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Abgezockt

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P12 / Gen
Ed Lane Julianna "Jules" Callaghan Mike "Spike" Scarletti Sam Braddock Sergeant Gregory Parker
02.06.2018
31.10.2018
10
25.138
 
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18.07.2018 4.032
 
Das Date

Als der nächste Morgen anbricht, kann für Spike der Abend nicht schnell genug kommen. Beinahe aller zehn Minuten blickt er auf die Uhr, nur um festzustellen, dass die Zeit nicht schneller vergeht. Egal, wie sehr er es sich wünscht. Als es endlich gegen sechs ist, gibt es für Spike kein Halten mehr. Nachdem er sich geduscht hat, öffnet er seinen Kleiderschrank, um sich in Schale zu werfen. Leicht verzweifelt blickt er hinein. Dies ist der Moment, vor dem es ihm schon immer gegraut hatte. Er weiß nie, was er anziehen soll und jetzt, wo er die Frau seiner Träume treffen wird, fällt es ihm noch schwerer. Nachdenklich begutachtet er die Auswahl. Er will nicht zu herausgeputzt auftauchen, also fällt ein Anzug aus, allerdings geht zu leger auch nicht, was T-Shirt und Jeans ausschließt. Bei einem Blick auf die Uhr stellt er fest, dass es schon gegen sieben Uhr ist. Leise fluchend fragt er sich, wieso die Zeit nur dann schnell vergeht, wenn man sie braucht. Eilig greift er sich seine dunkle Jeans, eines seiner hellblauen Hemden und das schwarze Sakko. Er kleidet sich an, kämmt sich die Haare und schnappt sich seinen Autoschlüssel. Bevor er geht, überprüft er den Inhalt seines Portemonnaies, nur um festzustellen, dass kaum vierzig Dollar mehr in diesem sind. Das bedeutet wohl, dass er noch einen kleinen Abstecher bei der Bank einlegen muss. Während er zu seinem Auto geht, fragt er sich, wieso er nicht schon viel eher daran gedacht hatte. Zum Glück hat er noch genug Zeit, um kurz bei der Bank anzuhalten, bevor er zu Winnie fährt.

Zwanzig Minuten später ist Spike nicht mehr so entspannt. Was er nicht vorher planen konnte, ist der Stau, in den er auf seinem Weg zur Bank geraten ist. Quälend langsam nähert er sich der erlösenden Kreuzung, hinter der es endlich flüssiger läuft. Doch die Ampel scheint eine persönliche Fehde gegen ihn auszutragen, denn als er endlich der Erste in der glitzernden Metallschlange ist, schaltet sie erneut auf Rot. Seine Geduld hängt am seidenen Faden. Nur mühsam hält er sich an die vorgegebene Geschwindigkeit, als er endlich losfahren kann. Schlussendlich kommt die Bank langsam in Sicht und zu seiner Überraschung findet er sogleich in einer Parallelstraße einen Parkplatz. Wenigstens etwas, was am heutigen Tage funktioniert. Eilig schließt er sein Auto ab und geht auf den Eingang der Bank zu. Für das Zentrum der Stadt, mit seinen vielen hohen Wolkenkratzern, ist es ein relativ flaches Gebäude, denn es hat gerade einmal zwei Stockwerke. Die gesamte Fassade des Hauses besteht aus hellem Stein und nur die Tür besteht aus Glas. Allerdings versperrt hier ein Klebebild den Blick ins Innere. Schwungvoll reißt Spike eben jene Tür auf. Kurz orientiert er sich in dem Eingangssaal, bevor er zielstrebig auf den Geldautomaten gleich rechts neben dem Eingang zu läuft.
Trotz der frühen Abendstunden und der herannahenden Schließzeit ist die Bank gut besucht und zwischen ihm und dem Automaten befinden sich vier weitere Personen, die darauf warten den Betrag auf ihrem Konto zu schmälern. Geduldig reiht er sich hinter ihnen ein. Während er wartet, schaut er sich in dem kleinen, dennoch eindrucksvollen Gebäude um. Die Eingangshalle nimmt die ganzen zwei Stockwerke ein und nur der hintere Teil des Hauses ist in zwei Ebenen aufgeteilt. In der Mitte des hohen Raumes thront ein riesiger Kronleuchter, der sein elektrisches Licht im ganzen Raum verteilt. Links neben dem Eingang erwächst eine Treppe, die in einem schmalen Flur endet, von welchem mehrere Türen abgehen. Unter diesem zweiten Stock befinden sich die Schalter, wobei diese größtenteils leer sind, da die Bank bald schließt. Nur noch zwei Bankangestellte halten die Stellung und sind soeben dabei die letzten Bittsteller zu bedienen.
Vor ihm setzt sich die Schlange in Bewegung, was ihn seine Aufmerksamkeit wieder auf den Bankautomaten richten lässt. Ein erneuter Blick auf die Uhr lässt ihn erleichtert ausatmen. Er hat noch ganze zehn Minuten, bis er sich mit Winnie trifft. Jene wohnt zum Glück ganz in der Nähe. Und dann führt er sie endlich zum besten Italiener der Stadt aus. Etwas, was er schon seit Jahren vorhatte.
Hinter sich hört er die Tür aufgehen. Es folgt ein kurzer Wortwechsel, welcher vermuten lässt, dass jemand einer anderen Person die Tür aufgehalten hat. Derjenige bedankt sich. Danach geht die Tür eine Weile nicht wieder zu. Im ersten Moment denkt sich Spike nichts dabei. Erst, als er die Bankangestellte erschreckt aufschreien hört und eine laute Salve an Schüssen in die Luft geschossen wird, wendet er sich um. Was er sieht, lässt ihn den Atem anhalten. Laut knallend fällt die Tür ins Schloss. Vor jener stehen vier maskierte Männer. Jeder von ihnen mit einem Maschinengewehr bewaffnet und soweit Spike sehen kann, tragen einige von ihnen Pistolen. Er sieht seine Chance, pünktlich zu Winnie zu kommen, soeben drastisch sinken.
„Alle auf den Boden! Gesicht nach unten und wehe einer blickt nach oben“, schreit einer der maskierten Männer. Umgehend befolgen die Anwesenden seine Ansage. „Ich hoffe, ihr habt heute Abend nichts weiter vor, denn ihr seid nun alle Geiseln in einem Banküberfall.“
Er klingt beinahe so, als wolle er einen Film ankündigen. Doch, ich hatte etwas anderes vor, denkt Spike bei sich, während er langsam zu Boden geht. Bei dieser Bewegung protestieren seine Rippen lauthals und ein dumpfes Stechen fängt an sich wellenförmig durch seinen Körper auszubreiten. Fest presst er die Zähne aufeinander. Einerseits vor Schmerz, andererseits vor Wut. Er schießt dem Mann einen vernichtenden Blick zu, den allerdings keiner wahrnimmt. Womöglich ist dies zu Spikes Vorteil.
„Versperrt die Tür“, weist der frischgebackene Geiselnehmer an. „Und vergesst den Notausgang nicht.“
Sofort setzen seine Gefolgsleute die Anweisungen um. Gemütlich schlendert der Maskierte, der augenscheinlich der Anführer der Truppe ist, zu den Schaltern. Mit großen, verängstigten Augen blicken ihn die die beiden Angestellten, eine junge Frau und ein älterer Herr, entgegen.
„Ich hoffe für euch, dass ihr den Notruf noch nicht betätigt habt, denn wenn es so ist, wäre ich sehr enttäuscht.“
Eilig schüttelt die blondhaarige Frau den Kopf. Ihr Kollege verbleibt stumm.
„Braves Mädchen.“
Wie versteinert beobachtet die Frau, wie der Maskierte näherkommt. Unbewusst tritt sie einen Schritt zurück, als er vor ihrem Schalter stehen bleibt.
„Na, na. Wer hat denn da Angst?“, fragt er sie spöttelnd. „Ich beiße auch nicht. Solange du tust, was ich verlange.“ Theatralisch legt er eine Pause ein. „Wärst du bitte so freundlich mir den Tresor zu öffnen und das Geld aus den Kassen in diese Tasche zu legen?“
„Ich ... ich …“
„Na was denn?“
„Ich kann Ihnen den Tresor nicht öffnen“, sagt sie schließlich kleinlaut.
„Und wieso nicht?“
Bei der Drohung, die unterschwellig in seinem Ton mitschwingt, zuckt sie leicht zusammen.
„Weil nur ich weiß, wo der Schlüssel ist“, kommt ihr Kollege der aufgelösten Frau zu Hilfe.
„Dann wirst du mir den Tresor öffnen.“
„Werde ich nicht.“
Felsenfest erwidert der Bankangestellte den Blick des Maskierten. Bei jener Standhaftigkeit zieht Spike den Hut vor dem Mann. Er selbst ist darauf trainiert sich im Angesicht der Gefahr nicht einfach umzudrehen und wegzulaufen, doch dieser Bankangestellte hat wahrscheinlich in keinster Weise ein solches Training absolviert. Das verleiht seiner Courage einen hohen Stellenwert.
„Willst du etwa eine Kugel in den Kopf bekommen?“, fragt der Maskierte, während er seine Waffe auf den Mann richtet.
Sofort fängt seine junge Kollegin an zu schluchzen. Er hingegen verzieht keine Miene. Wütend springt der Maskierte über den Schalter und tritt nah an den Bankangestellten heran.
„Du wirst mir jetzt den Tresor zeigen. Und dann wirst du so gut sein und ihn mir aufschließen. Und wenn du das nicht tust, werde ich anfangen, eine Geisel nach der anderen umzubringen. Anfangen werde ich mit deiner hübschen Kollegin.“
Unsanft stößt er ihn in Richtung der Tür, von der er weiß, dass sich hinter ihr die Treppe in den Keller, und somit der Tresor verbirgt. Unwillig folgt der Bankangestellte der vorgegebenen Richtung, jedoch nicht ohne seiner Kollegin einen beruhigenden Blick zuzuwerfen.
„Und ihr passt darauf auf, dass die hier keine Aufstände machen. Schaltet die Kameras aus und habt ein Auge auf die Frau. Ich will nicht, dass sie die Polizei verständigt. Das wäre nicht gut für ihren hübschen Kopf.“
Gehorsam nicken seine drei Mittäter. Kaum, dass ihr Boss verschwunden ist, fangen Sie an ihre Geiseln zusammenzutreiben. Langsam begibt sich Spike aus seiner unsanften Position. Der konstante Schmerz, an den er sich gerade erst gewöhnt hatte, erinnert ihn mit aller Kraft an seine geprellten Rippen. Bis heute Morgen war er erfreut über seinen Heilungsprozess gewesen, doch im Moment wurde er um mindestens eine Woche zurückgeworfen. Durch seine langsamen Bewegungen ist er in den Augen der Geiselnehmer nicht schnell genug, was ihm einen unsanften Hieb mit einem der Gewehre in den Rücken beschert. Zischend atmet Spike ein. Als er sich an der für die Geiselnehmer bevorzugten Stelle befindet, wird er von dem hinter ihm Stehenden zu Boden gedrückt.
„Setzt euch alle in einen Kreis. Legt eure Wertgegenstände und Mobiltelefone in die Mitte und danach die Hände dahin, wo wir sie sehen können. Und du“, sagt er zu der Bankangestellten, „Pack das Geld in die Tasche.“
So schnell sie kann, befolgt diese die Anweisung. Während sie die Kassen leer räumt, beginnen die Männer die Kabel aus den Kameras zu ziehen, an die sie herankommen. Auf all jene, welche außerhalb ihrer Reichweite hängen, verrichten sie Zielübungen. Zu Spike Leidwesen nutzen sie Schalldämpfer. Das eliminiert die Chance, dass irgendwer die Schüsse hört. Als die Tasche voll und die Kassen leer sind, schiebt die Bankangestellte die Tasche zu dem Maskierten.
„Und jetzt geh zu den Anderen.“
Gehorsam nickt sie und setzt sich neben Spike. Der nutzt die Chance, um sich endlich umzusehen. Jetzt, wo sie alle beieinandersitzen, wird es für ihre Geiselnehmer leichter, sie zu kontrollieren und im Auge zu behalten. Das macht es für ihn unlängst schwerer, sein Team oder die Polizei zu benachrichtigen. Fieberhaft überlegt er, welche Möglichkeiten er hat, um ein Signal an die Polizei zu senden. Der Notrufknopf wäre an sich das Einfachste, doch er ist viel zu weit entfernt, um sich auch nur annähernd in dessen Nähe zu bewegen. Abgesehen davon kennt er nicht einmal die genaue Position. Die nächste Möglichkeit wäre sein Handy, doch das liegt momentan in der Mitte des Sitzkreises. Damit viel näher, als der Notrufknopf, doch da beständig einer der Geiselnehmer ein Auge auf die Wertgegenstände hat, ist es ebenso unerreichbar. Ebenfalls kann er kein sonstiges Zeichen nach draußen senden, da die Mauern aus undurchdringlichem Stein sind und die Glastür überklebt wurde. Somit gibt es keinerlei Chance, dass irgendwer hineinsieht und die prekäre Lage erkennen wird. Wütend gibt er auf einen Weg aus seiner aussichtslosen Situation zu finden. Wenn das seine einzigen Möglichkeiten sind und nicht doch jemand die Polizei verständigt hat, kann es noch eine Weile dauern, bis diese anrückt. Um sich abzulenken, widmet er sich stattdessen seinen Mitleidenden und ihren Geiselnehmern. Diese kreisen beständig um sie herum, die Waffen bedrohlich auf sie gerichtet. Vorsichtig, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, lässt er seine Augen über die Gesichter der anderen Unglückseligen schweifen.
Rechts neben ihm sitzt ein Junge, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Die Beine hat er dicht an seinen Körper gezogen und seinen Kopf zwischen seinen Knien verborgen. Obwohl Spike sein Gesicht nicht sieht, kann er dessen Angst förmlich spüren. Neben dem zitternden Jungen sitzt eine junge Frau, die mit dem Mann neben ihr Händchen hält. Beschützend hat jener einen Arm um sie gelegt, während sie ihren Kopf auf seiner Halsbeuge ruhen lässt. Ihre Eheringe liegen inmitten des Haufens an Wertgegenständen. Spike direkt gegenüber sitzt ein älterer Herr, der die Hände, wie zum Gebet, ineinander verschränkt hat. Seine Augen sind geschlossen und von seiner Person geht eine gewisse Ruhe aus, die Spike zutiefst beeindruckt. Rechts neben dem Mann sitzt eine etwa vierzig jährige Frau, welche mit einem leeren Gesichtsausdruck in die Luft starrt. Vereinzelt rinnt eine Träne über ihre Wange, doch die Frau scheint dies nicht zu bemerken. Neben ihr sitzt ein Mann, der ungefähr im selben Alter wie die Frau ist. Seine zuvor ordentlich nach hinten gekämmten Haare sind inzwischen aufgrund seines nervösen Ticks durch die Haare zu fahren zerzaust. Der vorherig makellose aussehende Mann spiegelt äußerlich seine innerliche, zweifelsohne aus der Bahn geratene Gefühlswelt wieder. Spikes Augen wandern nun zur letzten Person im Kreis. Links neben ihm sitzt die junge Bankangestellte. Traurig blickt sie zu Boden, während Tränen über ihr Gesicht rinnen. Als sie Spikes Blick spürt, schaut sie kurz auf und ein gequälter, entschuldigender Ausdruck huscht über ihr Gesicht, bevor sie jenes wieder gen Boden richtet. Spike vermutet, dass sie sich für die Situation verantwortlich macht. Da er sie beschützen wollte, befindet sich ihr Kollege in der Gewalt einer der Geiselnehmer und sie war zu verängstigt gewesen den Notfallknopf zu drücken. So unauffällig, wie möglich rutscht Spike nach links. Durch die Bewegung neben sich wendet sich die Bankangestellte erneut zu ihm um. Durch die Drehung ihres Körpers erkennt er den Namen auf ihrem Namensschild. Freundlich lächelt er die verängstigte Frau an.
„Mein Name ist Spike. Es wird alles gut werden Norma“, versichert er ihr flüsternd. „Ich lasse nicht zu, dass Ihnen etwas geschieht.“
„Das ist alles meine Schuld. Hätte ich nur schneller gehandelt, wäre das alles nicht passiert.“
„Sie tragen keinerlei Schuld. Die Einzigen, die schuld sind, sind diese vier Männer. Sie haben sich nichts vorzuwerfen.“
Zweifelnd schaut Norma ihn an, dennoch erscheint sie ihm etwas beruhigt.
„Hey! Ihr da. Hier wird nicht geredet!“ Erschreckt wendet sich Norma zu einem der Maskierten um, der sich hinter ihnen aufgebaut hat. Jener hatte bemerkt, wie sich die beiden leise flüsternd unterhalten haben und hatte die Position neben seinen beiden Komplizen verlassen. Nun hat er die Waffe erhoben und hält deren Lauf gegen Spikes Kopf. „Oder willst du eine Kugel verpasst bekommen?“ Langsam schüttelt Spike den Kopf. „Hätte ich auch nicht gedacht.“
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, gibt er Spikes Kopf mittels der Waffe einen Stoß, sodass jener unsanft nach vorne gerissen wird. Hart beißt Spike die Zähne aufeinander, während er sich wieder aufrichtet. Sein Peiniger gesellt sich wieder zu seinen Freunden, während Spike ihn mit einem giftigen Blick verfolgt. Wie gern er ihm eine reinhauen würde. Allerdings würde ihm das nicht viel bringen und seinen Leidensgenossen ebenso wenig. Er schaut auf die Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hängt. Inzwischen ist er eine viertel Stunde zu spät zu seiner Verabredung mit Winnie. Hoffentlich fällt jener bald auf, dass etwas nicht stimmt.

Gedankenverloren fährt Greg mit dem nassen Lappen in großzügigen Kreisen über den inzwischen sauberen Teller. Die Fortbildung lief wirklich gut und selbst wenn er es sich niemals eingestehen würde, hatte es ihm wirklich Spaß gemacht den jungen Polizeianwärtern Verhandlungstaktiken näher zu bringen und ihnen Einblicke in sein alltägliches Leben zu geben. Wenn ihm die nervenaufreibenden Einsätze bei der SRU jemals zu viel werden, wäre dies ein Weg dennoch etwas Gutes zu tun. Doch fürs Erste wird ihn nichts davon abbringen, der Sergeant von Team 1 zu sein. Als wurden seine Gedanken erhört, klingelt sein Handy. Eilig legt er den nassen Teller beiseite, trocknet sich notdürftig die Hände und inspiziert die Nummer auf dem Display.  Sofort erkennt er, wer ihn zu dieser späten Stunde anruft.
„Constable Nelson, was haben Sie für uns.“
Greg mag den Bereitschaftsdienst nicht. Die gesamte Zeit sitzt man auf glühenden Kohlen, in der Erwartung, dass etwas geschieht, doch ebenso in der Hoffnung, dass man eine freie Nacht hat. In den meisten dieser Dienste geschieht nichts und dennoch gibt es ab und an irgendwelche Leute, die nachts die größten Dummheiten anstellen. Dann heißt es so schnell, wie möglich zur SRU fahren, um die Ausrüstung zu holen und dann auf dem kürzesten Weg zum Einsatzort zu rasen. Zum Glück haben sie nur einmal in der Woche Bereitschaft.
„Es wurde der stille Alarm in der TD Canada Trust ausgelöst“, informiert ihn der Dispatcher. „Eine Polizeistreife, die in der Nähe war, ist schon vor Ort, hat jedoch noch nichts Ungewöhnliches gesehen.“
„Ich fahre sofort los.“
Er legt auf und ist schon halb aus der Tür raus, als er hinter sich Schritte hört.
„Dad?“, fragt ihn Dean verwirrt. „Ich dachte, wir wollten einen Film sehen? Wohin willst du?“
„Die Arbeit ruft. Ich bin wahrscheinlich erst spät zu Hause, also warte nicht auf mich.“
„Pass auf dich auf.“
„Mach ich doch immer.“
Und mit diesen Worten verschwindet er endgültig Richtung SRU. Dort angekommen trifft er auf den Rest seines Teams.
„Guten Abend!“, begrüßt er Sam und Ed, die schon dabei sind sich umzuziehen.
„Wie war die Fortbildung?“, fragt ihn Ed, während er seine Schutzweste anlegt.
„Ziemlich gut. Ich hatte sehr wissbegierige Schüler.“
„Du wirst irgendwann noch Lehrer“, prophezeit ihm Ed mit einem Schmunzeln.
„Nicht in den nächsten fünf Jahren“, sagt Greg bestimmt.
Kurz darauf haben die fünf anwesenden Teammitglieder ihre Dienstkleidung an und gemeinsam machen sie sich auf den Weg zu den SUVs. Mit lautem Sirenengeheul düsen sie durch Torontos Straßen.
„Das Gebäude ist nur von Straßen umgeben. Es hat einen Haupteingang und keine Nebeneingänge. Der Notausgang führt seitlich in die Haupthalle“, informiert Leah über den Funk.
„Damit fällt sich rein schleichen aus.“
„Gibt es darunter einen U – Bahn – Tunnel?“
„Leider nein, der nächste befindet sich drei Straßen weiter.“
„Das wird nicht einfach werden“, murmelt Greg zu sich.
Zu ihrem Glück ist die Bank nicht weit vom SRU – Gebäude entfernt, sodass sie innerhalb weniger Minuten angekommen sind. Kurz zuvor schalten sie die Sirenen ab, um sich nicht sofort zu verraten. Wie Nelson vorhergesagt hatte, steht vor dem Gebäude eine Polizeistreife, zu der sich inzwischen eine zweite gesellt hatte.
„Gibt es schon etwas Neues?“, fragt Greg, sobald das Team ausgestiegen ist und sich um zwei der Polizisten aufgestellt hat.
„Seitdem der Notruf vor zwanzig Minuten betätigt wurde noch nichts. Wir haben uns an die Tür angeschlichen und versucht diese zu öffnen, doch sie haben sie anscheinend verbarrikadiert. Von außen ist auch nichts zu sehen.“
Bei den Worten beugt sich eine von Gregs Augenbrauen nach oben. Sich an die Tür heranzuschleichen war mehr als nur töricht von den beiden Polizisten gewesen. Zu ihrem Glück haben sie sich nicht verraten oder die Geiseln in Gefahr gebracht.
„Jules, rufen Sie Bankdirektor an und fragen Sie ihn, wie viele seiner Angestellten sich noch im Gebäude befinden.“
Augenblicklich verschwindet Jules im Kommandotruck.
„Wir brauchen dringend ein Bild.“
„Der Techniker ist schon informiert“, teilt ihm Ed mit.
Greg nickt kurz, bevor er einen Blick auf das majestätische Bankgebäude wirft. Plötzlich durchzuckt ein mulmiges Gefühl seine Magengegend. Er kann es nicht leiden, wenn er nicht weiß, was vor sich geht. Wo ist Spike, wenn man ihn braucht?

„Spike wo bleibst du denn?“, murmelt Winnie.
Zum wiederholten Mal blickt sie auf ihre Uhr. Spike ist schon zwanzig Minuten zu spät. Für die meisten Menschen ist das kein Grund zur Sorge, doch es passt überhaupt nicht zu Spike, dass er zu spät kommt. Vor allem heute nicht. Sie möchte sich selbst keinen zu hohen Stellenwert verpassen, aber sie ist sich todsicher, dass Spike das heutige Date niemals verpassen würde. Selbst, wenn die Welt untergehen würde, Spike würde alles daran setzen ihre Verabredung einzuhalten. Erneut versucht sie ihn anzurufen, doch wie zuvor erhält sie nur das selbe Ergebnis. Nach ein paar Sekunden Geklingel, springt die Mailbox an. Unruhig läuft sie auf und ab, während sie fieberhaft überlegt, was sie tun soll. Als Spike nach weiteren fünf Minuten noch immer nicht in Sicht ist, zückt sie erneut ihr Telefon. Etwas unsicher wählt sie die Nummer und wartet, dass jemand abnimmt.
„Greg Parker.“
„Guten Abend Sergeant Parker. Hier ist Winnie Camden.“
„Constable“, erklingt die überraschte Stimme des Sergeants. „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich würde Sie nicht anrufen, wenn es nicht wichtig wäre, aber ich habe das Gefühl, dass Spike etwas zugestoßen ist.“
„Wie kommen Sie auf die Idee?“
„Spike und ich hatten uns verabredet und eigentlich hätte er vor einer halben Stunde hier sein sollen, doch er ist nicht aufgetaucht und er geht auch nicht an sein Handy.“
„Das passt nicht zu Spike.“
Winnie vernimmt die Sorge in Parkers Stimme. Ihr ist schon häufiger die beinahe familiäre Beziehung zwischen den Mitgliedern von Team 1 aufgefallen und jedes Mal bewundert sie diese dafür. Zwar sind auch die anderen Teams eng miteinander verbunden, doch das reicht nicht an das Verhältnis im Team um Greg Parker heran.
„Wir sind gerade mitten in einem Einsatz, aber danach sehe ich, was ich tun kann. Ich halte Sie auf dem Laufenden.“
„Vielen Dank. Und ich entschuldige mich für die Störung.“
„Das macht nichts. Machen Sie sich keine Sorgen um Spike. Es gibt bestimmt eine gute Erklärung für seine Verspätung.“
„Bestimmt.“
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“
Mit diesen Worten legt Parker auf und lässt Winnie mit ihren Sorgen allein in der hereinbrechenden Nacht zurück.

Mit gerunzelter Stirn legt Greg auf. Zwei Dispatcher in einer Nacht und keiner der beiden hatte gute Nachrichten für ihn. Ed, der neben ihm steht, bemerkt seinen besorgten Gesichtsausdruck und wendet sich ihm mit einem fragenden Blick zu.
„Was wollte sie?“
„Spike ist nicht zu ihrer Verabredung erschienen und sie macht sich Sorgen. Und wenn ich ehrlich bin, mache ich mir auch welche.“
„Was willst du nun tun?“
„Fürs Erste nichts. Wir müssen dieses Chaos lösen, bevor wir uns dem nächsten widmen können.“
Seinen Worten Folge leistend, schaltet er das Megafon an, welches er in seiner Hand gehalten hatte und hebt es an seinen Mund. Es ist Zeit, um mit den Geiselnehmern in der Bank zu verhandeln.

Laut knallend schwingt die Tür zum Tresorraum auf. Heraus kommt der Anführer, der den Bankangestellten an seinem Hemd gepackt hat und in Richtung der Geiseln zieht.
„Perry!“, stößt Norma entsetzt aus, als sie dessen Gesicht zieht.
„Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen.“
Doch die große Platzwunde auf seiner Stirn und seine blutende Lippe strafen dieser Aussage Lügen. Unsanft wird er zu Boden gestoßen, während ihm der Anführer die Waffe an den Kopf hält.
„Versuchen wir es erneut“, zischt er. „Du sagst mir jetzt entweder, wie der Tresor aufgeht oder deine hübsche Kollegin wird daran glauben müssen.“
Seinen Worten Folge leistend, richtet er seine Waffe auf die verängstigte Frau. Flehend blickt sie ihren Kollegen an und Spike erkennt den inneren Kampf in dessen Augen. Genauso bemerkt er, wie schnell die Schlacht geschlagen ist und Perry sich entschieden hat.
„Ich sage Ihnen, wo der Schlüssel ist. Doch sie brauchen noch den Schlüssel des Direktors und der ist nicht hier.“
Genervt schreit der Anführer auf. So viele Dinge, die heute nicht nach seinem Plan laufen. Eigentlich wären sie längst wieder hier raus. Wäre da nicht dieser sture Angestellte, der seine Berufsehre als viel höher einstuft, als seine körperliche Unversehrtheit. Dieser dämliche Möchtegernheld bringt ihn an die Grenzen seiner Geduld.
„Dann bestell ihn her. Und mir ist es egal, wie du das machst, nur lassen dir etwas einfallen!“
Und wenn dieser dämliche Bankangestellte es nicht bald schafft, wird er jemanden erschießen, nur um seine Nerven zu beruhigen. Unverhofft ertönt in diesem Moment eine laute Stimme. Eine Stimme, welche den Maskierten ihren Plan endgültig versaut.
„Hier spricht Sergeant Parker von der Spezialeinheit der Polizei.“
Beinahe hätte Spike laut aufgelacht. Einmal die Woche hat sein Team nachts Bereitschaftsdienst. Die Wahrscheinlichkeit, dass es gerade an dem Abend ist, an welchem er in eine Geiselnahme geraten ist, ist also relativ gering. Und dennoch stehen etwa hundert Meter von ihm entfernt seine Kollegen. Wäre die Steinmauer nicht, könnte er sie sehen. Er hat zwar keine Ahnung, wie die Polizei von dem Überfall erfahren hatte, aber im Moment ist ihm das total egal.
„Wir werden Sie gleich anrufen und ich bitte Sie abzuheben, damit wir die Situation ruhig klären können.“
Verwirrt blicken die Maskierten zu der Eingangstür, von der sie wissen, dass sich hinter ihr die Polizei versammelt hat. Im Gegensatz zu ihnen, in denen sich nun Angst aufbaut, keimt in Spike und den anderen Geiseln Hoffnung auf. Endlich weiß jemand, dass sie hier sind.
„Das ist alles deine Schuld!“, brüllt der Anführer Perry an. „Hättest du mir den Tresor geöffnet, wären wir längst weg.“
In seiner Wut verpasst er ihm mit dem Griff seiner Waffe einen Schlag auf den Kopf. Bewusstlos bricht Perry zusammen. Norma schreit verängstigt auf.
„Was machst du denn?“, fragt ihn einer seiner Mittäter verständnislos. „So kommen wir nie ans Geld.“
„Das klappt jetzt sowieso nicht mehr. Wir haben zu lange gebraucht. Also Jungs, Plan B.“
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