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Tell me

von Katana
KurzgeschichteDrama / P12
Amanda / KI / Interface Hank Anderson OC (Own Charakter) RK800-51-59 Connor
05.06.2018
05.06.2018
3
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05.06.2018 1.056
 
Connor schaute durch die gläserne Vorrichtung des Verhörraumes zu Hank Anderson. Der Lieutenant war nun seit zweiundzwanzig Minuten und vierunddreißig Sekunden da drin.

Fünfunddreißig. Sechsunddreißig. Siebenunddreißig...

Er saß dem Abweichler gegenüber, einer BL100, festgenommen wegen versuchten Mordes.

Seine Hände in einander gefaltet waren sie auf die ihm offen vorliegende Fallakte gelegt, während sein mürrischer Blick auf den blonden Androiden gerichtet war. Dieser wich ihm die ganze Zeit über aus und gab keinen Ton von sich. Starr fixierte er sich auf einen imaginären Punkt auf dem Boden zu ihrer Rechten.

»Also nochmal: wieso sollte die Frau sterben?«, fragte Hank mit Nachdruck.

Keine Antwort. Natürlich keine Antwort. Wieso sollte ›das Stück Plastik‹, wie Hank zu sagen pflegte, gerade jetzt anfangen zu reden?

Der Lieutenant seufzte auf.

»Hör zu, wir haben die ganze Nacht Zeit. Ich hab' nur keinen Bock, meine Zeit wieder wegen so 'ner Scheiße zu verschwenden.«

Der Abweichler regte sich nicht.

»Wir haben zwei Zeugen, die Beweislage spricht gegen dich... Das sieht nicht gut aus.«

Hank hob die Augenbrauen leicht an. Keine Regung des Androiden. Anderson stieß die gesammelte Luft in seinen Lungen ruckartig aus und sein Blick wanderte zur Spiegelwand.

»Wird das jetzt Routine? So meinen scheiß Abend zu verbringen, wenn ein Spiel läuft?« Sein Sarkasmus drang durch die Lautsprecher in den Nebenraum zum RK800 und Officer Chris Miller. »Wieso auch nicht.«

»Letzte Chance!« Hank schlug mit geballter Faust auf die Tischplatte. Der Körper des Androiden blieb erstarrt. »Rede, verdammt! Sonst machen wir's wie mit allen Schrottcomputern, nehmen dich auseinander und sehen selbst nach, wo das Problem ist.«

Plötzlich schaute das hellblaue Augenpaar der BL in die Richtung des Lieutenants. Eine Regung in ihrem Gesicht war zu erkennen. Angst?

»Gut, wie du möchtest«, meinte Hank nun, stieß sich vom Tisch ab und stand auf.

»W-warten Sie!« Die helle Stimme des Abweichlers durchschnitt die angespannte Atmosphäre. »Nicht... Bitte.«

»Dann sag, was passiert ist und warum«, forderte der Lieutenant.

»Ich«, begann die Androidenfrau mit klarer Stimme, »ich werde Ihnen alles sagen. Aber ich möchte mit Ihrem Partner sprechen. Mit jemanden von uns...«

Lieutenant Anderson zögerte kurz. Und auch Connor auf der anderen Seite der Glasscheibe zeigte sich verblüfft. Jemanden von uns... Aber er war nicht, wie sie, dachte er.

Connor erkannte ein leichtes Kopfnicken von Anderson. Das war sein Zeichen. Er ging durch die erste Tür, noch ein Stück weiter, bis er vor dem Verhörraum stand, aus dem ihm sein Partner gerade entgegenkam.

Ein müder Blick auf dem Gesicht gezeichnet von schlaflosen Nächten, die erst dann ihre Ruhe fanden, wenn der Alkohol seine Wirkung zeigte, gefangen in der Monotonie seiner Selbstzerstörung. Dieser Blick traf auf Connor, in dessen Antlitz man nie so etwas wie Müdigkeit erkennen würde. Erschöpfung und Lebensmüdigkeit stand nicht in seinem Programm.

»Na denn...« war das einzige, was Hank der Situation hinzuzufügen schien.

Connor betrat den Raum und ging mit langsamen Schritten zum Tisch hinüber, wo das BL-Modell saß. Auf dem Tisch lag nach wie vor die Akte des Falls. Er scannte die darin liegende Informationen nochmals, obwohl er schon alle Details meinte am Tatort gesehen und entschlüsselt zu haben.

Sophie, Modell BL100 #658 390 437, konzipiert, um eine menschliche Partnerschaft zu simulieren und Bedürfnisse zu erfüllen. Registriert auf ihren Besitzer John Niehouse, der sie am 16. Juni 2036 erwarb. Die Polizei wurde heute Abend um neunzehn Uhr siebzehn von einem beunruhigten Nachbarn benachrichtigt, Schreie aus seiner Wohnung gehört zu haben.

Der Android war plötzlich mit einem Messer auf die neue Freundin des Besitzers losgegangen und stach mehrmals mit der Tatwaffe auf das Opfer ein. Das Opfer, Corinna Black, kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus, überlebte den Angriff, da der Android sich laut Aussage des Besitzers beruhigen ließ. Als die Polizei mit Lieutenant Anderson und Connor eintrat, ließ sie sich ohne Wiederwehr abführen...

Anbei lagen Fotos vom Tatort und den Verletzungen des Opfers. Außerdem das Protokoll von der Zeugenaussage von dem siebenundzwanzigjährigen Beamten John Niehouse.

Connors Augenmerk richtete sich auf Sophie. In diesem Moment hob sie den Kopf, zum ersten Mal seitdem sie dort saß, und ihr Blick kreuzte sich mit dem seinen.

Sie wirkte ruhig, fast gleichgültig. Auch ihr Stresslevel zeigte sich unauffällig. Doch in ihren Augen strahlte sich etwas Untypisches aus. Sie war geschockt und zutiefst traurig... Das hätte Connor jedenfalls bei einem Menschen anhand dieses Ausdrucks geschlossen.

Er kannte die Details ihrer Tat, konnte sie rekonstruieren und wusste, was und vermutlich wieso es geschehen war. Aber sie mussten es von ihr hören. Connor setzte sich.

»Mein Name ist Connor«, sagte er. »Du heißt Sophie, richtig?«

Sophie wartete ab und fragte ihn schließlich: »Welches Modell?«

»Ich bin ein Prototyp der Reihe RK 800.«

Der Abweichler nickte leicht und ließ seinen Blick über den Androiden-Detective gleiten.

»Wie fühlt es sich für dich an? Die Aufgaben zu erfüllen, für die du erschaffen wurdest?«

»Gar nicht. Ich bin eine Maschine, die seiner aufgetragenen Funktion nachkommt. Genau wie du.« Connor lehnte sich etwas nach vorn, er wollte geduldig sein und verständnisvoll auf den Abweichler einwirken. Menschliches Verhalten ist für die fehlerhaften Androiden beruhigend. Da sie glaubten, empfinden zu können, ließen sie so leichter an sich herankommen, dachte Connor.

»Ja... Das war ich vielleicht«, überlegte die BL100, »bis zu diesem einen Punkt. Warst du denn noch nie an diesem Punkt? Du musst doch mal unzufrieden mit Entscheidungen deines Partners gewesen sein... oder frustriert, wenn ein Fall dir Probleme bereitet? Und das so sehr, dass es einfach nicht mehr für dein Programm zu verkraften war...?«

Connor schwieg. Er wollte diese Worte ignorieren, aber sie wurden schon von seiner künstlichen Intelligenz erfasst und verarbeitet. Er dachte nach. Da war schon mal was, wenn seine Mission nicht wie geplant voranschritt. Aber es konnte kein Frust in diesem Sinne sein. Das war doch eine menschliche Emotion.

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Er redete weiter, ohne etwas davon zu zeigen.

»In deinem System kam es zu einer Störung, deshalb hast du gegen deine Befehle gehandelt. Wenn du mit uns sprichst, können wir dir vielleicht helfen.«

»Du lügst. Sie werden mich abschalten. Das war mir klar, in dem Moment, als ich nach dem Messer griff...«

»Wieso hast du es dann getan?«

»Weil...« Schmerz zeichnete sich auf Sophies Gesicht. »Weil ich nicht anders konnte. Ich konnte es nicht ertragen. Jetzt kommt es nur noch darauf an, was für eine Geschichte ich hinterlasse...«

»Erzähl mir, was passiert ist, Sophie.«
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