Pandæmonium - Sklaven der Zeit

von DelFina18
GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
OC (Own Character) Raine Sage Yuan
01.06.2018
23.05.2020
78
222.250
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23.05.2020 1.580
 
~ Kapitel 76: Ein besonderes Geschenk ~

~ „Vielleicht ist der Sinn der Schöpfung das, was man so schwer verständlich als Liebe umschreibt: das Schenken, das Verzeihen, die Güte, die Überraschung, die gute Botschaft.“ ~
Friedrich Weinreb (1910 – 1988)

Es vergingen ein paar Sekunden, in denen Raine befürchtete, alles, was ihre Freunde zuvor gesagt hatten, wäre nur ein Scherz gewesen und in Wirklichkeit wären sie froh, dass sie verschwunden war.
Aber als Mani und Nimué freudestrahlend zu ihr gerannt kamen, wusste sie, dass ihre Angst vollkommen unbegründet war. Sie schloss die beiden in ihre Arme und konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Wie hatte sie bloß denken können, es wäre für alle das Beste, wenn sie verschwand? Wie hatte sie glauben können, es zu verkraften, Mani und Nimué niemals wiederzusehen?
„Wirst du wieder weggehen?“, fragte Mani schniefend.
„Nein. Ich lasse euch nie wieder allein, versprochen.“ Zwar wollte sie in rund zwanzig Jahren in ihre Zeit zurückkehren, aber dann würde sie die beiden einfach mitnehmen – sofern sie es dann noch wollten.
„Ich will dir auch raten, nicht wieder zu verschwinden“, sagte Tiffany, die versuchte, dabei streng zu klingen, was ihr aber nicht wirklich gelang, weil auch ihr die Tränen über die Wangen strömten.
„Es tut mir leid, dass ich verschwunden bin“, entschuldigte sich Raine bei ihr. „Es war dumm …“
Tiffany schüttelte den Kopf und schloss sie dann in ihre Arme. „Hauptsache, du bist wieder da.“
„Ich will diesen rührseligen Moment ja nicht zerstören“, mischte sich Celeste ein, „aber wie kann es sein, dass ich dein Mana nicht spüren kann?“
Raine löste sich von Tiffany und zeigte Celeste den Armreif. „Das ist ein …“
„Tarnreif!“, rief Celeste aufgeregt, während sie etwas ruppig Raines Arm packte und den Armreif betrachtete. „Die sind unheimlich selten, es gibt wahrscheinlich nur eine Handvoll! Wo hast du den her?“
Als Raine antwortete, schien Celeste selbst auf die Lösung zu kommen und zusammen sagten sie: „Yamir.“
„War das nicht dieser Schutzengel, der dich gerettet hast, als du kaum noch Mana hattest?“, fragte Fain nachdenklich.
„Ja“, bestätigte Raine. „Um ehrlich zu sein, haben wir es ihm zu verdanken, dass ich heute hierhergekommen bin. Er hat mich dazu gedrängt, auch wenn ich erst nicht auf ihn hören wollte und ihn zum Teufel gejagt habe …“ Sie seufzte. „Ich muss mich dringend bei ihm entschuldigen.“
„Dazu wirst du bestimmt noch Gelegenheit haben“, meinte George. „Wie wäre es, wenn wir erst einmal die Geschenke verteilen? Und danach essen wir.“
Alle stimmten zu. Raine sah lächelnd dabei zu, wie die Kinder begeistert ihre Geschenke auspackten. Es gab nichts Schöneres, als das freudige Leuchten in den Augen eines Kindes zu sehen, beschloss Raine.
Am meisten freute sich wohl Jevaire über ihr Geschenk, denn als wenn Tora und Tiffany geahnt hätten, dass die Jugendliche bei einem Fotografen in die Lehre gehen würde, hatten sie ihr eine Kamera gekauft. Aber vermutlich sollte es eher als Wiedergutmachung dienen, weil Tiffany Jevaires Kamera zerstört hatte.
„Wir haben auch etwas für dich“, sagten Mani und Nimué, die plötzlich vor Raine standen.
Die Mondkriegerin sah die beiden überrascht an. „Was? Aber ihr wusstet doch gar nicht, dass ich heute hierher kommen würde.“
„Aber wir wussten, dass wir dich irgendwann wiedersehen“, erwiderte Mani. „Deshalb haben wir es immer bei uns gehabt.“
Nimué holte etwas aus der Tasche hervor, die sie mitgebracht hatten. Es handelte sich um ein Buch, dessen Einband mit drei Sternbildern verziert war. Als einziges davon erkannte Raine ‚Zwillinge‘. Das sich dieses Sternbild auf dem Einband befand, war sicherlich kein Zufall.
„Habt ihr das Buch selbst gemacht?“, fragte Raine daher. Die beiden nickten. „Ich erkenne das Sternbild ‚Zwillinge‘, aber die anderen beiden kenne ich nicht.“
„Das sind ‚Schwan‘ und ‚Phönix‘“, erklärte Mani. „Alle drei Sternbilder spielen in deinem Leben eine große Rolle, daher haben wir sie für den Einband ausgewählt. Aber eigentlich geht es eher um den Inhalt.“
Raine öffnete das Buch und schmunzelte, als sie die krakelige und noch sehr kindliche Schrift der Zwillinge sah. Während sie in dem Buch las, wurde ihre Miene jedoch immer nachdenklicher, bis sie schließlich die Stirn runzelte. „Was soll das bedeuten?“
„Das sind zukünftige Ereignisse, bei denen du eine Rolle spielst“, entgegnete Nimué leise. „Die Sterne haben uns davon erzählt, als wir nach dir gesucht haben.“
„Die meisten Nachrichten sind leider sehr kryptisch“, seufzte Mani. „Aber vielleicht kannst du es trotzdem als eine Art Wegweiser nutzen.“
„Das werde ich“, versprach Raine. „Ich danke euch beiden; das ist ein wunderbares Geschenk. Jetzt fühle ich mich noch schlechter, weil ich nichts für euch habe …“
„Das macht nichts“, sagte Mani.
„Du bist wieder da, das ist alles, was wir uns gewünscht haben“, ergänzte Nimué.
Raine beugte sich zu ihnen hinab und gab beiden einen Kuss auf die Stirn. „Ich habe euch gar nicht verdient.“
„Doch, das hast du“, widersprach Mani.
„Zeit fürs Essen!“, verkündete George in diesem Moment und sie begaben sich alle in das Esszimmer, wo bereits ein gedeckter Tisch mit dampfenden Speisen auf sie wartete.
Raine saß während des Essens neben Jevaire, die sich leise für ihre Rettung vor ein paar Tagen bedankte und sich für ihre Lüge Tiffany betreffend entschuldigte.
„Ist schon gut“, erwiderte Raine. Sie hoffte, dass sich ihre Beziehung zu Jevaire vielleicht wieder bessern würde, aber andererseits schien die Jugendliche immer noch Vorbehalte gegen sie wegen der Ereignisse auf der Kharlan-Ebene zu haben, was Raine allerdings gut verstehen konnte.
Den ganzen Abend wurde Raine das Gefühl nicht los, dass sie beobachtet wurde, jedoch nicht von den Anwesenden. Also verließ sie unter dem Vorwand, sich kurz frisch machen zu wollen, den Salon. Das Gefühl, beobachtet zu werden, blieb und so sagte sie laut: „Du kannst dich ruhig zeigen, Yamir.“
Der grauhaarige Mann trat aus dem Licht und sah sie überrascht an. „Wie hast du mich bemerkt? Ich trage einen Tarnreif …“
„Ich habe gespürt, dass mich jemand beobachtet und da kamst eigentlich nur du in Frage“, erklärte Raine.
„Ich wollte nur sichergehen, dass du hierbleibst und es dir nicht doch wieder anders überlegst.“
„Also muss ich jetzt mein Leben lang in diesem Haus bleiben?“, fragte Raine spöttisch.
„Nein, natürlich nicht … Ich will nur sicher sein, dass du nicht wieder zur Einzelgängerin wirst.“
„Das werde ich nicht, versprochen.“ Sie griff nach seiner Hand. „Es tut mir leid, dass ich so unfreundlich zu dir war. Ich weiß jetzt, dass du mit allem recht hattest und ich bin dir dankbar, dass du mir die Meinung gegeigt hast. Du bist wirklich ein guter Freund – und nach allem, was ich mit dir schon erlebt habe, soll das wirklich etwas heißen.“
Yamir sah sie an, als wäre sie ein Wesen von einem fremden Planeten. „Ich bin ein guter … Freund?“
„Ja“, bestätigte Raine. „Du hast dir Sorgen um mich gemacht und hast mir geholfen, als ich Hilfe nötig hatte, obwohl ich das nicht einsehen wollte. Und dabei ging es dir tatsächlich nur um mein Wohl und nicht um irgendein höheres Ziel – zumindest glaube ich das. Und das alles macht einen guten Freund aus.“
Yamir sah sie nachdenklich an, dann breitete sich ein zaghaftes Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Ich war noch nie irgendjemandes Freund, schon gar kein guter.“
„Wirklich?“, fragte Raine mit großen Augen. „Und du hast mir gesagt, ich würde einsam sterben? Wie konntest du bis jetzt ohne Freunde überleben?“
Yamir zuckte mit den Schultern. „Ich brauchte bisher keine. Ich brauche auch jetzt keine. Aber … ich gebe zu, dass es mich glücklich macht, dein Freund zu sein.“
Raine drückte seine Hand. „Mich auch. Und nun komm mit.“
„Was?!“, rief Yamir überrascht. „Nein, ich kann doch nicht …“
„Oh, doch, du kannst. Die anderen werden dich mit offenen Armen empfangen, nach allem, was du für uns getan hast. Nimm dich nur vor Tiffany in Acht; in ihrer Überschwänglichkeit sind ihre Umarmungen manchmal etwas schraubstockartig.“
Wie erwartet waren ihre Freunde begeistert, Yamir zu sehen, da sie es ihm immerhin zu verdanken hatten, dass Raine ihr Leben als einsamer Wolf aufgegeben hatte. Yamir war zunächst etwas zurückhaltend, aber schon bald lachte und alberte er mit den anderen herum.
Raine war froh, dass so eine ausgelassene Stimmung herrschte, aber nach ein paar Stunden sehnte sie sich nach ein wenig Ruhe und begab sich deshalb in einen dicken Mantel gehüllt – den sie sich ungefragt von Tiffany lieh – nach draußen.
Dort stellte sie fest, dass sie nicht alleine war.
„Was macht ihr denn hier draußen?“, fragte Raine, während sie sich zwischen Mani und Nimué auf die Treppenstufen setzte.
„Wir beobachten die Sterne“, erklärte Mani.
„Erzählen sie euch irgendwas?“
Nimué schüttelte den Kopf. „Sie sind heute schweigsam.“
„Aber das ist nicht ungewöhnlich“, meinte Mani. „Und was machst du hier draußen?“
„Ich brauche ein paar Minuten Ruhe. Ich bin es nicht mehr gewohnt, von so vielen Leuten umgeben zu sein.“
„Du bereust doch nicht, hierhergekommen zu sein, oder?“, befürchtete Mani.
Raine lächelte und legte ihre Arme um die beiden. „Nein. Ich bereue es nicht. Ich bin froh, dass ich hier bin, bei euch.“
„Wir auch“, sagten beide gleichzeitig.
„Wir werden für immer zusammen sein, oder?“, fragte Nimué leise.
„Ja“, erwiderte Raine. „Das verspreche ich euch. Und sollten wir doch jemals getrennt werden, werde ich nicht aufhören, nach euch zu suchen, bis ich euch gefunden habe. Schließlich … seid ihr meine Kinder und ich habe euch sehr lieb.“
„Wir haben dich auch lieb, Seri“, erwiderten beide im Einklang.
Raine drückte die beiden an sich und war für einen Moment rundum glücklich. Für einen Augenblick schien die Welt in Ordnung zu sein.
Aber natürlich hätte sie wissen müssen, dass das nicht so bleiben würde.
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