleppend wieder hervor, um Connor mit einem einzigen Ruck unsanft zur Seite zu schieben und aus dem Wagen zu kommen.
Das aufkommende Schwindelgefühl versuchte ich einfach zu ignorieren, doch mein linkes Bein knickte bei dem Versuch, in Richtung Haus zu Hank zu laufen, ein.
Mir war sehr wohl bewusst, dass ich gleich zu Boden kippte, doch als ich es in derselben Sekunde erwartete, in dem ich mir diesen Gedanken machte, packte mich jemand am Handgelenk und verhinderte meinen Fall.
Mein Blick richtete sich auf den hübschen Connor, dem der Arm gehörte – und mich aufrecht hielt. Ich zog meine Augen giftig zusammen und schüttelte ihn ab, mit einem leisen Zischen auf den Lippen. „Ich verbiete es dir, mich einfach anzufassen!“
Es schien, als ginge es Connor nahe, denn wieder lag dieser unschuldige und vor allem einsame Welpenblick in seinen Edelsteinaugen. Selbst seine LED-Leuchte blitzte gelb auf.
Ich seufzte tief aus. „Es ist nicht deine Schuld, Connor. Ich will bloß nicht, dass man mich einfach anfasst.“
„Nur von Androiden, oder täusche ich mich?“, fragte mich der RK800 mit einem Hauch von Neugier. Zumindest klang es so danach.
Entrüstet sah ich ihn an, glaubte ich keineswegs, dass er so schnell wusste, weshalb ich diesen Hautkontakt vermied.
Und doch setzte sich rasch das Puzzle in meinem Kopf zusammen: Er war immerhin eine Maschine, die eine Intelligenz aufzeigte, an die kein normal Sterblicher herankam.

Richtig.

„Ja…“, gab ich nun endlich zu, mit einem gewissen Hauch an Scheu, und versuchte mein Glück, dem Blick des menschlich Aussehenden auszuweichen. Doch dieser legte den Kopf lediglich schief und nahm seine Augen keine Sekunde von mir.
Was an mir ist wohl so interessant, dass er nicht aufhören kann, mich anzusehen?
„Was hattest du vor? Das Haus zu betreten würde dazu führen, mögliche Spuren zu vernichten. Dieses Risiko möchte ich nicht eingehen“, lenkte Connor nun überraschend auf ein anderes Thema.
Ich machte ein langes Gesicht – baff. Sollte ich etwa ewig in diesen blutverschmierten Kleidungen stecken?
Unbeholfen zog ich meine Lippen zu einer Schnute und verschränkte die Arme. „Wie du gesehen hast, möchte ich mich umziehen und meiner Arbeit nachgehen“, fauchte ich nun wil und lieferte mir mit dem hübschen Androiden regelrecht ein Starrduell.
Etwas sagte mir, dass es mir erlaubt war, Angst zu zeigen, doch sagte meine innere Stimme mir auch, dass ich vor Connor keine Angst zu haben bräuchte.

Aber was brachte mich dazu, das zu tun?

„Ich entschuldige mich für diese Umstände, Emilía, allerdings haben die Ermittlungen für mich höchste Priorität.“
In mir kochte die Wut, weswegen ich Connor unsanft zur Seite schob – zum zweiten Mal innerhalb zehn Minuten – und ihn genauso wütend anfunkelte. „Das geht mir genau da hin, wo die Sonne nicht scheint!“, gab ich meine Meinung offen und vielleicht auch etwas zu aggressiv kund und tapste in Richtung Haus.
Bevor mich der RK800 davon abhalten konnte, mein eigenes Haus zu betreten, stolperte ich auch schon hinein. Ich zog damit die Aufmerksamkeit der anwesenden Polizisten und auch von Captain Allen und Lieutenant Hank auf mich. Sie sahen mich an, als hätten mich unzählige Bienen gestochen oder gar Hummeln im Hintern. „Entschuldigt mich, bin auch gleich wieder weg“, gab ich gedämpft und mit einem wütenden Fauchen von mir und rannte die Stufen hoch, die – ganz zu meinem Glück – nicht mittels Absperrband versiegelt waren.
Von der Eingangstür aus lauschte ich Connors Stimme. Er schien sich mit Hank zu unterhalten, der der Maschine viele Beschimpfungen entgegen jaulte. Ich schnappte seitens Connor etwas auf wie ein „Ich konnte sie nicht länger aufhalten, Lieutenant Anderson“.
Da mich die Unterhaltung jedoch nicht weiter interessierte, öffnete ich kurzerhand die Tür in mein Zimmer und knallte sie auch schon im selben Augenblick zu – noch im richtigen Moment, da Connor sonst ebenfalls im Zimmer gelandet wäre.
„Wehe dir, du kommst hinein!“, maulte ich Connor hinter der Tür an und versicherte mich, abgesperrt zu haben. Wenn ich jemals jemanden etwas ersparen wollte, dann einem Androiden, der einen Blick auf eine halb nackte Menschenfrau erhaschte.

Ob er schon einmal die Androidenfrauen im Eden Club gesehen hat?

Ich suchte schnellstmöglich die Kleidung aus meinem Kasten zusammen, wohl wissend, dass es für die Polizeistation hübsch genug war.
Eine dunkelblaue Bluse sowie ein weißer Rüschenrock – es hatte etwas Mädchenhaftes an sich, doch wollte ich nicht wie eine aufgehübschte Puppe aussehen, die mit knallrotem Lippenstift umherlief.
Ich nickte sanft, als ich die Kleidung ansah, und zog mich hastig um. Connor klopfte abermals wild an der Tür, doch das ließ mich kalt.
Nachdem ich es schaffte, mich umzuziehen und dabei in Gedanken zu schwelgen, wischte ich mir das blaue Blut von den Wangen – ein Glück, dass nur das Blut der Maschine auf mir klebte – und öffnete endlich die Tür.
Zu meinen Füßen stand Connor, der die Hand vom ganzen Klopfen senkte, und mich und meine Handlungen beobachtete.
Ich sah ihn an, ohne mein Gesicht zu verziehen, zumindest glaubte ich das. So wütend ich mich zuvor auch zeigen mochte, nun überkam mich wieder die Angst. Der Blick auf die LED-Leuchte reichte tatsächlich aus, um meine Knie zum Wackeln zu bringen.

Angst…

„Falls ihr meine Kleidung für Beweise benötigt, die liegt im Bett“, ließ ich Connor wissen. Ich hatte eigentlich vor, an ihm vorbeizugehen, doch meine Beine ließen es nicht zu. Er stand nun einmal vor mir.
Ich musste bestimmt leichenblass aussehen, denn meine Angst vor den Maschinen schien mich immer weiter zu überkommen. Connor reichte mir seine Hand, doch ich fiel beim Weichen beinahe über meine eigenen Beine.

Angst vor Androiden…

„Lässt du mich bitte gehen, Connor?“ Ich verlangte nicht viel, und ich hoffte, dass er das Richtige tat und mich einfach gehen ließ. Ich musste mich entspannen, und wenn es im DPD war.
Nur so konnte ich meinen Schock in Griff bekommen.
Connor wandte sich nicht ab, und als er mein Zimmer betrat, verlor ich mich wie schon zuvor in ihnen: Seinen dunklen Edelsteinaugen.


Montag, 13. September 2038, 13:41
Detroit, Detroit City Police Department

Nachdenklich sah ich meine linke Hand an. Zu Hause fiel Connor – mehr oder weniger – über mich her und wollte unbedingt, dass ich mir die Hand verbinde.
Scheinbar schien ich mir tatsächlich wegen der heißen Tasse Kakao eine Verletzung zugezogen zu haben und ich wusste nicht, ob ich dem RK800 dafür dankbar sein sollte oder nicht. Vermutlich beides, denn meine Angst ließ er in diesem Zeitpunkt einfach außer Acht und ließ mich so lange nicht gehen, bis ich mir die Bandagen anlegte.
Ich kannte ihn noch nicht sehr lange und schon jetzt zählte er zu den seltsamsten Androiden, denen ich je begegnet war. Und ich kannte sehr, sehr viele.

Und ich muss ihn wohl oder übel jeden Tag hier sehen.

„Emilía? Deine Schicht ist seit fast zwei Stunden um. Du kannst schon längst gehen“, ließ mich Captain Fowler wissen, der sich wieder auf dem Weg in seinen von Glas umschlossenen Käfig machte.
Ich nickte höflich und lächelte den Captain an:„Ich falle schon nicht auf, Captain.“
Jedoch zog ich mein Gesicht in die Länge, als ich hinter mir einer Stimme lauschte, die mir ganz und gar nicht gefiel. „Sie nimmt einem bloß unnötigen Platz weg.“
Detective Gavin Reed, der vermutlich meist gehasste Angestellte des DPD, lehnte sich an die Theke, wohinter ich auf einem Stuhl saß und zuvor noch meine Hand begutachtete.
Ich wusste, dass ich mich nicht von ihm sticheln lassen sollte, weswegen ich ihn auch einfach außer Acht ließ. Er hielt mir nicht nur einmal die Waffe an den Kopf, weil ich mich nicht auf sein bissiges Verhalten einließ.
Und doch schüttete er oft genug Öl ins Feuer und ließ mich mein eigenes Blut schmecken. Er wusste von meiner Vergangenheit – woher auch immer – und zog mich damit immer mehr auf. Dass ich ein Angsthase sei, ein Nichtsnutz und vor allem ein Mädchen, das sich von ihrem ranghohen Löwenvater hat einschleusen lassen.
„Dein Alter liegt in der Klinik?“, wollte Reed wissen und beugte sich über die Theke zu mir, um einen Finger unter mein Kinn zu legen und es gewaltsam anzuheben. Ich musste ihn ansehen, ob ich wollte oder nicht.

Woher…?

Ich nickte leicht und sah den Mann an, den alle Welt so sehr zu hassen schien – mich mit einbezogen. Er mochte zwar im Allgemeinen ein hübscher Typ sein, aber da bevorzugte ich selbst Connor, einen gottverdammten Androiden.
Der Detective lachte höhnisch und tätschelte mir etwas viel zu fest die Wange. Wie einen dummen Hund, der nichts von der Welt an sich wusste.
„Ihr hättet es vielleicht schon viel eher vernichten sollen“, ächzte Reed und wollte mir wieder in das Gesicht langen, doch packte ich ihn schnell am Handgelenk und zog ihn von mir.
Ich funkelte ihn wütend an, doch sagte nichts. Ich musste ruhig sein. Das wollte er doch. Solche Dinge sagen, um mich aus der Fassung zu reißen.
„Wer weiß…“, lachte er böse und riss sich los, um mich voller Hohn anzusehen.
Etwas sagte mir, zu wissen, was er sagen wollte, weswegen ich mich aus dem Stuhl erhob und die Hände auf den Tisch knallte. „Wage es ja nicht, das in den Mund zu nehmen!“
„Oh“, machte der Detective gespielt bemitleidend und sah mir so tief in die Augen, sodass ich den Hass in ihnen erkannte. Er besaß einen sehr hässlichen Charakter. „Ich möchte doch bloß meine Gedanken aussprechen?“
„Nicht“, fauchte ich mit einem klopfenden Herzen und ich glaubte, jeden Augenblick zu weinen zu beginnen. Denn wenn ich eine Sache hasste, dann die Tatsache, dass man schlecht über meinen Vater redete.
Reed schien wohl zu wissen, dass er mich damit am Haken hatte, denn er schnalzte mit der Zunge. „Was für ein Verlust es doch sein könnte, wenn er jetzt einfach ums Leben kommt“, lallte er vor sich hin und damit hatte er mich genau an meinen Wunden Punkt erwischt.
„Du pietätloses Arschloch!“, schrie ich in sein Gesicht und hüpfte – sofern es meine Beine zuließen – eher weniger elegant über die Theke und landete auf Reed.
Ich fiel mit ihm zu Boden, meine Beine auf seinem Bauch und wollte ihn leiden und bluten lassen. Ich wollte ihn in seine hässliche Visage schlagen und ihm die Nase brechen.
Ich ballte meine Hand zu einer Faust und legte die zweite Hand um seinen Hals, konnte ihm jederzeit in das Gesicht schlagen, wie ich es wollte.
„Was ist denn los, du Memme?“, wollte Reed lachend wissen und zog die Lippen weit auseinander, bis mich sein Lächeln auszulachen schien.

Ich kann nicht.

Ich begann, plötzlich überall am Leib zu beben wie Espenlaub. Ich fühlte ganz genau die Tränen aus meinen Augenwinkeln strömen und mein ganzes Gesicht befeuchten.
In mir steckte so viel Hass und Melancholie, dass ich keinen Muskel bewegen konnte. Mein Blick galt einzig und alleine dem Detective und ich hasste mich dafür, nicht einfach das zu tun, was ich mir so sehnlichst wünschte. Nämlich das Richtige.
„Emilía!“, erklang hinter mir eine mir bekannte Stimme und ich zuckte zusammen, als man mich von Reed in die Höhe zog und an seine Seite zwang.
Ich wollte mich zur Wehr setzen, doch ich konnte nicht. Ich versteifte komplett und weinte einfach.
„Es ist alles okay“, meinte die Stimme zu mir und ich erkannte sie als die Stimme Hanks.
Mir kam kein richtiger Ton über die Lippen, bloß hier und da ein leises Schluchzen. Ich fühlte meine Hände, die ich nach wie vor zu Fäusten geballt hielt, inzwischen nicht mehr, doch das war mir im Moment egal.
„Lieutenant Anderson, soll ich sie von hier wegbringen?“, ertönte nun eine neue Stimme und ich konnte sie auf der Stelle dem männlichen Androiden zuordnen, der mir seit heute Morgen nicht aus dem Kopf ging. Und das sowohl im positiven als auch negativen Sinne.
Als hätte ich nicht schon genug Komplikationen, gegen die ich anzukämpfen versuchte, bekam ich es zusätzlich mit dem Gefühl der Angst zu tun und riss mich von Hank los.
„Bitte lasst mich nicht mit der Maschine alleine“, sagte ich verzweifelt und unter zahlreichen Tränen. Ich blinzelte Hank panisch an, doch dieser schüttelte mit einem müden Lächeln den Kopf.
Das brach mein Herz nur noch mehr entzwei.
„Ich muss dieses Mal ausnahmsweise der Blechbüchse recht geben, Emilía… Du stürzt dich nach so einem Geschehen bloß in weitere Probleme.“
Ich wusste natürlich, dass er es bloß lieb mit mir meinte, doch hätte er mich nicht einfach anstelle des RK800 wegbringen können? Nun, vermutlich nicht, denn der Lieutenant sah Detective Reed vernichtend an, der nur ein dummes Lächeln auf den Lippen trug.

Ich muss hier weg.

„Weg…“, gab ich leise von mir, etwas hilflos an Connor gewandt.
Ich hatte überraschend schnell seine Wachsamkeit auf mich gezogen, kam mir bedacht näher. Er legte eine seiner Hände unwissend auf meine Schulter, als wüsste er nicht, was er tun soll.
Vielleicht stand das nicht in seiner vorgefertigten Programmierung, wie man mit solchen Fällen umzugehen hat?
Ohne etwas zu sagen, ging er mit mir das Gebäude entlang zum Lift. Wieso musste das DPD auch so verdammt riesig sein?
Den ganzen Weg über zum Lift behielt ich ein wachsames Auge auf Connor, solange es die verschleierte Sicht überhaupt ansatzweise zuließ. Mir fiel auf, wie riesig er eigentlich war – gut, meine 163 cm Körpergröße ließ alles riesig erscheinen – und dass er als Maschine tatsächlich sehr gut aussehend war.

Fühlte ich mich etwa von einem Androiden angezogen?

Ich glaubte, den Boden augenblicklich unter meinen Füßen zu verlieren. Meine Knie knickten ziemlich unsanft zur Seite weg, doch bevor ich auch nur Anstalten machte, den Boden zu küssen, hielt mich Connor in der Höhe und sah mich an.
Mir fiel auf, dass ich ihn noch nie lächeln sah. Dabei taten dies viele von ihnen, zumindest die, die ich einst kennenlernte. Sie alle schenkten mir immer ein sanftes Lächeln.
Connor hingegen… nicht.
Meine Augen blickten in jene der Maschine.
Eisblaue Flammen, die gegen einen Edelstein schlugen und zischten.
Endlich machte Connor etwas, was ich zutiefst verlangte, wenn auch tief in Gedanken gehüllt und versteckt. Er redete mit mir.

„Geht es dir gut, Emilía?“
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