The tide is turning now

OneshotDrama, Suspense / P16
01.06.2018
01.06.2018
1
1948
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Hier kommt schon der achte Oneshot in meiner kleinen Kurzgeschichten-und-Drabble-Reihe zu Christopher Nolans Film Dunkirk.
Den siebten Oneshot findet ihr bei Interesse hier: As sure as the rivers reach the seas

Vielleicht haben sich einige von euch gefragt, weshalb bei den Personen in der Kurzbeschreibung Engineer steht und wer damit gemeint ist.
Es ist (leider?) so, dass es einige Charaktere im Film gibt, die keinen Namen haben, sondern nur ihre Bezeichnung, neben Engineer sind das zum Beispiel noch Shivering Soldier und Dutch Seaman.
Nun hat Engineer keinen besonders langen und womöglich auch keinen sehr einprägsamen Auftritt im Film, nichtsdestotrotz finde ich ihn auf seine ganz eigene Art und Weise bewegend, aber bevor ich jetzt anfange, euch ausschweifend zu erklären, wer genau Engineer ist und dabei diesen Oneshot spoilere, verrate ich euch an dieser Stelle nur, dass er von Michael C. Fox gespielt wird.

Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!







The tide is turning now


Er erinnerte sich nicht mehr, wie viele Stunden er schon auf die grauen Wellen gestarrt hatte. Es mussten Ewigkeiten sein, seit er diesen Strand erreicht hatte, dieselben Ewigkeiten, die seine Männer damit verbracht hatten, genau dasselbe sinnlose zu tun. Sie waren hier gefangen wie Fische im Netz, ausweglos, zusammengepfercht und die Deutschen zogen den Kreis um sie immer enger. Sie lauerten in den Straßen, zwischen den Häusern hinter dem Strand, sie lauerten und mussten nichts weiter tun als darauf zu warten, dass sie hier kapitulierten oder dass die zermürbenden Attacken ihrer Luftwaffe nicht mehr von ihnen übrig ließen als Leichen. Noch mehr Leichen als die, die ohnehin schon am Strand lagen, manche notdürftig im Sand verscharrt, andere, denen man mit ihren eigenen Jacken das Gesicht abgedeckt hatte oder das, was früher einmal ihr Gesicht gewesen war, und die, die mit jeder hereinkommenden Flut wieder angespült wurden. Innerlich schauderte er. Das hier, das war eine Momentaufnahme der Hölle.

Feuchter Sand gab unter seinen Schritten nach. Er wusste auch nicht mehr, wie oft er schon an der Wasserkante entlanggegangen war, um sich die Zeit zu vertreiben. Die langen Reihen der Männer, geordnet nach Rang und Regiment, hatten sich aufgelöst wie die Hoffnung auf Rettung und wenn es ein Symbol dafür brauchte, dass ihre Truppen bereit waren, aufzugeben, dann waren es wohl die Gewehre, die noch in Reih und Glied und ohne Munition aufgereiht an der Kaimauer standen. Sie waren nutzlos gegen die Luftwaffe und gegen die Soldaten in den Häuserschluchten, sie boten keinen Schutz mehr. Vor nichts und niemandem.

Es war absurd! So absurd, dass er es kaum erfassen wollte. Sein direkter Vorgesetzter war auf dem Rückzug hierher gefallen und plötzlich, plötzlich hatte er allein das Kommando über rund zwei Dutzend Männer gehabt. Über Männer, die in einigen Yards Entfernung, in Grüppchen auf dem Sand saßen und selbst nicht wussten, wie sie mit der Situation noch umgehen sollten, ob und wenn ja, was sie überhaupt noch tun konnten, bis der Feind sie überrollte – und er selbst war in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Dabei… dabei sollte er… er sollte… Er sollte in der Lage sein, wenigstens für den Moment einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit für sie zu finden. Das war er ihnen schuldig! Niemand von ihnen hatte sich bisher gegen auch nur einen seiner Befehle aufgelehnt, sie akzeptierten ihn wortlos wie man es von einem Soldaten erwartete, dass er seine Vorgesetzten akzeptierte, und sie taten es, obwohl sie alle insgeheim wissen mussten, dass ihr Schicksal besiegelt war. Sie würden hier fallen – im besten Fall.

Sein Blick wanderte über die Kaimauer, über die Mündungen der Gewehre, die er nur erkennen konnte, weil er wusste, dass sie noch immer dort standen, unbeachtet und nutzlos, und weiter über den Pier, wo Commander Bolton schon seit Tagen die Stellung hielt und wohin Captain Winnant wieder einmal geeilt war. Der Captain pendelte zwischen dem Pier und dem Strand, suchte das Gespräch mit dem Commander und – zu seiner fortwährenden Irritation – auch mit ihm. Dabei war das normal! Captain Winnant brauchte Informationen und die bekam er eben am besten von den ranghöchsten Männern hier am Strand. Es war schließlich ein Ding der Unmöglichkeit mit jedem einzelnen Soldaten zu sprechen. Nichtsdestotrotz war es... Am  besten dachte er gar nicht erst genauer darüber nach. Das würde auch nichts besser machen und schon gar nicht wieder gut. Stattdessen richtete er den Blick stur auf den Pier, versuchte auf die Entfernung etwas zu erkennen, doch es war so trostlos wie schon all die Tage zuvor. Es lag nur ein einziges Schiff dort, das hastig mit Männern beladen wurde, bevor es ablegen würde und dann würde es dauern, bis das nächste kam. Die Angst vor den Angriffen der Luftwaffe und den herben Verlusten, die sie der Navy beibrachte, indem sie die Schiffe versenkte, die wehrlos auf ihrem Präsentierteller platziert wurden, hatte die Admiralität zu diesem Schritt veranlasst – ungeachtet dessen, was es für die Männer an diesem Strand bedeutete. Wenn sie doch nur…

Das war es!

Das!

Er wandte sich um, ließ den Blick über die Uferpromenade wandern, musterte alles, was ihre Truppen dort scheinbar achtlos abgestellt hatten, ehe sie sich hier aufreihten, um evakuiert zu werden – als sie noch nicht wussten und auch noch nicht geahnt hatten, dass sie hier zum Sterben zurückgelassen werden würden.

Es war alles hier.

Alles, was sie brauchten.

Sie konnten von allem nehmen, es benutzen, verbrauchen, unbrauchbar machen, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie sollten ohnehin nichts davon dem Feind überlassen.

Diverse Automobile und Materialkisten, die letzten Vorräte, die vielleicht noch nicht geplündert worden waren, die paar Schuss Munition, die sich vielleicht noch irgendwo in dem Chaos versteckten.

Er straffte die Schultern, warf noch einen Blick auf die grauen Wellen, doch die traten noch immer den Rückzug an. Das hieß, sie hatten ein paar wenige Stunden, um… zu handeln.

Zu handeln!

Und das war um Längen besser, als weiterhin untätig das drohende Schicksal zu erwarten!

Es war Zeit.

Wenn das hier das war, was man in London für sie bestimmt hatte, dann würde zumindest er das nicht kampflos hinnehmen. Sie waren Soldaten. Sie waren gekommen, um zu kämpfen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und in ihrem Fall waren das einige mehr als bei anderen Truppenteilen, denn sie waren Pioniere.

Diesmal achtete er nicht darauf, wie der Sand unter seinen Stiefeln nachgab. Er genoss das Gefühl von Entschlossenheit, von dem Wissen darum, was nun zu tun war. Es gab ihm der Situation zum Trotz wieder Kraft und Zuversicht und…

„Männer!“ Er konnte nicht warten, bis er nahe genug heran war, um in normaler Lautstärke zu sprechen. Er musste sie aufrütteln und das so rasch und heftig wie nur möglich – und es verfehlte die erwünschte Wirkung nicht. Köpfe wurden gehoben, die ersten kamen schwerfällig auf die Beine, richteten sich auf. Andere folgten ihrem Beispiel, langsamer, skeptischer, unschlüssiger, doch immerhin… Es war ein Anfang.

Vor dem Grüppchen blieb er stehen, nahm sich die Sekunden, um jedem kurz in die Augen zu sehen, und verkündete: „Wir bauen einen Pier.“

Einer der jüngeren Männer räusperte sich: „Aber Sir -“

Er winkte nur ab. „Wir bauen einen Pier. Hier. Jetzt. Mit dem, was wir haben. Mit Automobilen und Materialkisten, mit allem, was wir sonst noch verwenden können. Wir werden der Navy eine zweite Anlegestelle bauen. Wir werden ihr eine zweite Möglichkeit geben, unsere Truppen hier heraus zu bringen.“

Für einen Moment herrschte Stille und nur das Rauschen des Windes und der Wellen. Die aufkeimende Zuversicht in den Augen der Männer war stumm, aber ansteckend. Sie warfen einander Blicke zu, nickten knapp und schienen zu dem Schluss zu kommen, dass es gut war und das wiederum war gut für ihn. In dieser Situation brachte es nichts, zu versuchen, Befehle gegen den Willen der Untergebenen durchzusetzen. Todgeweihte Männer waren Männer in Panik und panische Männer… Er wollte nicht daran denken. Er hatte in den vergangenen Stunden viel zu oft daran gedacht. Das war jetzt vorbei!

„Ihr“, bestimmte er stattdessen, „Meyers, Bowman, sucht und schickt jeden Pionier an diesem verdammten Strand hierher. Und ihr, Carter, Fitzgerald, Barrett, Greene, Clayton, Fletcher und Steadman, bringt Automobile mit Material hierher, ganz gleich, ob sie noch fahrtüchtig sind oder nicht. Harlow und Dolman bleiben zur Lagebesprechung hier. Los jetzt!“

Vor seinen Augen stoben die Männer auseinander, in verschiedene Richtungen und doch alle mehr oder minder zur Uferpromenade. Allein die Aussicht auf eine Chance – mochte sie noch so winzig sein – schien sie mit neuen Kräften und Zuversicht zu beseelen. Harlow und Dolman hingegen blieben stehen, taten es ihm gleich, sahen ihren Kameraden nach.

„Wir werden“, eröffnete er dann, „Automobile in einer Reihe hintereinander aufstellen, sie miteinander verbinden und die Dachflächen als Pier nutzen. Die Höhe ist ausreichend, wenn die Flut hereingekommen ist.“

Harlow nickte. Über Dolmans Gesicht huschte der Anflug eines entschlossenen, bitteren Lächelns.

Und er, er war kein Mann großer Reden und würde es nie werden, doch was nützten große Reden auch, wenn sie zu nichts führten? Worte allein würden den Männern an diesem Strand keinen Mut und keine Hoffnung mehr einflößen können. Wozu sie und kostbare Zeit also verschwenden?

Er hatte wenig gesagt und doch das richtige.

Er hatte eine Aufgabe für seine Männer gefunden, eine Aufgabe, die sie erfüllen konnten und deren Erfüllung ihnen Hoffnung, Mut und Zuversicht verlieh.

Und das war genug.



***
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