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Abgezockt

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P12 / Gen
Ed Lane Julianna "Jules" Callaghan Mike "Spike" Scarletti Sam Braddock Sergeant Gregory Parker
02.06.2018
31.10.2018
10
25.138
 
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31.10.2018 3.082
 
Das Warten

In einem Moment geschehen mehrere Dinge gleichzeitig. Spikes Körper verliert all seine Spannung. Schwer liegt seine Hand in denen von Winnie, während jene vor Angst die Luft anhält. Genau wie Spike. Denn mit der Reglosigkeit seines Körpers geht das Fehlen des rhythmischen Hebens und Senkens seines Brustkorbes einher. Bevor einer der SRU Mitglieder irgendetwas unternehmen kann, biegt der Rettungswagen in den Hangar. Mit quietschenden Reifen kommt er neben der Gruppe zum Stehen. Wissend, dass die Sanitäter Spike helfen können, treten die vier beiseite, wobei es jedem von ihnen schwer fällt. Während sich die Rettungssanitäter um Spike kümmern, erzählen ihnen Jules und Sam, was vorgefallen war. Schnell ist für die Sanitäter klar, worauf sie achten müssen und nur kurz darauf verladen sie Spike in den Rettungswagen. Erneut erhellt Blaulicht die Nacht, während die Polizisten erschüttert dem entschwindenden Wagen nachschauen.
„Wir sollten uns zum Krankenhaus aufmachen“, sagt Jules schließlich.
Wortlos nicken die anderen drei, bevor sie sich mit schweren Gemütern zu den Autos bewegen. Die drei Polizeistreifen, die Greg und Winnie begleitet hatten, verbleiben am Tatort, um jenen abzusichern. Doch was auch immer mit jenem geschehen soll, ist Greg und seinem Team egal, als sie sich zur Verfolgung des Rettungswagens aufmachen.

Im Krankenhaus angekommen werden die vier freundlich zum Wartebereich der Notfallaufnahme komplimentiert. Schweigend setzen sie sich nebeneinander auf die Stühle und es kommt nur zu einem kurzen Wortwechsel, als Leah und Ed den Wartebereich betreten. In den eigenen Gedanken verloren blicken die Teammitglieder in die Luft und ab und zu auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Unheilvoll tickend dreht sich der Minutenzeiger um seine eigene Achse. Als er beinahe seine fünfte Umdrehung komplettiert, tritt eine kleine, stämmige Krankenschwester in das Wartezimmer und ruft Spikes Namen aus. Sofort verlassen die Polizisten ihre Sitzgelegenheiten und umzingeln die Frau, welche sich kurz darauf als Liana vorstellt.
„Der Arzt erwartet Sie. Ich bringe Sie zu ihm.“
Sie folgen ihr in ein kleines Zimmer, in welchem sie mit einem kräftigen Händedruck von dem Arzt empfangen werden.
„Wie geht es ihm?“, fragt Greg, sobald die Schwester die Tür hinter ihnen geschlossen hat.
„Er lebt. Die Kugel konnten wir entfernen sowie seine innere Blutung stoppen. Seine Rippen sind stark geprellt und eine ist gebrochen, was wahrscheinlich durch den Sturz geschah. Dabei hatte er sich auch den Kopf gestoßen, doch außer einer Beule und starken Kopfschmerzen wird er davon nichts spüren. Er ist vor einer halben Stunde aufgewacht. Er war noch etwas benebelt von der OP, aber Sie können ihn trotzdem gerne besuchen.“
Mit jedem Wort, welches den Mund des Arztes verlässt, atmet das Team immer mehr auf. Nach der emotionalen Achterbahnfahrt, die sie durchgemacht haben, seit Jules Spike auf dem Videobild erkannt hatte, sind diese Nachrichten die Besten, die sie vernommen haben.
Voller Ungeduld wartet Winnie darauf vom Arzt zu erfahren, in welchem Zimmer des riesigen Krankenhauses sich Spike befindet. Zu ihrem Glück spannt jener sie nicht weiter auf die Folter und bittet die Krankenschwester sie in das betreffende Zimmer zu geleiten. Das Team verabschiedet sich dankend von dem Mediziner und nur kurz darauf befinden sie sich wieder inmitten der labyrinthischen Gänge. Zum Glück kennt Liana das Haus, wie ihre Westentasche und in nur wenigen Minuten befinden sie sich auf der richtigen Station. Dort begrüßt ihre Wegweiserin inbrünstig die anwesenden Schwestern, was Winnie eindeutig zu lange dauert. Sie tänzelt von einem Fuß auf den anderen, während sie beobachtet, wie Liana und ihre Kollegen vergnügt scherzen. Dies versetzt ihr einen Stich, denn normalerweise ist es Spike, der sie immer zum Lachen bringt. Nur eine Minute später, welche Winnie allerdings viel länger erscheint, taucht Liana wieder auf dem Gang auf.
„Ich habe die Kollegen informiert. Constable Scarlatti liegt in Zimmer 10.“ Kaum, dass sie dies gesagt hat, wendet sich Winnie suchend um, doch noch bevor sie die betreffende Zimmernummer entdecken kann, gebietet ihr Liana Einhalt. „Aber Sie dürfen nur eine viertel Stunde zu ihm. Die Besuchszeiten sind längst vorbei und Ihr Aufenthalt würde sonst zu viel Unruhe auslösen. Ausnahmsweise dürfen sie alle zusammen ihn besuchen. Beim nächsten Mal bitte ich Sie jedoch, immer nur zu zweit zu erscheinen.“
Grummelnd nickt Winnie und, als die Krankenschwester ein zufriedenes Lächeln aufsetzt, betrachtet sich Winnie als entlassen. Ohne sich von irgendjemanden aufhalten zu lassen, stürmt sie den Gang entlang. Erst vor der Schiebetür, von welcher sie weiß, dass sich hinter jener Spike befindet, hält sie an. Wenn auch nur kurz. Hinter sich vernimmt sie eine Vielzahl an Schritten und mit dem Wissen, dass Team 1 dicht hinter ihr ist, versetzt sie jener einen Stoß mit der flachen Hand. Augenblicklich gleitet die Tür auf. Darauf bedacht, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, betritt Winnie den Raum. Trotz der Tatsache, dass drei Patienten in dem Raum Platz gefunden hätten, sind zwei der Bettplätze unbelegt. Doch selbst, wenn sich tausend Menschen in dem Raum befunden hätten, so hätte Winnie nur Augen für einen gehabt. Sie stürzt förmlich zu dem Bett, in welchem Spike liegt und beachtet den Pfleger, der sich in dem Zimmer aufhält, überhaupt nicht. Entschuldigend wirft Greg dem jungen Mann einen Blick zu, doch jener scheint Winnie zu verstehen und lächelt nur leicht. Um den Besuchern die nötige Privatsphäre zu geben, allerdings ohne seinen Patienten zu vernachlässigen, tritt er an die gegenüberliegende Wand, um dort leise seine Aufgaben zu erledigen.
„Spike“, verkündet Winnie überglücklich, als sie dessen braune Augen erblickt, welche sie warmherzig ansehen.
„Hey.“
Obwohl seine Stimme sehr schwach klingt, ist die Freude in jener kaum zu überhören. Mühevoll versucht Spike sich aufrechter hinzusetzen, doch zu seinem Leidwesen schießt ein scharfer Schmerz durch seinen Brustkorb, woraufhin er all sein Bemühen einstellt.
„Geht schon“, versichert er, als er die mitfühlenden Blicke seiner Teamkollegen sieht. „Letztes Mal war es beinahe genauso schlimm.“
„Nur, dass du beim letzten Mal noch nicht angeschossen wurdest.“
Zustimmend brummt Spike, während er sich bemüht eine angenehme Position zu finden. Als er es endlich geschafft hat, blickt er wieder zu seinem Team auf. Während ihn die meisten, und vor allem Winnie, mit besorgten Augen betrachtet, ist Sams Gesichtsausdruck ein gänzlich anderer. Jener sieht ihn ernst, beinahe wütend an. Nachdenklich runzelt Spike die Stirn. Das letzte Mal, als er so angesehen wurde, war er zehn und hatte die Lieblingsvase seiner Mutter zerbrochen, welche jene von ihrer Großmutter geerbt hatte. Er kann sich allerdings nicht erinnern etwas Vergleichbares in den letzten Stunden getan zu haben.
„Was ist los?“
„Das war ganz schön leichtsinnig“, antwortet ihm sein Freund prompt.
„Was genau meinst du?“
„Ach ich weiß nicht?“, sagt Sam im gespielten Plauderton. „Sich freiwillig als Geisel zu melden war schon riskant, aber ich dachte eher daran, wie du dich auf den Geiselnehmer geworfen hattest. Den Geiselnehmer, der eine Waffe auf deinen Kopf gerichtet hatte und innerhalb weniger Sekunden auf dich hätte schießen können. Oh warte. Das hat er sogar.“
„Hätte ich mich nicht gemeldet, wäre die junge Frau garantiert tot“, versucht sich Spike zu verteidigen. „Und außerdem wusste ich, dass ihr mich finden werdet.“
„Lebendig oder tot?“
„Sam!“, verkünden mehrere Stimmen empört und Jules boxt ihn mit ihrem Ellbogen in die Seite.
Sich ergebend hebt Sam die Hände in die Luft, bevor er sie vor seinem Brustkorb verschränkt.
„Dennoch war es leichtsinnig.“
„Und notwendig.“
„Es reicht.“
Gregs gebietender Tonfall zwingt die beiden, alle weiter folgenden Worte herunterzuschlucken. Spike versteht überhaupt nicht, weshalb sein Kollege so sauer, auf ihn ist. Wenn jener an seiner Stelle gewesen wäre, hätte er sich bestimmt nicht anders verhalten. Spike beobachtet, wie der Pfleger langsam, aber sicher, näher kommt. Ein kurzer Blick auf die Uhr bestätigt seine Vermutung. Ihre Zeit wird knapp und es wird nicht lange dauern, da wirft sein pflegerischer Aufpasser seine Kollegen nach draußen. Wenn er ehrlich ist, würde er allerdings eh nicht mehr lange durchhalten. Die Narkosemittel wirken noch nach und auch seine Verletzungen verlangen ihren Tribut. Doch allein das Gefühl, welches er verspürt, da Winnie seine Hand hält, würde ihn für immer die Kraft zum wach bleiben geben. Sein Pfleger sieht dies allerdings anders und verwirklicht nun, was Spike längst kommen sah.
„Ich muss Sie nun bitten, zu gehen. Constable Scarlatti braucht seine Ruhe und sie können ihn später wieder besuchen.“
Winnie ist nicht die Einzige, die erschreckt zusammenzuckt. Offensichtlich haben auch die anderen die zusätzlich anwesende Person im Raum vergessen. Amüsiert lächelt der Pfleger. Nacheinander verabschieden sich seine Teammitglieder und verlassen den Raum. Winnie gibt ihm ein Küsschen auf die Wange und das Versprechen, sobald die Besuchszeiten beginnen, da zu sein. Spike hat daran keinen Zweifel. Er ist so sehr mit der hübschen Frau beschäftigt, dass er gar nicht bemerkt, wie Sam einige Worte mit dem Pfleger wechselt, welcher daraufhin widerwillig nickt. Erst als Winnie den Raum verlassen hat, fällt sein Blick auf Sam, der am Fußende seines Bettes steht. Abwartend beobachtet er ihn.
„Es tut mir leid“, sagt jener schließlich nach einer kurzen Zeit des Schweigens. „Ich wollte dich vorhin nicht so anfahren. An deinem Verhalten war nichts falsch. Wenn überhaupt, hast du nur getan, was jeder von uns tun würde. Es war nur … als ich dich gesehen habe, wie du reglos am Boden lagst, wurde ich an meine Kriegseinsätze erinnert. Für einen kurzen Moment dachte ich, du seist tot. All die Befürchtungen, die ich den ganzen Abend über hatte, bestätigten sich in genau eben jenem Moment. Ich fühlte mich hilflos und verloren. Etwas, das ich mir geschworen hatte, nie wieder zu empfinden. Und deshalb tut es mir leid Spike. Ich hätte froh sein sollen, dass du lebst und dir eine gute Genesung wünschen müssen, anstatt dir Vorwürfe zu machen.“
Sams Augen waren während seiner gesamten Rede auf seine eigenen Schuhe gerichtet. Erst nachdem er geendet hatte und für einige Momente Stille herrschte, hebt er seinen Kopf. Er hatte beinahe befürchtet, dass Spike eingeschlafen war, doch dem ist nicht so. Sein Freund sieht ihn mit einem gewissen Lächeln an, welches ihm sogleich eine Wärme um sein Herz zaubert.
„Es ist okay. Ich hätte dich zwar nicht angeschrien, nachdem du ein physisches und psychisches Trauma erlebt hast“, bei diesen Worten zuckt Sam leicht zusammen, „aber ich kann es verstehen. Und da ich ein gütiger Mensch bin, verzeihe ich dir. Und jetzt geh lieber nach Hause, bevor der Pfleger dich in hohem Bogen rauswirft.“
Die letzten Worte sagt Spike in gesenkten Tonfall, dennoch sind sie in dem Raum gut zu hören. Sam und besagter Pfleger schnauben kurz, was Spike dazu verleitet zu lachen. Allerdings lässt er dies aufgrund der Schmerzen alsbald wieder.
„Danke.“
„Keine Ursache. Aber eigentlich müsst ich dir danken. Du und Jules, ihr habt mich gerettet. Ohne euch wäre ich jetzt auf dem Weg nach Russland. Oder tot. Oder sogar beides.“
Kurz denkt Sam darüber nach, verwirft den Gedanken jedoch sofort. Zu ihrem Glück ist keiner der Fälle eingetreten.
„Versuch etwas Schlaf zu bekommen. Es wird nicht lange dauern, da steht der Besuch wieder vor deinem Bett.“
„Das hoffe ich doch. Ich weiß gar nicht, was ich sonst mit meiner ganzen Zeit anfangen sollte.“
Breit grinst Sam. Mit einem letzten Blick auf den Pfleger, welcher langsam immer näher gerückt ist, um ihm still und höflich mitzuteilen endlich seinen Patienten die nötige Ruhe zu geben, verabschiedet sich Sam von Spike und verschwindet aus dem Zimmer. Zufrieden sieht Spike seinen Pfleger an.
„Das lief doch samtastisch.“
Ungläubig schüttelt jener den Kopf. Polizisten. Er wird sie nie verstehen.

Wie Sam prophezeit hatte, tauchen im Laufe des Nachmittages alle seine Teammitglieder auf. Jeder von ihnen will sicherstellen, dass Spike diesmal seine benötigte Genesung erhält und im Gegenzug bedankt sich Spike zum tausendsten Mal bei jedem Einzelnen, dass sie ihn in seinen dunkelsten Stunden nicht allein gelassen haben und er sich auf jeden Einzelnen von ihn verlassen kann. Selbst, wenn er eine Geisel in einem Banküberfall ist.
Die folgenden Tage verlaufen in ähnlicher Weise. Ab und an sieht einer oder mehrere SRU – Mitglieder vorbei, sodass Spike überhaupt nicht langweilig werden kann und so ist er erstaunt, als er auf die Normalstation verlegt wird. Er hatte nicht erwartet, dass die Zeit so schnell vergeht. Wenn es so weiter geht, muss er gar nicht lange warten, da ist er wieder funktionstüchtig für den Außeneinsatz.
Eines schönes Abends streckt Winnie ihren Kopf durch die Tür seines Zimmers. Freudig setzt er sich aufrecht. Als sie durch sie Tür kommt, offenbart sich ihm das Gefährt, welches sie mit sich führt.
„Ein Rollstuhl?“
„Ein Glück, dass deine Augen fehlerfrei funktionieren.“
Mit einer eindeutigen Handbewegung fordert sie ihn auf, sich in soeben benanntes Gefährt zu setzen. Augenblicklich kommt Spike der Bitte nach. Kaum, dass er Platz genommen hat, legt sich ein dunkler Stoff über seine Augen.
„Was wird das?“
„Lass dich überraschen.“
Mit dieser geheimnisvollen Antwort gibt Winnie dem Rollstuhl einen Ruck. Obwohl er Winnie vertraut, fasst Spike die Armlehnen fester. Mann kann nie sicher genug sein, vor allem nicht bei diesen faltbaren und wackeligen Krankentransportmitteln. Leise quietschen die Räder des Rollstuhls, während Winnie diesen durch die beinahe leeren Gänge des Krankenhauses schiebt.
„Wohin bringst du mich?“, fragt Spike amüsiert.
„Was denkst du, wieso du die Augenbinde trägst?“
Dies war nicht die Antwort, die sich Spike erhofft hatte. Erneut versucht er durch den Stoff etwas zu erkennen, doch dank des Schals, erkennt er nur vage Umrisse. Unzufrieden grummelt er leise, während er weiterhin versucht zu erkennen, wohin die Reise geht. Er hört, wie Winnie eine Tür öffnet und das helle Licht des Flurs schwindet zu einem sanften Leuchten. Er spürt, wie sich der Knoten an seinem Hinterkopf lockert. Keine Sekunde später fällt der weiche Stoff von seinem Gesicht. Seinen Augen eröffnet sich der Blick auf einen kleinen Raum. Direkt in der gegenüberliegenden Wand ist ein Fenster eingelassen, welches den spätabendlichen Himmel zeigt. Doch Spike ist voll und ganz auf den Tisch fokussiert, der in der Mitte der quadratischen Fläche steht. Auf jenem stehen zwei Teller, deren Speisen von einem warmhaltenden Deckel verborgen werden. Zwischen den beiden Tellern stehen mehrere LED-Kerzen, welche flackernd ein hellgelbes Licht verbreiten. Während Spike überrascht den Anblick vor sich aufnimmt, schiebt ihn Winnie näher an den Tisch heran, bevor sie ihm gegenüber Platz nimmt.
„Winnie, was …?“, beginnt er, als er endlich seine Worte wiederfindet.
Lächelnd unterbricht ihn Winnie.
„Wir haben unser Date verpasst und ich dachte, jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, um dieses nachzuholen. Und ich konnte nicht mehr warten.“
„Aber wie konntest du die Schwestern überzeugen mich um diese Uhrzeit aus meinem Zimmer zu entführen?“
Seine unglückliche Ausdrucksweise wird ihm in dem Moment bewusst, als die Worte seinen Mund verlassen. Winnies Gesicht wird um einen Ton blasser und ihre zarten roten Lippen bilden einen dünnen Strich. Schwer schluckt sie, bevor sie antwortet.
„Sie meinten, dass deine Wunden gut abgeheilt sind und für den Notfall haben sie eine Rufklingel angebracht.“ Sie deutet auf eine lange Schnur, an deren Ende ein roter Druckknopf angebracht ist. „Das Zimmer war früher ein Patientenzimmer, bevor sie umgebaut hatten.“
Eine drückende Stille legt sich über das Paar. Nachdenklich blickt Winnie auf ihren Schoß, mit den Gedanken bei den vergangenen Wochen.
„Also“, sagt Spike schließlich, „Was befindet sich unter diesen Hauben?“
Beinahe unmerklich schüttelt Winnie den Kopf, bevor ein Lächeln ihrem Gesicht den üblichen Glanz verleiht.
„Darf ich Ihnen präsentieren“, verkündet Winnie mit tragender Stimme, als sie aufsteht. Sie legt ihre Hände auf die Knäufe der Hauben und blickt Spike in die Augen. „Die Empfehlung des Hauses.“
Mit diesen Worten hebt sie den Deckel und gibt den Blick frei auf zwei große Portionen an Lasagne. Mit großen Augen sieht Spike erst seine Nudel – Teig – Komposition und daraufhin Winnie an. Er öffnet den Mund, doch findet keine angemessenen Worte, weshalb er ihn wieder schließt. Wissend grinst Winnie, während sie anfängt ihre Portion der Lasagne zu verspeisen. Zufrieden lehnt sich Spike in seinem Rollstuhl zurück. Jetzt, wo seine Schmerzen nur ein dumpfes Pochen geworden sind und seinem Körper die geforderte Ruhe zuteil wird, kann er seine Tage wieder genießen.Vor allem, wenn er diese mit der schönsten Frau Kanadas verbringen kann. Wenn nicht gar der ganzen Welt. Verliebt beobachtet er, wie das Licht der untergehenden Abendsonne Winnies Haare in ein rötliches Glänzen taucht. Sie nun in greifbarer Nähe zu wissen, ist mehr, als er sich je hätte wünschen können. Spikes eindringliche Begutachtung bleibt von Winnie nicht unbemerkt.
„Wenn du mich weiter so anstarrst, wird deine Lasagne kalt“, sagt sie, ohne von ihrem Essen aufzublicken.
Gott! Er liebt diese Frau. Und inzwischen ist er sich sicher, dass sie ihn auch liebt. Leise lächeln beginnt er seine Lasagne zu vernichten. Es dauert nicht lange, da ist diese verputzt und Spike lehnt sich zufrieden in seinem Rollstuhl zurück.
„Was ich nicht bedacht habe“, sagt Winnie, während sie ihn eingehend betrachtet, „Ist, dass du jetzt mindestens zehn Kilo mehr wiegst. Ich werde überhaupt keine Chance haben den Rollstuhl zu bewegen.“
„Wir können auch einfach hier warten. Irgendwann kommen die Pflegekräfte und dann werden sie dir die Aufgabe gewiss abnehmen.“
Als würde sie ernstlich darüber nachdenken, spitzt Winnie ihren Mund und zieht die Augenbrauen zusammen. Nach einigen Minuten fasst sie einen Entschluss.
„Lieber nicht. Sonst lassen sie mich dich nie wieder zum Essen ausführen.“
„Das können wir natürlich nicht zulassen.“
Zustimmend schüttelt Winnie ihren Kopf, bevor sie aufsteht und den Tisch umrundet. Anstatt die Griffe des Rollstuhls zu ergreifen, bleibt sie allerdings direkt vor Spike stehen. Mit schnell klopfendem Herzen blickt er in ihre wunderschönen Augen auf. Er beobachtet, wie sich Winnie kurz sanft auf die Lippen beißt, bevor sie sich zu ihm hinab beugt. Dicht vor seinem Gesicht hält sie an, als würde sie auf eine Erlaubnis warten. Spike nutzt ihr Zögern, um sie vorsichtig auf seinen Schoß zu ziehen, was Winnie dazu veranlasst kurz überrascht aufzuschreien. Doch nur eine halbe Sekunde später wird jener Schrei von Spikes Lippen unterbrochen, als sich seine auf die ihren legen. Vorsichtig lässt sie ihre Finger durch seine Haare fahren, während sie ihren ersten Kuss miteinander teilen.
Für Spike kann der Kuss gar nicht lange genug gehen. Wenn es nach ihm ginge, würde er den Rest seines Lebens in Winnies Armen verbringen. Viel zu schnell lösen sie sich voneinander, wobei Winnie ihre Hand in seinen Haaren belässt. Liebevoll erhascht er sich einen zweiten kleinen Kuss, bevor sich Winnie mit einem zufriedenen Seufzen aus seinem Schoß erhebt.
„Ich denke“, sagt sie, während sie den Rollstuhl wieder in Bewegung versetzt, „dass wir das Essen morgen wiederholen sollten.“
Hätte er gekonnt, wäre Spike vor Freude auf und ab gehüpft. Doch einerseits seine Rippen und andererseits sein Stolz halten ihn davon ab. So verlegt er sich darauf breit zu grinsen. Geduld war zwar nie eine seiner Stärken, doch mit solchen Aussichten, lohnt sich das Warten allemal.
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