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Androidenblut

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18
Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
05.06.2018
28.06.2018
11
42.516
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05.06.2018 3.241
 
Eine Geschichte, die ich meinem Fels in der Brandung, McDragon widme. Danke für alles. ♥
Entschuldigt, sollten Hank und Connor etwas OOC sein. Ich versuche, mich natürlich diesbezüglich zu bessern und sie mehr wie sie selbst wirken zu lassen!

●✟●

Ich kann Ihnen nichts vormachen, was Ihre Chancen angeht. Aber: Sie haben mein Mitgefühl.
- Alien



Montag, 13. September 2038, 7:57
Detroit

„Emilía? Kommst du?“ Die Stimme meines Vaters ließ mich im Spiegel in Richtung Tür blicken, die offen stand. Ich sah die Stufen, doch niemand befand sich auf ihnen.
Er rief wohl von der Küche aus nach oben.
Ich nickte und klemmte mir eine Haarklammer zwischen die Lippen und versuchte, mein Haar zu bändigen.
Ich vergaß, dass mein Vater mich nicht sehen konnte, daher rief ich ihm schnell hinterher, so gut es die Klammer im Mund zuließ:„Ich bin gleich da!“
Ich steckte die letzte Klammer in mein Haar und begutachtete mich ein letztes Mal im Spiegel.
Blassweiße Haut, blutunterlaufene Lippen wegen meiner Angewohnheit, die Haut von den Lippen zu beißen, rotes Haar und eisblaue Augen, die glücklich schimmerten.
Wenn man von den dunklen Augenringen absieht, könnte man tatsächlich meinen, dass ich dem Märchen Arielle höchstpersönlich entsprungen war.
Zu tief in meinen eigenen Gedanken versunken, bemerkte ich nicht, wie sich der Hausandroid, den mein Vater vor ein paar Jahren kaufte, in den Türrahmen stellte.
„Miss Kavanagh, Ihr Vater verlangt nach Ihnen“, teilte der dunkelhäutige HK400 mir mit, ohne eine Miene zu verziehen.
Ich liebte meinen Vater, das stand fest – war er doch der Einzige, den ich noch hatte. Doch als er sich vor ein paar Jahren dazu entschied, sich diesen Haushaltsandroiden zu kaufen, hätte ich ihm am liebsten dafür eine Ohrfeige verpasst.
Er wusste, welch panische Angst ich vor Androiden hegte, und er wusste ebenso, welche genauen Gründe es hatte. Geschweige denn, dass ich deswegen meine Arbeit verlor…
Doch mein Vater meinte, alleine könnten wir uns niemals um dieses Haus kümmern. Außerdem sah ich die dunkelhäutige Maschine selten, da ich den Kontakt zu ihm vermied.
Genug in meinen Gedanken gewühlt, wandte ich mich von meinem eigenen Spiegelbild ab und sah zu dem HK400, welcher auf etwaigen Anweisungen oder gar meine Antwort wartete.
Ich bemühte mich um ein Lächeln, auch, wenn meine Mundwinkel ängstlich zuckten. Alleine der Anblick der blauen LED-Leuchte reichte aus, um meine Hände schwitzig zu machen.
„Danke“, sagte ich leise und sah dem Mann unsicher in das Gesicht. Er schien so emotionslos zu sein und seine Augen wirkten leer und stumpf, schienen einfach in das Nichts zu starren. Er sah aus, als wäre er … verloren?
Egal, wie ängstlich ich gegenüber den Maschinen war, so stellte ich mir dennoch eine einzige Frage.

Wie ist es, ein Android zu sein?

„Miss Kavanagh, soll ich Ihnen die Tasche nach unten tragen?“, erkundigte sich der HK400 und deutete auf meine Handtasche, welche im Bett lag.
Mein Blick folgte aufrichtig dem der Maschine, ehe ich den Kopf schüttelte und zum Bett ging, um mir den Gegenstand umzuhängen. „Sie ist nicht schwer, aber danke, Ken…“ Ich bedankte mich aus Höflichkeit bei ihm, denn er sollte meine Angst vor ihm nicht erkennen.
Wie auch in den letzten Jahren.
Ken, so nannte mein Vater den Dunkelhäutigen bei dem Kauf, wandte sich endlich von mir ab und ging die Stufen hinab.
Ich atmete tief aus und fasste mir augenblicklich an die Brust. Ich fühlte mein Herz wild gegen den Brustkorb schlagen, doch es schien sich langsam zu beruhigen.
Zumindest für den Moment.
Ich wollte nicht noch mehr Zeit vergeuden und möglicherweise meinen Vater wütend machen, weswegen ich die Stufen hinab schnellte und so in das Esszimmer gelang.
Der Tisch war schon längst gedeckt und eine kleine Dampfwolke des Essens kam mir entgegen. Spiegeleier und Speck, der ausgezeichnet roch.
„Tut mir leid für die Verspätung“, entschuldigte ich mich bei meinem Vater und setzte mich.
Er sah noch nie entsprechend seines Alters von 43 aus – eher noch immer wie ein junger Mann, den man einarbeiten musste. Sein kurz geschnittenes Haar sowie sein Dreitagebart waren schwarz, seine Augen hingegen giftgrün.
Sie zeichneten etwas auf, das ich mir nicht erklären konnte. Er lag kein richtiger Glanz in seinen Iriden und dennoch sahen sie mich so glücklich und friedvoll an.
Mein Vater lächelte verloren und rieb langsam meinen linken Handrücken, da ich ihm zuvor meine Hand entgegenstreckte.
„Du siehst deiner Mutter von Tag zu Tag ähnlicher“, sagte er müde und wandte sich seinem Essen zu, ebenso wie ich es tat.
Ich seufzte. Er vermisste meine Mutter sehr, und dass ich ihr so ähnlich sah, machte es nicht besser. Eher beschlich mich das Gefühl, es nur noch schlimmer zu machen.
„Sie fehlt mir genauso sehr wie dir“, versuchte ich, die Stimmung des Mannes nicht weiterhin trüben zu lassen und steckte mir die Gabel mit einem Stück Speck in den Mund.
Ken stand hinter meinem Vater an der Theke, und da ich den Blicken der dunkelhäutigen Maschine aus dem Weg gehen wollte, ruhte mein Blick lediglich auf meinem Teller.

Ich wollte vor meinem Vater nicht in Panik ausbrechen.

„Hast du heute eigentlich einen neuen Fall zu erledigen?“, erkundigte ich mich nachdenklich bei dem Älteren und kaute auf dem Stück Speck.
Mein Vater ging seiner Arbeit als Polizist mit viel Liebe und Herzblut nach. Als ich meinen alten Job verlor, konnte er mir einen Platz als Rezeptionistin in jenem Gebäude beschaffen, in dem er ein Büro besaß.
Das Detroit City Police Department zählte zu den bekanntesten Polizeistationen der Stadt, und dass mein Vater es schaffte, mir ausgerechnet dort einen Job zu verschaffen…
Ich konnte mein Glück kaum in Worte fassen.
Endlich blickte mein Vater vom Essen auf und sah genau in mein Gesicht. Ein Lächeln schmückte seine Lippen und er schob den Teller beiseite.
„In einem alten Gebäude ist eine Leiche gefunden worden“, erzählte der Mann und lehnte sich an den Stuhl hinter sich. „Ein paar Teenager hatten Red Ice zu sich genommen und sind bei ihren Abenteuern über diese Leiche gestolpert…“
Nachdenklich beobachtete ich meinen Vater und blickte anschließend an die Decke. Eine Gänsehaut legte sich über mich wie ein Schleier, als ich länger in meinen Gedanken verweilte. „Gibt es denn Anzeichen von Androidenangriffen?“
Er hob seine Hände an, als habe er keine Ahnung. Er schien also noch nicht sehr viel über den Fall zu wissen.
„Wieso zeigst du eigentlich so plötzlich Interesse an einem Fall wie diesen?“, wollte mein Vater belustigt wissen. „Du bist sonst immer sehr still, wenn es um so etwas geht. Du magst weder den Anblick von Blut noch den Tod an sich.“
Ich nickte leicht – eher kaum sichtbar – und legte die Gabel etwas zu laut auf den Teller. „Und ich bin auch sehr froh darüber, nur als Rezeptionistin bei euch im Gebäude zu arbeiten. So erspare ich mir den Anblick davon.“
Mein Vater schmunzelte und richtete sich auf und wandte sich dem HK400 zu. Dieser stand weiterhin schweigend vor der Theke und bewegte keinen Muskel. Geschweige denn, er besaß so etwas wie Muskeln noch nicht einmal.

Er war bloß eine Maschine, nicht mehr.

„Wir gehen nun“, gab der Mann dem Dunkelhäutigen zu verstehen.
Er wollte an mir vorbei, doch als die Stimme des HK400 ertönte, stockte mein Atem und mein Vater verharrte in seiner Position. „Sie haben etwas vergessen, Mister Kavanagh.“

Die nächsten Sekunden liefen ab wie in einem schlechten Film, dem man nicht entkommen konnte.

Plötzlich zog die dunkelhäutige Maschine eine Pistole – die Pistole meines Vaters – und zielte damit auf mich. Ich sah das erste Mal in den Augen der Maschine einen seltsamen Glanz.
Entsetzt weitete ich meine Augen. Ich konnte mich nicht zur Seite bewegen, ich verblieb wie eine Statue auf der Stelle und ließ mich nicht beiseiteschieben.
„Emilía!“, rief mein Vater und stellte sich vor mich, ohne Ken auch nur eine Anweisung zu geben, die Pistole aus der Hand zu legen. Er wusste nämlich etwas, was ich aus meinem Kopf zu verdrängen versuchte.

Einem Androiden kann man nicht helfen, wenn sich die Anzeichen zur Entwicklung eines Abweichlers festigen.

Es fiel ein Schuss und zerriss die Stille.
Ich schaffte es nicht, die Lippen zu einem Ruf zu öffnen, ich blieb starr auf der Stelle stehen. Ich fühlte lediglich die Hände meines Vaters um mich.
Und dennoch schien etwas schwer zu sein – etwa eine Last?
Plötzlich verstand ich, denn mein Vater sackte in meinen Händen zusammen. Etwas schien mich zu benässen, doch das war mir im Augenblick egal.
Ich rutschte mit dem Mann in den Händen auf den Boden und drehte ihn so umher, dass ich genau in sein Gesicht blickte. Er konnte die Augen noch vage offen halten und erst jetzt bemerkte ich das ganze Blut, das aus seinen Mundwinkeln floss.
Die Schusswunde im Rücken machte es zusätzlich schlimmer.
Mir wich jegliches Blut aus dem Gesicht und endlich konnte ich etwas sagen, und wenn es sich dabei lediglich um ein verzweifeltes „Papa“ handelte.
„Bitte nicht“, ich fühlte, wie sich in meinen Augen allmählich die Tränen ansammelten und in derselben Sekunde die Wange hinabliefen. Es ging alles viel zu schnell.
Mit zittrigen Händen presste ich eine Hand an die Schusswunde am Rücken, die andere Hand legte ich an seine Wange und versuchte, ihn mit einem leichten Tätscheln am Leben zu halten.
Ich wollte nicht, dass er geht. Ich wollte meinen Vater bei mir behalten. Ich wollte ihn nicht an den Tod verlieren.
Meine Sicht verschlechterte sich anhand der unzähligen Tränen immer mehr, und als ich in Richtung des Abweichlers blickte, konnte ich seine Mimik kaum deuten.

Wieso?

„Wieso hast du das getan?“, heulte ich in Richtung der Maschine, ängstlich und wütend gleichermaßen.
Er hielt die Pistole noch immer in den Händen, jedoch richtete er sie nicht auf mich. Er wollte wohl nur ein einziges Mal schießen.

Er wollte mich erschießen, nicht meinen Vater.

„Ich fühlte deine Angst“, meinte der HK400 ruhig. Nichtsdestotrotz schien eine Emotion in seiner Stimme mitzuschwingen, die ich so noch nie bei einem Androiden ausmachte.
Ich wusste, dass er mich ansah, denn er legte den Kopf schief. Er hob die Pistole an und zielte erneut auf mich, jedoch lag sein Finger nicht am Abzug.
„Deine Angst vor einer Maschine wie mir… Ich versuchte die ganze Zeit, dir diese Angst zu nehmen. Du hast mich jedes Mal abgewiesen und bist mir aus dem Weg gegangen“, gab er von sich und bewegte sich nun endlich umher.
Er sah so verzweifelt aus, dass er nicht mehr wie eine solche Maschine wirkte, wie ich sie kannte.

Er hatte etwas Menschliches an sich.

„Du hast meinen Vater angeschossen! Ist es das, was du wolltest?!“ Ich stoppte öfters in den Sätzen, denn ich schluckte immer wieder das salzige Wasser, das aus meinen Augenwinkeln kullerte.
Die dunkelhäutige Maschine schüttelte den Kopf und hielt sich die Hand mit der Waffe in der Hand an den Kopf. „Nein…“, gab er leise von sich und seine Stimme nahm von Sekunde zu Sekunde an Volumen zu. „Nein, nein, nein!“

Schweigen.

Die Maschine wollte wohl wissen, ob ich etwas dazu zu sagen hätte, doch ich schwieg.
Stattdessen versuchte ich, meinen Vater weiterhin am Leben zu erhalten. Er konnte nichts sagen, denn wenn er den Mund öffnete, dann spuckte er Blut. Es befleckte meine Kleidung immer weiter damit und der Gestank nach Metall brannte in der Nase.
„Ich habe der Polizei und Rettung die Daten mitgeteilt“, meinte der HK400 wie aus dem Nichts.
Ich sah ihn an, soweit es meine Sicht überhaupt zuließ.
„Mein Ziel war es nicht, Mister Kavanagh zu erschießen.“
Und kaum ließ er den letzten Laut über seine Lippen, setzt er den Lauf seiner Pistole an die Kuhle des Kinns und tätigte den Abzug.
Es ertönte ein weiterer Schuss.
Blaues Blut, Thirium 310, benetzte die Küchentheke und die Wände und ein kleiner Teil landete selbst in meinem Gesicht.
Die dunkelhäutige Maschine sackte auf den Boden.
Und ich flehte um das Leben meines Vaters.


Montag, 13. September 2038, 9:12
Detroit

„Danke für die Info“, bedankte sich Captain Allen bei mir und reichte mir eine Tasse heißen Kakao, ehe er sich auf dem Weg in das Haus machte.
Möglicherweise, um all die Spuren im Haus zu sichern.
Meinen Vater lud man vor wenigen Minuten in einen der Krankenwägen ein und brachte ihn in das nächstgelegene Krankenhaus. Man konnte ihn glücklicherweise stabilisieren und hätte ich meine Hand nicht konstant auf die Schusswunde gepresst und ihn mit leichten Schlägen ins Gesicht wach gehalten, wäre er vermutlich verblutet.

In meinen Armen gestorben.

Ich nahm einen kleinen Schluck von dem heißen Kakao und atmete tief ein und aus. Wenn ich jetzt in Panik verfiel und infolgedessen ohnmächtig, müsste ich selbst in das Klinikum.
Nachdem ich dem Sanitäter weiß machte, dass es lediglich das Blut meines Vaters und das der toten Maschine war, ließen sie mich zum Glück in Ruhe.
Meine Augen folgten den Polizisten, bevor ich meine Augen wieder auf die heiße Tasse legte. Ich kannte alle von ihnen, manchen mehr, manchen eher weniger. Sie teilten mir ihr Beileid mit, doch das benötigte ich im Moment am wenigsten.
Ich war einfach glücklich, dass mein Vater lebte.
„Wo ist das Mädchen?“, lauschte ich einer mir sehr bekannten Stimme. Ich schaute von meinem Heißgetränk in die Höhe und erspähte einen alten Mann mit weißem Haar und ebenso weißem Bart.
Er schien mit einem der Officer zu reden, denn seine Stimme wanderte ein zweites Mal laut über den Platz. „Wo ist Emilía?“
„Hank!“, rief ich dem alten Knacker zu und winkte ihn zu mir. Er blickte in meine Richtung und ohne eine Sekunde zu verschwenden, kam er auf mich zu.
Auch ich stellte die Tasse beiseite und hüpfte vorsichtig vom Rettungswagen, um dem Lieutenant auf wackeligen Beinen entgegenzukommen.
Der alte Mann zog mich an sich und schenkte mir ein aufrichtiges Lächeln. Er konnte von Glück reden, dass er sich nicht mit dem Blut meines Vaters schmutzig machte.
„Ist alles okay?“, wollte er wissen und sah mich genau an.
Ich nickte vorsichtig und versuchte, einen Witz auf die Beine zu ziehen, der aber eher nach hinten losging:„Ich fühle mich, als hätte man mich abgestochen.“
Hank zog sein Gesicht in die Länge. „Das ist nicht witzig.“
Ich lächelte den alten Mann an und bewegte mich wieder in Richtung Rettungswagen, um mich auf das kalte Metall zu setzen und mir die Tasse an die Lippen zu halten.
Wir verweilten ein wenig und tauschten uns über das Geschehen im Haus aus, ehe Hank wie aus dem Nichts zu fauchen begann:„Wo ist diese verdammte Blechbüchse, wenn man sie einmal benötigt?!“
Ich legte den Kopf schief und sah ihn an.

Blechbüchse?

„Wen meinst du?“, erkundigte ich mich skeptisch bei ihm.
Zunächst schwieg der Lieutenant, doch da er meinem Blick nicht ausweichen konnte, meinte er mit einem Hauch von Wut in der Stimme:„Connor.“
„Ist er denn neu?“, wollte ich auch schon weiter wissen und sah Hank entschlossen an.
Der alte Knacker fauchte wild, sein Haar flog in alle möglichen Richtungen:„Ich muss zusammen mit ihm die Fälle erledigen, die Abweichler involvieren.“
Ich konnte ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. Ich wusste, dass er die Maschinen hasste, und er wusste auch, dass ich Angst vor ihnen hatte.
Wir ähnelten uns, was die Blechbüchsen anging. Wir besaßen beide jeweils Geheimnisse, die nicht jeder wusste.
Und da selbst Hank für mich wie ein Vater war, vertraute ich ihm natürlich auch meine Beweggründe an, wieso ich mich vor den Maschinen so fürchtete.

Die Vergangenheit verändert einen.

„Connor! Wo zum Teufel steckst du?“, rief Hank laut nach hinten und fuchtelte mit seinen Händen in der Luft wie ein wütender Dirigent.
Ich konnte eben so noch meine Tasse retten, sonst hätte er mir die Kakaobrühe über meine Kleidung geschüttet.
Nun, das wäre zumindest noch immer ein besserer Geruch, als das ganze Blut.
„Entschuldigen Sie, Lieutenant Anderson. Ich musste mich bei den Polizisten vergewissern, dass alle Informationen sachgemäß übereinstimmen“, erklang eine helle und warme Stimme hinter dem alten Mann.
Ich blickte vorsichtig von meiner Tasse auf und blickte in das Gesicht eines Mannes, kaum älter als ich. Zumindest sah er so aus.
Sein Haar war recht kurz geschnitten und von warmer dunkelbrauner Farbe, die mich seltsamerweise an dunkle Schokolade erinnerte. Lediglich eine einzige kleine Haarsträhne lag ihm im Gesicht, die ihn attraktiver aussehen ließ, als zunächst gedacht.
Als Nächstes bemerkte ich seine blau blinkende LED-Leuchte, die augenblicklich mein Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich zog hastig die Beine hoch in den Wagen und rutschte so weit es ging nach hinten, jedoch den Mann weiterhin mit großen angstgefüllten Augen musternd.
Er trug eine schicke Uniform, an der rechten Seite seiner Brust prangten die Initialen, die ein jeder Android besaß.

RK800
#313 248 317(-51)

„Er sieht unheimlicher aus, als er eigentlich ist“, versuchte Hank, mich zu besänftigen und reichte eine Hand in den Wagen hinein.
Mir fiel nicht auf, dass ich die Tasse umstieß und mir der gesamte Inhalt über die Hand lief. Es war nicht mehr heiß, aber es reichte aus, um mich zusammenzucken zu lassen.
Mir stand die Angst im Gesicht, doch nachdem Hank weiter auf mich einredete, fasste ich den Entschluss, mich nicht weiterhin zu verstecken – und vielleicht die Ermittlung in Schach zu halten – und kam vorsichtig wieder hervor.
Dabei ließ ich den männlichen Androiden nicht aus den Augen. Dieser schien tatsächlich keine bösen Absichten zu hegen, doch sein Blick auf mir verunsicherte mich.

Er scannte mich, das wusste ich.

„Emilía-Viktoría Kavanagh, 23…“, gab er leise von sich.
Ich fühlte mich, als müsste ich meine gesamte Vergangenheit vor ihm entblößen.
„Sie hat Angst“, stellte Connor fest und war dabei, einen Schritt an mich heranzutreten und mir vermutlich diese Angst zu nehmen. Doch ehe er es auch nur schaffte, mich zu berühren, kam ich ihm in die Quere und hielt ihn am Handgelenk gepackt zurück.
Nicht nur, dass seine synthetische Haut sich anfühlte wie die eines Menschen, sie war genauso warm und weich dazu.
Für einen Moment vergaß ich tatsächlich, dass ich es mit einer Maschine zu tun hatte, und begutachtete die Hand. Er besaß lange und schlanke Finger, und je länger ich ihn anfasste und begutachtete, desto mehr war mir auch danach, diese angenehme Wärme zu spüren.

Android.

Ich weitete die Augen bei diesem plötzlichen Gedanken und schlug die Hand von mir weg.
Niemals im Leben glaubte ich, eine Maschine so lange anzufassen. Dabei wollte ich es doch so sehr meiden.
„Nein…“, stieß ich leise von mir.
Er sah mich an, ohne ein Gesicht zu verziehen, doch ich glaubte, in seinen Augen so etwas wie Unwissen auszumachen.

Seine Augen.

Ich wusste nicht wieso, aber als ich mir die Zeit nahm, in Connors Augen zu sehen, glaubte ich für einen Moment, mich in ihnen zu verlieren.
Sie sahen so schön aus. Beinahe wie Edelsteine.
Sie zeigten eine gewisse Tiefe, die noch unentdeckt blieb. Als befände sich die Tür zu seiner vermeintlich versteckten Seele hinter Schloss und Riegel.

Menschlicher als ein Mensch…

„Entschuldigen Sie, darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen, Miss Kavanagh?“, wollte der RK800 von mir wissen und Hank stieß ihn unsanft mit dem Ellbogen in die Seite.
Connor ließ sich dennoch nicht davon abbringen und blickte mich intensiv an. Als ob er versuchte, in mein Herz zu starren.
Und ich wusste nicht, ob er es schaffte oder nicht. Denn je länger ich ihn ansah, desto eher war mir danach, mich zu verstecken.
Er überschritt langsam meine belastbare Grenze.
„Wenn du aufhörst, mich zu siezen, Connor…“, antwortete ich leise. Inzwischen vermischte sich der Gestank von Blut und Kakao sowie nasser Rasen in meiner Nase.

„Du scheinst deutliche Angst vor Androiden zu zeigen, Emilía. Wieso ist das so?“
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