Ein Wolfsmädchen wird erwachsen

von Hobbit91
KurzgeschichteRomanze, Fantasy / P12
02.06.2018
02.06.2018
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Ich träumte davon, dass ich mich tief in den Wäldern befand. Die Sonne schickte ihre warmen Strahlen durch das dichte Blätterdach der umstehenden Bäume und ganz in der Nähe plätscherte ein Bächlein. Es war ein Ort, den ich gut kannte. Ganz in der Nähe wohnte meine Mutter und irgendwo in dieser Gegend musste auch er sein: Mein jüngerer Brüder Ame. Wie schön es doch wäre, wenn er jetzt einfach so zwischen den Bäumen auftauchen würde...

Plötzlich ertönte ein Rascheln. Erwartungsvoll drehte ich mich um und sah, wie sich mir eine Gestalt näherte. Es war kein Mensch, sondern...

An exakt dieser Stelle klingelte der Wecker und riss mich aus dem Schlaf. Ein verärgertes Knurren entwich daraufhin meiner Kehle. Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren?

Ich tastete nach dem Wecker, um ihn auszuschalten, konnte ihn allerdings nicht erreichen, was aber auch nicht verwunderlich war. Schließlich lag ich nicht in meinem Bett, sondern auf dem Boden. Hatte ich mich im Schlaf etwa so heftig bewegt, dass ich aus dem Bett gefallen war? Gut möglich. Wahrscheinlich hatte ich jedoch so fest geschlafen, dass mich noch nicht einmal der Sturz aufwecken konnte. Im Gegensatz zu meinem dämlichen Wecker, der noch immer sein nerviges Gepiepse von sich gab.

Um ihn endlich zum Schweigen zu bringen, richtete ich mich auf, streckte einen Arm aus und... erkannte, dass ich überall Fell hatte und statt Hände Pfoten besaß. Während ich geschlafen hatte, musste ich mich in meine Wolfsgestalt verwandelt haben. Das ist mir vorher noch nie passiert. Normalerweise wachte ich in der Gestalt auf, in der ich auch eingeschlafen war und ich war mir ganz sicher als Mensch unter die Bettdecke geschlüpft zu sein.

Überhaupt hatte ich mich schon lange nicht mehr in einen Wolf verwandelt, da ich im Gegensatz zu Ame ein Leben als Mensch führen wollte. Ob das etwa damit etwas zu tun hatte. Wollte mir vielleicht mein verstorbener Vater, an den ich mich kaum noch erinnern kann, mir eine Nachricht zukommen lassen? So nach dem Motto: Vergiss nie, dass du zum Teil auch eine Wölfin bist, Yuki!

„Wie könnte ich das, Vater?“, flüsterte ich, nachdem ich mich wieder zurückverwandelt hatte. „Bitte verzeih mir, dass ich in letzter Zeit so selten darüber nachgedacht habe! Es ist ein bisschen schwierig, alles unter einem Hut zu bekommen.“

Ich schaltete den Wecker aus und war unglaublich dankbar dafür, dass mir diese Sache nicht auf dem Internat der Mittelschule passiert ist. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn ich mich dort verwandelt hätte und mich am nächsten Morgen meine Zimmergenossin in diesem Zustand vorgefunden hätte. Wie hätte ich das erklären sollen?

„Sorry Ayano, aber das kann schon mal passieren. Ist nichts ungewöhnliches. Also mach dir mal keinen Kopf deswegen.“

Oh je... Das hätte richtig unangenehm werden können. Zum Glück hatte ich jetzt – als 17-jährige Oberschülerin – ein eigenes Zimmer, was bedeutete, dass niemand etwas mitbekommen würde, sollte mit mir irgendetwas merkwürdiges passieren.

Ich beschloss mir nicht weiter den Kopf zu zerbrechen, sondern mich sogleich auf den Tag vorzubereiten, der vor mir lag. Ein paar Schultage galt es noch zu bewältigen, ehe ich mich in die Sommerferien verabschieden konnte. Wenn das kein Grund zur Freude war! Für Wochen würde ich vom Lernstress befreit sein. Außerdem würde ich die Stadt, in der ich nun lebte verlassen und meiner Mutter einen längeren Besuch abstatten.

Gut gelaunt zog ich mir etwas an und eilte dann ins Bad, um mich zu waschen, mir die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken strahlte mir das Gesicht einer jungen Frau mit langen schwarzen Haaren entgegen. Ich konzentrierte mich und sorgte dafür, dass ich mich Stück für Stück veränderte. Zuerst bekam ich eine andere Augenfarbe. Dann wuchs mir Fell im Gesicht. Zum Abschluss bekam ich eine Schnauze und spitze Ohren. Um die ganze Inszenierung zu einem würdigen Abschluss zu bringen, fletschte ich meine raubtierhaften Zähne

„Tja, dies ist mein anderes Ich“, murmelte ich vor mich hin, ehe ich hektisch den Kopf schüttelte und wieder dafür sorgte, dass mein menschliches Gesicht zum Vorschein kam. Irgendwie war es schön gewesen, mich selbst mal wieder in dieser anderen Gestalt zu sehen. Ich mochte mein Wolfsgesicht, aber wenn man in einer Stadt wohnt, ist es besser, sich nicht so zu zeigen. Aus diesem Grund hat sich ja auch meine Mutter irgendwann dieses einsame Haus gekauft. Für Ame und mich war das einfach der perfekte Ort gewesen. So viel Platz und kaum Menschen, die uns hätten sehen können. Hier konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben richtig Wolf sein. Mein kleiner Bruder hatte dagegen ziemlich lange gebraucht, um sich an das neue Umfeld zu gewöhnen. Wäre es nach ihm gegangen, wären wir bereits am ersten Tag wieder in die Stadt zurückgekehrt.

In wenigen Tagen würde ich wieder dort sein, wo ich so viele glückliche Stunden verbracht hatte. Allerdings würde ich diese Reise nicht allein antreten, denn mein Freund würde mich begleiten und einen Teil der Sommerferien mit mir zusammen verbringen. Bisher hatte ich meiner Mutter nur über Akio geschrieben, weshalb ich der Meinung war, dass es mal Zeit wurde, dass sie ihn persönlich kennenlernte.

Er ist ein wirklich netter Kerl. Ich bin mir sicher, dass du ihn mögen wirst. Dies hatte ich ihr einmal geschrieben und das war in diesem Moment auch alles, was sie über ihn wusste.

Es folgten noch ein paar weitere Briefe und irgendwann machte meine Mutter den Vorschlag mit der Einladung. Ich fragte Akio, was er davon halten würde, wobei ich ihn allerdings vorwarnen musste. „Meine Mutter lebt wirklich sehr abgeschieden. Außer Natur gibt es dort nichts Interessantes zu entdecken“, erklärte ich ihm, aber diese Tatsache schien ihn nicht wirklich zu stören. Da seine Eltern geschäftlich unterwegs und seine zwei Freunde im Urlaub sein würden, war er richtig dankbar für diese Einladung.

„So muss ich wenigstens nicht allein Zuhause rumhocken“, erklärte er. „Außerdem bin ich gern mit dir zusammen, Yuki.“

Seine Zusage hatte mich echt glücklich gemacht. Dennoch hatte die ganze Sache einen kleinen Haken: Akio ahnte nichts von meinem kleinen Geheimnis. Ich sollte mich also besser nicht verwandeln.



Seit einem dreiviertel Jahr sind Akio und ich nun schon zusammen. Zwar ging er mit mir in dieselbe Klasse, aber es hatte eine Weile gedauert, bis ich ihn richtig bemerkt hatte. Akio war nämlich ziemlich schüchtern. Er steckte seine Nase lieber in Bücher oder zeichnete, statt sich mit anderen Leuten zu treffen. Aus diesem Grund hatte er auch nur zwei Freunde. Die beiden waren eigentlich ganz in Ordnung, auch wenn sie hin und wieder gerne mal irgendeinen Blödsinn veranstalteten. Ein Erlebnis ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben.

Fünf Wochen, bevor es in die Sommerferien gehen sollte, machte ich mit Akio und dessen Freunden einen Zeltausflug. Dabei hielt es wohl einer von den beiden für eine lustige Idee, mir eine Schlange ins Zelt zu legen. Bestimmt hatte sich der Typ bereits lebhaft vorgestellt, wie ich – sobald ich sie entdeckte – kreischend und mit den Armen fuchtelnd die Flucht ergriff, aber damit ist man bei mir an der falschen Adresse, denn ich mag Schlangen, habe sie oft als Armbandersatz verwendet, als ich noch ein Kind war. Ich kann mich noch genau an die enttäuschten Gesichter der beiden erinnern, als ich völlig gelassen die Schlange aus meinem Zelt getragen und diese anschließend vorsichtig ins Gras gelegt hatte.

Doch zurück zu Akio: Ich schrieb bereits, dass er ein sehr schüchternder Junge war. Hin und wieder trafen sich unsere Blicke, aber das war es dann auch schon gewesen. Geredet haben wir kaum miteinander.

In den Pausen sah ich ihn oft allein auf einer Bank sitzen. Meist hatte er ein Buch dabei, in welchem er las. An anderen Tagen hatte er etwas zum Zeichnen dabei. Da ich ihn aber immer nur aus der Ferne beobachtete und nebenbei mit meinen Freundinnen über dies und jenes quatschte, erfuhr ich weder, was er zeichnete, noch was es für Bücher waren, die er so gerne las. Ich schaute zu ihm rüber, weil diese Szenerie stets etwas Friedliches an sich hatte.

Wäre der Tag nicht gewesen, an dem ich in ihn hineingelaufen bin, hätten wir uns vielleicht nie genauer kennengelernt. Im Grunde trugen wir beide Schuld an dem Zusammenstoß. Ich hatte es furchtbar eilig und er hat nicht so recht auf den Weg geachtet. Plötzlich krachte es. Mir entwich ein leiser Schrei, ihm ein überraschter Laut. Ich geriet ins Stolpern, konnte mich aber gerade noch rechtzeitig fangen.

Schuldbewusst drehte ich mich wieder zu Akio um und sah ein paar Blätter durch den Gang flattern. Es waren Akios Zeichnungen. Ich hatte ihm die Blättern versehentlich aus der Hand geschlagen und nun verteilten sich diese auf dem Boden.

„T-tut mir leid! Das wollte ich nicht“, rief ich, ehe ich mich hinhockte und ein paar der Zeichnungen aufsammelte. Es waren richtige Kunstwerke, wie ich erstaunt feststellte. In seiner Freizeit hatte Akio fantasievolle Burgen, schöne Landschaften, sowie ein paar Fabelwesen gezeichnet.

Langsam hob ich den Kopf und sah Akio an. Der Junge mit den leicht zerstruppelten Haaren hatte die übrigen Zeichnungen wieder in seinen Besitz gebracht und hielt mir nun die freie Hand hin. „Danke für deine Hilfe, ähm.... Sorry, ich fürchte, ich kann mich nicht mehr an deinen Namen erinnern.“

„Yuki“, sagte ich mit einem Lächeln.

„Genau. Yuki...“ Er lächelte unsicher zurück, ehe er mich vorsichtig fragte: „Darf ich die bitte auch wieder zurückhaben?“

Zuerst wusste ich nicht, was er meinte, doch dann fiel der Groschen und ich reichte ihm die übrigen Zeichnungen. „Die sind wirklich sehr gut“, meinte ich, als er gerade dabei war, sie in seiner Tasche zu verstauen.

„Findest du?“, fragte er.

Ich nickte bejahend.

In weiteren Gesprächen erfuhr ich von seinen Zukunftsplänen. Er wollte einmal Fantasy-Bücher schreiben und diese mit seinen eigenen Zeichnungen versehen. Immer, wenn er über dieses Thema redete, war er ganz aufgeregt und seine Augen begannen zu leuchten.

Ich verliebte mich irgendwann in dieses Leuchten...

So jedenfalls haben wir uns kennengelernt. Zwar waren wir zu der Zeit, als wir zu Beginn der Sommerferien zu meiner Mutter fuhren noch nicht wirklich ein Paar, aber zumindest für meine Freundinnen schien klar zu sein, dass sich da etwas zwischen Akio und mir entwickelte.



Die Begrüßung meiner Mutter fiel über die Maßen herzlich aus und obwohl ich bereits siebzehn war und mein Freund nur wenige Meter von uns entfernt stand, hatte ich keine Probleme damit, dass sie mich in den Arm nahm und fest an sich drückte. Sie hatte Freudentränen in den Augen und auch ich hätte fast losgeheult, so glücklich war ich, wieder hier zu sein.

Was Akio betraf, war ich mir sicher gewesen, dass sie ihn mögen würde und so war es auch. Beide schienen sich auf Anhieb sehr sympathisch zu finden. Akio gefiel die lebensfrohe und optimistische Art meiner Mutter. Mama mochte Akios höfliches Verhalten und die teilweise etwas unbeholfene Art, mit der er mit mir umzugehen pflegte, brachte sie das ein oder andere Mal zum Schmunzeln. Ich war eben seine erste Freundin. Klar, dass er in manchen Dingen noch etwas unsicher war.



Am Abend zogen wir uns auf mein Zimmer zurück. Akio und ich setzten uns auf mein Bett und plauderten ein bisschen miteinander. Aufgrund der langen Anreise wurde ich zunehmend schläfriger. Irgendwann lehnte ich mich an ihn und begann ein wenig vor mich hinzudösen.

Für etwa fünf Minuten verharrte ich in dieser Position und auch als das Geheul eines Wolfes an mein Ohr drang, wich ich nicht von Akios Seite. Das Geräusch ließ eine tiefe Sehnsucht in mir entflammen. Am Liebsten hätte ich in diese Melodie – denn genau dies war das Geheul für mich, eine melancholische, aber wunderschöne Melodie – mit eingestimmt, aber das wäre für Akio sicher etwas seltsam gewesen. Also ließ ich es sein.

„Hier gibt es Wölfe?“, fragte mein Freund überrascht.

„Keine Sorge“, murmelte ich leicht verträumt. „Das ist doch nur Ame, mein Brud...“ Schnell schlug ich mir eine Hand vor den Mund, aber der Schaden war bereits angerichtet. Ich hatte mich gehenlassen und einen gewaltigen Fehler gemacht.

„Dein was?“, fragte Akio.

„Nichts! Vergiss es wieder! Das war nur so ein dummer Spruch“, versuchte ich die Situation zu retten, aber natürlich war es da schon zu spät.

„Wolltest du gerade Bruder sagen?“

„Äh...“

„Du hast mal erwähnt, du würdest einen jüngeren Bruder haben, aber du redest kaum über ihn.“

„Na ja, das ist auch nicht so einfach.“

„Warum? Etwa weil er ein Wolf ist?“ Akio lachte. Es sollte ein Scherz sein. Wie hätte er auch ahnen können, dass er gerade voll ins Schwarze getroffen hatte?

Ich sah weg.

„Yukilein?“

Meine Wangen verfärbten sich rot.

„AaaaaWUuuuHUuuuuuu!!!“

„Da ist es schon wieder.“ Akio stand auf und trat ans Fenster.

Ich blieb auf dem Bett sitzen, sah erst wieder auf, als er mich erneut ansprach. Akio merkte, dass etwas nicht ganz in Ordnung war. Daher fragte er mich, ob ich etwas auf dem Herzen hätte. „Du kannst mir alles erzählen. Das weißt du doch, nicht wahr, Yuki?“, schob er hinterher, als ich weiterhin schwieg.

Natürlich wusste ich das. Wir waren beste Freunde und konnten miteinander über alles reden, aber manche Geheimnisse sind eben zu groß, um sie jemanden anvertrauen zu können. Doch würde ich wirklich in der Lage sein, dem Jungen, in den ich möglicherweise total verknallt war, ein so wichtiges Detail über mein Leben ewig zu verschweigen? Was, wenn ich mich einmal versehentlich in seiner Anwesenheit verwandelte, wie in dieser denkwürdigen Nacht, was dann?

War es vielleicht dooch besser, wenn er endlich die Wahrheit erfuhr? Nicht unbedingt. Akio könnte sich vor mir fürchten und mich zurückweisen, was einfach nur schrecklich wäre.

Urplötzlich traf mich die Erkenntnis, dass sich mein Vater damals in einer ähnlichen Situation befunden haben muss. Wie war es ihm wohl ergangen, als er sich meiner Mutter zum ersten Mal in seiner Wolfsgestalt gezeigt hatte? Ob er wohl starke Zweifel gehabt hatte?

Ich stand vom Bett auf und durchquerte mein Zimmer. Kurz bevor ich die nächste Wand erreichte, drehte ich mich wieder zu Akio um. Er stand nun mit dem Rücken zum Fenster und sah mich an. Mit einer simplen Geste gab ich ihm zu verstehen, dass er genau dort bleiben solle, was er auch tat.

Wenn ich jetzt diesen Schritt unternahm, würde es kein Zurück mehr geben. Das war mir klar.

Ich schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, nachdem meine Verwandlung abgeschlossen war. Es war nicht nur das Gesicht, das ich hatte verändern wollen. Stattdessen hatte ich mich für eine vollständige Verwandlung entschieden. Akio sollte sehen, wie aus der jungen Frau eine Wölfin wurde.

Langsam näherte ich mich dem Fenster, wobei ich Akio tief in die Augen schaute. Er schien etwas erschrocken, aber nicht wirklich ängstlich zu sein. Nach einer nur kurz andauernden Schrecksekunde ging er in die Hocke und streckte vorsichtig eine Hand nach mir aus. Dann zögerte er jedoch und zog die Hand wieder etwas zurück.

„Du wirst mich doch nicht beißen, oder?“, fragte er ein wenig verunsichert.

Ich schüttelte den Kopf.

Da gab sich Akio einen Ruck und begann mich zwischen den Ohren zu streicheln. Schon oft hatte ich diese Hand gehalten, während wir einen gemeinsamen Spaziergang durch den Park unternommen hatten. Ansonsten ging Akio ziemlich sparsam mit seinen Berührungen um. Hin und wieder legte er einen Arm um meine Schulter oder schloss mich in eine kurze Umarmung. Daher genoss ich diese Streicheleinheit, die er mir gerade zukommen ließ. Es war eben mal etwas Neues.

„Wer oder was bist du in Wirklichkeit, Yuki?“ Akio klang sehr nachdenklich.

Ich verwandelte mich in einen Menschen zurück, ehe ich zu berichten begann. Zuerst erzählte ich ihm von meinem Vater. Dann folgte die Geschichte von Ame und mir. Er hörte erstaunt, aber nicht ungläubig zu. Kein einziges Mal unterbrach er mich, indem er mir beispielsweise Zwischenfragen stellte oder etwas einwarf.

Nachdem ich Akio so gut wie alles erzählt hatte, schwiegen wir beide für eine Weile. Schließlich fragte er mich, ob noch andere von dieser Sache wussten.

„Ja“, bestätigte ich ihm. „In meiner Grundschule gab es einen Jungen... Ich habe ihn versehentlich attackiert, weil er mich einfach nicht in Ruhe lassen wollte. Er hat sich dabei verletzt...“ In meinem Hals begann sich ein Kloß zu bilden. Über diese Geschichte zu sprechen, fiel mir unglaublich schwer. Selbst heute noch mache ich mir deswegen Vorwürfe.

Ich schlug die Augen nieder. Auf einmal konnte ich Akio nicht mehr direkt ansehen.

„Was ist aus dem Jungen geworden?“, fragte er.

„Wir haben uns später angefreundet und während eines heftigen Unwetters, als er und ich in der Schule festsaßen, habe ich ihm mein anderes Gesicht gezeigt. Ihm hat das nichts ausgemacht und er hat mir sogar versichert, dass er Wölfe mögen würde. Das hat mich damals sehr gefreut.“

Bei dieser Erinnerung konnte ich sogar wieder lächeln. Ich hob den Kopf und sah Akio an.

„Und wie ging es dann weiter?“, fragte er.

„Irgendwann haben wir uns aus den Augen verloren“, erwiderte ich. „Eines Tages bekam ich aber ein paar Briefe von ihm. Scheinbar konnte er mich nicht vergessen und wollte nicht, dass der Kontakt endgültig abbricht. Seitdem schreiben wir uns hin und wieder.“

„Ach so“, meinte Akio, dem eine böse Ahnung zu beschleichen schien.

Ich boxte ihm gegen die Schulter. „Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht“, rief ich. „Es ist doch nicht so, dass ich in ihn verliebt wäre oder so. Er ist einfach nur ein guter Kumpel für mich.“

Erleichtert atmete Akio auf.

Ich grinste, ehe ich mich wieder aufs Bett setzte.

„Das Wolfsgeheul vorhin...“, meinte Akio plötzlich. „Kann es sein, dass dein Bruder nach dir ruft? Bestimmt vermisst er dich. Du bist doch seine große Schwester und...“

Völlig überraschend stiegen mir Tränen in die Augen. Schnell wischte ich sie fort, aber er hatte es bereits gesehen.

„Du solltest ihn besuchen“, schlug Akio vor.

„Das war von Anfang an mein Plan“, erwiderte ich. „Und da du jetzt ja alles weißt, muss ich dir noch nicht einmal etwas vorschwindeln, wenn ich morgen für ein paar Stunden fortgehe.“



Gleich nach dem Frühstück setzte ich mein Vorhaben in die Tat um. Ich verwandelte mich und entschwand in den Wald. Akio ließ ich bei meiner Mutter zurück.

Es war ein herrliches Gefühl, so durch den Wald zu jagen. Während ich den Bäumen auswich und über Hindernisse hinweg sprang, verspürte ich eine Art von Freiheit, wie sie die Menschen nicht kennen. Fast hätte ich dieses Gefühl vergessen.

Als Mensch fühle ich mich frei, weil ich meine eigenen Entscheidungen treffen und meine Zukunft selber gestalten kann, aber das hier ist etwas ganz anderes. Trotzdem würde ich mein menschliches Leben nur ungern gegen das hier eintauschen. Ich bin schon so weit gekommen und es gibt noch so vieles, was ich machen will. Natürlich gibt es auch viele Probleme, mit denen ich fertig werden muss und die man eben nicht hat, wenn man ein Wolf ist. Hin und wieder stößt man mal an seine Grenzen und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Kaum war ich jedoch ein Wolf, fielen all diese Sorgen von mir ab und das war ein wirklich befreiendes Gefühl. Diese Stunden der Unbekümmertheit wollte ich genießen.

Ich rannte weiter und endlich hatte ich ihn gefunden. Vor mir tauchte Ame auf. Mein Herz vollführte Freudensprünge, als ich ihn sah.

Wir tobten herum, jagten uns, balgten uns ein bisschen und kuschelten miteinander, wie in den guten alten Zeiten. Ich war überglücklich als ich mich am Abend wieder dem Haus meiner Mutter näherte. Die Widersehensfreude mit Ame kann ich einfach nicht in Worte fassen. Doch an meiner Einstellung hatte sich nichts geändert. Was ich wollte, war ein Leben als Mensch. Aber hin und wieder würde ich mich als Wolf austoben müssen, da auch dies ein wichtiger Bestandteil meines Lebens ist.



Den nächsten Tag wollte ich nur mit Akio verbringen und da so schönes Wetter war, beschloss ich, ihm den Wald zu zeigen.

„Komm schon!“, rief ich aufgeregt und voller Vorfreude. „Worauf wartest du denn?“

Ich war schon etwas vorgelaufen. Akio kam nur langsam hinterher.

„Ist das denn nicht gefährlich?“, fragte er mit leicht banger Stimme. „Ich habe mal gelesen, dass es hier viele wilde Tiere geben soll.“

„Das stimmt ja auch“, erwiderte ich. „Aber keine Sorge, Akio! Dir werden sie nichts tun. Ich bin ja bei dir und werde dich beschützen.“ Diese Worte, sowie mein strahlendes Lächeln schienen zu helfen, denn Akio setzte sich in Bewegung.

An einem kleinen Bächlein ließen wir uns nieder und verzehrten unseren Proviant. Danach ruhten wir uns ein bisschen aus. Akio, der sein Zeichenmaterial dabei hatte, lehnte sich an einen Baum und begann die Gegend nachzuzeichnen, in der er sich gerade befand.

„Yuki“, meinte er plötzlich zu mir. „Könntest du vielleicht...“

Ich sah ihn fragend an und er kratzte sich am Kopf. Schließlich meinte er: „Ach, schon gut! Das war nur so eine alberne Idee von mir.“

„Komm schon! Sag einfach, was du möchtest“, bat ich.

Akio schluckte und schaute mich unsicher an. Er schien mit der Sprache nicht so recht rausrücken zu wollen, aber irgendwann fragte er mich zögernd, ob er mich wohl zeichnen dürfe. „Ich meine in deiner Wolfsgestalt“, fügte er hinzu.

Diesen Gefallen tat ich ihm gern. Im nächsten Augenblick hatte ich mich verwandelt und befolgte Akios Anweisungen. Als er mit der Pose, die ich eingenommen hatte, zufrieden war, lehnte er sich wieder gegen den Baum und machte sich ans Werk. Auf diese Weise entstand das Bild, das heute in unserem Wohnzimmer hängt.

Gegen Abend saßen Akio und ich am Ufer des Bächleins und ließen unsere nackten Füße ins Wasser hängen. Keiner von uns beiden sagte etwas. Wir genossen einfach nur diesen Moment. Es fiel auch kein Wort, als Akio mein Kinn berührte und meinen Kopf vorsichtig in seine Richtung drehte, sodass wir uns ansehen konnten.

Ich verlor mich in seinen Augen. Gerade so bekam ich noch mit, wie sich seine Hände auf meine Wangen legten. Dann kam sein Gesicht immer näher. Ich erkannte, was er vorhatte und setzte mich nicht zur Wehr.

Bisher hatte Akio noch nie den Versuch unternommen, mich zu küssen. Auch ich hatte noch nichts in dieser Richung getan. Vorgestellt hatte ich mir eine solche Szene mit ihm schon öfter, aber bis zu diesem Zeitpunkt war es bei diesen gelgentlichen Tagträumen geblieben. Freilich spielte – besonders wenn es sich um den ersten Kuss handelte – auch die Atmosphäre eine wichtige Rolle und die hatte sonst nicht so recht stimmen wollen. An diesem Abend war es allerdings anders. Der Ort war perfekt. Wir waren allein und die Atmosphäre konnte durchaus als romantisch bezeichnet werden. Das fröhliche Zwitschern der Vögel, das sanfte Plätschern des Bächleins...

Ich schloss die Augen und kam ihm entgegen. Im nächsten Moment spürte ich schon, wie sich unsere Lippen berührten.

Es wäre nicht nötig gewesen, noch etwas zu sagen, aber nachdem wir den Kuss beendet hatten, gestand mir Akio seine Liebe. Die Worte waren wie ein sanfter Hauch, der in mein Inneres fuhr und miein Herz erwärmte. Ein scheinbar simpler Satz konnte so viel in einem auslösen...

„Ich liebe dich auch, Akio“, flüsterte ich mit Tränen in den Augen, ehe ich ihn noch einmal küsste.



Auch in den nächsten Tagen unternahmen wir Ausflüge in den Wald, allerdings nicht mehr als Freund und Freundin, sondern als Paar. Wir waren frisch verliebt und glaubten, dass unser Glück ewig halten würde. Keinen Augenblick dachten wir daran, dass irgendetwas Schlimmes passieren könnte.

Ich weiß nicht, was sich Akio dabei gedacht hatte. Er ist nicht der Typ, der gerne mit seinem Können angibt oder sich leichtsinnig verhält. Dennoch kam er eines Tages auf die dumme Idee, einen Baumstamm überqueren zu wollen, welcher über einer schmalen Schlucht hing. Diesen Baumstamm wollte Akio nun als Brücke benutzen, um auf die andere Seite zu gelangen. Also balanciert er los. Ich blieb stehen und sah ein bisschen fassungslos zu, da ich solche Aktionen von ihm nicht gewohnt war. Als ich jedoch sah, wie er seitlich wegrutschte, machte ich einen Satz, kroch auf den Stamm und konnte gerade noch rechtzeitig sein rechtes Handgelenk packen. Der Rest von ihm hing bereits über dem Abgrund.

„Yuki!“, rief er panisch.

„Bleib ganz ruhig! Ich ziehe dich wieder nach oben“, erwiderte ich. Es war keine leichte Aufgabe, aber ich würde es schon schaffen, wie ich Akio mit zusammengebissenen Zähnen zuzischte.

„Ich werde dich nicht loslassen! Niemals“, knurrte ich, während ich weiter an ihm zog.

„Es geht nicht, Yuki“, war Akio überzeugt. „Ich... ich werde dich nur mit in die Tiefe reißen.“

„Oh nein, das wirst du nicht“, schrie ich. „Keiner von uns beiden wird abstürzen, hörst du?“ Ich zerrte weiter und wusste, dass ich ihn weiter festhalten würde, auch wenn mich das mein eigenes Leben kosten sollte. Wenn es mir nicht gelingen sollte, ihn zu retten, dann wollte ich mit ihm sterben. Aber das sagte ich ihm freilich nicht.

Ich weiß nicht, ob ein normales Mädchen es geschafft hätte. Möglicherweise habe ich es meinen Wolfskräften zu verdanken, dass wir beide kurze Zeit später auf dem sicheren Waldboden hockten. Doch kaum hatten wir die Gefahr hinter uns gebracht, war es auch schon wieder vorbei mit dem starken Mädchen. Ich drückte meinen Kopf gegen seine Brust und begann zu schluchzen. Angst und Erleichterung sorgten dafür, dass ich in Tränen ausbrach.

In meinem bisherigen Leben gab es nicht viele Momente, die mir solch einen Schrecken bereitet hatten. Mit diesem Ereignis wären es insgesamt zwei. Davor war es Ame, der mir einen gewaltigen Schrecken eingejagt hatte. Als ich ihn damals aus dem Wasser gezerrt hatte, war ich mir sicher gewesen, er wäre tot. Er war so leicht gewesen und hatte sich nicht bewegt...

„Bitte, Yuki! Hör auf zu weinen“, bat Akio. „Ich verspreche dir, dass ich nie wieder einen solchen Blödsinn veranstalten werde.“

„Und ich verspreche dir, dass ich dich auch in zukünftigen Situationen nicht loslassen werde“, schniefte ich und hielt mein Wort. Keiner von uns beiden ließ den anderen hängen. Weder ich noch er.

Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt und führe ein glückliches Leben an Akios Seite. Gemeinsam haben wir wirklich schöne Momente erlebt. Jedoch neigt sich nun die Zeit, in der es nur uns zwei gibt dem Ende entgegen, denn mittlerweile bin ich im achten Monat. In mir wächst ein neues Leben heran!

Meine Hand zeichnet Kreise auf meinem runden Bauch. Die Hand meines Mannes streichelt meine Wange und ich schmiege mich gegen sie. Ich habe vor, das Kleine in dem einsamen Haus bei meiner Mutter zur Welt zu bringen und dort soll es auch aufwachsen. Wenn es alt genug ist, werde ich es in meine alte Schule schicken. Außerdem werde ich ihm oder ihr alles beibringen, was ein Wolf wissen muss. Ich bin mir sicher, dass mir auch Ame dabei helfen wird.

Irgendwann wird mein Kleines eine Entscheidung treffen müssen. Doch egal, wie diese auch ausfallen mag: Ich werde es unterstützen. Ob es nun als Mensch oder als Wolf leben möchte: Dies hängt ganz allein von ihm oder ihr ab.
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