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Abgezockt

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P12 / Gen
Ed Lane Julianna "Jules" Callaghan Mike "Spike" Scarletti Sam Braddock Sergeant Gregory Parker
02.06.2018
31.10.2018
10
25.138
 
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24.07.2018 2.064
 
Die Überraschung

Fieberhaft überlegt Spike, wie er seinem Team mitteilen kann, dass er hier ist oder wie er ihnen helfen kann. Sein Gedankengang wird allerdings unterbrochen, als das Telefon klingelt.
„Du da! Komm her!“ Augenblicklich zuckt der Junge, der neben Spike sitzt zusammen. „Los beweg dich und geh ans Telefon.“
Doch der Junge ist viel zu verschreckt, um auch nur einen Muskel zu rühren. Genervt, durch die fehlende Kooperation seiner Geisel, kommt der Anführer auf den Jungen zu und packt diesen am Hemdkragen. Der Junge muss nun unfreiwillig aufstehen, wenn er seine natürliche Atmung beibehalten will. Auf wackeligen Beinen stolpert er dem Geiselnehmer folgend zu dem klingelnden Telefon. Mit Blick auf den Maskierten, der die Waffe auf ihn richtet, hebt er mit zitternden Händen ab.
„Hallo?“
„Hier ist Sergeant Greg Parker von der SRU. Mit wem spreche ich?“
„Mein Name ist Russel.“
„Russel. Was hat Sie dazu gebracht, die Bank zu überfallen?“
„Hab ich nicht. Ich …“, doch bevor der weiter reden kann, schnappt ihn der Anführer das Telefon aus der Hand.
„Sergeant Parker nehme ich an?“
„Und Sie sind?“
„Mein Name tut hier nicht zur Sache. Die Stimme, die Sie soeben vernommen haben, gehört zu Russel. Russel ist wirklich ein sehr lieber Junge von … Wie alt bist du?“
„Sechzehn“, antwortet Russel kleinlaut.
„… zarten sechzehn Jahren. Er wird seinen siebzehnten Geburtstag allerdings nicht erleben, wenn Sie uns nicht 500.000 Dollar und einen Wagen zur Verfügung stellen. Und das innerhalb einer Stunde.“
„Sie verlangen eine sehr hohe Summe Geld. Wir werden mehr Zeit benötigen, um ihre Forderungen zu erfüllen.“
„Nein. Eine Stunde oder ich fange an, Geiseln zu töten. Und mit unserem lieben Russel werde ich anfangen.“

„Haben Sie schon etwas wegen der Kameras erreicht?“, fragt Greg Jules, nachdem ihr mysteriöser Anrufer aufgelegt hat.
„Der Techniker hatte auf dem Weg hierher einen Platten. Jetzt kommt ein anderer, aber jener braucht noch etwas Zeit.“
„Wir haben aber keine zwanzig Minuten!“
„Ich versuche alles, um es zu beschleunigen.“
Greg gesellt sich zu den anderen, die sich über eine Blaupause des Gebäudes gebeugt haben.
„Sind wir schon weiter?“
„Wir überlegen, ob wir über das Dach gehen. Dort befindet sich ein Fenster, durch welches wir ins Obergeschoss kämen. Von dort führt eine Treppe in die Haupthalle, wo die Geiseln vermutlich festgehalten werden. Wenn wir ein Bild hätten, wüssten wir es genauer.“
„Das Fenster einzuschlagen würde viel Lärm verursachen. Ihr könntet niemals schnell genug unten sein, um zu verhindern, dass sie die Geiseln erschießen.“
„Durch die Vordertür können wir nicht und den Notausgang haben sie gewiss auch verbarrikadiert.“
„Gut, dann ist das Fenster unsere letzte Möglichkeit. Wir sollten dennoch versuchen, in den nächsten fünfzig Minuten eine bessere Lösung zu finden.“
„Wenn wir wissen, wo sich die Geiseln aufhalten, können wir die Tür sprengen.“
„Dafür brauchen wir erst einmal ein Bild. Und das ist erst in fünfzehn Minuten da, wenn wir Glück haben.“
„Sarge?“, meldet sich Jules in diesem Moment.
„Ist der Techniker da?“, fragt Greg hoffnungsvoll.
„Noch nicht, aber ich habe mit dem Bankdirektor telefoniert. Laut des Dienstplanes waren zur Zeit des Überfalls zwei Bankangestellte im Gebäude. Norma Baker, 22 und Perry White, 56. Einer von Ihnen hat den stillen Alarm im Tresorraum ausgelöst. Der Direktor schätzt, dass um diese Uhrzeit zwischen fünf bis zehn Kunden in der Bank gewesen sein könnten.“
„Somit können wir mit mindestens zwölf Geiseln rechnen.“
„Und einer unbekannten Anzahl an Geiselnehmern“, fügt Leah seufzend hinzu.
„Nicht mehr lange. Der Techniker ist soeben eingetroffen.“
„Sehr gut, ich bin sofort bei Ihnen. Wenn wir ein Bild haben, können wir endlich einen genauen Plan machen, anstatt zu raten.“
Zustimmend nickt sein Team. Als sich der Sergeant auf den Weg zum Kommandotruck macht, stecken sie wieder die Köpfe zusammen und überlegen sich weitere Möglichkeiten, um ohne Verluste in die Bank zu gelangen. Mit einem Ohr hört Greg ihnen zu, während er die Tür des Trucks öffnet. Kaum, dass er einen Fuß in das Innere gesetzt hat, überbringt ihm Jules die frohe Botschaft.
„Wir haben ein Bild. Die meisten Kameras sind offenbar zerstört worden, doch eine haben sie übersehen.“
„Ihr Missgeschick unser Glück. Wie sieht es aus?“
„Die Geiseln sitzen hier.“ Während Jules dies sagt, deutet sie auf den Plan des Grundrisses des Gebäudes, um es zu verdeutlichen. „Zu nah am Notausgang, um die Tür zu sprengen, aber die Haupttür ist weiter weg. Weit genug, um eine Chance zu haben.“ Aber auch weit genug, damit sie einige Geiseln erschießen können, bevor sie diese erreichen können. Den Gedanken behält der Sergeant allerdings für sich. „Wir haben neun Geiseln und vier Zielpersonen. Die Geiseln sitzen in einem Kreis, bis auf eine. Es sieht so aus, als wäre der Bankangestellte bewusstlos. Die Täter scheinen sich zu beratschlagen, doch ohne Ton wissen wir nicht über was. Ich kann auch noch nicht sagen, ob es noch mehr Geiseln oder sogar Zielpersonen gibt. Möglicherweise sind noch welche im Tresorraum. Immerhin wurde dort der stille Alarm ausgelöst.“
„Das bedeutet wohl, dass wir abwarten müssen, ob es nun dreizehn oder doch mehr Personen sind.“
Nachdenklich blickt Jules auf den Bildschirm, als ihr etwas auffällt. Verwirrt lehnt sie sich näher ran.
„Das kann doch gar nicht sein.“ Vor Schreck reißt sie die Augen weit auf. „Spike!“

„Was macht Spike in der Bank?“, fragt Sam irritiert.
Nur wenige Sekunden nach Jules’ Entdeckung haben sich die verbliebenen drei Teammitglieder in den Kommandotruck begeben. Fassungslos blicken sie alle auf die vertraute Figur ihres Bombenspezialisten.
„Er und Winnie hatten ein Date. Doch offensichtlich hatte ihn irgendetwas in diese Bank verschlagen, wo er in den Überfall geriet.“
„Dabei hatte er es endlich geschafft Winnie für sich zu gewinnen“, sagt Leah mit Bedauern.
„Weiß sie schon Bescheid?“, fragt Jules.
„Noch nicht. Ich werde sie gleich anrufen. Sie hat ein Recht, es zu erfahren.“
„Selbst wenn sie das nicht hätte und sie es herausfindet, würde ich es lieber mit einem Rudel Löwen aufnehmen wollen, als mit ihr.“
Schwach lächelt das Team über Sams Scherz, wird jedoch umgehend wieder ernst, als sie darüber nachdenken, welche katastrophalen Auswirkungen es auf Winnie hätte, wenn Spike etwas passieren würde. Welche Auswirkung dies auf sie alle hätte.
Während sich sein Team beratschlagt, was nun das beste Vorgehen wäre, geht Greg ein Stück beiseite, um sich dem Gespräch mit der jungen Dispatcherin zu widmen. Nach nur einem Wartesignal ertönt die Stimme von Winnie.
„Winnie Camden.“
„Constable, hier ist Sergeant Parker.“
„Wissen Sie schon etwas Neues von Spike?“, fragt sie sofort.
„Nichts Gutes fürchte ich. Er ist auf dem Weg zu Ihnen in einen Banküberfall geraten.“
Am anderen Ende der Leitung herrscht Stille. Wahrscheinlich hatte Winnie mit allem gerechnet, nur nicht mit einer Geiselnahme.
„Wie geht es ihm? Ist er in Sicherheit?“
„Er scheint unverletzt zu sein, aber wir haben die Situation noch nicht lösen können.“
„Wo ist es?“
„Winnie ich denke nicht, dass Sie …“
„Ich werde kommen.“
Die Bestimmtheit in ihrer Stimme verleitet Greg zu einem kleinen Schmunzeln. Spike kann sich glücklich schätzen. Winnie mag zwar eine waschechte Kanadierin sein, doch sie besitzt das Temperament einer Italienerin.
„Es ist die TD Canada Trust, Ecke Yonge und Adelaide Street West.“
„Vielen Dank. Ich bin gleich da.“
„Fahren Sie vorsichtig.“
Winnie beendet das Gespräch und Greg kann nur hoffen, dass die junge Frau nicht den Kopf verliert. Noch einen Kollegen, um den er sich sorgen muss, kann er soeben nicht gebrauchen. Tief atmet er durch und fährt sich mit der Hand übers Gesicht. Was für ein Schlamassel. Spike, der Einzige, der momentan nicht in Gefahr sein dürfte und vergnügt mit Winnie sein erstes Date verbringen sollte, ist mittendrin. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie alle unverletzt aus diesem Gebäude bekommen, ist sehr gering, obwohl sich Parker wünscht, dass es anders ist. Die trübseligen Gedanken vertreibend geht er zurück zu seinem Team, und fasst einen stählernen Entschluss. Egal, wie klein die Chancen auch sein mögen, sie werden jede Geisel unversehrt aus der Bank holen. Und Spike ebenso.

Spike zweifelt im Moment zutiefst am glücklichen Ausgang seiner Situation. Ein Blick auf die Uhr verrät ihm, dass von der Deadline nur noch eine halbe Stunde übrig ist. Bald wird sein Boss einen weiteren Schritt unternehmen, um eine friedliche Lösung anzustreben. Doch Spike weiß genauso gut, wie der Sarge, dass sie jene in diesem Fall nicht erreichen werden. Er kann nur hoffen, dass keiner der Geiseln oder seinem Team etwas geschehen wird, wenn hier die Kugeln beginnen zu fliegen.
„Jungs, ich weiß, dass heute einiges schief gelaufen ist. Dennoch steht Plan B noch und ich denke, dass jetzt der geeignete Moment ist, um ihn in die Tat umzusetzen.“
Augenblicklich wird Spike hellhörig.
„Was für ein Notfallplan? Davon weiß ich gar nichts.“
Verwirrt blickt der Größte der Geiselnehmer in die Runde, doch auch die anderen beiden schauen verwirrt ihren Anführer an.
„Das liegt daran, dass ich euch nichts davon erzählt habe. Euch ist bestimmt aufgefallen, dass ich viele Nächte während unserer Planungsphase weg war?“
„Ja, wir dachten, du bist mit irgendeiner Tussi zusammen.“
„War ich nicht“, sagt der Anführer, während er seine Mitstreiter mit verächtlichem Blick ansieht. „Ich habe einen Tunnel gegraben.“
„Einen Tunnel?“, fragt der Breitschultrige zweifelnd.
„Ganz genau. Der Tunnel führt von den U – Bahn – Gleisen direkt in die Vorhalle des Tresorraumes.“
„Wieso nicht direkt in den Tresorraum, dann hätten wir auf das ganze Theater mit der Geiselnahme verzichten können?“, fragt der Große vorwurfsvoll.
„Weil der Boden unter dem Tresorraum gut gesichert ist. Einerseits mit einem Alarmsystem und andererseits mit einem meterdicken Metallboden. Der Vorraum hingegen besitzt nur einen Betonboden und Kameras. Wir müssen jetzt nur noch in den Keller, ein kleines Loch in den Boden sprengen und dann abhauen.“
„Warum haben wir den Plan nicht schon früher durchgezogen?“, murrt der Große. „Wir hätten uns echt viel Ärger ersparen können.
„Damit die Polizei abgelenkt ist und uns nicht sofort auf die Schliche kommt. Außerdem hatte ich gehofft, mehr Geld abgreifen zu können, aber jetzt muss uns wohl die Kohle aus den Kassen reichen.“
Genervt, dass seine Teammitglieder schwer von Begriff sind, verdreht er seine Augen. Dabei fällt sein Blick auf ein kleines, leuchtendes Lämpchen an der Decke. Als er bemerkt, was es ist, tut er so, als wäre nichts geschehen.
„Ihr habt eine Kamera übersehen“, zischt er leise.
„Was?“, fragt der Große.
Er beginnt gerade den Kopf zu drehen, um die Decke zu inspizieren, als ihn sein Boss anfährt.
„Wenn du dich jetzt umdrehst, schieße ich dir eigenhändig ins Knie.“
Empört erwidert der Große den Blick des Anführers, dennoch gehorcht er ihm.
„Trotz eurer Trotteligkeit denke ich, dass wir das zu unserem Vorteil nutzen können.“ Fragend blicken ihn seine Mitstreiter an. „Um unseren Plan B durchzuführen, ohne, dass uns die Polizei gleich auf den Fersen ist, brauchen wir eine Ablenkung.“
„Was schlägst du vor?“
„Bob, du kommst mit mir.“ Der Große hat also endlich einen Namen. „Und ihr beide passt auf, dass unsere Geisel bei meiner Rückkehr noch genauso brav im Kreis sitzen, wie bisher. Wir wollen nicht, dass sie uns unseren Plan ruinieren.“

„Boss. Da tut sich etwas.“
Innerhalb von nur wenigen Sekunden ist Parker im Truck und lehnt sich neben Jules zum Bildschirm. Soeben scheuchen zwei der Geiselnehmer ihre Geiseln auf, die sich in einer Reihe positionieren.
„Wo sind die anderen beiden?“
„Sie sind aus dem Bild verschwunden. Entweder in den hinteren Bereich, Richtung Schalter und Tresorraum oder über die Treppe ins Obergeschoss. Sie haben eine der Taschen mitgenommen.“
„Ed, Sam seht euch auf der Rückseite des Gebäudes um. Vielleicht wollen sie über die Fenster des Obergeschosses flüchten.“
„Alles klar.“
„Was haben die nur vor?“, murmelt der Sergeant leise.

„Hände hinter den Kopf! Und schön dicht beieinander bleiben. Ich will nicht, dass eines meiner Schäfchen abhaut.“ In diesem Moment klingelt das Telefon. Genervt verdreht der Breitschultrige die Augen. „Pass auf sie auf.“
Mit großen Schritten umrundet er die aufgereihten Geiseln, sodass er sich hinter ihnen befinden. Dass er den Bankräuber nicht mehr sieht, macht Spike ein wenig nervös. Zugegeben sogar mehr als nur ein wenig.
„Sergeant Parker. Ich nehme an, dass Sie unsere Forderungen erfüllen werden.“
„Ich bin redlich bemüht diese umzusetzen, doch ich benötige mehr Zeit.“
„Halten Sie mich nicht zum Narren. Wenn Sie etwas ausrichten könnten, wäre längst etwas geschehen.“
Mit diesen Worten knallt er den Hörer auf die Gabel. Das laute Zuknallen der Kellertür kündigt einen seiner Mitstreiter an.
„Es ist alles vorbereitet. Wir können verschwinden.“
„Sehr gut.“ Erleichtert atmet der Schmächtigste der Bande aus. „Nur was machen wir mit denen?“
„Die werden uns bei unserer Flucht noch sehr dienlich sein.“
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