Echos ~~ Teil 3 ~~

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18 Slash
Cpt. Sean Renard Det. Nick Burkhardt Eddie Monroe Rosalee Calvert
04.06.2018
04.07.2018
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„Man, so eine Zeitverschwendung!“, murmelte Monroe in seinen struppigen Dreitagebart. Mit weitausholenden Schritten lief er über den Bürgersteig und sah in jeden offenen Laden, an dem er vorbei kam. Es wurde schon langsam dunkel und aus den Abend-Einkäufern wurden nach und nach die Bar-Gänger, die sich nach der Arbeit den einen oder anderen Drink gönnten.
„Kann er nicht einfach nur in den Supermarkt einkaufen gehen?“, fragte er sich selbst leise und gab dann ein ziemlich entnervtes Geräusch von sich. Das war eine wahnsinnig tolle Idee von Rosalee gewesen. Seit sie Nick und dem Captain die Erinnerung an ihre zerstörerische Liebesaffäre genommen hatten, war er ständig auf Achse. Aber nicht etwa um sich mit Nick zu treffen oder nette Dinge zu unternehmen, sondern um dem Captain hinterher zu spionieren, weil Rosalee der Meinung war, dass irgendwas mit ihm nicht gut gelaufen war und er eine potenzielle Gefahr für was und wen auch immer, darstellte. Sie sollten ihn eine Weile beobachten, waren ihre Worte gewesen. Es war nicht davon die Rede, dass es allein an ihm hängen blieb. Doch so war es.

Nick hingegen war fast wieder irgendwie der Alte. Gut, er war nicht mehr auf diesem hohen Energielevel und wirkte im Allgemeinen eher ruhiger und nachdenklicher, doch das würde sich auch noch geben. Immerhin war noch nicht so viel Zeit vergangen, seit …
„Oh Gott, nicht daran denken!“, befahl sich Monroe leise und schnaubte entrüstet. Mit einem Grimm befreundet zu sein, war die eine Sache. Eine Sache, die anfangs ziemlich riskant erschien, doch inzwischen hatte er Nick ins Herz geschlossen, denn er war ein aufrichtiger Mensch mit einem wirklich guten Kern und nur den besten Absichten.
Diese Sache allerdings zwischen ihm und Renard, war ein ganz anderes Kaliber. Immer, wenn er darüber nachdachte, verspürte er ein heftiges Unwohlsein in seiner Magengegend und doch war da mehr. Noch etwas anderes, etwas Warmes. Etwas, was nur Nick aussprechen konnte, wenn er seinen Namen nannte. Er nannte nie wieder Renards Vornamen in seiner Gegenwart und Monroe war darüber mehr als dankbar. Denn wenn Nick es tun würde, dann hätten alle Beteiligten, inklusive ihm und Rosalee die falsche Entscheidung getroffen. Lieber nicht darüber nachdenken und weitersuchen, ermahnte er sich streng.
Wie recht oft in der letzten Zeit, begab sich Monroe nun in das Viertel, in dem eine Bar an der nächsten Kneipe war. Es wurde voller und er bekam Hunger. Aber er würde sich eher die Hand abfressen als sich fettige Pommes in einem dieser ‚Läden‘ zu bestellen.
Immer wenn Rosalee sagte: „Ich habe so ein ungutes Gefühl, wegen Renard“, verdrehte er die Augen. Wusste aber zu selben Zeit, dass er losgehen würde und nach ihm sehen würde. Solange der Captain im PD war, konnte er beruhigt sein. Falls dort etwas passieren würde, würde er es durch Nick erfahren. Auch wenn Nick nichts mehr mit „der Sache“ zu tun hatte.
Aber außerhalb Renards Arbeitszeit, wurde es schwierig. Zum Glück hatte sich Rosalees Aussage, er wäre ein sehr einsamer Mann, bestätigt. Immerhin hieße das, Monroe müsste nicht ständig von A nach B fahren, um ihn zu suchen. Andererseits, wenn er Freunde hätte, könnte er sich dieses Theater auch schenken, denn dann würden nämlich andere Personen über den Captain wachen.
Seufzend schaute er suchend in eine angesagte Bar. Die war noch überraschend leer und er hätte Renard gesehen, wenn er hier wäre. War er nicht. Dann müsste er weitersuchen.
„Kann er sich nicht zu Hause betrinken?!“, fluchte Monroe wieder leise vor sich hin.
Wenn er das nämlich tun würde, könnte er wenigstens vor dessen Haus in seinem Auto sitzen und Musik hören.
Die nächste Bar auf seiner Route war das MUSE. Weder besonders „in“, noch ein Gammelschuppen. Er selbst ging eher selten in Bars und schon gar nicht oft allein. Aber das Muse hatte diesen typischen Bartresen und an dem saß Renard und hatte ein Glas Irgendwas vor sich stehen.
Monroe war einerseits erleichtert ihn gefunden zu haben, andererseits war er sich gerade nicht so ganz sicher, was er tun sollte. Er kratzte sich am Kopf und war kurz davor die Bar zu verlassen, um draußen und unerkannt auf ihn zu warten. Bisher hatte er sich und seine „Observation“ bedeckt gehalten, da er nur zu genau wusste, dass mit dem Captain nicht zu Spaßen war. Mit Zauberbiestern, selbst wenn sie nur zu Hälfte ein solches sind, legt man sich ungern an.
Aber irgendwas in ihm drängte ihn heute dazu einfach mal Hallo zu sagen. Weil der Mann so traurig aussah, fragte sich Monroe irritiert? Nein, das war es nicht. Renard sah ganz und gar nicht traurig aus. Er starrte einfach nur in Gedanken vor sich hin.
Da Monroe vermutete, dass der Captain bis heute nichts von seiner Beschattung bemerkt hatte – und darauf war er mehr als stolz – konnte er ihn vielleicht heute mal ‚ganz zufällig‘ treffen. Ehe er es sich anders überlegen würde, ging er auf ihn zu. Denn vielleicht war es nicht die schlechteste alle Idee einfach mal mit ihm zu reden.



„Oh, hey … Captain! Auch hier?“, sagte er dann und hoffte inständig, dass es total überrascht klang. Zusätzlich riss er erstaunt die Augen auf und setzte sich unverfroren und mit heftig schlagenden Herzen neben Renard auf den Barhocker. Der Captain drehte den Kopf und hob nur seine Augenbrauen. Im ersten Moment war sich Monroe keineswegs sicher, ob der Mann ihn überhaupt erkannte. Ehrlich verlegen bestellte er sich eine Cola, denn da war er auf der sicheren Seite.
„Ich wollte mir eben nur ….“ Monroe merkte gerade, wie dämlich es war sich eine Cola bestellt zu haben, denn die hätte er auch in jedem Supermarkt bekommen.
„Eigentlich etwas Härteres als Cola bestellen …“, versuchte er noch zu retten, was zu retten war. Ein Seitenblick zu Renard zeigte ihm jedoch, dass der Mann ihm gar nicht zuzuhören schien.
„Captain?“
„Wie war dein Name nochmal gleich?“, fragte Renard nun ausdruckslos und bestellte ein weiteres Glas Gin, wie Monroe hörte.
„Ich nehme auch eins davon!“ sagte er schnell, als der Barkeeper kam.
„Monroe. Mein Name ist Monroe.“ Irritiert sah er Renard an, denn der hatte nicht den Eindruck gemacht sich keine Namen merken zu können. Ganz im Gegenteil. Monroe hatte das ungute Gefühl, dass der Mann viel mehr von allen anderen wusste, als die nur ahnten. Inklusive Nick!
„Nein, ich meine deinen Vornamen! Kein Mensch heißt Monroe!“
„Ich bin ein Blutbad, kein Mensch!“, raunte Monroe ihm berichtigend zu, doch der Captain sah ihn nur weiterhin mit gefurchter Stirn an.
„Also gut, mein Vorname ist Eddie.“
„Eddie …“, wiederholte der andere Mann, ohne jegliche Betonung.
„…klingt so gewöhnlich“, fügte er dann noch an und Monroe glaubte in seiner Stimme einen ganz dezenten Hauch von Verachtung zu hören. Wundern würde es ihn nicht. Hexen- und Zauberbiester konnten so arrogant sein, wenn es um andere Wesen ging.
„Und Sean ist ja auch so ausgefallen und exklusiv“, gab er unüberlegt zurück. Augenblicklich flog Seans Kopf herum und seine Augen starrten ihn warnend an. Monroe schluckte verwirrt und fragte sich, was da gerade passiert war. Lag es daran, dass er es gewagt hatte seinen Vornamen auszusprechen? Tat das sonst niemand? Hat das sonst niemand getan, außer Nick? Er erinnerte sich wieder daran, wie Nick ihn ausgesprochen hatte. Diese Weichheit in seiner Stimme hatte er seither nie wieder bei ihm vernommen. Betreten sah er zu Seite und konnte spüren, wie er ein wenig errötete. Zum Glück konnte man es einem Blutbad nur schwer ansehen.

Sean schwieg und Monroe überlegte sehr verzweifelt, was er mit diesem unzugänglichen Kerl überhaupt zu besprechen hatte. Alles würde unwichtig klingen und ihn würdelos erscheinen lassen. Und damit würde er nur Renards Überheblichkeit bestätigen, verdammt.
„Wie läuft’s denn so?“, fragte er schließlich leichthin und hoffte, es klang nach typischer Kneipenplauderei. Er bekam überraschenderweise eine Antwort, die gar nicht so abweisend klang.
„Meine Hand ist gut verheilt, dank dieser … Tinktur. Du kannst deiner Freundin einen Dank von mir sagen“. Bestürzt blinzelte Monroe ihn an und nickt dann.
„Ja, mache ich gern. Sie wird sich freuen, denn ….“ Oh Gott, was sagte er hier? Wollte er eben wirklich sagen, dass sich Rosalee große Sorgen um ihn machte und dass das nicht an der verletzten Hand lag?
„Sie macht sich immer Sorgen. Um mich, um Nick und … na ja, um jeden. Du weißt schon.“
„Nein, tue ich nicht“, sagte der Captain nur teilnahmslos. Monroe schwieg wieder und nippte am Gin.
„Geht es Nick gut?“, fragte Renard plötzlich und dem Blutbad wäre vor Schreck das Glas fast aus der Hand gerutscht.
„Ähm, wie meinst du das? Hast du ihn heute nicht getroffen?“
„Doch, ich habe ihn gesehen, aber wir sind nicht gut aufeinander zu sprechen seit der Sache mit seiner Freundin, wie du dir sicher denken kannst.“
„Kann ich. Oh ja, das kann ich wirklich. Hast du mal versucht mit ihm über alles zu sprechen?“
„Nein, wozu? Es spielt keine Rolle.“
„Na ja, das sehe ich anders. Ich meine, immerhin arbeitet ihr zusammen und wäre es da nicht von Vorteil, wenn ihr euch da nicht am liebsten gegenseitig erdolchen würdet? Ich will das nur mal so anmerken …“ Monroe klang vorsichtig und beobachtete aus dem Augenwinkel den anderen Mann. Der sah ihn weiterhin nicht an und bestellte stattdessen beim Barkeeper den nächsten Drink.
„Wir arbeiten zusammen wie auch vorher schon. Daran hat sich nichts geändert. Nick ist professionell und ich bin es auch. Das in Hood River lief doch optimal. Also kein Problem, oder?“
„Hm, dann geht es also eher um die Grimm-Sache?“
Jetzt sah der Captain ihn an und in seinem Gesicht spiegelte sich so ein Unverständnis, dass Monroe unwillkürlich lächeln musste.
„Nein, es geht um unser privates Verhältnis. Wenn ich es Nick erklären könnte, würde ich es tun. Doch ich bin sicher, es wird nichts helfen. Irgendwie gab es da von Anfang an zwischen uns Differenzen und dieser … Zauber von Adalind hat es definitiv nicht besser gemacht.“
Ein paar kluge Momente schwieg Monroe. Er merkte überrascht, dass Renard sehr wohl gern mit jemanden sprechen wollen würde, weil er offenbar wirklich keine Seele hatte, mit der er sich austauschen konnte. Für Monroe wäre nun ein guter Zeitpunkt gewesen zu gehen. Aber das entsprach nicht seiner selbstlosen Natur und er wusste das, verflucht. Es war nicht so, dass er den Captain mochte aber er verabscheute ihn auch nicht so, um jetzt aufzustehen und ihm eine gute Nacht zu wünschen, auf dass er sich allein in seinen düsteren, schuldigen Gedanken suhlte.
Jedoch konnte er auch nicht anfangen über Nick und seine Gefühle zu sprechen. Ganz und gar nicht, denn er wäre schneller bei „Sean“, als er befürchten musste. Eine vage Antwort nach dem Motto: Ja, so ist es nun mal. Das wird schon wieder! Kam auch nicht in Frage, denn dazu war Renard viel zu schlau und gerissen, um es nicht als das zu erkennen, was es war. Ein Ausweichen. Und er würde ihn verfolgen und die Wahrheit letztlich aus ihm herausbekommen. So viel war sicher.

„Vielleicht wird der Zeitpunkt kommen, an dem ihr eure Meinungsverschiedenheiten beilegen könnt. Ich habe ja ein Faible für Uhren aller Art und wenn mich die Uhren etwas gelehrt haben, dann das, dass sich immer alles und ständig ändert. Nichts bleibt, wie es war. Alles ist im Zeitfluss und …“
„Manche Dinge ändern sich nie. Weißt du warum?“
„Oh, da bin ich jetzt aber neugierig.“ Und das war Monroe wirklich. Er rutschte sogar ein wenig näher zum Captain, denn es wurde nun voll in der Bar und Renard sprach sowieso nicht besonders laut.
„Die Zeit ist nur die Zeit, weil es darin feste Größen gibt, an denen sie sich entlang hangelt. Eine Art Matrix, die der Zeit die Form gibt. Es gibt Eckpunkte, die sind immer fest und unabänderlich. Daran erkennt man die Veränderung überhaupt erst.“
Das Blutbad hob die Augenbrauen. Das musste er erst einmal sacken lassen.
„Und was wäre so ein Eckpunkt?“
„Gewisse Ereignisse, die stattfinden müssen und werden. Egal, was man tut oder nicht tut. Sie basieren auf tief verwurzelten, archetypischen Indikatoren und sind nicht änderbar. Es wurde schon oft versucht und manchmal könnte man sogar den Eindruck bekommen, man hätte Einfluss gehabt. Aber es wird sich immer zeigen, dass man damit falsch lag. Irgendwann, im Laufe der Zeit, wird sich dieses Ereignis unwiderruflich manifestieren. Ist das nicht paradox und ironisch?“
„Und das weißt du, weil du psychologische Philosophie studiert hast, oder weil du ….“ Er senkte die Stimme … „ein Wesen bist?“
Zum ersten Mal an diesem Abend sah der Captain ihn wirklich an. Er blickte ihm direkt in die Augen und Monroe fühlte sich auf der Stelle seltsam. Als würde das Zauberbiest in sein Innerstes sehen. Auch wenn es da nichts zu sehen gab, so hatte Monroe das verrückte Bedürfnis sich verstecken zu wollen. Nick sagte damals, Sean wäre er wundervoller Mann und in diesem Moment bekam er eine Ahnung, dass da eine große Wahrheit dahinter steckte.
„Weder noch. Ich weiß es, weil ich schon ein wenig betrunken bin“, sagte Sean dann lapidar und bestellte sich und Monroe einen weiteren Drink.
„Ähm, ich sollte langsam machen. Ich bin eher der Genusstrinker und nicht …“
„Nicht was …?“ Monroe wurde wieder rot.
„Der Frusttrinker …“, murmelte er betreten.
„Du denkst also, ich bin frustriert? Warum sollte ich das sein? Weil Nick seinen Chef abgrundtief hasst, ebenso dessen Freundin, die ich zwar tatsächlich hinreißen finde, doch mir nie und nimmer herausgenommen hätte, ihr näher zu treten. Denkst du, ein Mann muss frustriert sein, um allein in einer Bar zu sitzen und völlig überteuerte Drinks zu trinken und sich dabei im Spiegel zu betrachten?“ Sean zeigte mit dem Zeigefinger auf die Spiegelwand gegenüber und Monroe kapierte, dass der Captain vielleicht hier saß, um den Raum hinter sich im Auge zu haben. Vielleicht wartete er auf irgendjemand oder irgendwas? Was war er nur für ein dämlicher Idiot!
„Nein, ich denke, dieser Mann ist frustriert, weil er einsam ist und niemanden zum Reden hat!“, sagte er rau und stand auf. Sein unerwarteter Mut ließ seine Beine zittern.
„Danke für den Drink, Captain. Ich empfehle mich ….“
Der Captain sah ihn mit undurchsichtigem Ausdruck im Gesicht an, ließ ihn jedoch ungehindert die Bar verlassen.
Doch damit sollte dieser besorgniserregende Abend nicht enden.



Nachdenklich blickte Sean dem Blutbad nach. Er hatte durchaus registriert, dass er irgendwie beschatten wurde, doch hatte er das eher seiner Familie in die Schuhe geschoben. Es war immer irgendwer in Portland, der ihn überwachen, eliminieren, überzeugen oder Gott weiß was von ihm wollte. Deshalb war er grundsätzlich immer vorsichtig und wachsam.
Dass ihm Monroe gefolgt war, konnte eher Zufall sein. Es könnte demnach auch noch einen wirklichen Verfolger geben. Denn, wenn es nicht seine Familie war, die ihn überwachte, dann kamen dafür im Augenblick leider noch andere Personen in Frage.
Erst vor zwei Tagen hatte er über Umwege die Nachricht erhalten, dass sein alter Schulfreund Tony Beckett unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen war. Sie hatten beide für einige Jahre das Lyceum Alpinum Internat in Zuoz besucht. Tony war sein Zimmergenosse und hatte erst kurz bevor er mit seiner Mutter nach Genf umgezogen ist von seinem Wesen erfahren. Da waren sie schon so gut miteinander befreundet, dass sich sein Freund nach ein paar Tagen der Unsicherheit schnell wieder gefangen hatte. Sie waren Freunde geblieben, hatten sich allerdings in den letzten Jahren nie getroffen. Sie hatten auch wenig Kontakt und doch hatte Sean immer das gute Gefühl, dass es da jemanden gab, der ihn kannte und mochte.
Nun war Tony tot. Vermutlich ermordet. Tony war nach seiner Schulzeit nach England studieren gegangen und hatte sogar beachtliche Erfolge im Investmentbereich vorzuweisen, doch letztlich war er ans Lyceum zurückgegangen, um dort Mathematik zu unterrichten.
Dort war er gestorben. In den weit verwinkelten Kellergängen des Internats hat man am Morgen seine Leiche entdeckt. Seine Kehle war herausgerissen. Natürlich konnte das auch ein Mensch getan haben, doch Sean bezweifelte das. Er glaubte eher daran, dass das eine Botschaft für ihn war. Eine Warnung zu kooperieren oder vielleicht wollte man nur seine Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht war aber auch eine weitere Partei involviert. Zu viele potenzielle Gegner kannten ihn. Einer davon war Friedrich Reichelt. Ein konservativer Lehrer im Lyceum, ein Hundjäger und definitiv sein Feind, der ihn damals schon am liebsten dafür gerichtet hätte, weil er ein verunreinigter Bastard und halb menschlich war.
Tonys Tod hatte ihn getroffen, doch das war es nicht allein, was ihn in der letzten Zeit so zu schaffen machte. Seit dieser Sache mit Juliette hatte er irgendwie das Gefühl nicht mehr er selbst zu sein. Irgendwas schien mit ihm nicht zu stimmen. Schlimmer noch, er hatte das Gefühl, dass er sich an einen Teil seines Selbst nicht erinnern konnte. In ihm war eine erschreckende Leere und er musste dem Blutbad in gewisser Weise recht geben.
Er war frustriert, weil er sich selbst nicht mehr ausstehen konnte. Irgendwann hatte er irgendwas verloren an das er sich nicht mal erinnern konnte und das deprimierte ihn tatsächlich, weil er noch nicht mal darum trauern konnte, um mit allem abzuschließen.
Aber er saß wirklich hier im Muse, in genau der Bar mit dem praktischen Spiegel, weil er wissen wollte, wer ihn verfolgte. Er müsste nur Geduld haben und seine Drinks trinken. Irgendwann würde er sehen, wer ihn verfolgte. Er rechnete stark mit Reichelt oder einem seiner Handlanger. Hundjäger waren im Allgemeinen gut zu erkennen, denn kaum ein anderes Wesen hatte einen derart tödlichen Auftritt.


Als er bezahlte und aufstand, merkte er, dass der verschmähte Drink von Monroe einer zu viel war. Ein wenig unsicher lief er nach draußen und holte dann erst mal tief Luft. Er hatte heute keinen Verfolger ausmachen können, doch als er die Straße entlanglief und sein Auto suchte, sah er Monroe wieder.
„Das darf ja nicht wahr sein …“, murmelte er verstimmt. Das Blutbad hatte die Motorhaube seines alten, deutschen Wagens hochgeklappt und nestelte am Motor herum.
„Probleme?“, fragte er spöttisch. Eddie fuhr erschrocken hoch und knallte mit dem Kopf gegen die Motorhaube.
„Klassischer Fehler …“, sagte Sean und grinste für sich selbst überraschend. Das Blutbad sah ihn ziemlich perplex an und rieb sich dann über seinen Hinterkopf.
„Ist halt ein altes Ding.“
„Soll ich dich nach Hause bringen …?“
„Bist du betrunken, Captain?“
„Willst du eine ehrliche Antwort?“
„Ja. Wenn ich in dein Auto steigen soll, wäre das angebracht.“ Sean verengte die Augen und seine Mundwinkel zuckten amüsiert. In seinem leichten Rausch musste er sich eingestehen, dass er Nicks wilden Freund irgendwie mochte und er konnte den Grimm verstehen, dass er auf Monroe so große Stücke hielt.
„Nein, ich bin nicht betrunken. Na los …“ Sean lief einfach los und hörte nach ein paar Momenten die Motorhaube nach unten klappen. Monroe folgte ihm und lief atemlos neben ihm her.
„Soll ich nicht doch besser fahren?“, fragte das Blutbad ein bisschen verlegen, als sie an Seans Auto ankamen.
„Du traust mir nicht?“
„Doch … doch … tue ich.“
„Würde ich an deiner Stelle auch nicht tun, Eddie …“
Monroe sah ihn eigenartig an, stieg dann aber fügsam auf der Beifahrerseite ein.

„Und, hast du heute gefunden, was du suchtest?“, fragte Monroe nach einer Weile, in der er irgendwie ziemlich verkrampft war und sich am Gurt festgehalten hatte.
„Du meinst ewiges Leben, wahre Liebe, unendlich Geld und allumfassende Macht? Nein. Ich lasse dich wissen, wenn ich all das gefunden habe. Mit einem davon wäre ich aber auch schon zufrieden.“
Monroe machte ein schnaubendes Geräusch, was sich nach einem unterdrückten Lachen anhörte.
„Ich meinte eigentlich eher einen potenziellen Verfolger, der dich auf dem Radar hat. Im Muse …“
„Ach so. Nein, kein Glück gehabt. War entweder der falsche Zeitpunkt oder du hast meine Show ruiniert.“
„Oh …. Das tut mir ehrlich leid, Captain!“ Monroe klang zutiefst verlegen und schuldbewusst.
„Das war ein Scherz. Wenn mich jemand verfolgt, dann ist es doch egal, mit wem ich wo bin. Wo hast du nur deine Ausbildung … oh, entschuldige bitte, Eddie.“ Er klang ziemlich hämisch.
„Kannst du … bitte Monroe zu mir sagen?“
„Warum?“
„Weil das jeder sagt, deshalb. Ich … es klingt seltsam meinen Vornamen zu hören, ehrlich, man!“
Sean sah kurz zu ihm rüber. Er wusste gerade nicht, ob er das Blutbad amüsant oder einfach nur dämlich finden sollte. Seltsam war er auf jeden Fall. Sehr speziell.
„Ich bin nicht jeder“, sagte er dann nur desinteressiert und bog in die Straße ein, in der Monroe wohnte.
„Danke fürs Herbringen, Captain. Ich würde dich ja gern noch auf einen Drink mit herein bitten … oh nein, das klingt jetzt nicht so wie es sich anhört!“ Schockiert hob Monroe die Hände als er Renards pikierten Blick sah.
„Ich meine nur, du musst noch nach Hause fahren und … vielleicht ist Nick schon da und …“
„Ich würde sowieso Nein sagen. Gute Nacht!“
Monroe warf die Tür ran und blinzelte Renard irritiert nach. Himmel, welch ein sonderlicher Kerl.


Nick war tatsächlich schon zu Hause.
„Was ist mit deinem Auto?“
„Ich habe es nicht mehr anbekommen. Ich muss mir das morgen bei Tageslicht ansehen. Scheint irgendwas mit dem Verteiler zu sein. Die alten Dinger haben da so ihre speziellen Macken.“ In Monroes Magen flatterte es ungut und er konnte Nick nicht in die Augen sehen.
„Wer hat dich gebracht?“
„Oh … das war nur … ein Bekannter und …“
„Im Wagen des Captains?“
„Okay, gut. Es war Renard. Er hat mich am Straßenrand aufgesammelt und wollte nur nett sein.“
„Okay, schon gut“, sagte Nick ausdruckslos und holte sich die Milch aus dem Kühlschrank. Monroe sah ihm dabei zu. Sein Bedürfnis über alles zu sprechen, war in diesem Moment unglaublich groß. Irgendwie kapierte er erst jetzt die ganze Tragik der Geschichte. Vielleicht hatte Renard recht. Manche Dinge mussten geschehen, damit die Zeit die Zeit sein konnte. Aber auch, wenn so viel Leid und so viel Verwirrung damit verbunden war? Auch, wenn sich alles so falsch anfühlte? Auch wenn alles nichts mit Vernunft zu tun hatte?
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