Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Elisabeth - Der Roman zum Musical

von Drakorn
GeschichteDrama, Familie / P16 / Gen
Kaiserin Elisabeth
01.06.2018
31.10.2018
4
13.456
2
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
01.06.2018 3.610
 
Und damit herzlich willkommen, liebe Leute! Wie ich es bereits versprochen hatte, kommt hier der Musicalroman von "Elisabeth"! Und ich habe es tatsächlich geschafft, das Releasedatum beizubehalten.
       Falls ihr neugierig seid, was ich mit meinen Musicalromanen eigentlich mache, dann sei es kurz erklärt: Ich gebe die Handlung mit den Liedern inklusive wieder, füge aber quasi meine eigene Interpretation der Geschichte an. Einige Szenen werden erweitert, einige hinzugefügt und einige komplett neu interpretiert. Das ist sozusagen eine "Non-replica" Produktion in Schriftform XD
       Ich habe ja bereits schon einen Musicalroman geschrieben, und zwar von "Tanz der Vampire". Falls ihr neugierig seid, wie ich das Ganze angehe, könnt ihr es euch ja hier ansehen.
       An diejenigen, die bei den Vampiren bereits dabei waren wünsche ich ein herzliches "Willkommen zurück zu Runde Zwei!" Allen anderen ein "Herzlich willkommen!" Ich bin schon sehr gespannt, wie das Ganze aussehen wird gegen Ende.
       So, dann will ich euch nicht weiter vollquatschen, hier ist schon einmal der Prolog. Viel Spaß!

****************************************************************************************************************************

Prolog



Im Reich der Toten und Träumer...

Erster Schlag. Die Kälte kroch von allen Seiten auf ihn zu und durchflutete seine Seele. Jedes Bisschen Licht, das sich noch in ihr befand, wurde eingedämmt.
     Zweiter Schlag. Wind wehte um ihn herum und zwang ihn auf die Knie, wie er es all die Male zuvor getan hatte.
     Dritter Schlag. Der Schmerz um seinen Hals verschwand und zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte er das Gefühl, wieder Luft holen zu können. Er atmete tief durch und seine Sicht wurde klarer.
     Wieder fand er sich auf dieser dunklen Lichtung wieder, umgeben von gewaltigen schwarzen Tannen. Über dem Wald waren unzählige Sterne in einem niemals endenden Nachthimmel zu sehen. Ein gewaltiger Mond thronte im Zentrum des Himmels und tauchte den Wald in ein immerwährendes silbriges Licht.
     Er blickte auf seine Hände. Die grünen Ranken, die sie fesselten, waren nach wie vor dar, stärker als alle Fesseln, die er in der Welt der Menschen gesehen hatte. Denn wer hier noch einen Prozess zu beenden hatte, der blieb auch. Und nun waren die Hammerschläge verklungen...und er nur noch müde.
     „Luigi Lucheni, auch bekannt unter dem Namen Louis, geboren am 22.4.1873 in Paris, gestorben am 19.10.1910 in Genf. sind Sie bereit, Ihren Prozess fortzuführen?“ erklang die dunkle, tiefe Stimme des Richters, die ihn schon seit seinen Lebtagen Nacht für Nacht heimsuchte. Sie versetzte ihn zurück in die Jahre, die er in seiner Zelle in Genf verbracht hatte, an die finsteren Nächte, die immer mehr an seinem Verstand gezerrt hatten, bis er nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Selbst hier, im immerwährenden Reich der Toten und der Träumer, verfolgte sie ihn.
     Luigi Lucheni blickte auf, in der Hoffnung, seinem Peiniger dieses Mal ins Gesicht blicken zu können. Doch er sah nichts, wie all die Male zuvor. Ein bitteres Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
     „Soll das eine rhetorische Frage sein, Euer Ehren?“ spuckte er geradezu hinaus. Seine Stimme ähnelte einem trockenen Krächzen, ähnlich einem Mann, der wochenlang durch eine Wüste geirrt war.
     „Sie wurden der Verbrechen am Kaiserreich Österreich-Ungarn für schuldig befunden.“
     „Erzählen Sie mir etwas, das ich nicht weiß“, sagte Lucheni. Doch erneut wurde ihm keine Reaktion zuteil.
     „Ihre bisherigen Aussagen verfügen über solide Ähnlichkeiten, allerdings auch über deutliche Unterschiede“, ertönte die Stimme des Richters erneut, „deswegen frage ich Sie, Luigi Lucheni, italienischer selbsternannter ‚individueller Anarchist’: Warum haben Sie die Kaiserin Elisabeth ermordet?“
     Lucheni lachte leise in sich hinein. Natürlich war das wieder das Thema. Es würde immer bei diesem Thema bleiben. Und man würde ihn nicht ruhen lassen, bis er ausgesagt hatte. Doch wer würde seine Wahrheit glauben?
     „Alla malora“, spuckte er in die Dunkelheit vor ihm.
     „Antworten Sie, Luigi Lucheni.“
     „Warum“, wiederholte der Anarchist, als würde er dieses Wort zum ersten Mal hören. Dann entglitt ein irres Kichern seiner Kehle.
     „Warum? Nacht für Nacht dieselbe Frage. Stets ein und dasselbe Thema, seitdem ich hier angekommen bin. Können wir den Fall nicht endlich begraben? Was soll die Fragerei? Merda! Ich bin tot!“
     „Das gemeine Attentat auf die Kaiserin von Österreich-Ungarn“, fuhr der Richter unbeirrt fort und seine Stimme hallte aus allen Ecken und Winkeln der Lichtung wieder. „Das gesamte Europa wurde davon erschüttert, Lucheni. Und Ihre Aussagen waren stets anders.“
     „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“, sagte Lucheni und diese Worte verhallten in der Dunkelheit, wie ein Echo aus längst vergangener Zeit. „Die Aristokratie ist nicht so unantastbar, wie sie es gerne hätten. Ich habe meinem Standpunkt Geltung verschafft.“
     „Jedoch steckt da noch mehr dahinter, nicht?“ hakte der Richter nach. „Diese Aussage haben Sie in Genf wiederholt. Doch nun sind wir hier. Nennen Sie die Hintergründe...die wahren Hintergründe.“
     Luchenis Grinsen wurde stärker, als er in die Dunkelheit starrte. Nun bewegte sich das Gespräch in eine Richtung, die durchaus interessant war.
     „Haben Sie es denn nicht gemerkt?“ entgegnete er. „Wie sie sich Tag für Tag im Schatten einer sterbenden Welt bewegte, in der Hoffnung, dem Unausweichlichen zu entgehen? Doch wenn man sich ihre Geschichte näher ansieht, wird einem bewusst, dass nicht alles so ist, wie es scheint.“
     „Wovon sprechen Sie?“
     „Wollen Sie meine Wahrheit hören, Euer Ehren? Ich habe Sie ermordet, weil sie es wollte.“
     „Reden Sie keinen Unsinn.“
     „Aber Euer Ehren, ich würde doch niemals Unsinn reden“, fuhr Lucheni fort. „Sie wollte es, so wahr ich hier bin. Dafür gibt es...ehrenwerte Zeugen.“
     „Zeugen?“ ertönte es um ihn herum. „Was für Zeugen sollen das sein?“
     „Eine sehr gute Frage, mit einer sehr einfachen Antwort“, sagte der Anarchist. „Ich sprechen von allen.“
     „Von allen?“
     „Genau! Ihre Familienmitglieder, ihre Freunde, ihre Feinde, ihre Untertanen, kurz: ihre Zeitgenossen. Sehen Sie, Euer Ehren: Ich habe mich ein wenig informiert. In dieser Zwischenwelt kann ich sowohl nach oben als auch nach unten blicken. Und dort habe ich allerlei aufgeschnappt, was meine Aussage nur noch bekräftigen wird. Ich bitte daher ‚untertänigst’ um Erlaubnis, meine Zeugen in den Gerichtssaal führen zu dürfen...oder wie auch immer ich diesen Ort hier nennen soll.“
     Es folgten einige Momente der Stille, in denen Lucheni sich zu denken begann, was er wohl machen würde, wenn seiner Bitte nicht stattgegeben wurde. Wie lange würde er dann noch in diesem Wald festsitzen? Würde er hier überhaupt jemals hinauskommen?
     „Dem Antrag wird stattgegeben“, ertönte es dann schließlich. „Empfangen wir meinetwegen Ihre sogenannten ‚Zeugen’.“ Lucheni atmete erleichtert auf. Der erste große Schritt war getan.
     „Hervorragend“, sagte er. „Wenn ich dann noch aufstehen dürfte, wäre ich Ihnen sehr verbunden.“ Als keine Antwort ertönte, wagte Lucheni schließlich einen Versuch und erhob sich vom kühlen Waldboden. Tatsächlich hinderte ihn nichts daran.
     Ein leichter Wind kam auf und Lucheni drehte sich um. Mitten auf der Lichtung hatte sich eine Glocke materialisiert. Sie schien vollkommen aus Nebel zu bestehen. Neben ihr hing eine Ranke von einem unsichtbaren Punkt irgendwo im Himmel herab. Im nächsten Moment spürte Lucheni, wie seine Fesseln verschwanden. Sofort nutzte der Anarchist die Gelegenheit um sich gehörig zu strecken. Dann rieb er sich die Hände und schritt auf die Glocke zu, die über dem Waldboden schwebte.
     „Leuten Sie die Glocke, Lucheni“, ertönte die Stimme des Richters. „Wir werden sehen, wie viele Ihrem Ruf folgen werden.“
     „Mit dem größten Vergnügen“, entgegnete Lucheni. Dann trat er an die Ranke und zog mit aller Kraft.
     Der Glockenschlag war anders, als der Italiener sich erwartet hatte. Statt einem schweren Läuten, wie er es oft von Kirchtürmen vernommen hatte, hörte sich diese Glocke ganz und gar außergewöhnlich an. Einerseits vernahm der Anarchist eine Art hellen und fröhlichen Gesang, der bis zu den Sternen emporstieg. Andererseits hörte er auch ein dröhnendes Donnern, wie von einer mächtigen Trommel, das in die Tiefen der Erde unter ihm vorzudringen schien. Und dann herrschte Stille.
     Zuerst geschah nichts. Lucheni blickte sich erwartungsvoll auf der Lichtung um, bis er schließlich anfing, Zweifel zu verspüren. Würden sie ihn tatsächlich jetzt im Stich lassen? Er gab ihnen doch die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen. Doch dann spürte der Anarchist einen leichten Windstoß, der mit jedem verstreichenden Moment stärker wurde. Schließlich spürte er das entfernte Heulen eines nahenden Sturmes, obwohl der Himmel wolkenlos war. Dann kam der Nebel. Wie ein fließender Schleier, glitt er zwischen den Bäumen hervor und versenkte den Waldboden unter sich.
     „Ihr Ruf wurde vernommen, Lucheni“, sagte der Richter. „Finden Sie sie.“
     Lucheni kam dieser Aufforderung nur zu gerne nach. Mit schnellen, aber gefassten Schritten, trat er auf die Bäume zu. Innerlich kochte er nur so vor Vorfreude. Seine Chancen auf Freiheit waren soeben enorm gestiegen. Die Pforten hatten sich soeben geöffnet um seine Zeugen freizugeben.
     Ein letzter Schritt und Lucheni befand sich im Wald. Jetzt musste er sie nur noch finden. Doch er spürte ihre Nähe, wusste, dass sie bereits anwesend waren.
     „Euer Ehren“, verkündete er, „Es ist mir eine große Freude, Ihnen die Zeitgenossen der Kaiserin zu präsentieren. Nach all der Zeit kommen sie noch immer nicht zur Ruhe und reden immer noch von...Elisabeth.“
     Als er zwischen den Bäumen umherwanderte, konnte Lucheni allmählich ein leises Flüstern vernehmen. Von allen Seiten umgab es ihn. Er blieb stehen und konzentrierte sich. Und dann sah er sie.
     Zwischen den Bäumen wandelten Schattengestalten umher. Noch konnte Lucheni keine einzige Persönlichkeit ausmachen. Aber in dieser Zwischenwelt, im Reich des Todes, waren alle Seelen gleichgestellt. Egal ob jung oder alt, arm oder reich, dem Tod war das einerlei.
     Schließlich begann Lucheni, Worte aus dem Flüstern zu vernehmen.


Versunken ist die alte Welt,
verfault das Fleisch, verblasst der Glanz.
Doch wo sich Geist zu Geist gesellt,
da tanzt man noch den Totentanz.


Das stimmte nur allzu sehr. Die Welt, in der die Habsburger einst die ultimativen Herrscher gewesen waren, existierte nicht mehr. Das Reich der Lebenden hatte sich gewandelt. Doch die Seelen erinnerten sich noch, denn es fiel ihnen schwer, ihre Vorstellungen aufzugeben. Und genau so schwebten sie zwischen den Bäumen umher.


Lust, Leid – Wahnsinn, der uns treibt.
Not, Neid – Pflicht, die uns erdrückt.
Traum, Tran – alles, was uns bleibt:
Wunsch, Wahn – der die Welt verrückt...


Es bereitete Lucheni intensive Genugtuung, die einst so pompösen Herrschaften nur noch als Schatten zu sehen. Vielleicht hatten sie im Tod erfahren, was ihnen im Leben fremd gewesen war. Die Aristokratie war also doch sterblich, durch und durch.
       Plötzlich hielten die Schatten inne und wandten sich Lucheni zu. Dieser deutete eine verächtliche Verbeugung an. Wenn sie für ihn aussagen sollten, musste er immerhin ein Fünkchen Anstand bewahren.
       Dann, wie auf ein festgesetztes Zeichen, bewegten sich die Schatten in ein und dieselbe Richtung. Leise glitten sie durch den Wald, auf ein Ziel zu, das selbst Lucheni verborgen blieb. Während sie das taten, wurde das Flüstern immer lauter, bis es eher einem Murmeln glich.


Elisabeth, Elisabeth...
Selbst hier bist du von uns getrennt.
Ein Rätsel, das kein Geist errät.
Ein Zeichen, das kein Mensch erkennt.


Diese Worte waren nicht überraschend. Damals hatte die Kaiserin mehr Persönlichkeit gezeigt als die meisten in ihrem Status es jemals tun würden. Seltsam war sie ihnen vorgekommen, anderen auch gefährlich. Warum sollte das für sie im Tod anders sein? Es war nur allzu verständlich, dass die Kaiserin selbst im nächsten Leben den Ketten zu entrinnen trachtete. Für Lucheni hatte sie eine Improvisation dargestellt, eine Improvisation, die er zu gerne durchgeführt hatte.
       Ein Lichtschein war zwischen den Bäumen zu sehen. Je mehr sich die Schatten darauf zubewegten, desto energischer wurden sie. Langsam wurden Konturen sichtbarer und die Stimmen deutlicher.


Scheu, schwach – glücklich und verflucht.
Wild, wach – einsam und begehrt.
Arm, reich – was hast du gesucht?
Hart, weich – was hat dich zerstört?


Lucheni lachte auf. Selbst im Tode vermochte die Aristokratie nach wie vor nicht, ihre eigenen Fehler einzugestehen. Doch in einem stimmte er mit ihnen überein: Elisabeth war all dies gewesen. Und noch viel mehr, wie er später herausgefunden hatte.
       Der Lichtschein wurde immer heller und schließlich teilten sich die Bäume wieder. Eine weitere Lichtung tat sich vor ihnen auf. In deren Mitte erhob sich ein großer Felsen aus dem Nebel. Das Licht ging von einer einzigen Laterne aus, die auf der Spitze des Felsens befestigt war. Die Schatten begannen, diesen zu umkreisen.
       Instinktiv wusste Lucheni, was er zu tun hatte. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, lief er auf den Felsen zu und erklomm ihn in einer Geschwindigkeit, die in seinem sterblichen Leben wahrlich unmöglich gewesen wäre.
       Als er oben ankam, bemerkte er die Stärke des Windes. Er hatte recht behalten: Es handelte sich tatsächlich um einen großen Sturm. Die gewaltige Anwesenheit der Toten musste ihn ausgelöst haben.
       Der Anarchist ergriff die Laterne und blickte die Schatten um den Felsen an. Jetzt, in diesem Moment, fühlte er sich weitaus mächtiger als alle von ihnen zusammen. Dieses Machtgefühl versetzte Lucheni in Euphorie.
       „Ja, ihr erinnert euch an die Kaiserin!“ rief er. „Ihr wisst noch genau, wie sie wahr und wie sie euch gedemütigt hat!“ Ähnlich einem Feldherren, riss er die Laterne in die Höhe, damit sie alle sehen konnten.
       „Niemand war so stolz wie sie, sie verachtete euch!“ lachte Lucheni schadenfroh. „Sie hat gelacht über euch!“
       Die Schatten nahmen immer festere Konturen an. Lucheni begann Uniformen und Kleider zu erkennen. Das Licht der Laterne zeigte die Toten, wie sie einst im Leben ausgesehen hatten.


Wir sind dem Tod geweiht,
Schatten am Abgrund der Zeit...


Lucheni schwenkte die Laterne umher, damit auch jeder einzelne Schatten etwas Licht verliehen bekam.
       „Niemand hat sie je verstanden, nie gab sie die Freiheit auf!“ rief er zu den Toten hinab. Nachdem er die Kaiserin ermordet hatte, erfuhr er immer mehr über sie. Und, das musste er sich eingestehen, seitdem hatte er mehr Respekt für sie gewonnen. Sie schien eine der wenigen gewesen zu sein, die die Lügen des Hofes durschaut hatte. Dennoch war seine Entscheidung unerschüttert geblieben. Ein Opfer musste gebracht werden und ein Standpunkt klargestellt.
       „Sie wollte in das Dunkel blicken!“ lachte er, als er das Licht erneut betrachtete. Oh ja, Kaiserin Elisabeth hatte die Dunkelheit erblickt, viele ihrer unzähligen Fassaden.
       Die Toten glichen ihren Lebenden Gegenstücken immer mehr. Die Farbe kehrte in Haut und Haare zurück und die Bewegungen wurden immer flüssiger.


Verwöhnt! Bedroht!
Sie hat gesehnt, was wir verfluchten.
Was uns erschrak, hat sie geliebt!


Immer beweglicher wurden die Toten, doch irgendetwas fehlte noch. Lucheni überlegte, bis er es schließlich erkannte: Es fehlte der entscheidende Lebenspunkt der Gefühle, die die Schatten voll und ganz materialisieren würde. Der Anarchist blickte die Laterne kurz an, dann öffnete er sie.
       Augenblicklich schoss die Flamme heraus und wurde vom Winde ergriffen. Sie verteilte sich um den Felsen und wirbelte den Nebel auf. Der Lebenswille leuchtete in den Augen derjenigen Schatten auf, die mit der Flamme in Berührung kamen. Immer mehr wurden die Seelen in die Zwischenwelt zurückbefohlen, ins Reich, wo der Tod herrschte.


Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth.
Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth.


Lucheni nickte leise. Ja, der Tod würde bei dieser Aussage die größte Rolle von allen spielen. Denn er war derjenige, der die Kaiserin auf Schritt und Tritt begleitet hatte.
       Immer mehr Tote wurden von der lebenden Flamme erfasst und durchgeschüttelt. Immer mehr Persönlichkeiten kehrten zurück, immer mehr Gefühle.


Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth!
Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth!


Jetzt, da die Habsburger und ihre Mitmenschen wieder sie selbst waren, vollkommen aus den Schatten gezerrt, war es für Lucheni eine noch größere Freude, in diesem Augenblick über ihm zu stehen. Sie waren gekommen um seine Wahrheit zu erzählen. Und was für eine Wahrheit das war...
       Plötzlich verstummten und erstarrten alle Anwesenden. Selbst der Wind legte sich augenblicklich. Nur Lucheni konnte sich noch rühren. Doch als er sich umblickte, erschrak er: Zwei Gestalten standen neben ihm; ein Mann und eine Frau. Während der Mann nur Schwarz trug, war die Frau ganz in Weiß gekleidet.
       Dies waren die Engel des Todes, seine ewigen stillen Boten. Der schwarze Engel führte die Seelen, die zu den Sternen gehörten, damit sie vor der ewigen Herrlichkeit eine letzte Erinnerung an das Grauen erhielten. Der weiße Engel führte die Seelen, die in die Finsternis fielen, damit sie ein letztes Mal vor der ewigen Verdammnis etwas Schönes zu sehen hatten. Für jeden Menschen sahen sie anders aus...dies galt auch für ihren Herren.
       Der Mondschein verstärkte sich plötzlich und ein einzelner Strahl fiel auf den Felsen herab. Lucheni wusste, dass er runter musste. Hier war kein Platz mehr für ihn, denn er spürte die vertraute Anwesenheit desjenigen, der über dieses Reich herrschte.
       „Meine Herrschaften, Euer Ehren, Attenzione!“ verkündete Lucheni. „Seine Majestät...der Tod.“ Sofort gingen alle, auch Lucheni, in die Knie. Keine Sekunde zu früh.
       Eine Präsenz erfüllte die Lichtung, eine Präsenz von ungeheurer Macht. Sie alle wussten, dass Er angekommen war. Niemand wagte es, das Antlitz des Todes in seinem eigenen Reich zu erblicken.
       Jedem Menschen erschien der Tod in einer anderen Gestalt. Mal war er ein Mann, mal eine Frau, mal alt, mal jung. Und als der Tod sprach, hörten die Anwesenden alle diese Stimmen gleichzeitig aus ihm sprechen.


Was hat es zu bedeuten: dies alte Lied,
das mir seit jenen Zeiten die Brust durchglüht?
Engel nennen’s Freude, Teufel nennen’s Pein;
Menschen meinen: Es muss Liebe sein.


In der Geschichte, die Lucheni mithilfe der anwesenden Toten bereit war, zu erzählen, beinhaltete den Tod selbst als die zentrale Figur einer makabren und dunklen Liebe, die so nur Elisabeth empfunden hatte. Diese Geschichte hatte sich vor Luchenis Augen immer wieder abgespielt, seitdem er hier angekommen war.
       Als der Tod vom Felsen herabstieg, wurde es Kälter auf der Lichtung. Lucheni spürte die Präsenz, als der Herr des Totenreiches neben ihm stehen blieb. Er spürte den Blick, wagte aber nach wie vor nicht, sein Haupt zu erheben. Schließlich wandte sich der Tod von ihm ab und durchschritt die Menge.


Mein Auftrag heißt: Zerstören. Ich tu es kalt.
Ich hol, die mir gehören, jung oder alt.


Und er hatte sie geholt, einen nach dem anderen. Die alte Welt war mittlerweile vollkommen untergangen. So lautete der Wunsch des Todes...und die Kaiserin hatte darin eine Hauptrolle gespielt.
       Als Lucheni diesen Gedanken zu Ende führte, spürte er, wie die Kälte auf der Lichtung verschwand, als der Tod an die Zeit vor so vielen Jahren zurückdachte.


Weiß nicht, wie gescheh’n kann, was es gar nicht gibt.
Doch es stimmt: Ich habe sie geliebt.


Eine Weile noch dachte der Tod über die Vergangenheit nach, bis er sich schließlich zurück auf den Felsen begab. Dort stellte er sich zwischen seine Engel und überblickte gebieterisch das Geschehen.
       Freude durchflutete Lucheni. Alle seine Zeugen waren da.
       „Sie weichen aus, Lucheni“, ertönte die Stimme des Richters. „Liebe...Tod...erzählen Sie keine Märchen!“ Und plötzlich war Lucheni, als wäre er wieder vollkommen alleine auf der Lichtung. Er wusste, dass nur er allein sich seinem Prozess stellen konnte; nicht die Habsburger, nicht der Tod, er allein. Alles andere war nur Verteidigung.
       „Perche non?“ entgegnete er verdutzt: „Sehen Sie ihn an, Euer Ehren. Sehen Sie ihn ganz genau an. Und dann denken Sie an die Kaiserin! Sie liebte Heinrich Heine! Ich sage die Wahrheit.“
       „Zum letzten Mal, Lucheni, wer waren die Hintermänner?“
       „Der Tod!“ rief Lucheni. „Nur der Tod! Es geschah alles auf seinen Wunsch hin, ich schwöre!“
       „Sie schwören“, entgegnete der Richter unberührt. „Sie schwören, dass Sie die Wahrheit und nur die Wahrheit sagen?“
       „Das tue ich!“
       „Dann nennen Sie mir das Motiv, Lucheni.“ Lucheni blickte verständnislos zum Himmel empor. Hatte der Richter ihm überhaupt zugehört? Würde er so kurz vor dem Ziel doch verlieren?
       „Die Liebe“, sagte er und lachte. „Ich tat es im Namen der grande amore!“ Daraufhin folgte wieder eine lange Zeit der Stille, in der Lucheni nichts anderes blieb, als um sein Schicksal zu bangen.
       „In Ordnung, Lucheni“, sagte der Richter. „Lassen Sie die Zeugen sprechen.“
       Lucheni schrie vor Freude auf. Er hatte seine Chance erhalten. Dann klatschte er in die Hände.
       „Meine Herrschaften, wenn Sie sich bitte auf Ihre Positionen begeben würden! Es gibt einiges zu erzählen!“
       „Wie viel gedenken Sie zu erzählen?“ fragte der Richter.
       „Alles was nötig ist“, grinste der Anarchist. „Am besten beginnen wir direkt am Anfang.“
       Kaum hatte er das gesagt, sah er die lebendige Flamme auf sich zufliegen. Mitten im Flug formte sie sich zu einem goldenen Schlüssel. Sanft landete dieser Schlüssel in Luchenis ausgestreckter Hand. Grinsend betrachtete er den Gegenstand. Nun würde er jede Tür zur Vergangenheit öffnen können.
       „Dann beginnen wir“, sagte er. „Meine Damen und Herren, lasset uns alle die Geschichte der Kaiserin Elisabeth vortragen.“
       Augenblicklich setzten sich die Toten in Bewegung. Sie stoben in alle Richtungen auseinander, suchten die Erinnerungen, in denen sie zuerst erscheinen würden.
       „Elisabeth, Elisabeth, Elisabeth...“, murmelten sie alle im Einklang. Dieser Name alleine würde sie zu ihrem Ziel führen.
       „Elisabeth“, flüsterte der Tod und fühlte alles, was dieser Name einst für ihn bedeutet hatte.
       „Elisabeth“, wiederholte Lucheni und betrachtete den Schlüssel in seiner Hand. Dann rannte er los. Keine einzige Sekunde würde er vergeuden. Und während er rannte, wurden seine Worte zu einem irren Lachen, das man im gesamten Totenreich vernehmen konnte.
       „Elisabeth! Elisabeth! Elisabeth!“

****************************************************************************************************************************

Und damit wären wir schon am Ende vom Prolog angekommen! Vielen lieben Dank, dass ihr bis hierhin gelesen habt, das bedeutet mir wirklich viel! Und ich hoffe, dass zumindest einige von euch für eine Weile bleiben möchten.
       Wir kennen die Handlung von "Elisabeth" ja bereits, also habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das Ganze so frisch und neu aussehen zu lassen wie möglich. Ich hoffe, das gelingt mir einigermaßen XD Bei den Vampiren hatte ich ja deutlich mehr Freiheiten, da das hier noch so historisch korrekt wie möglich bleiben soll.
       Aber joa...vielen Dank, dass ihr diese Geschichte angeklickt habt! Wir sehen uns dann beim nächsten Mal! Ein schönes Wochenende wünsche ich euch noch!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast