Vergessene Kinder

von KatieC
OneshotDrama, Freundschaft / P12
01.06.2018
01.06.2018
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Hallo zusammen,
das hier ist mein Beitrag zum „Kanonischen Blitzwichteln“, den ich gerne meiner lieben Ira widmen möchte! Ich habe mich ehrlich gefreut, als ich gesehen habe, dass ich für dich wichteln darf!
In Verbindung mit dem Song aus deinem Schreibanstoß („Vergessene Kinder“ von Tokio Hotel), hatte ich direkt das Bild dieser kleinen Szene vor Augen und hoffe wirklich sehr, dass dir gefällt, was ich daraus gemacht habe. Zumindest kann ich nicht mehr sagen, wie oft ich dieses Lied in den letzten Tagen rauf und runter gehört habe. :D
Ich hoffe übrigens, du siehst es mir nach, dass der Oneshot ein wenig länger geworden ist, als ursprünglich gefordert. ^^

Nun wünsche ich aber euch – und vor allem dir, Ira - viel Spaß beim Lesen!

Liebe Grüße
eure Katie


~*~*~*~



„Das war’s.“ Hinter Hermine schloss sich leise raschelnd die Zeltplane und als Harry aufsah, konnte er gerade noch erkennen, wie sie ihren Zauberstab wegsteckte. Wie so oft in den letzten Tagen hatte sie ihr gemeinsames Zelt und die direkte Umgebung mit unzähligen Schutzzaubern belegt, hatte ihre Spuren so gut es ging verwischt. Für eine weitere Nacht würden sie unsichtbar sein. Verborgen vor der Welt der Muggel und den Augen umherstreifender Zauberer, eine einsame Insel, irgendwo im Nirgendwo.
Und natürlich hatte sie all ihre Zauber noch einmal überprüft, bevor sie zur Ruhe kommen würde. Auch wenn Harry nicht nach Lachen zu Mute war, so konnte er sich dennoch ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. So war Hermine nun einmal und er würde sie um nichts in der Welt ändern wollen.
Er war ihr so unendlich dankbar für alles, dass er es kaum in Worte fassen konnte. Sie alleine war ihm noch geblieben und wahrscheinlich der einzige Grund, weshalb er sich nicht völlig verloren fühlte.
Unweigerlich bildete sich ein Kloß in seinem Hals und er musste schlucken. Dennoch versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen, einfach weil er Hermine nicht noch mehr Sorgen bereiten wollte. Noch einmal streiften seine Augen aufmerksam über ihr Gesicht. Sie sah genauso müde und abgekämpft aus, wie er sich fühlte und doch ging von ihr eine Stärke und Zuversicht aus, um die Harry sie manchmal beneidete.
Nickend klopfte er neben sich auf die Matratze und wirbelte dabei eine kleine Staubwolke aus der bunten Patchworkdecke auf. Ohne zu zögern kam Hermine seiner stummen Aufforderung nach und ließ sich neben ihm nieder. Die weiche Matratze senkte sich behäbig unter ihr, doch bis auf das dumpfe Rascheln und ein leises Aufatmen drang kaum ein Laut durch das Zelt. Lediglich die kleine Petroleumlampe auf dem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke knisterte gedämpft vor sich hin und tauchte die eintönigen Wände in flackerndes Licht.

Alles sollte anders sein. Eigentlich sollten sie jetzt in Hogwarts sein und ein ganz normales Leben führen, wie es sich für Zauberlehrlinge in ihrem Alter gehörte. Und inzwischen hätte Harry alles dafür gegeben, noch einmal in den Unterrichtsräumen des alten Gemäuers zu sitzen, den Geruch von frischem Pergament in der Nase und das leise Gezeter seiner Freunde im Ohr, wenn sich Ron und Hermine wieder einmal wegen einer unsinnigen Kleinigkeit kabbelten.
Nichts von dem Leben, das sie nun führten hatten sie gewollt. Es war unheimlich kräftezehrend, ständig in Angst zu leben und hinter jedem fremden Gesicht einen Feind zu vermuten. Nicht sofort in Panik zu verfallen, sobald sich auch nur der kleinste Lichtschimmer in den Schatten der Nacht abzeichnete. Und doch blieb ihnen keine andere Wahl.
In Momenten wie diesen vermisste Harry seinen besten Freund umso mehr. Er bedauerte, mit Ron gestritten zu haben, aber noch mehr bereute er, dass er ihn in seiner sinnlosen Wut einfach hatte gehen lassen.
Vorsichtig lugte Harry zur Seite und betrachtete das Profil der jungen Hexe neben ihm. Hermine saß einfach still da, die Hände im Schoß gefaltet und blickte nachdenklich auf den dünnen, gewebten Teppich, welcher auf dem Boden ausgelegt war und zumindest ein wenig Behaglichkeit in den verzauberten Raum brachte. Ihr Haar ergoss sich unbändig über ihre Schultern und wie so oft fragte er sich, was sie wohl gerade dachte.

Es kam ihm vor, als wäre es eine Ewigkeit her, dass er seine beste Freundin einfach hatte Lächeln sehen. Dass ein wirkliches, unbeschwertes Lächeln ihre Mundwinkel zierte, frei von trüben Gedanken und all den Sorgen, die auf ihr lasteten.
Harry selbst hatte nie wirklich gewusst, wie es sich anfühlte in einer richtigen Familie aufzuwachsen. Er hatte nie die Erfahrung gemacht, wie es war, von seinen Eltern bedingungslos geliebt zu werden, Geburtstage gemeinsam zu feiern oder einfach nur unbeschwert die Sonne bei einem Picknick im Park zu genießen. Für Hermine war all das normal gewesen und Harry konnte sich kaum ausmalen, was es sie an Überwindung gekostet haben musste, ihre eigene Existenz unwiderruflich aus dem Gedächtnis ihrer Eltern zu löschen. Nicht einmal an den Namen ihrer Tochter würden sie sich erinnern können. Als sei sie unsichtbar geboren worden.
Hermine hatte nie darüber gesprochen und doch konnte Harry ihr immer noch ansehen, wie sehr sie darunter litt. Er konnte es in ihren Augen sehen, in dem traurigen Schatten, frei jedes Glückes, der sich viel zu häufig in ihren braunen Augen spiegelte und der ihm die grässliche Gewissheit gab, dass manche Wunden nicht einmal die Zeit würde heilen können.
Und nun hatten sie auch noch Ron verloren.

Tief in seinem Inneren wusste Harry, dass ihn keine Schuld an alledem traf und doch fühlte er sich unendlich schwer. Als würde eine tonnenschwere Last auf seinen Schultern ruhen und ihn immer tiefer hinab drücken, bis ihm beinahe sogar die Luft zum Atmen fehlte.
Rastlos drehten seine Finger das Medaillon Slytherins in den Händen. Mittlerweile spürte er die silberne Kette immer unnachgiebiger in seinem Nacken, als wolle sie tief in das Fleisch ihres Trägers hineinschneiden.
Als hätte Hermine instinktiv gespürt, welche Wirkung der Horkurx auf ihn ausübte, wandte sie nun ihren Kopf zur Seite. „Gib‘ her. Du trägst ihn schon viel zu lange“, sagte sie sanft und streckte gleich darauf die Hände aus, um ihm die dunkle Bürde abzunehmen. Auch wenn Harry sie nicht gerne damit belastete, so ließ er Hermine doch gewähren. Nur zu schmerzlich war ihm die Erinnerung an den Streit mit Ron im Gedächtnis geblieben. Das Medaillon veränderte jeden, der es zu lange bei sich trug und so waren sie notgedrungen dazu übergegangen, sich stetig abzuwechseln, bis sie eine Möglichkeit fänden, es endgültig zu zerstören.
Mit einem schwermütigen und doch gleichzeitig erleichterten Seufzer beobachtete Harry, wie seine Freundin das alte Schmuckstück an sich nahm und es schließlich unter dem Kragen ihres Pullovers verschwinden ließ.

Erneut legte sich beharrliches Schweigen wie ein Mantel über das Zelt und nur das Rauschen des Windes, das sich in den Ästen und Blättern der umliegenden Bäume fing, drang zu ihnen hinein. Wenngleich kein einziger Laut durch die vielen Banne und Zauber nach außen gelangen würde.
„Denkst du, er hat uns bereits vergessen?“ Hermines Stimme drang ungewöhnlich leise an Harrys Ohr und doch kam es ihm in der Stille beinahe vor, als würde sie ihn aus vollster Kehle anschreien. Auch ohne dass sie es aussprach wusste er, über wen sie nachdachte.
„Irgendwie hoffe ich es. Jeder, der uns nahe steht, ist deswegen in Gefahr“, hörte er sich selbst tonlos sagen und vernahm viel zu laut das Pulsieren seines eigenen Blutes in den Ohren. Es schwoll immer weiter an, sodass es sogar fast schon im Stande war, seine eigenen Gedanken zu übertönen.
„Und doch wünschst du dir, dass er bei uns wäre“, vollende Hermine seine unausgesprochenen Worte. Ein trauriges Lächeln legte sich auf ihre Züge, bevor sie kaum merklich nickte. „Geht mir genauso. Aber so wie es ist, ist es nun mal besser.“ Entschlossen straffte sie die schmalen Schultern und hob das Kinn. Harry wusste nicht, ob sie nur eine Tatsache aussprach oder ob sie versuchte, sich selbst neuen Mut zuzusprechen. Einem spontanen Impuls folgend, griff er nach ihrer Hand und ihre Finger lagen kühl in seiner Hand, als er sie leicht drückte.
So gerne wollte er ihr Mut machen und doch wusste er nicht, was er sagen sollte. Sein Kopf fühlte sich wie leer gefegt an. Und trotzdem spürte er, dass Hermine ihn verstand. Dass sie fühlte wie er und dass sie wusste, was in ihm vorging, auch ohne dass er die nötigen Worte dafür fand. Ron fehlte ihnen beiden.

„Du solltest ein wenig schlafen“, entschied Harry schließlich und erhob sich gleichzeitig von dem sporadischen Lager. Hermines Mund öffnete sich schon, um ihm zu widersprechen, doch mit einer gezielten Handbewegung unterband er ihren Protest, bevor er überhaupt entstehen konnte. „Ich übernehme die erste Wache“, beharrte er auf seinem Vorhaben und schenkte ihr einen eindringlichen Blick, in der Hoffnung sie zu überzeugen. Für einen kurzen Moment musterte sie ihn noch mit eng zusammengezogenen Augenbrauen, doch dann konnte er förmlich sehen, wie ihr Widerstand bröckelte und sie letztendlich zustimmend nickte.
„Hier.“ Es war nicht üblich, dass Magier ihre Zauberstäbe mit anderen teilten und dennoch zögerte Hermine nicht, ihm den ihren anzuvertrauen, nachdem sein eigener in Godric’s Hollow durch einen Sprengfluch zerstört worden war. Noch ein Problem, um das er sich früher oder später dringen kümmern musste. Aber für heute Nacht würde es reichen. Wieder einmal.

Leise schloss Harry die Plane hinter sich und trat vor das Zelt ins Freie. Sofort spürte er die empfindliche Kälte der Nacht auf seiner Haut und zog seine Jacke als Schutz enger um den Körper. Noch einige weitere Schritte entfernte er sich von dem Unterschlupf, der durch sein gedämpftes Licht heimelige Wärme versprach und ließ sich schließlich einfach auf dem Boden nieder. Das trockene Laub raschelte unter seinen Füßen und ein Windstoß trieb ihm das dunkle Haar ins Gesicht, das er sofort wieder unwirsch zur Seite strich.
Seine Augen wandten sich aufmerksam in Richtung des Waldes, der ihr kleines Lager umgab und sofort begannen tausend haltlose Gedanken durch seinen Kopf zu schwirren, wie ein Haufen wild gewordener Wichtel. Dennoch war er kaum im Stande auch nur einen einzigen von ihnen zu greifen und festzuhalten.
Harry war es leid, ständig wegzulaufen und sich auf der Flucht vor den Todessern und ihren Schergen alle paar Meter paranoid umzusehen. Noch einmal glitt sein Blick zurück zum Zelt. Er wusste, dass es Hermine genauso ging. Und doch hielten sie tapfer durch, klammerten sich beinahe aneinander, wie zwei Ertrinkende in einem Meer aus Dunkelheit. Sie kämpften Tag für Tag, selbst dann noch wenn sie das Gefühl hatten, völlig alleine auf der Welt zu sein.
Aber dieser Schein war trügerisch, denn irgendwo dort draußen sammelte Voldemort seine Kräfte und wartete nur darauf, dass sie einen Fehler machten. Genauso wie sie beide plante auch der Dunkle Lord seine nächsten Schritte und einem Schachspiel gleich folgte ein Zug auf den nächsten.
Doch Harry wusste, dass er nicht aufgeben würde, bis auch der letzte Horkrux zerstört war oder er selbst bei dem Versuch den Dunklen Lord aufzuhalten sein Leben ließ.

Das alles war zu ihrem Alltag geworden. Was andere als einen normalen Tag betrachteten, galt für Harry und Hermine schon lange nicht mehr. So lange Voldemort am Leben war, würden sie nirgendwo sicher sein.
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